29.10.2012

KRIMINALITÄTDie Wut eines Boxers

Der Hauptverdächtige der tödlichen Prügelattacke vom Berliner Alexanderplatz war justizbekannt. Ist der Fall ein neues Beispiel für die Überforderung des Jugendstrafrechts?
Er sitzt in einem Café im Berliner Wedding, seine Fäuste sind angeschwollen, blutig - wundgehauen. "Wir haben gestern einen Typen totgeschlagen", erzählt Onur U. seinen Kumpels und pustet den Rauch seiner Wasserpfeife in die Runde. Ein Freund, der an jenem Sonntag mit dabeisaß, erinnert sich, wie Onur U. sagte: "Ich hab's dem Typen voll gegeben"; er habe stolz gewirkt, in seiner Stimme keine Reue. "Es war wie immer", sagt der Freund, "Onur bereut nie."
Als Onur U. an jenem Nachmittag von der Prügelei erzählt, liegt Jonny K., das Opfer der Attacke, noch im Koma. Später wird ein Zeuge aussagen, dass die Angreifer auf Jonnys wehrlosen Körper wie auf einen Fußball eingetreten haben. Dass sie einen Kreis um ihn gebildet und immer wieder auf ihn raufgesprungen seien. Und der Obduktionsbericht stellt fest: "Infolge der Gewalteinwirkung gegen den Kopf und des Sturzes auf den Boden" sei bei dem Opfer "eine zum Tode führende Hirnblutung eingetreten".
Da war sie wieder, diese Gewalt, so wahllos, grundlos, gnadenlos, die über Menschen hereinbricht wie eine Naturkatastrophe. Verübt von jungen Männern, die unberechenbar sind, oft unbelehrbar, die austicken wegen eines Blicks, einer Geste, eines Wortes.
Onur U., 19 Jahre alt, 1,81 Meter groß, gilt als der Hauptverdächtige jenes mörderischen Geschehens am Berliner Alexanderplatz. Drei von sechs Tatverdächtigen sind flüchtig, drei wurden in der vergangenen Woche festgenommen, zwei von ihnen kamen wieder frei, einer blieb in Untersuchungshaft. Für die ermittelnde Berliner Mordkommission sind noch viele Fragen offen, etwa wer von den sechs tatsächlich zugeschlagen hat oder wer womöglich nur untätig zusah, als Jonny K. wehrlos auf dem Pflaster lag.
Der tödliche Exzess erschütterte nicht nur die Bundeshauptstadt; er befeuert auch die Kontroverse um den Umgang mit jugendlichen und heranwachsenden Gewaltverbrechern (SPIEGEL 18/2011). Denn Onur U., ein in Berlin geborener Deutscher, ist als Faustkämpfer einschlägig bekannt. Viermal schon stand er vor Gericht. Und so beginnt nach der Diskussion um sogenannte Intensivtäter die Debatte von neuem, wie eine Gesellschaft umgehen soll mit jungen Männern, die sich nicht durch Arbeitsauflagen und auch nicht durch ein paar Tage hinter Gittern vom falschen Weg abbringen lassen.
Null Toleranz? Wegsperren? Abschieben? Ist ein Jugendstrafrecht, das Jugenderziehungsrecht sein will, bei ihnen zum Scheitern verdammt?
Die kriminelle Karriere des Onur U. begann schon vor Jahren. Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte ihn am 29. September 2010 wegen Körperverletzung. Der Jugendrichter beließ es bei einer Weisung. Darunter versteht das Jugendstrafrecht etwa die Teilnahme an sozialen Trainingskursen oder am Verkehrsunterricht. Weisungen sollen die "Lebensführung des Jugendlichen regeln" und dadurch die "Erziehung fördern und sichern", heißt es im Gesetz. Doch bei U. liefen die Maßnahmen offensichtlich ins Leere.
Denn im Mai 2011 musste er sich erneut vor Gericht verantworten. Bei einer Kontrolle hatte die Polizei bei ihm ein Butterfly-Messer gefunden. Der Jugendrichter sprach wieder eine Weisung aus, Onur U. musste "Arbeitsleistungen erbringen".
Hätte der Richter anders geurteilt, wenn ihm bekannt gewesen wäre, dass Onur im Kiez einen Ruf als "Stecher" hat? "Ich weiß gar nicht, wie oft Onur mit seinem Butterfly zugestochen hat und die Bullen nichts davon mitbekommen haben", sagt einer der Jungs im Kiez. Zuletzt habe er bei einer Prügelei versucht, einem Gegner ins Herz zu stechen, sein Messer sei aber in der Lederjacke hängengeblieben und der Angegriffene unverletzt. Zur Polizei ging damals niemand, eine Sache der Ehre für die Jungs im Wedding. So was klären echte Männer unter sich, auf der Straße.
Vermeintliche Ehrbegriffe wie das Nicht-Anzeigen von Straftaten erschweren eine adäquate Anwendung des Jugendstrafrechts zusätzlich. "Es kommt immer wieder vor, dass das Jugendstrafrecht in gewissen Subkulturen ins Leere läuft, weil Dinge intern geklärt werden", sagt der Direktor des Instituts für Kriminologie der Universität Tübingen, Hans-Jürgen Kerner. "Selbst wenn Täter vor Gericht landen, hat man in subkulturellen Milieus das Problem, dass Zeugen den Mund halten oder butterweich aussagen."
Drei Monate nach der zweiten Verurteilung von Onur U., im August 2011, wird ein weiterer Vorfall aktenkundig: Wieder hat er jemanden verletzt, der Richter ordnet zehn Stunden "Freizeitarbeit" an.
Zur Besinnung kommt Onur U. dabei offenbar nicht. Am 11. Oktober 2011 ist er im Smart seiner Mutter unterwegs, er steht im Stau, schwenkt wiederholt auf den Fahrradstreifen, wo es zu einer Beinahekollision mit einem Fahrradkurier kommt. Flüche werden ausgetauscht, bis Onur aussteigt, den Radfahrer verfolgt, ihn gegen eine Hauswand drängt und ihm, so stellt das Gericht später fest, einen Fausthieb mitten ins Gesicht versetzt.
Den Jungs im Wedding schildert Onur die Tat in anderen Worten: Sein Opfer habe ihn beleidigt, er habe die Handbremse gezogen und den Mann umgehauen. "Ich hab seine Mutter gefickt", prahlt er.
Es ist die Art von Geschichten, die Onur U. gern im Kiez erzählt: Die Leute sollen denken, Onur ist ein harter Kerl, Onur ist mit den krassen Typen vom Wedding unterwegs, Onur kennt die Türsteher der Szene, die Dealer der Stadt. Die Leute sollen sagen, er ist wie sein Onkel, der vorbestrafte Koksdealer, sie sollen sagen, seine Fäuste fliegen so schnell wie die von seinem anderen Onkel, einem früheren Boxchamp.
Seine Freunde sagen, Onur brauche die Aufmerksamkeit. Die Jungs aus seinem alten Boxclub hatten es mit ihren Fäusten in die Profiliga geschafft, fuhren in Trainingslager nach Wien, nach Kroatien, zu Kämpfen bis nach Irland. Onur schaffte es für einen Kampf nur bis nach Leipzig.
Onur träumte von einer großen Karriere als Boxer, er wollte in die Fußstapfen seines Onkels treten, seinen Vater stolz machen. Onur trat im Halbschwergewicht an, einige Zeit trainierte er im Schul- und Leistungssportzentrum, schaffte es an die "Eliteschule des Sports". Das Zentrum hat schon viele Olympiateilnehmer hervorgebracht. Doch dafür braucht es Disziplin, Willensstärke und Gehorsam - Eigenschaften, die Onur, der eine Ausbildung zur Logistikfachkraft bei der Bundeswehr nach zwei Monaten abbrach, offenbar fehlten.
In der Sporthalle wacht ein Poster von Muhammad Ali über die Nachwuchsboxer. "Er war talentiert, aber nicht ganz so fleißig", sagt ein ehemaliger Trainer. Onur quälte sich ungern, sagen andere. Habe gern eine Pause eingelegt, wenn der Trainer mal nicht hinschaute. Habe über Klamotten, Frauen und Autos geredet statt über Taktik.
Im vergangenen Jahr trat Onur bei den Berliner Meisterschaften an. Er kam bis ins Halbfinale. In seiner Ringecke stand der Trainer seines Heimatclubs Verein Schöneberger Boxfreunde 24. Der Junge habe ihm nicht zugehört, sagt der Coach. Die Rufe seiner Freunde am Ringrand seien für Onur immer wichtiger gewesen. In der letzten Runde habe er nur noch wild um sich geschlagen, vergebens. "Er war ein ängstlicher Boxer, er war nie ein Großer", sagt der Trainer. Es war Onurs letzter Kampf im Ring.
"Onur hat nie irgendjemanden richtig stolz gemacht", sagt sein Freund. Sein Vater habe an jenem Tag in den Ring gerufen: "Onur, du bist eine Schande für unsere Familie." Nach dem verlorenen Fight meldete sein Vater ihn aus dem Boxverein ab.
Auch zu Hause habe es immer Ärger gegeben, glaubt einer von Onurs Kumpels zu wissen. Auf der Suche nach Halt, nach neuen Freunden habe er versucht, bei den Bandidos mitzumischen, bei den Hells Angels. Er habe die großen Drogendealer im Kiez beneidet, aber keiner habe ihn wirklich dabeihaben wollen. "Onur war ein Angsthase", sagen Bekannte. Onurs Opfer seien meist Schwächere gewesen. Wenn er gemerkt habe, dass seine Gegner stärker sind, sei er unter parkende Fahrzeuge gekrochen. "Warst du mit Onur unterwegs, war Ärger programmiert", sagt einer seiner Partyfreunde.
Im vergangenen Juni muss sich Onur vor dem Amtsgericht Tiergarten wegen der Attacke gegen den Fahrradkurier verantworten. Der Jugendrichter verurteilt ihn wegen Körperverletzung in Tateinheit mit Nötigung. Onur U. kommt für zwei Wochen in den Dauerarrest, er muss zum Anti-Gewalt-Seminar und den Führerschein für zwei Monate abgeben.
Es gibt Experten, die halten solche Anti-Gewalt-Kurse für zwecklos. "Keine Statistik oder Studie belegt, dass diese Angebote einen positiven Effekt auf die Rückfälligkeit haben", sagt Werner Sohn von der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. Zwar hätten Psychologen messen können, dass etwa die Empathiefähigkeit während der Maßnahmen steigt. Man wisse aber auch, dass sie anschließend wieder sinkt.
Was also dann? Sinnvoller sei, sagt Sohn, Wiederholungstätern ein besseres soziales Umfeld zu verschaffen. "Selbst beste Vorsätze halten nicht lange, wenn jemand in seine alte Clique zurückkehrt."
Onur U. bleibt auch nach Arrest und Anti-Aggressions-Training derselbe. Vor seinen berüchtigten Partynächten geht er ins Fitness-Center, pumpt dort seine Muskeln, lässt sich im Kosmetikstudio die Augenbrauen zupfen, die Mitesser ausquetschen, rasiert sich akkurat, gelt die braunen Haare nach hinten, wirft einen langen schwarzen Ledermantel über.
Auf Partybildern sieht man einen jungen Mann, oft im schwarzen Hemd, ein breites Lächeln im Gesicht und Frauen in kurzen Röcken an seiner Seite. Friedlich sollen solche Abende selten geendet haben. "Nach jeder Party musste Onur irgendeinem Opfer auf die Fresse schlagen", erinnert sich ein Freund.
So wie in den frühen Morgenstunden des 14. Oktober am Berliner Alexanderplatz? Anhand von Zeugenaussagen hat die Polizei zumindest den groben Ablauf des Geschehens rekonstruieren können.
Demnach feiern in jener Nacht Täter und Opfer nur wenige hundert Meter voneinander entfernt. Die Beschuldigten auf der After-Show-Party des türkischen Popstars Murat Boz in der Bar Cancun: Sie tragen Sakkos und Lederjacken, trinken Whiskey-Cola und tanzen zu Türk-Pop. Die Gruppe um das spätere Opfer Jonny K., der an diesem Abend ein Indianer-T-Shirt, Adidas-Schuhe und ein Basecap mit der Aufschrift "Last Kings" trägt, feiert im Mio eine große Geburtstagsparty. Hier gibt es Wodka-Red-Bull. Die Freunde von Onur nennen das Mio "den Edelclub von Berlin", sie sagen: "Da siehst du nie Schwarzköpfe, da lassen sie uns nicht rein."
Getrunken wird auf beiden Partys reichlich, es ist kurz vor vier. Im Mio wird einem von Jonny K.s Freunden schlecht, er muss sich übergeben, ein anderer nimmt ihn auf den Rücken und trägt ihn Richtung Bahnhof Alexanderplatz. Jonny will helfen und begleitet seine Freunde. Sie wollen den Betrunkenen schnell ins Taxi setzen, dann ins Mio zurück.
Wenige Meter entfernt will auch Onur weiterfeiern. Im Cancun aber habe er nicht länger bleiben wollen, sagen seine Freunde, es habe wieder Ärger gegeben. Onur sei ein Schnacker, der auch gern mal die Klappe zu weit aufreißt, wie angeblich auch in jener Tatnacht. "Ich habe das Mädel gefickt, sie ist eine Schlampe", soll er über eine der Anwesenden gesagt haben. Die junge Frau habe daraufhin mit ihren Cousins gedroht.
Onur habe den Club verlassen, und dann haben sich laut Zeugenaussagen die späteren Beschuldigten am Ausgang des Cancun getroffen.
Zufällig kommen kurz darauf Jonny K. und seine Freunde vorbei: K.s Begleiter, der den betrunkenen Kumpel trägt, kann nicht mehr. Er bittet Jonny, von der Terrasse eines Straßencafés einen Stuhl zu holen. Als Jonny den schwarzlackierten Metallstuhl hinter seinen Freund stellt und dieser den betrunkenen Kumpel draufsetzen will, kommt Onur U. hinzu und reißt von hinten den Stuhl weg - so dass der Betrunkene zu Boden fällt.
Jonny fasst Onur an die Schulter und will ihn zur Rede stellen, doch der schlägt - so berichten Zeugen - sofort zu: gezielte Boxhiebe, mitten ins Gesicht, immer wieder. "Onur ist immer der Erste, der zuschlägt, und der Letzte, der nachtritt, man kriegt ihn nicht weg von seinen Opfern", behauptet sein Freund.
Was danach geschieht, ist noch nicht vollständig ermittelt, die Angaben der Zeugen sind teils widersprüchlich: So soll ein Teil der Begleiter von Onur U. ebenfalls auf Jonny K. eingeschlagen und ihn getreten haben, selbst dann noch, als dieser längst wehrlos am Boden lag.
Ein anderer Teil der Gruppe soll sich mit K.s Freund, der den Kumpel trug, geprügelt haben: Der Angegriffene erlitt ebenfalls schwere Verletzungen, zahlreiche Prellungen, eine Verletzung am linken Auge und einen Jochbeinbruch.
Um 4.13 Uhr - Jonny K. liegt leblos auf dem Alexanderplatz - ziehen die Angreifer Richtung U-Bahnhof ab.
Am Nachmittag, berichten Zeugen, sei U. noch einmal in dem Weddinger Café aufgetaucht und habe mit der Prügelei geprahlt. Dann sei er verschwunden - er geht nicht mehr an sein Handy und hat seinen Facebook-Account offline gestellt.
Onur soll gemeinsam mit seinem Vater in die Türkei geflohen sein, in einem grünen Mercedes Vito, mit eingebauten Mini-Flachbildschirmen. Den Freunden, die anrufen, erzählt seine Mutter, dass Onur mit dem Vater dringend in die Türkei musste. Das Strandhaus renovieren.
Bis vorigen Freitag fahndete die Polizei noch immer nach Onur U. und zwei seiner mutmaßlichen Mittäter, Husein I. und Bilal K. Auch die Ermittler vermuten Onur im Heimatland seiner Familie.
Zwei andere Beschuldigte erschienen in der vergangenen Woche freiwillig bei der Polizei - in Begleitung ihrer Anwälte. Die beiden haben umfangreich ausgesagt und durften vorerst wieder gehen. Als Einziger der sechs Tatverdächtigen sitzt Osman A., 19, in Untersuchungshaft. Nach Angaben seines Verteidigers Ulrich Dost wollte sich A. ebenfalls stellen, wurde aber zuvor von der Polizei festgenommen. "Nach derzeitigem Ermittlungsstand", so Dost, "ist nicht erkennbar, dass meinem Mandanten der Tod des Opfers zuzurechnen ist."
Vorigen Mittwoch sitzen die Eltern von Osman A. auf ihrem Sofa in einem Altbau im Berliner Wedding, in der Küche sind 20 Freunde der Familie, im Wohnzimmer läuft der Fernseher, n-tv bringt einen Bericht über die Festnahme von Osman A. Seine Mutter bricht in Tränen aus, seine Oma hält ein Bild des Enkels in den Händen. "Er ist doch noch ein Baby, er kann niemanden töten", sagt sie.
"Mein Sohn ist ein ordentlicher Junge", sagt seine Mutter. "Er macht eine Ausbildung, seinen Führerschein, er hat keine Vorstrafe - mein Sohn kann noch nicht einmal ein Huhn scheuchen."
Anmerkung der Redaktion / Nachtrag: Die "Bild-Zeitung" hat in ihrer Ausgabe vom 29. Oktober 2012 berichtet, dass der der offenbar in der Türkei untergetauchte Onur U. im Gespräch mit einem ihrer Reporter in Istanbul bestätigt haben soll, dass er nach der tödlichen Prügelattacke auf Jonny K. mit seinem Vater wegen einer Grundstücksangelegenheit in die Türkei gefahren ist. Seine Eltern hingegen erklären, dass der Vater Berlin seit dem Tod von Jonny K. nicht verlassen habe. Auch würden sie über kein Strandhaus in der Türkei verfügen. Schließlich bestreitet die Mutter, Dritten gegenüber behauptet zu haben, dass Onur mit seinem Vater hätte in die Türkei fahren müssen, um ein Strandhaus zu renovieren.
Von Sven Becker, Özlem Gezer, Sven Röbel, Holger Stark und Antje Windmann

DER SPIEGEL 44/2012
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