29.10.2012

Der unheilige Zins

ORTSTERMIN: In Dortmund macht ein Konvertit Bankgeschäfte im Sinne des Propheten.
Z ins ist Wucher, sagte einst Mohammed, der Prophet. Zins ist Geld fürs Nichtstun, ein unfaires Geschäft mit den Schulden anderer, sagt Daoud Kremer, der Verkäufer.
Er öffnet die Hände, schlägt die Hände wieder zu. Verkäufergestik. Er lehnt sich in seinem Drehstuhl zurück und erzählt, wie er mal in einer Bank arbeitete, Muslim wurde und den Job kündigte, weil das Geschäft mit der Gier nicht zu seiner Religion passte. Mit Allahs Hilfe, sagt er, habe er dann dieses Unternehmen geschaffen. "Ihr wisst ja, wenn Allah eine Tür zumacht, macht er ganz viele Türen auf."
In Verkäuferkleidung, Anzug und Hemd, sitzt der 27-Jährige mit schwarzem Bart vor einem weißen Laptop. Grüne Kunstblumen, grüne Kerzen, grüne Kaffeemaschine, Business-Magazine, ein Koran. "My Islamic Banking" steht in grüner Farbe an der weißen Wand, ein Finanzunternehmen in Dortmund, im Ausländer-Arbeiterviertel Nordstadt. "Muslimische Straße", sagt Kremer, "da, wo der Kunde ist."
Der Verkäufer preist Finanzprodukte für Muslime an: Solar-Investments, Goldsparpläne, islamische Fonds. Erst gab ihm Allah Hilfe, jetzt macht Allah die Regeln.
Zinslos muss es sein, so befiehlt es der Koran: "Diejenigen, die Zinsen verschlingen, sollen nicht anders dastehen als wie einer, der vom Satan erfasst und zum Wahnsinn getrieben wird." Sure 2, Vers 275. Sonst drohe Krieg von Allah und Seinem Gesandten. Vers 279.
Das Geschäft, sagt Kremer, soll fair zugehen. Beim Geschäft, kann man sagen, wird geschickt getrickst. Beispiel Hauskauf: Die Bank gibt kein verzinsliches Darlehen, sie kauft das Haus erst selbst und verkauft es dann mit einem Aufschlag weiter. Aktienhandel ist erlaubt, aber keine Investitionen in Waffen, Glücksspiel, Pornografie oder Schweinefleisch. Haram - ist verboten -, sagt Kremer.
Vor seinem Schreibtisch sitzen die Käufer, eine vierköpfige Familie. Der Vater: ein Deutscher, vor 18 Jahren konvertiert. Die Mutter: inzwischen eine Deutsche, geboren in der Türkei. Zwei Mädchen: neun und zwölf.
In 25 Jahren, sagt der Vater, ist er 65 und will eine vernünftige Altersvorsorge haben. In frühestens 10 Jahren heiraten seine Töchter, dafür muss er sparen, und seiner Frau will er auch mal eine Küche schenken, und er selbst will auch nicht zu kurz kommen, mal 'nen schönen Wagen fahren, am liebsten Porsche, sonst Audi.
Seit Juni hat er wieder einen Job, unbefristet. Vier Jahre lang war er arbeitslos, weil niemand einen wollte, der Bart trägt, fünfmal am Tag betet und am Freitag in die Moschee geht. Sein Chef ist jetzt Muslim, im Betrieb gibt es einen Gebetsraum.
"Wir wollen was anlegen", sagt der Mann, "Geld zu Gold machen." Die Verwandten in der Türkei, sagt die Frau, hätten auch alles in Gold umgewandelt, "man geht ja nicht dran, wenn's Gold ist".
Kremer versichert, dass das Gold-Geschäft sicher, flexibel und halal ist. Halal, also erlaubt im Sinne Gottes, "wir kaufen etwas Körperliches, reale Werte". Ein Islamgelehrter hat das überprüft. Das Scharia-Zertifikat aus Dubai hängt an der Wand. "Mit dem Geld, das ihr spart, kaufen wir Gold in Dubai, das kommt nach Frankfurt, in einen Hochsicherheitstresor. Ihr könnt es euch holen, oder ihr schaut online, wie viel Gramm euch gehören."
Die Kunden nicken, und Kremer sagt, dass das ja auch nach dem Vorbild des Propheten Jussuf sei: in guten Jahren für die schlechten vorsorgen. Was er nicht so genau sagt: dass der Goldpreis Anfang der Achtziger abstürzte, dass er vielleicht jetzt, nach zehn Jahren Höhenflug, einen Höchststand erreicht hat und wieder fallen könnte.
1800 Euro verdient der Kunde im Monat, bleiben 1420 Euro netto, plus Kindergeld, plus Wohngeld, plus Minijob-Geld der Frau. Minus Miete, Sprit, Essen, Strom. Macht erst mal 150 Euro im Monat zum Sparen, macht am Ende knapp 1060 Gramm Gold. Rechnet der Verkäufer aus. Knapp sechs Prozent verdiene seine Firma am Geschäft, dazu äußert sich der Koran nicht.
Der Islam war Kremers Lösung, als er sich nach dem Abitur Sinnfragen stellte: Er ging zunächst in die Kirche, probierte Buddhismus aus und fand Antworten in der Moschee. Nächstenliebe, Gerechtigkeit, das hatte er so noch nicht erlebt.
Mit diesen Begriffen will er jetzt Geschichte schreiben: Daoud, auf Deutsch David, kämpft gegen Goliath, das Zinssystem. So sieht er das. Kämpft für ein System ohne Habgier, inschallah. Ein System, mit dem es die globale Finanzkrise nicht gegeben hätte: keine Spekulation, keine Wetterei, keine Blase.
Allahs Geldinstitute sind in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen. Rund 700 Milliarden Dollar sind weltweit korankonform angelegt. Aber Immobilienblasen in Dubai konnte Allah auch nicht verhindern.
Kremer druckt die Sparverträge aus, die Kunden unterschreiben, dann legen sie Teppiche aus und beten gen Mekka. Zum Abschied überreicht Herr Kremer der Familie eine Fußmatte, Kokosfaser, "Kein Zins in meinem Haus" steht darauf. 600 Matten hat er erst einmal bestellt.
Von Sonja Hartwig

DER SPIEGEL 44/2012
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