29.10.2012

BÜCHERKanzler pur

Die Lageberichte Helmut Kohls im CDU-Vorstand werden veröffentlicht - und bieten im O-Ton, wie rüde er über politische Gegner, Parteifreunde und Medien urteilte.
Der Kanzler ist erleichtert. Acht Kilogramm hat er bei seiner alljährlichen Fastenkur in Bad Hofgastein verloren. Jetzt sitzt Helmut Kohl erholt in Bonn am Schreibtisch - doch der Blick in die Presse vermiest ihm sofort die gute Laune. Es gibt wieder einmal Streit in der Koalition, im CDU-Bundesvorstand holt er deshalb zum Rundumschlag aus.
Die eigenen Truppen sollten die SPD endlich angreifen, und zwar alle gemeinsam, poltert der Kanzler. "Wir können keine Arbeitsteilung brauchen, dass drei oder vier in der Union bei den Sozialdemokraten den Wadenbeißer machen, und die anderen sind vornehme Leute." Auch auf die Presse entlädt sich sein Zorn: SPIEGEL und "Stern" seien nichts anderes als - Originalton Kohl - "Exkrementblätter".
Nachzulesen ist der Wutausbruch aus dem Jahr 1994 in einem dicken Wälzer, der jetzt im Droste Verlag erschienen ist und einen einmaligen, weil ungeschminkten und unmittelbaren Blick auf den Altkanzler erlaubt(*). Das Buch bietet Kohl pur: Auf weit über tausend Seiten finden sich die "Berichte zur Lage", 113 an der Zahl, die der CDU-Chef zwischen Ende 1989 und Ende 1998 im Bundesvorstand seiner Partei vortrug - meist frei anhand einiger schriftlicher Notizen.
Das Konvolut, das auf Abschriften von Tonbandaufzeichnungen basiert, hat hohen Unterhaltungswert - und macht vor allem eins deutlich: Kohls Parteifreunde im Vorstand mussten tapfer sein. Der Pfälzer monologisierte über seine Partei, den Zustand der Koalition, zurückliegende oder bevorstehende Wahlen, den politischen Gegner und was sonst innen- und außenpolitisch anlag.
Seine Selbstdarstellung bewege sich dabei "zwischen den Rollen des aufs Ganze hin denkenden Staatsmanns und des disziplinierenden Zuchtmeisters", schreiben die Bearbeiter Günter Buchstab und Hans-Otto Kleinmann in ihrer Einleitung. "Das konnte mitunter bis zu regelrechten Schimpfkanonaden gehen."
Sein gestörtes Verhältnis zu weiten Teilen der Medien nahm bisweilen paranoide Züge an - etwa wenn sich der Oberchristdemokrat über die "linke Hilfsmafia" empörte, die die SPD mobilisieren könne. Besonders vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen fühlte er sich "hinterfotzig" dargestellt und "systematisch in eine Ecke gedrängt".
Selbst in der Fußball-Berichterstattung des ZDF-"Sportstudios" sah sich Kohl diffamiert. "Da laufen die Kicker übers Feld, und bei Freiburg, einem mir sehr sympathischen Verein, spielt einer, der namens-
gleich mit mir ist, und dann sagt dieser Kommentator zum Spiel, der Kanzler habe wieder einmal versagt, der Kohl habe den Pass nicht erreicht, was zumindest im zweiten Satz wahr war", erregt sich der echte Kohl in einer Sitzung im April 1994. "Natürlich kann man sich über so was amüsieren, aber hier wird auch ein System offenbar."
Der Groll, so scheint es, wird größer, je näher das Ende seiner Kanzlerschaft rückt. Im Juni 1998 wütet Kohl, die Medien würden "gegen die Union" arbeiten, "nicht um uns zu stürzen, sondern um uns zu vernichten". Man müsse "ungewöhnlich dumm, um nicht zu sagen bescheuert sein, wenn man dieses Konzept nicht erkennt".
Wer sich heute über den Dauerzoff in der schwarz-gelben Koalition wundert, den belehren die Kohl-Protokolle, dass es damals keinen Deut besser war. Mehr als einmal beklagt sich der Unionschef über das "miserable Bild", das man abgebe. Parteifreunde, die sich öffentlich kritisch äußern, werden zurechtgestutzt.
Das erlebt im Januar 1997 etwa Christian Wulff, seinerzeit CDU-Oppositionsführer in Niedersachsen, der im Fernsehen die Profillosigkeit der Bundesregierung gerügt hatte. Wulffs Kritik habe "dem Fass den Boden ausgeschlagen", zürnt Kohl vor versammelter Führungsmannschaft. "Ich weiß nicht, was in Ihrem Kopf vor sich geht. Das ist ein Verständnis von Kameradschaft und Miteinander in einer Partei, das für mich völlig inakzeptabel ist."
Auch mit den Kirchen hatte der Katholik Kohl so seine Probleme. Kurz nach der Wahlniederlage im Herbst 1998 beklagt er sich, ausgerechnet im Dom zu Speyer habe ein Pater am Wahlsonntag "sozialistischen Scheiß" gepredigt. Im Juni 1995 sei er bei einem Treffen in Israel von evangelischen Theologiestudenten aus Deutschland "saudumm angequatscht" worden. Über deren Wortführerin lästert Kohl: "Ich glaube, diese Dame hat an nichts im Leben Freude, und ich gönne ihr auch das."
Den Aufstieg der Grünen beobachtet der Kanzler mit besonderem Missfallen. Nachdem sie "blumengeschmückt" in den Bundestag eingezogen sei, empört er sich im Juni 1993, sei nun unübersehbar, dass die Partei "jetzt in der brutalsten Weise die Gräben aufreißt und Hass sät". Fünfeinhalb Jahre später muss er dann nach Wahlpleite und Machtverlust ernüchtert feststellen, "dass die Vorstellung, dass Rot-Grün Furcht und Schrecken erweckt, so nicht mehr stimmt".
(*) Helmut Kohl: "Berichte zur Lage 1989 - 1998. Der Kanzler und Parteivorsitzende im Bundesvorstand der CDU Deutschlands. Bearbeitet von Günter Buchstab und Hans-Otto Kleinmann". Droste Verlag, Düsseldorf; 1150 Seiten; 69 Euro.
Von Philipp Wittrock

DER SPIEGEL 44/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BÜCHER:
Kanzler pur