27.05.1996

PopVier Tote auf Tour

Harter Rock und wildes Revolutionsgeschrei: Mit dieser Mixtur brüllt sich die US-Band Rage Against the Machine in die Hitparaden.
Es ist ein ziemlich übler Teil von Glasgow, in dem der "Barrowlands"-Klub liegt. Kleine Läden ducken sich an der Straße, und die ausgewaschenen Schilder über den Eingängen zeugen davon, daß die Inhaber die Hoffnung auf das große Geschäft längst aufgegeben haben. Gleichförmig sind die Ladenfronten mit grauen Metalljalousien verrammelt, als wäre jeden Moment mit einer aufgebrachten Meute zu rechnen, die plündern will, wo sowieso fast nichts mehr zu holen ist.
Noch allerdings sehen die Menschen ganz friedlich aus, die in einer hundert Meter langen Schlange vor dem Eingang des Barrowlands warten. Sie albern herum, essen Fish and chips vom Imbiß gegenüber oder halten Ausschau nach Freunden. Viele der Teenager sind ein paar Stunden vor Konzertbeginn gekommen, um ganz vorne an der Rampe zu stehen, wenn die wütendste Rockband der USA auftritt: ein Haufen namens Rage Against the Machine.
Anderthalb Stunden später stürmt der Sänger Zack de la Rocha drinnen im Klub auf die Konzertbühne und schreit mit böser Stimme ins Mikrofon: "We're already dead" - und schon hüpfen sich die 2000 untoten jungen Menschen im Saal in jenen kollektiven Zornestaumel, vor dem sich die Ladenbesitzer draußen fürchten.
Die vier Musiker genießen das Inferno. "Wir machen Musik, um die Flammen der Wut anzufachen", sagt Tom Morello, der Gitarrist von Rage Against the Machine, und das klingt nicht nur wie ein Zitat, es ist auch eines. Morello hat es angeblich von dem Gewerkschaftsfunktionär Joe Hill, der in den zwanziger Jahren in den USA für die Rechte der Arbeiter kämpfte, übernommen wie dessen ganzes Credo: Kampf gegen Unterdrückung, Ausbeutung und alle anderen Ungerechtigkeiten der Welt.
Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt: Für amerikanische Verhältnisse ist diese Botschaft durchaus verwegen; außerdem kommt sie gut an. "Evil Empire", die vor kurzem erschienene zweite CD der Band, stieg auf Platz eins in die US-Hitparade ein; von dem 1992 auf den Markt gekommenen Debütalbum wurden weltweit etwa 3,3 Millionen Stück verkauft. In Deutschland, wo die Gruppe am Pfingstwochenende bei den Open-Air-Konzerten "Rock am Ring" und "Rock im Park" spielt, erreichte das neue Album schon nach einer Woche Platz zwei der Charts.
Die Texte der vier Musiker aus Los Angeles geben sich fast durchweg kriegerisch, sie erzählen beispielsweise von der "Vergewaltigung des Massenbewußtseins" durch die Medien oder vom Indianeraufstand in Mexiko. Musikalisch kombinieren Rage Against the Machine Rap und Hardrock: keine Samples, dafür jede Menge harte, schnelle Beats und quiekende Gitarren zum hohen, hektischen Sprechgesang.
Morello behauptet, der Erfolg der Band offenbare neues politisches Bewußtsein: "Die Zahl der Leute, die entfremdet und machtlos sind in Amerika, ist enorm", sagt er; da entlüden sich Wut und Empörung fürs erste in der Begeisterung für aggressiven Pop. Natürlich begreift auch Morello die Regeln des Geschäfts: Erst kommt die Musik, dann die Moral.
So ließen sich die schrillen Amerikaner ausgerechnet von einer Sony-Tochter verpflichten - und sind damit bei einem jener multinationalen Konzerne unter Vertrag, die sie eigentlich zum Feind erklärt haben. Sänger Zack de la Rocha rechtfertigt das mit revolutionärer Dialektik: Es gelte, die Markt-Potenz und PR-Schlagkraft des Gegners für die eigenen Ziele zu nutzen.
Und so sprechen die Pop-Stars in Interviews statt von ihrer Musik lieber über den wegen Mordes zum Tode verurteilten schwarzen Journalisten und Black-Panther-Aktivisten Mumia Abu-Jamal, und sie geben allerhand Benefiz-Konzerte.
Auf ihrer "Evil Empire"-Tour durch Europa wollten die vier rebellischen Amerikaner nun entschlossen Flagge zeigen - und planten deshalb mehr oder weniger spontane Auftritte für die Kameraden aus der Hausbesetzer-Szene in Berlin und Hamburg. Ehrensache für Morello, denn, so sagt er: "Die Menschen sollten die Fabriken besitzen, in denen sie arbeiten, und die Felder, die sie bewirtschaften. Und natürlich sollte ihnen auch das Haus, in dem sie wohnen, selber gehören."
Beim ersten deutschen Besetzer-Komitee, das der Szene-erfahrene britische Tourmanager Pete Riedling kontaktierte, stießen die Amerikaner auf Ablehnung. Andere Besetzer zeigten sich interessierter, obwohl ihnen die Sache offenbar nicht ganz geheuer war: Sie fürchteten, daß sich Daten und Orte der Konzerte schnell herumsprechen könnten; auch unter sogenannten Chaoten ist man auf dieses Sorte Chaos nicht besonders scharf.
Doch beim Konzept im Hamburger Kulturzentrum Rote Flora erwiesen sich die Fans als diszipliniert und geduldig: Sie nahmen hin, daß die Band eine Stunde später auftrat als angekündigt. Und die zu spät Gekommenen warteten am Eingang ordentlich in einer Schlange, um sich von den früher Gehenden die zum Eintritt berechtigenden Bändchen geben zu lassen.
Geheim sind die Auftritte sowieso nie wirklich gewesen: Die Tourstationen Hamburg und Berlin sind auf den offiziellen T-Shirts der Band aufgedruckt.
Um sich vorab über die deutsche Szene zu informieren, hatten Rage Against the Machine zwei Vertrauensleute von Berlin nach Glasgow fliegen lassen. Nach dem Konzert im Barrowlands-Klub deckten die beiden Autonomen den Rage-Gitaristen Tom Morello mit Zeitschriften und Papieren ein - die allerdings waren fast ausnahmslos in deutscher Sprache verfaßt, was der Mann leider nicht lesen kann.

DER SPIEGEL 22/1996
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