13.05.1996

USAVerhältnisse und Verhängnisse

Die spektakuläre Behandlung, auf die jeder Gewaltverbrecher in Amerika Anspruch hat, kann auch einem Wissenschaftler von Weltrang zuteil werden, wenn er im Verdacht steht, verdächtig zu sein. Und Daniel Carleton Gajdusek, 72, Kinderarzt, Virenforscher und Träger des Nobelpreises, ist in äußerste Verdächtigkeit geraten.
Bei der Heimkehr von einer Tagung in Genf wird dem alten Herrn vor seinem Haus in der Umgebung Washingtons von einem Dutzend bewaffneter FBI-Beamter aufgelauert. Eine Pistole ist gegen seinen Kopf gerichtet, und er muß sich mit den Händen auf eine Motorhaube stützen, während sein Körper mit harten Griffen gefilzt wird. Beide Arme hinter dem Rücken verschränkt, wird Gajdusek in Handschellen abgeführt. Die Nacht des 4. April 1996 und ein paar weitere Nächte muß der berühmte Wissenschaftler mit Dieben und Dealern im Gefängnis verbringen. _(* Am 4. April vor seinem Haus in ) _(Frederick County in der Nähe von ) _(Washington. )
"Es war wie in Montana bei der Verhaftung des Unabombers", berichtete fassungslos Gajdusek-Mitarbeiter Paul Brown. Ursache der Festnahme ist eine Denunziation aus dem Kollegenkreis der National Institutes of Health, wo die US-Regierung einen Großteil ihrer Gesundheitsforschung betreiben läßt und wo Gajdusek zu den Koryphäen zählt.
Es genügte, voriges Jahr einen Ermittler des US-Senats mit "Stellen" aus den Tagebüchern von Carleton Gajdusek bekannt zu machen, um die Bundespolizei zu mobilisieren. Der leidenschaftliche Selbstchronist Gajdusek hat im Lauf der Jahrzehnte nicht nur virologische Erkenntnisse notiert und für die Fachwelt veröffentlicht, sondern auch alles andere: seine Reiseeindrücke und anthropologischen Studien, seine privaten Gedanken und Erlebnisse, seine Träume, Verhältnisse und Verhängnisse.
Der Vater Karl Gajdusek war ein Metzger aus der Slowakei, den es nach dem Ersten Weltkrieg nach Yonkers verschlagen hatte, eine Provinzstadt nördlich von New York. Dem kleinen Carleton graute vor der Roheit dieses Vaters, der stets spätnachts nach Hause kam und mit der Mutter schrillen Streit führte. "Er war mir kein Vertrauter, kein Freund", notierte Carleton später. "Ich verabscheute, ja ich verachtete ihn."
Der pummelige Sohn hatte einen Intellekt und eine rastlose Neugier, die ihn, in Rekordzeit und mit Preisen überhäuft, durch Schulen und Universitäten trugen. Sir Frank Macfarlane Burnet, Nobelpreisträger aus Australien, schrieb Jahre später scharfsinnig: "Mein Eindruck von Carleton ist, daß er einen Intelligenzquotienten von 180 mit der Gefühlsreife eines 15jährigen verbindet. Er ist vollkommen selbstbezogen, dickhäutig und rücksichtslos. Offenbar hat er kein Interesse an Frauen, dafür ein geradezu obsessives an Kindern. Für Kleidung und Hygiene hat er nichts übrig und könnte fröhlich in einem Slum leben."
Wie der Feldherr ist auch der Forscher auf Fortune angewiesen. Den großen Durchbruch verdankt Gajdusek seiner geradezu süchtigen Neigung zu den Naturvölkern im Südpazifik sowie dem (für ihn) glückhaften Ausbruch einer geheimnisvollen Krankheit - genannt Kuru oder der "Lachende Tod" - im Jahr 1957 unter den Eingeborenen Neuguineas. Der damals 33jährige Gajdusek stürzte sich nachgerade auf die seuchenartig sich ausbreitenden Fälle von tödlicher Gehirnerweichung, die besonders bei den Frauen zunächst durch Geistesabwesenheit und unmotivierte Lachkrämpfe zutage trat.
Der Metzgerssohn, dem vor dem Vater ekelte, hatte im Urwald keine Probleme, unter der flackernden Petroleumlampe die Schädel Frischverstorbener aufzusägen, um der noch warmen Gehirnmasse habhaft zu werden.
An seinem unmittelbaren Studienobjekt ist der junge Wissenschaftler zwar gescheitert: Seine These, daß die Kuru-Epidemie sich durch rituelles Verspeisen der Gehirne Verstorbener ausgebreitet habe, wurde widerlegt. Doch im Austausch mit Kollegen hat Gajdusek eine viel bedeutendere Entdeckung gemacht: daß es "langsame" Erreger gibt, die erst nach jahrelanger Inkubation ihre vernichtende Wirkung auszuüben beginnen.
Erst nach diesem Durchbruch, für den Carleton Gajdusek vor 20 Jahren den Nobelpreis der Medizin erhielt, hat die Erforschung der Langzeiterreger richtig eingesetzt. Nicht nur die Immunschwäche Aids, der britische Rinderwahn und die weltweit auftretende Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gehen auf solche Geißeln zurück, sondern womöglich auch multiple Sklerose, das Parkinsonsche Geschüttel und der Alzheimersche Gedächtnisschwund.
Als Gajdusek im Knast von Frederick County landete, hat Robert Gallo, Amerikas bekanntester Aids-Forscher, gleich 59 000 Dollar aus eigener Tasche für die Kaution zur Verfügung gestellt. Andere Bewunderer sprangen gleichfalls schnell ein. Die Justiz des Bundesstaates Maryland gab sich mit einer Summe von 350 000 Dollar zufrieden, um den Virologen auf freien Fuß zu setzen. Dessen Anwalt hatte geltend gemacht, daß ein alter Herr mit hohem Blutdruck kaum versuchen werde, "als blinder Passagier nach Neuguinea oder Mikronesien zu entkommen".
In dem Argument scheint sich die Weisheit zu spiegeln, daß Geographie Schicksal ist - im vorliegenden Falle in Tateinheit mit Anthropologie. Der Südpazifik und seine Menschen, von denen Carleton Gajdusek sich zeitlebens magisch angezogen fühlte, wurden ihm zu Hause, in Amerika, zum Verhängnis. Welch ein Faszinosum, diese Naturvölker mit ihrer eigenwilligen Geschlechtsmoral! Paul Brown, Professor Gajduseks Mitarbeiter bei den National Institutes of Health, hat an den Expeditionen seines Chefs teilgenommen und dabei festgestellt - wie er der Washington Post berichtete -, daß "die dortigen sexuellen Gewohnheiten und Bräuche ganz anders sind als in den USA". Solchen unamerikanischen Umtrieben aber könne der Besucher sich nicht einfach verschließen. Es wäre schlicht unhöflich, wenn nicht gar gefährlich.
Im allgemeinen, so Brown mit großem Verständnis, würden Ausländer dazu ermuntert, an den örtlichen Gepflogenheiten zu partizipieren: "Wer einer fremden Kultur nahetritt, muß sich anpassen; wer sich verweigert, geht womöglich ein Risiko ein." Gleichviel, ob die gebotenen Genüsse "kulinarischer oder geschlechtlicher Art" seien: Gegessen wird, was auf den Tisch kommt.
Gajdusek selbst hat das so klar zwar nicht zugegeben; dafür befleißigte er sich in der Beschreibung des Ortsüblichen einer nahezu klinischen Genauigkeit: "Die Jungen strecken ihre Zungen leicht gekräuselt aus dem Mund, um mit einer öffentlichen Geste, die mir neu ist, Fellatio zu suggerieren." Im Kreis der Halbwüchsigen von Neuguinea scheint er eher der Verführte als der Verführer gewesen zu sein:
"Wenn ich auf das Anbandeln der kleinen Buben dadurch reagiere, daß ich sie an mir hochklettern lasse oder sie umarme, erwidern das die Väter mit einem Verschwörerlächeln. Ganz eindeutig geben sie mir zu verstehen, daß ich die Jungen sexuell mit mir spielen lassen soll. Das wird etwa so vorgebracht, als wenn ein Leckerbissen kredenzt würde."
All dies brachte der Amateur-Anthropologe Gajdusek schon vor 30 Jahren zu Papier, als er begann, junge Schützlinge aus den Urwalddörfern mit nach Amerika zu bringen, immer mit dem Einverständnis der Eltern. In seinen Personaldaten hat der Wissenschaftler unter dem Stichwort "Familie" einmal 54 Adoptivkinder angegeben - manchmal lebten bis zu einem Dutzend Jungen gleichzeitig in seinem Haus.
In puncto Bildungschancen führten diese Kinder und Teenager eine privilegierte Existenz, auch gemessen an ihren amerikanischen Mitschülern. Am Eßtisch im Hause Gajdusek löffelten Weltberühmte mit: die Ethnologin Margaret Mead, die über das Sexualleben der Südsee-Jugendlichen ein weitverbreitetes Buch geschrieben hat; der Nobelpreisträger und Gajdusek-Lehrmeister Linus Pauling; der Philosoph und Erfinder Richard Buckminster Fuller.
"Sind Sie pädophil?" riefen die Reporter dem Weißhaarigen zu, als er aus der Untersuchungshaft freikam. "Aber ja, ich bin so pädophil wie Jesus Christus oder Mutter Teresa!" antwortete der alte Herr mit bitterem Sarkasmus. Ließ nicht auch er die Kindlein zu sich kommen?
Gajdusek kann sich selbst nur als Wohltäter sehen, und so betrachten ihn auch jene früheren Zöglinge, die es weit gebracht haben in der Welt: Professoren, Lehrer, Ärzte, Entwicklungsexperten und Regierungsbeamte.
Keine Gerichtsbarkeit der westlichen Welt würde es unterlassen, zwischen knabenfrohem Tagebuch und kinderliebem Lebensstil einen Zusammenhang zu suchen. Die Bemühungen des FBI, in Carleton Gajdusek einen hochgradig pädophilen Päderasten, einen (zumindest potentiell) tausendfachen Sexualstraftäter zu überführen, sind entsprechend intensiv. Zwei frühere Abhängige des Wohltäters jedenfalls ließen sich zu Aussagen bewegen, die ihn der Unzucht (nämlich mit ihnen) beschuldigen. Dem widerspricht energisch-liebevoll, doch nicht immer überzeugend, die Mehrheit der dankbaren Zöglinge.
Welche homoerotischen Riten, die auf fernen Pazifikinseln zwischen Kindern und Halbwüchsigen und Erwachsenen üblich waren, im amerikanischen Ostküsten-Haushalt Carleton Gajduseks weiter gepflegt wurden, dürfte verteufelt schwer zu ermitteln sein.
"Wieviel wäre gewonnen, wenn der Spaß und die Freude kindlichen Spiels ungehemmt im Erwachsenenleben weitergingen", schrieb der junge Gajdusek 1961 auf der Insel Koror in sein Tagebuch: "Ohne verdrehte semantische Etiketten wie Unzucht und Perversion, wie Obszönität und Widernatürlichkeit oder wie Masochismus und Sadismus."
Seinen Versuch, sich als Erwachsener diesen schuldfreien Kindertraum zu erfüllen, hat der Metzgerssohn aus Yonkers über drei Jahrzehnte beinahe unbehelligt betreiben können. Nun ist das Südseeparadies des Forschers Gajdusek, wo er so eifrig nach neuen Viren - und noch eifriger nach einem anderen Menschenbild - suchen durfte, in weiter Ferne.
* Am 4. April vor seinem Haus in Frederick County in der Nähe von Washington.
Von Carlos Widmann

DER SPIEGEL 20/1996
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