29.10.2012

AFGHANISTANDer Schattengouverneur

Berlin will den festgenommenen Taliban-Führer Mullah Rahman am liebsten nach Deutschland bringen lassen. Dessen Verhaftung ging auf konkrete Hinweise des BND zurück.
Der Gebäudekomplex ist riesig, sein Ruf legendär: Afghanistans Geheimdienst National Directorate of Security, kurz NDS, betreibt sein eigenes Gefängnis mitten in Kabul. Im Viertel Shash Darak landen die wichtigen Gefangenen des Landes. Auch Mullah Abdul Rahman sitzt jetzt hier: jener Taliban-Führer und Schattengouverneur der Provinz Kunduz, der vor anderthalb Wochen gefangen genommen wurde.
Ob der hagere Mann mit dem Vollbart allein oder in einer Gruppenzelle weggeschlossen ist, darüber gibt es keine Auskunft. Es existieren unterschiedlichste Schilderungen von Häftlingen, die früher in dem NDS-Gefängnis waren: Von Folter ist dabei ebenso die Rede wie davon, dass gegen Schmiergeld alles käuflich sei, selbst die Freilassung.
Genau so etwas aber möchte die deutsche Bundesregierung verhindern. Denn Abdul Rahman ist "ihr" Mann. Direkt nach seiner Festnahme sprach Botschafter Rüdiger König bei der afghanischen Regierung vor und erklärte, dass Rahmans Verurteilung ungeheuer wichtig sei.
Abdul Rahman ist, zumindest für die in Afghanistan stationierten Deutschen, das Gesicht des Gegners. Er symbolisiert wie kaum ein anderer Afghane die Zwiespältigkeit und die Schwierigkeit der deutschen Afghanistan-Mission. Rahman stand hinter der Entführung von zwei Tanklastern, die im September 2009 auf einer Sandbank bei Kunduz steckengeblieben sind - jener Aktion also, die mit einem fatalen Bombardement und dem Tod von fast hundert Menschen endete. Der deutsche Kommandierende von Kunduz, Oberst Georg Klein, hatte die Tankwagen bombardieren lassen und dabei die Menschen getroffen, die zum Abzapfen des Treibstoffs an die Furt gekommen waren. Bis auf wenige Taliban waren es Zivilisten. Der afghanische Informant, der das Kommando Spezialkräfte (KSK) informierte, hatte im Verlauf des Abends beteuert, es seien nur Taliban an der Furt. Eine fatale Behauptung, die ihm mit 1500 Dollar Honorar entgolten wurde; aber verhängnisvoll war erst, dass Oberst Klein, der zum General befördert werden soll, sie glaubte.
Es folgten der Rücktritt des verantwortlichen Ministers Franz Josef Jung (CDU) und ein Untersuchungsausschuss - Mullah Abdul Rahman aber avancierte plötzlich vom Dorfkommandeur zu einer Größe unter den Taliban.
Am 4. November 2009 setzten ihn die Deutschen mit der Nummer 2242 auf die sogenannte Joint Prioritized Effects List der Nato, eine ganz besondere Fahndungsliste. Über 4000 Personen, meist Taliban-Kommandeure oder mutmaßliche Terroristen anderer Couleur, werden dort mit Foto geführt. Manche sind wie Rahman zur Festnahme ausgeschrieben, neben anderen Namen steht ein K für "Kill". Sie können jederzeit ausgeschaltet werden.
Der Fehlschlag der Bundeswehr, eine der blutigsten Operationen der Nato in Afghanistan, galt bei den Strategen der Taliban damals als großer Propaganda-Erfolg. Aus dem pakistanischen Quetta, wo sich Teile der Taliban-Führungsriege versteckt halten, erging die Order, dass Abdul Rahman von nun an zu einem wichtigen Kommandeur im Raum Kunduz aufsteigen solle. Ihm wurden Kämpfer zugeteilt, er sollte neue Operationen planen.
Am Karfreitag 2010 habe der Mullah zurückgeschlagen, das ist der Vorwurf, den die Bundesregierung nun erhebt. Abdul Rahman soll einer der Drahtzieher eines tödlichen Hinterhalts im Distrikt Chahar Darreh gewesen sein, bei dem drei deutsche Soldaten ums Leben kamen: Hauptfeldwebel Nils Bruns, Stabsgefreiter Robert Hartert und Hauptgefreiter Martin Augustyniak.
Auch wegen der symbolischen Bedeutung hat der Fall für die Bundesregierung Priorität. Den Angehörigen der drei Soldaten soll Gerechtigkeit widerfahren und Abdul Rahman für viele Jahre hinter Gitter kommen - falls die Vorwürfe sich erhärten lassen. Berlin erwägt sogar ein Auslieferungsersuchen, als Signal, wie ernst es den Deutschen diesmal ist. "Der Umgang mit festgenommenen Taliban ist eine Herausforderung, der sich die afghanische Justiz wird stellen müssen", sagt Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel. Die Beweislage ist allerdings schwierig. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe prüft derzeit, ob die Indizien für einen Haftbefehl ausreichen. Er wäre Grundlage für ein Auslieferungsersuchen. Bisher aber reichen die vorgelegten Fakten dafür nicht.
Rahman hatte sich wie so viele Feldkommandeure der Taliban im Winter 2010 nach Pakistan abgesetzt, als binnen eines Jahres fast die Hälfte der Kommandeure in Kunduz Opfer amerikanischer Operationen wurden. Der Paschtune befehligte von dort Subkommandeure in der Region, er soll Selbstmordattentäter rekrutiert und Afghanen mit der Herstellung von Straßenbomben beauftragt haben. Er reiste immer wieder nach Afghanistan.
Der Mullah wusste, dass die Aktion mit den Tanklastern sein Leben verändern würde. Als er sich im Januar 2010 mit einem Reporter des SPIEGEL traf, fürchtete er jeden Moment einen Zugriff der US-Armee oder einen tödlichen Drohnenangriff. Aber er fühlte sich auch geschmeichelt, dass westliche Journalisten sich für ihn interessierten.
In kurzen Telefonaten dirigierte Rahman den Reporter auf einen belebten Markt in Baghlan, eine Autostunde südlich von Kunduz. Er hatte seit der Tanklaster-Entführung diverse Male seine SIM-Karte ausgetauscht, um nicht geortet zu werden. Plötzlich war Rahman dann da, klopfte - eingehüllt in eine grüne Decke - an die Scheiben eines Toyota. Als er sich auf die Rückbank setzte, verbreitete sich beißender Schweißgeruch im Auto. Rahman wirkte nicht wie ein mächtiger Kommandeur, sondern eher wie ein Getriebener. Während er leise über den Tag des Überfalls redete, starrte er aus dem Fenster. "Es war ein Riesenfehler", sagte er damals, "nun werde ich von allen ausländischen Soldaten gejagt."
Auch später, als Rahman vermutlich in Pakistan war, schnappten die Lauscher der Bundeswehr immer wieder seinen Namen auf. Im August 2011 berichtete ein Informant der Deutschen, der Mullah plane einen Angriff von Selbstmordattentätern auf öffentliche Gebäude in Kunduz. Zwei Monate lang hörte die Bundeswehr dann Telefongespräche ab, wonach Rahman angeblich Sprengstoff an zwei Bombenbauer weitergeleitet hat.
Der entscheidende Durchbruch gelang dem BND vor anderthalb Wochen. Rahman war wieder einmal aus Pakistan zurückgekehrt. Mit zwei Gefolgsleuten hatte er sich im Dorf Ghunday Kalay bei Kunduz versteckt, als deutsche Elitesoldaten ihren Zugriff starteten. Im Schutz der Dunkelheit umstellten rund 30 Männer des KSK und 60 von ihnen ausgebildete afghanische Soldaten das kleine, mit hohen Lehmmauern umgebene Gehöft, dann traten sie die Türen ein und stürmten in den Innenhof. Mullah Rahman, in Wolldecken gehüllt, wehrte sich nicht. Seit Januar 2011 gingen 19 derartige Festnahmen auf Tipps des deutschen Geheimdienstes zurück, Rahman ist Nummer 20.
Seither unterstützt die Bundesregierung Kabul bei der Abwicklung des Falls Rahman. Die deutsche Botschaft trägt derzeit Beweise zusammen, die an lokale Staatsanwälte übergeben werden sollen. Denn auch bei Vorlage eines Auslieferungsersuchens würde der Festgenommene wohl nicht nach Deutschland überstellt. In jedem Fall wollen die Deutschen die Wiederholung einer früheren Schmach vermeiden. Im Mai 2009 hatte das KSK einen anderen Taliban-Führer festgenommen und nach Kabul geflogen. Das Gerichtsverfahren zog sich hin, statt einer langen Haftstrafe gab es am Ende ein mildes Urteil. Im Sommer 2011 verließ der mutmaßliche Mörder dank einer Amnestie das Gefängnis - als freier Mann.
Für Verwirrung sorgte Ende voriger Woche allerdings die Nachricht, dass gleich zwei Taliban-Kommandeure namens Abdul Rahman in Afghanistan festgesetzt worden seien - einer von den Deutschen, der zweite vom afghanischen Geheimdienst NDS nahe der pakistanischen Grenze.
Einer der beiden ist der Schattengouverneur. Während sich die Bundeswehr absolut sicher ist, dass sie diesen südwestlich von Kunduz verhaftet hat, bezweifeln afghanische Sicherheitskreise das. Bekannte des Schattengouverneurs, ein ehemaliger Uno-Mitarbeiter sowie Asadullah Omarkhel, der örtliche Provinzchef des "Hohen Friedensrates", glauben, jener sei der echte Rahman, der an der pakistanischen Grenze festgenommen wurde. Er sei unter falschem Namen kurzzeitig aus Pakistan zurückgekehrt, um seinen kranken Sohn zur Behandlung nach Peschawar zu bringen. Auf dem Weg zurück habe er südlich von Kunduz einen neuen Fahrer bekommen, der aber Mitarbeiter des Geheimdienstes gewesen sei.
Selbst wenn das stimmen sollte - einer der beiden Festgenommenen ist auf jeden Fall der Schattengouverneur.
Was aber bedeutet die Verhaftung Rahmans für den Norden Afghanistans - jene Region, von der deutsche Politiker gern behaupten, dass sich die Lage dort stabilisiere? Am Freitag vergangener Woche - Rahman saß längst im Gefängnis - sprengte sich ein Selbstmordattentäter in Polizeiuniform vor der Moschee in Maimana, der Hauptstadt der nordafghanischen Provinz Faryab, in die Luft. Die Explosion seiner Bombe riss 41 Menschen mit in den Tod. Es war einer der grausamsten Anschläge der vergangenen Jahre.
Von Matthias Gebauer, Gordon Repinski, Christoph Reuter und Holger Stark

DER SPIEGEL 44/2012
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