13.05.1996

ZeitgeschichtePopel und Kröte

Zwei Ost-Berliner Ex-Punkerinnen haben einen Film über ihre Subkultur gedreht: Wie die Stasi versuchte, die Rebellen auf Linie zu trimmen.
Plötzlich tauchten sie überall auf. Sie hatten ihre Haare rot, gelb und grün gefärbt, mit Rasiercreme, Marke "Florena", gestärkt und zu mächtigen Irokesenkämmen aufgebürstet. Die ersten Punker der DDR zogen Anfang der achtziger Jahre durch die öden Straßen Ost-Berlins, riefen sich Namen zu wie "Speiche", "Popel" oder "Kröte" und taten alles, um rasch ein Greuel für jeden anständigen ostdeutschen Biedermann zu werden.
Prompt befahl SED-Tugendwächter und Oberspießer Erich Mielke "Härte gegen Punk, um Eskalation dieser Bewegung zu unterbinden". Der Stasi-Chef erhob die Ost-Punker zu seinen persönlichen Feinden und versuchte, "den Abschaum der DDR" mit aller Gewalt zu unterdrücken.
Zwei Pfarrerstöchter, die damals selbst zu diesen "dekadenten Personenkreisen" (Mielke) gehörten, haben jetzt das kurze, aber heftige Leben dieser ostdeutschen Subkultur dokumentiert. Mechthild Katzorke, 31, und Cornelia Schneider, 31, wühlten mit archäologischem Eifer in privaten Film-, Ton- und Bildarchiven und machten erstmals öffentlich, mit welcher Brutalität SED-Funktionäre die abtrünnige Jugend auf Linie trimmen wollten.
Vergangenen September luden die Autorinnen (Szenenamen "Mecki" und "Schneidi") zudem ehemalige Hauptstadtpunks auf den Spreedampfer "Kreuz As" ein, um mit ihnen bei einer Ausflugsfahrt einen ganzen Tag lang ostdeutsche Punk-Geschichte aufzuarbeiten. Das Ergebnis ihrer Recherchen verarbeitete das Duo zu einem Dokumentarfilm, Titel: "Störung Ost", den das ZDF Anfang Juni zeigen will.
Zunächst begann alles ganz friedlich: "Punk war unsere Droge", erinnern sich die Filmemacherinnen, "der Osten war plötzlich wie verzaubert." In Kellern und Wohnungen traf sich die Szene zu Konzerten und Partys. Die Garagenbands grölten dann Texte wie "Frank liegt krank im Schrank - keine Lust zur Arbeit" oder "DDR, mein Vaterland - du raubst mir manchmal den Verstand".
Im Ost-Berliner Jugendtreff "Plänterwald" pflegte der wilde Haufen zum Pogo-Tanz einzufallen. Der bravere Nachwuchs im "Vaterland DDR" zog sich in solchen Momenten ängstlich in die hinteren Saalreihen zurück.
Das ging nicht lange gut. Die SED-Führer hatten sich ihren Nachwuchs anders vorgestellt, FDJ-Chef Egon Krenz ließ die DDR-Jugend am liebsten in Reih und Glied aufmarschieren und verordnete den Jugendklubs eine "sozialistische Kleiderordnung".
Wer sich mit Nieten, Hundehalsband, Ketten und Sicherheitsnadeln versah oder auch die offiziellen DDR-Sticker wie "Unser Weg ist richtig - SED" an den Jackenaufschlag heftete, wurde bald von Sicherheitskräften erbittert gejagt. Volkspolizisten zogen regelmäßig Jacken, Ohrringe und Halsbänder ein. Grundlose Kontrollen, Verurteilungen wegen "Herabwürdigung" oder Schikanen auf Ämtern gehörten für diese Jugendlichen zum Alltag.
Um den Druck zu erhöhen, setzten die Funktionäre auf den Volkszorn. In Parteiversammlungen, etwa im Herbst 1983 im Berliner "Haus des Lehrers", sprachen sie von "sozialismusfeindlichen Erscheinungsformen". Plötzlich galten die Punks als Neonazis.
Eltern schämten sich und baten ihre Punker-Kinder darum, sie nicht mehr auf der Straße anzusprechen. In Berlin-Marzahn und -Lichtenberg wurden Punks wiederholt von Anwohnern angespuckt und blutig geschlagen, auf den Straßen riefen ihnen regimetreue Ost-Berliner hinterher: "Euch haben sie wohl beim Vergasen vergessen?"
Im Dezember 1983 lud Mielkes Truppe die feindliche Jugend gar zu einer fingierten Punk-Party in einen Plattenbau. Dort lauerte ein MfS-Trupp im dunklen Hinterhalt und verdrosch die anrückenden Punks. Mit ihrem ausgeprägten Hang nach Individualität paßten diese Jugendlichen einfach nicht zur "sozialistischen Menschengemeinschaft".
Auch in der Provinz sorgten Mielkes Greifer für sozialistische Sauberkeit: Bahnfahrten endeten für Punks häufig in den Fängen der "Transportpolizei". Die "Trapos" pferchten die unerwünschte Schar kurzerhand in fensterlose Viehwagen und schafften sie zurück in die Hauptstadt.
Verzweifelt beschlossen die Angefeindeten 1983, ihre wahre Gesinnung zu beweisen und anläßlich des Jahrestages von Hitlers Machtergreifung einen Kranz ("Nie wieder Faschismus. Punk aus Berlin") im ehemaligen KZ Sachsenhausen niederzulegen. Ein Großaufgebot an Ordnungswächtern holte die Punker-Schar in Oranienburg aus dem Zug und sperrte sie in Transporter. Ein Polizist brüllte: "Jetzt fahren wir erst mal duschen!"
Mit der Zeit entwickelte Mielkes Truppe ein ausgeklügeltes Konzept gegen die rebellierenden Jugendlichen: Spitzel sollten die Gruppenmoral zersetzen, durch gezielte Einberufungen zur Nationalen Volksarmee wollten die Funktionäre die Cliquen lichten.
Bei Auftritten der Bands forschte die Stasi "nach strafrechtlich relevanten Handlungen". Autoren, Sänger und Konzertgäste wurden zu Knaststrafen bis zu drei Jahren verurteilt. Einzelnen Punks verboten die Behörden, sich in Jugendklubs zu treffen oder bestimmte Kinos, U-Bahn-Linien, Straßen und Stadtteile zu betreten. Selbst den Kontakt zu einzelnen Freunden untersagten sie. Ein Stasi-Befehl vom Juli 1983: "Sachlich angehen, bei festgestellter Renitenz Samthandschuhe ausziehen, wir haben keinen Anlaß, mit diesen Figuren zart umzugehen."
Mielkes Truppen zerschlugen den harten Kern der Bewegung, ganze Musikbands mußten sich auflösen. "Freundschaften zerbrachen, Lebensläufe wurden zerstört, ein kaputtgemachter Jahrgang blieb zurück", erinnert sich Filmautorin "Mecki".
Das Ansehen der verhaßten Jugend änderte sich erst mit der Wende. Einer der Köpfe in der Berliner Punk-Gang, Bernd Michael Lade, ist inzwischen zum erfolgreichen Schauspieler avanciert: im Kinofilm "Karniggels" von Detlev Buck oder als Dresdner Kommissar-Assistent in "Tatort".
Einige fehlten allerdings bei der Vergangenheitsaufarbeitung an Bord der "Kreuz As", obwohl sie eingeladen waren: Der letzte Regierungschef der DDR etwa, Lothar de Maiziere, der viele Punks als Strafverteidiger vertrat. Auch die SED-Genossin Loni Niederländer kam nicht. Die Dame, früher Soziologin am Leipziger "Zentralinstitut für Jugendforschung", hatte Mielkes Truppe mit Studien über die Szene versorgt. Am gleichen Institut wirkte auch Lothar Bisky 13 Jahre lang, heute Parteivorsitzender der PDS. Auf dessen Erscheinen warteten die versammelten Jugendlichen ebenfalls vergebens. Y
"Wir haben keinen Anlaß, mit diesen Figuren zart umzugehen"

DER SPIEGEL 20/1996
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