27.05.1996

JapanGriff ans Knie

Frauen werden in japanischen Firmen benachteiligt - und häufig sexuell belästigt.
Es schien einer jener Kneipenabende zu werden, wie sie Kiyomi Kikuchi schon so oft erlebt hatte: den Karaoke-Lärm, die schlüpfrigen Witze der angetrunkenen Männer und die Zudringlichkeiten des Chefs - all das ließ die Angestellte der Kreditfinanzierung Central Finance notgedrungen über sich ergehen.
Doch dann wurde auf dem Heimweg der Ausbilder zudringlich, er begrapschte die 25jährige und küßte sie auf den Mund. Zuvor hatte der Kollege schon einmal versucht, seine Mitarbeiterin in ein Stundenhotel zu locken.
Für Kikuchi war das Maß voll: Sie kündigte und verklagte den Kollegen sowie die Firma auf Schadensersatz.
Mit ihrer Klage brach die Japanerin ein Tabu. Prozesse wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz sind in dem ostasiatischen Industrieland höchst selten. Aus Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, schweigen die meisten Opfer. Viele einigen sich auch mit ihren Arbeitgebern auf mickrige Abfindungen.
Als Kikuchi unter ihrem vollen Namen an die Öffentlichkeit ging, mußte sie zunächst einmal den Widerstand der eigenen Familie brechen. "Statt das peinliche Thema zu berühren, sollte ich einsam ins Kissen heulen", beschreibt sie die Haltung ihrer Umgebung.
Seit vier Jahren kämpft die frühere Angestellte nun schon vor dem Bezirksgericht von Utsunomiya nahe Tokio um ihr Recht. Aufgeben will sie nicht. "Neuerdings rufen mich aus dem ganzen Land immer mehr Frauen an", sagt sie. "Sie drängen mich, weiterzumachen."
Sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz, jahrzehntelang totgeschwiegen, werden in Japan zum öffentlichen Thema - und zum Problem für die Firmen des Landes. Die Zahl der Frauen, die sich - meist anonym - über Anmachversuche von Kollegen beschweren, nehme zu, sagt Akiko Kozu, Frauenberaterin der Tokioter Stadtverwaltung.
Es bleibt nicht immer bei obszönen Witzen und Aufforderungen zum Sex nach Dienstschluß. Häufig müssen sich Japanerinnen am Arbeitsplatz gegen körperliche Attacken wehren: Kollegen greifen ihnen an den Busen oder unter den Rock - "das Übliche halt", sagt Kozu. Mancher Boß versuche gar, Frauen durch Drogen oder Schlafmittel gefügig zu machen.
Je kleiner die Firma, desto dreister die Form der Diskriminierung. Andererseits: Gerade bei kleinen Unternehmen sehen Experten die größten Chancen, sexuelle Nötigung am Arbeitsplatz aufzudecken, da das weibliche Personal dort häufiger wechsele. In Großunternehmen haben Frauen Angst, vergleichsweise gutbezahlte Jobs zu verlieren oder als Nestbeschmutzer dazustehen.
Wie sehr das Thema bislang verdrängt wurde, zeigt schon der Sprachgebrauch: Die Japaner haben für die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz kein eigenes Wort, sie behelfen sich mit einer Anleihe aus dem Amerikanischen - "Seku hara" (Sexual harassment). Schon die Erwähnung des Fremdwortes sorgt beim männlichen Personal für Gekichere.
Vorbeugung gegen "Seku hara", wie sie auch Japans Arbeitgeberverband Nikkeiren empfiehlt, ist für die meisten Firmen ein Luxus. Die Autohersteller Toyota und Nissan verordnen nur solchen Mitarbeitern spezielle Kurse zur Vermeidung von "Seku hara", die ins westliche Ausland entsandt werden.
Die Firmen fürchten hohe Schadensersatzklagen, wenn Mitarbeiter sich bei ausländischen Tochterfirmen aufführen, als seien sie daheim in Japan. Dann fallen beim Bier nach Feierabend die Hemmungen: Im Suff riskieren Angestellte schon mal ein keckes Wort gegenüber dem Chef - oder einen Griff ans Knie der Kollegin.
Um den Firmen Verluste an Geld und Ansehen zu ersparen, hat die Schadenversicherung Kyoei ein spezielles Schulungsvideo drehen lassen. Titel: "Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz in den USA. Die Kosten für Japans Firmen".
Wie teuer "Seku hara" werden kann, erfuhr jüngst Kfz-Hersteller Mitsubishi Motors in den USA. Die staatliche Kommission für Gleichberechtigung am Arbeitsplatz (EEOC) wirft der US-Tochter des Unternehmens vor, in ihrem Werk in Illinois massive sexuelle Belästigungen des weiblichen Personals geduldet oder gefördert zu haben.
Für die über hundert Mitarbeiterinnen des Mitsubishi-Werks fordert die EEOC jeweils 300 000 Dollar Entschädigung. Doch Mitsubishi weist die Vorwürfe zurück. Als Arbeiter des US-Werks aus Sorge um ihre Jobs gegen die EEOC-Klage protestierten, stellte Mitsubishi ihnen sogar Firmenbusse zur Verfügung.
Die angeblichen Vorfälle in den USA sind für den Mutterkonzern jedoch kein Anlaß, in den heimischen Werken Lehren für den Umgang zwischen männlichen und weiblichen Angestellten zu ziehen. ",Seku hara' gibt es bei uns nicht", wehrt ein Firmensprecher ab.
Dagegen fassen japanische Frauenrechtlerinnen durch die Mitsubishi-Affäre neuen Mut. "Das gibt uns Auftrieb", sagt sich Mami Nakano, die in Tokio einen Frauennotruf gegründet hat.
Die Diskriminierung der Frauen beginnt schon bei Einstellungsgesprächen: Kiyomi Kikuchi wurde von ihrem späteren Chef gefragt, ob sie einen Freund habe und wann sie heiraten wolle. Etwa die Hälfte der Firmen horcht Bewerberinnen noch dreister aus, berichtet das Arbeitsministerium in Tokio: Frauen, die nicht mit ihren Eltern unter einem Dach wohnen, erhalten erst gar keinen Job.
Viele Firmen wollen Frauen - auch Hochschulabgängerinnen - nur bis zur Heirat oder Geburt des ersten Kindes anstellen. Als nett herausgeputzte "OL" (Office ladies) dürfen die jungen Damen Bleistifte spitzen, Kopier- und Faxgeräte bedienen. Tagsüber schenken sie Kunden Tee ein, abends servieren sie den männlichen Kollegen Whisky on the rocks.
Wichtige Entscheidungen bleiben männlichen Kollegen vorbehalten, die höhere Positionen anstreben - mit Regelbeförderung und oft lebenslanger Arbeitsplatzgarantie.
Die Zahl der Firmen, die Neuzugänge streng nach Geschlecht auswählen, nimmt noch zu. Die wenigen Japanerinnen, die Karriere machen, verdienen im Schnitt 60 Prozent des Lohnes, den ihre männlichen Kollegen am gleichen Arbeitsplatz erhalten. Extras wie Wohnbaukredite genießen oft nur Familienväter.
Spätestens nach der Heirat wird es für japanische Frauen ungemütlich in der Firma. Je schneller sie ihren Job aufgeben, desto herzlicher der Abschied.
Im Dezember verklagten zwölf ehemalige Angestellte des Lebensversicherers Sumitomo Life die Gesellschaft auf insgesamt 248 Millionen Yen Schadensersatz. Sumitomo soll die Frauen bei Beförderungen und Gehaltserhöhungen benachteiligt haben, nur weil sie heirateten oder Kinder bekamen. Bei einigen Frauen boykottierten Vorgesetzte angeblich die Einladung zur Hochzeit - für umgangsformenbewußte Japaner eine schwere Beleidigung.
Ehefrauen und Müttern, die unbedingt arbeiten wollen, bieten Japans Firmen meist nur Teilzeitjobs. Billigkräfte lassen sich in Krisenzeiten leicht auf die Straße setzen - und in der Arbeitslosenstatistik tauchen sie nicht auf.
Die Ausbeutung der Frau als billige Arbeitskraft hat in Japan Tradition: Während der Industrialisierung des Landes im letzten Jahrhundert verkauften verarmte Bauern ihre Töchter zu Hunderttausenden an Textilfabriken. Viele der Frauen kamen dort elend um. Erst unter amerikanischer Besatzung erhielten die Japanerinnen 1945 das Wahlrecht.
Doch in der Firma hatten sie weiterhin wenig oder gar nichts zu sagen. Erst während der Hochkonjunktur der späten achtziger Jahre schien sich die Situation am Arbeitsmarkt zu ändern: Mangels Personal hievten die Firmen notgedrungen auch Frauen auf höhere Posten.
In der nachfolgenden Krise verzichteten die Konzerne auf weibliche Neuzugänge. Auch die jüngste Konjunkturerholung habe den "Alptraum" nicht verscheucht, schreibt das Wirtschaftsmagazin Ekonomisuto. Und die Zeitung Yomiuri sieht für Bewerberinnen eine "Super-Eiszeit" heranbrechen. Auch Elite-Studentinnen werden immer häufiger abgewiesen.
Angesichts der Arbeitsmarktlage scheint der Kampf gegen "Seku hara" in Japan aussichtslos. Mancher Boß nutze die Jobängste der Frauen nun erst recht schamlos für schlüpfrige Anliegen aus, sagt Frauenberaterin Kozu.
Um so mehr freut sich die Beraterin über winzige Erfolge. Vor kurzem mußte sie am Telefon einen frustrierten Firmenchef trösten: Aufmüpfige Mitarbeiterinnen hatten ihn als "Kuso jiji" beschimpft - als "alten Scheißkerl".

DER SPIEGEL 22/1996
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