29.10.2012

BUNDESBANKHüter des Schatzes

Den Großteil ihrer Goldreserven hat die Bundesbank im Ausland gelagert, jetzt fordert der Rechnungshof Inventur. Doch das Nachzählen ist nicht so einfach.
Jens Weidmann wollte Peter Gauweiler persönlich überzeugen, dass das Gold der Deutschen noch da ist. Im Frühsommer stieg der Bundesbank-Chef mit dem renitenten CSU-Politiker und einigen seiner Kollegen deshalb ins Allerheiligste der Bundesbank hinab: die Goldkammer.
6000 Goldbarren sind in dem Kellerraum des Frankfurter Zweckbaus in extrastabilen Regalen gestapelt. 76 000 weitere liegen in vier Tresorboxen, in verplombten Containern.
Doch auch die persönliche Inspektion konnte den Bundestagsabgeordneten nicht beruhigen - im Gegenteil. "Das Gold im Inland prüft die Bundesbank mustergültig", sagt er. "Umso unbegreiflicher ist es, dass sie sich um die Bestände im Ausland nicht kümmert."
Seit langem quält Gauweiler Regierung und Bundesbank mit den Fragen, wo und wie die Reserven des Landes gelagert sind und wie oft sie gezählt werden. Er stellte Anfragen und ließ ein Gutachten erstellen. In der vergangenen Woche feierte Gauweiler in seinem von Politikerkollegen eher belächelten Feldzug seinen bislang größten Triumph: Ein geheimes Gutachten des Bundesrechnungshofs wurde publik. Darin rüffelte die Bonner Behörde die Frankfurter Notenbank. Die Rechnungsprüfer verlangten eine bessere Inventur, Qualitätsprüfungen inklusive.
Die Aufforderung, die selbst die zuständigen Kontrolleure eher als Routineangelegenheit betrachteten, versetzte den gesamten Berliner Politikbetrieb in Aufregung. Denn der teilweise geschwärzte Bericht las sich wie der Auftakt zu einem Spionagethriller, an dessen Ende überraschte Notenbanker tatsächlich vor leeren US-Tresoren stehen könnten.
Über Jahrzehnte hinweg hatten sich die Bundesbanker mit schriftlichen Bestätigungen ihrer Kollegen zufriedengegeben, dass das Gold noch da sei, wo es vermutet wird. Die Barrenliste aus New York stamme von "1979/1980", heißt es im Bericht. Die zuständige New Yorker Notenbank verweigere den Besitzern des Goldes zudem, die eigenen Bestände in Augenschein zu nehmen.
Die Reaktionen fielen entsprechend deftig aus: Der zuständige Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele wurde nach Berlin beordert, um sich vor dem Haushaltsausschuss zu erklären. Der FDP-Politiker Heinz-Peter Haustein forderte via "Bild"-Zeitung sogar: "Das ganze Gold muss zurück."
"Einigermaßen grotesk" findet der sonst so zurückhaltende Thiele zumindest "einen Teil der Diskussion". Sein Haus hat derzeit dringendere Probleme. Chef Weidmann bekämpft verzweifelt den Entschluss der Europäischen Zentralbank, unbegrenzt Staatsanleihen von Krisenstaaten zu kaufen. Im Rahmen des Euro-Zahlungsverkehrs hat die Bundesbank zudem knapp 700 Milliarden Euro vor allem in südeuropäische Länder gepumpt. Die deutschen Goldreserven sind derzeit rund 144 Milliarden Euro wert und liegen nicht "bei irgendwelchen windigen Geschäftspartnern", wie Thiele betont, sondern bei "hochangesehenen Notenbanken".
Tatsächlich ist der deutsche Umgang mit dem Edelmetall nicht ungewöhnlich. Viele Notenbanken lagern Teile ihrer Goldschätze im Ausland, die Niederländer etwa vertrauen auf Kollegen in Ottawa, New York und London.
Doch das Verhältnis der Deutschen zum eigenen Gold ist ein besonderes. Fast 3600 Tonnen hortet die Bundesrepublik - mehr besitzen nur die USA. Ein Großteil dieses Goldschatzes kam im Rahmen des 1971 gekippten Bretton-Woods-Währungssystems zusammen, mit seinen festen Wechselkursen und der direkten Bindung der Leitwährung Dollar ans Gold.
Die Leistungsbilanzüberschüsse des deutschen Wirtschaftswunderlands wurden damals teilweise in Gold ausgeglichen. Allein Tausende US-Barren wurden auf die Bundesrepublik umgeschrieben.
Da der Euro längst nicht mehr mit Gold unterlegt ist, sind die riesigen Reserven eigentlich unnötig. Trotzdem verteidigen die Deutschen sie eisern. Jeder Versuch, den Schatz zu heben, ruft bis heute blankes Entsetzen hervor.
Vorschläge gab es reichlich: Ex-Bundespräsident Roman Herzog wollte über den Verkauf des Golds den Grundstock für eine kapitalgedeckte Pflegeversicherung bilden, 2002 schlug FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle einen Fonds für Naturkatastrophen vor. Ex-Bundesbank-Chef Ernst Welteke brachte einen nationalen Bildungsfonds in die Diskussion. Über das Stadium des Gedankenspiels kamen solche Ideen nicht hinaus.
Zuletzt schmetterte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Wunsch der Euro-Partner ab, die Rücklagen als Pfand für Euro-Staatsanleihen zu verwenden.
Auf 1536 Tonnen und damit fast die Hälfte des deutschen Golds passt deshalb bis heute die New Yorker Notenbank auf, die Reserven von mehr als 60 Ländern verwahrt. Der enorme Schatz lagert im fünften Untergeschoss des Hauses, 25 Meter unter dem Straßenpflaster der Stadt, 15 Meter unter dem Meeresspiegel. Das Lager sei bewusst in den Fels von Manhattan Island geschlagen worden, heißt es auf der Website des Hauses. Nur dieser Boden erschien stark genug, die gewaltigen Lasten zu tragen.
Touristen können die Tresore besichtigen, ein Aufzug fährt sie hinab vor einen gigantischen Stahlzylinder, der sich wie eine Tür in einem 140 Tonnen schweren Stahlrahmen dreht. Ihr eigenes Gold bekommen aber selbst die Eigentümer grundsätzlich nicht zu Gesicht. "Im Interesse eines sicheren Arbeits- und Kontrollprozesses" sei keine "Inaugenscheinnahme" möglich, erklärte die Fed laut Rechnungshofgutachten.
Zuletzt hätten Mitarbeiter der Bundesbank "auf mehrmalige Nachfrage" die Anlagen 2007 gesehen, heißt es dort weiter. Sie seien aber nur bis in den Vorraum der deutschen Bestände vorgedrungen.
Tatsächlich waren die Revisoren der Bundesbank ein zweites Mal vor Ort: im Mai 2011. Bei dieser Visite wurde ihnen auch eine der neun Tresorkammern aufgeschlossen, in denen die deutschen Barren dicht aufgeschichtet lagern. Einige wurden herausgezogen und gewogen. Doch dieser Teil des Gutachtens ist geschwärzt - aus Rücksicht auf die New Yorker Fed.
"Ich möchte mehr Transparenz bei dem Thema", sagt Bundesbank-Vorstand Thiele. Die Amerikaner jedoch sind empfindlich, was die Sicherheitsvorkehrungen ihrer Goldlager angeht. In ihrer zweiten großen Verwahrstelle, dem sagenumwobenen Fort Knox, hat seit Jahrzehnten so gut wie niemand mehr die Goldbestände besichtigen dürfen.
Solche Geheimniskrämerei fördert Legendenbildung. Etliche Verschwörungstheoretiker mutmaßen schon seit Jahrzehnten, das deutsche Gold sei längst verschwunden. Andere glauben, es sei verliehen. In den Tresoren finde man nur wenig werthaltige Forderungsscheine.
Ein anderer Mythos, der auch von nationalistisch orientierten Kreisen gern vertreten wird, lautet: Die USA verweigerten die Herausgabe des Schatzes und hätten in Zeiten des Kalten Krieges gedroht, ihre Soldaten aus Deutschland abzuziehen, sollten die Deutschen ihr Gold zurückverlangen. Der frühere Zentralbank-Chef Karl Blessing habe den Amerikanern schriftlich bestätigen müssen, das nie zu versuchen.
Den Brief gibt es wirklich, wie Blessing in seinem letzten Interview dem SPIEGEL 1971 bestätigte. Nur ging es darin nicht um das deutsche Gold, sondern um das amerikanische. Bis 1971 konnte noch jeder Dollar in das Edelmetall umgetauscht werden. Blessing versprach der US-Fed deshalb, die gigantischen deutschen Dollar-Reserven nicht weiter zu Gold zu machen, weil das einen Absturz der Währung zur Folge gehabt hätte.
Mittlerweile ist das historische Schreiben sogar im Internet abrufbar. Doch die Gegner der Auslandslagerung deutscher Goldbarren hat das nicht zum Schweigen gebracht. Vielmehr erlebt die Diskussion über einen Zusammenbruch des reinen Papiergeldes eine Renaissance - und so auch der Streit um die Goldreserven.
Selbst der Grünen-Finanzexperte Gerhard Schick gibt zu bedenken: "Die Frage, wie viel Gold im Ernstfall verfügbar ist, halte ich für berechtigt."
Die Rückführung der Bestände erscheint allerdings schon rein logistisch eine skurrile Idee. 1500 Tonnen Gold kann man schließlich nicht einfach in eine A380 packen, nach Deutschland fliegen und hier einschmelzen lassen.
Die Bundesbank wehrt sich auch aus einem anderen Grund. Der Rohstoff sei als Notfallreserve gedacht: Im Extremfall eines Währungszusammenbruchs könne man die Barren vor Ort einfach und schnell in Pfund oder Dollar eintauschen für dringende Rechnungen.
Um die Debatte zu beruhigen, versprach die Bundesbank, in den nächsten drei Jahren 150 Tonnen aus dem Ausland zurückzuholen und zu überprüfen. In einer der neun Tresorkammern bei der Fed in New York sollen die Barren außerdem nachgezählt und gewogen werden. Nur der Zeitpunkt ist noch unklar.
Bundesbank-Vorstand Thiele war außerdem kürzlich persönlich in New York und warf einen Blick hinter eine der Tresortüren. Den Abgeordneten des Haushaltsausschusses brachte er eine frohe Botschaft mit: "Da lag kein Papier drin, sondern Gold."
CSU-Politiker Gauweiler reicht das nicht. Er will erst Ruhe geben, wenn die Notenbank die deutschen Reserven in aller Welt genau nachgeprüft hat. Sein Credo: "Die Bundesbank ist unabhängig, aber sie kann nicht machen, was sie will."
Von Sven Böll und Anne Seith

DER SPIEGEL 44/2012
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