29.10.2012

KIRCHETheologischer Tripper

Katholische Hassprediger hetzen im Internet gegen Juden, Schwule und Kirchenreformer. Auf der Website finden sich auch Beiträge von Priestern.
Die anonymen Autoren reagierten, wie man es von ihnen kennt: mit Hohn und Häme.
Mehrere Versuche hatte es in den vergangenen Wochen gegeben, die Macher der Internetplattform kreuz.net zu enttarnen, alle waren fehlgeschlagen. Auf der Seite sind Titelzeilen zu finden wie "Den Holocaust hat es nie gegeben" oder "Lass tausend Goebbels blühen". Mal wird über die "widernatürlichen Homo-Gestörten" in der "Abtreiber- und Sodomisten-Stadt Berlin" gehetzt, mal über die "dekadente Konzilskirche", deren Bischöfe zu viel mit "Protestunten" verhandelten. Der Tod des Komikers Dirk Bach wird mit den Worten gefeiert: "Jetzt brennt er in der ewigen Homo-Hölle."
Wer hinter der Plattform steckt, ist nicht bekannt, und die Macher scheinen sich sicher zu sein, dass sich daran nichts ändern wird. Über die jüngsten Bemühungen um Aufklärung schrieb einer von ihnen: "Satan hat gegen Gottes eigenes Portal keine Chance."
Teufel hin oder her - jedenfalls scheiterte das Bundesamt für Verfassungsschutz ebenso wie eine Hackergruppe des Chaos Computer Clubs beim Versuch, die Hintermänner zu identifizieren. Die Verfassungsschützer räumen ein, "derzeit keinerlei Erkenntnisse über die Organisatoren der Website" zu haben. Auch die Computerexperten wissen kaum mehr, als dass die Website, 2002 auf den Namen eines Österreichers in Panama registriert, seit 2004 von Server zu Server wandert, angeblich von Arizona und Kalifornien nach Kanada oder Rumänien.
Ein Berliner Verlag versucht es nun mit Geld und bietet 15 000 Euro Belohnung für Informationen über deutsche Hintermänner ("Stoppt Kreuz.net"). Bis Freitag gingen rund 600 Hinweise ein.
Bisher gibt es nur Gerüchte und vage Hinweise: Laut einem ehemaligen Autor existieren drei oder vier Anlaufstellen, eine Gruppe im Raum Köln/Aachen, eine andere in St. Pölten/Linz, dazu ein Einzelkämpfer im schweizerischen Chur. Und ein gelegentlicher Mitarbeiter hatte auf Facebook den inneren Kreis auf 14 Personen beziffert, darunter angeblich ein Bischof, neun Priester, ein Diakon, ein bayerischer Landtagsabgeordneter und zwei Nichtkatholiken.
Auch die Deutsche Bischofskonferenz weiß nach eigenen Angaben nicht, wer das Portal betreibt, das Hetze als "katholische Nachrichten" verbreitet. Er gehe davon aus, "dass keine Mitarbeiter im kirchlichen Dienst Informationen an kreuz.net geben oder sich als Autoren diffamierend betätigen", schrieb Sekretär Hans Langendörfer dem Bundestagsabgeordneten Volker Beck (Grüne). Andernfalls "würde es sich um eine ungeheuerliche Pflichtverletzung handeln, die für den kirchlichen Dienstgeber nicht hinnehmbar wäre".
Doch die anonymen Administratoren und Autoren sind nur die eine Seite von kreuz.net. Die andere bilden Schreiber, die Beiträge mit Namen kennzeichnen. Sie verfassen nicht die schlimmsten Artikel, nicht die volksverhetzenden, antisemitischen, menschenverachtenden; aber ihre Texte stehen neben diesen anderen und machen die Seite noch gefährlicher, weil sich diffamierende Texte zwischen diskussionswürdigen verstecken können.
Hält die Bischofskonferenz das Engagement auch dieser Autoren für nicht hinnehmbar? Unternimmt sie alles, um das Treiben dieser namentlich bekannten Katholiken zu unterbinden? Reichen die Distanzierungen und die Strafanzeigen, die nichts brachten, wirklich aus?
Die Bischofskonferenz lässt mitteilen, dass ihr keine solchen Schreiber bekannt seien. "Unsere eigenen Recherchen stoßen deshalb an Grenzen, weil die Autoren namentlich gezeichneter Artikel für uns nicht auffindbar sind", sagt der Bischofskonferenz-Sprecher Matthias Kopp.
Wer aber auf den kreuz.net-Seiten stöbert, im Archiv auch ältere Artikel anschaut und den seit Jahren vorliegenden Hinweisen von Kritikern Beachtung schenkt, stößt auf mindestens zwei Dutzend deutschsprachige Autoren mit kirchlichem Hintergrund: Ordensbrüder, Kirchenangestellte, Gremienmitglieder und andere. So finden sich Texte von:
‣ Prälat Georg May aus dem Bistum Mainz, dem Anfang des Jahres von Papst Benedikt XVI. der Ehrentitel Apostolischer Protonotar verliehen wurde, über die angeblich schädlichen Reformen in der Kirche ("Jetzt kommt die Quittung für den unseligen, heillosen ökumenischen Betrieb"; "Jetzt kommt die Quittung für die verderblichen Religionsbücher, welche die Bischöfe zugelassen haben");
‣ Pfarrer Hendrick Jolie aus dem Bistum Mainz, einem der Sprecher des Netzwerks katholischer Priester, dem rund 500 Geistliche angehören, über den vermeintlichen Ausverkauf der Kirche ("Sogar der tridentinisch orientierte Reaktionär bekommt seine Nische");
‣ Priester Reto Nay, der von Chur aus einem rechtskatholischen Videoportal namens gloria.tv zuliefert und die Verbreitung seiner Veröffentlichungen über kreuz.net ausdrücklich gutheißt ("Das freut mich"); der Bischof von Chur ermahnte ihn.
Es ist schwer nachzuvollziehen, dass die Deutsche Bischofskonferenz die offen auftretenden Autoren für "nicht auffindbar" hält. Zudem hätte sie den Werbekunden nachspüren können, die sich naheliegenderweise nicht tarnen. So fanden sich auf der Website Anzeigen für das im Erzbistum Berlin gelegene "Institut St. Philipp Neri", das sich der "Pflege der katholischen Tradition" widmet. Es wurde 2004, wie dessen Chef Gerald Goesche betont, "unter aktiver Unterstützung durch Kardinal Joseph Ratzinger, unserem heutigen Papst Benedikt XVI., offiziell als Gesellschaft päpstlichen Rechts anerkannt".
Zu den besonders aktiven Autoren zählt ein Religionslehrer aus Limburg, Hubert Hecker, der vor wenigen Wochen in Ruhestand ging. Er verfasste seit 2006 mehr als hundert Artikel für die Internetseite, sie tragen Überschriften wie "Heilmittel gegen den theologischen Tripper", "Heil den Meinungswächtern" oder "Asozialer Kulturschrott aus Amerika".
Warum diese Hetze? Hecker überlegt kurz, dann sagt er: "Ich hetze nicht, ich will meine Meinung unzensiert kundtun. Ich habe das wie alle anderen gehalten. Es läuft so: Ich schicke meine Texte per E-Mail dahin und fertig. Kurz darauf sind sie online. Seit 2010 schreibe ich nicht mehr unter meinem Namen, warum, muss ich Ihnen nicht sagen."
Hecker scheint sich nicht daran zu stören, dass seine Texte neben anderen erscheinen, die der Verfassungsschutz als verfassungswidrig einstuft. Er schreibe auch gern Leserbriefe an die Regionalzeitungen, er schimpft über die "Kampagnen und Verleumdungen" der Medien gegen ehrbare Bischöfe. Und er findet, dass bei kreuz.net "wichtige Debatten" geführt würden.
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 44/2012
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