29.10.2012

BriefeSchämen!

Nr. 42/2012, Europa gewinnt den Friedensnobelpreis, doch die Union steht vor ihrer Spaltung
Mir erschien es immer sehr paradox, dass die eigensinnigen und überheblichen Briten der so abschätzig betrachteten und gar verhassten EU beigetreten sind. In fast jeder Hinsicht, politisch, ideologisch, gefühlsmäßig und so weiter, ist der Atlantik zwischen den britischen Inseln und Nordamerika viel schmaler als der Ärmelkanal zwischen Britannien und dem Festland-Europa!
Dr. Ahmad Hussein, Ronnenberg (Nieders.)
Die Briten sind eigentlich nur noch an ihrer Vorrangstellung als globales Finanzzentrum interessiert. Der Herr der Meere wurde vom Herrn über die Finanzen abgelöst und wähnt sich in der Sicherheit seiner Insel als Dirigent mindestens zwischen Amerika und EU. Die Werbeveranstaltung zur letzten Olympiade ließ etwas von dieser Commonwealth-Großmannssucht durchscheinen. Aber Europa braucht gerade jetzt keine Herren, sondern Partner - schade, dass es auf eine EU ohne Großbritannien hinausläuft.
Walter Ludwig, Rehau (Bayern)
Die britischen Regierungen betreiben seit Jahrzehnten ein für jeden Europäer unerträgliches Rosinenpicken. Dabei werden wichtige Entscheidungen immer wieder verkompliziert, bürokratisiert, verzögert oder verhindert. Das muss ein Ende haben. Großbritannien muss sich jetzt entscheiden: für die EU oder dagegen - mit allen Konsequenzen!
Olaf Brokate, Peine
Großbritannien muss zunehmend als Sündenbock herhalten, da es angeblich die europäische Idee verrät. Dabei sehen die Fakten anders aus. Wer redete nicht nur auf dem Tahrir-Platz während des Arabischen Frühlings von den westlichen Werten, sondern kämpfte auch kurze Zeit später in Libyen für sie? Wer verhinderte eine Finanztransaktionsteuer, die den Sparer in den Ruin treiben würde, statt die Banken an den Kosten der Krise zu beteiligen? Wer droht einen EU-Haushalt zu stoppen, in dem Subventionen für die EU-Agrarindustrie den weltweiten Wettbewerb verzerren und somit afrikanische Bauern in den Ruin treiben und in dem nicht eine Kürzung bei den Privilegien für EU-Beamte vorgesehen ist? Für europäische Werte steht, wie im vergangenen Jahrhundert zweimal, eben nicht Deutschland, sondern Großbritannien ein. Und dafür muss es sich auch noch von allen kritisieren lassen. Deutschland und Frankreich sollten sich was schämen!
Marius Gröteke, Weil a. Rhein (Bad.-Württ.)
Die Vergabe des Friedensnobelpreises halte ich für den größten Schildbürgerstreich in der wechselvollen Geschichte dieses honorigen Preises. Wie kann man uneigennütziges Eintreten für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit ausgerechnet einer monströsen, seelenlosen internationalen Institution EU zuordnen, die zwar massenhaft supranationales Recht schafft, anwendet und spricht, aber eigentlich gar keine Schöpfung der Bürger von 27 Mitgliedstaaten ist, sondern bloß das Produkt von Regierungen?
Hubertus Wulf, Brakel (NRW)
Die Würdigung der EU ist einseitig und verfehlt, hat sie doch zu einem bedenklichen Abbau von demokratischen Entscheidungsstrukturen geführt. Die Entscheidungen der EU-Kommission werden zu wesentlichen Teilen von Wirtschaftslobbyisten bestimmt. Und glaubt jemand ernsthaft, ohne die EU hätte es in den letzten Jahrzehnten Kriege in Europa gegeben? Die Beendigung des Kalten Krieges verdanken wir nicht der EU, sondern der politischen Umwälzung in der UdSSR.
Dr. Heiner Jüttner, Aachen

DER SPIEGEL 44/2012
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