29.10.2012

Die Weisen und die Welteroberer

Kaum irgendwo wachsen die Militärausgaben so dramatisch wie in China - und mit Konfuzius und Sun Tzu startet Peking auch einen ideologischen Feldzug. Von Erich Follath und Wieland Wagner
So etwas habe es noch nie gegeben, sagten später alle, die dabei waren. Noch nie, seit die Kommunisten vor 63 Jahren die Macht in China übernahmen und die Volksrepublik die Gewehre unter die Aufsicht der Partei stellte. Und es passierte ausgerechnet, als alle auf Entspannung eingestellt waren - bei einem "Ferien-Bankett" zu Ehren führender Generäle.
Die KP-Spitze in Peking hatte im Februar zu dem Fest geladen, um Harmonie zwischen Politik und Militär zu demonstrieren. Als ein hochrangiger Offizier der Luftwaffe einen Toast auf die Genossen Politiker ausbringen wollte, schubste ihn General Zhang Qinsheng zur Seite und schrie: "Schluss mit der Liebedienerei! In dieser Parteiführung gibt es Schweine, die gegen mich intrigieren!" Dann beschimpfte er den am Tisch sitzenden Staatspräsidenten Hu Jintao, Teil des Komplotts gegen ihn zu sein. Der verließ daraufhin empört den Saal, die zurückbleibenden Militärs hatten Mühe, Zhang zu bändigen, der weiter Unflätiges gebrüllt haben soll.
Den Auftritt haben ein halbes Dutzend Anwesende bezeugt, ihr Protokoll wurde der "New York Times" und dem SPIEGEL zugespielt. Unklarheit besteht nur darüber, wie angetrunken der General war - und was genau seitdem mit ihm geschehen ist.
Im März wurde Zhang, 64, jedenfalls ohne öffentliche Begründung suspendiert. Es war das vorläufige Ende einer glänzenden Karriere: Seit 1968 Mitglied der Volksbefreiungsarmee, hatte er sich über die Leitung der Militärregion Guangzhou zum ersten stellvertretenden Generalstabschef emporgearbeitet. Er galt bis vor wenigen Monaten sogar als möglicher Verteidigungsminister. Allerdings wurde auch gemunkelt, Zhang sei politisch unberechenbar, er wolle den Primat der Partei nicht immer akzeptieren.
Da steht er nicht allein. Im Vorfeld des 18. Parteitags, der am Donnerstag nächster Woche in Peking beginnt, wird nicht nur ein Großteil der KP-Führung ausgewechselt - allein unter den Top neun im Führungsgremium der Volksrepublik, dem Ständigen Ausschuss des Politbüros, stehen sieben Plätze zur Disposition. Es geht um Richtungskämpfe. Und um Macht.
Hu Jintao, 69, wird vom Parteivorsitz zurücktreten und dann im März turnusmäßig seinem Vize Xi Jinping, 59, auch das höchste Staatsamt überlassen. Aber aller Voraussicht nach wird er den Vorsitz der Zentralen Militärkommission nicht aufgeben und sich die Kontrolle über das Militär zumindest noch bis 2014 sichern. So haben es seine beiden Vorgänger ebenfalls gemacht. Und Hu hat in den vergangenen acht Jahren mindestens 45 Offiziere in den Generalsrang erhoben und sich so ihre Loyalität zu sichern versucht.
Für Chinas neuen starken Mann Xi muss das ein Ärgernis sein. Ohne Kontrolle über die Streitkräfte ist auch sein politischer Handlungsspielraum beschnitten. Dabei kann Xi, im Gegensatz zu Hu, auf eigene militärische Erfahrungen und enge Kontakte zur Truppe verweisen. Xi hat schon als junger Mann im Büro des damaligen Verteidigungsministers Geng Biao gearbeitet, eines Freundes seines Vaters aus Guerillatagen. Außerdem ist er verheiratet mit Peng Liyuan, 49, der landesweit verehrten und einflussreichen Interpretin von Soldatenliedern, deren ziviler Rang dem eines Generalmajors entspricht.
Und so hat sich Xi selbstbewusst auf das Schattenboxen mit seinem Noch-Chef eingelassen. Er hat sich in den vergangenen Monaten mehrfach mit hochrangigen Militärs getroffen. Zu seinen engsten Alliierten gehören Angehörige unterschiedlicher Denkschulen: General Liu Yuan, der als Hardliner und als Verfechter einer aggressiven Politik gilt, aber auch General Liu Yazhou, der sich eine politische Liberalisierung seiner Heimat nach dem Modell Singapurs vorstellen kann.
Der Kampf um die Gunst der Generäle steigert deren Selbstbewusstsein. Längst geht es nicht mehr nur um eine erhebliche Steigerung des Militäretats (für 2012 gut elf Prozent). Manche Hardliner sprechen von einer größeren Eigenständigkeit der Armee, ihrer Entpolitisierung - ein rotes Tuch für die KP: Sie fürchtet solche Alleingänge und warnt über die Staatspresse voller Nervosität vor "falschen Ideen" mit "verborgenen Motiven". Sie würden vom Westen gestreut und seien ein "strategisches Werkzeug", um das System sozialistischer Staaten zu untergraben, schrieb das Pekinger Propaganda-Organ "Global Times".
Den Scharfmachern in der Armee geht es nicht nur um einen Machtzuwachs im innenpolitischen Kräftespiel. Sie sehen China umzingelt - und plädieren deshalb für einen neuen, schärferen Ton gegenüber ihren asiatischen Nachbarn und vor allem gegenüber den USA. Washington habe nach den Worten des einflussreichen KP-Funktionärs Li Qun die Volksrepublik "strategisch eingekreist". Als Beleg dafür gilt ihm vor allem, dass die Navy bis 2020 rund 60 Prozent ihrer Kriegsschiffe im Pazifik stationieren will - also mehr als im Atlantik und im Persischen Golf.
Außerdem bemühe sich das Weiße Haus intensiv darum, die chinesischen Nachbarstaaten mit Militärbündnissen an sich zu binden. "Ihr wahres Ziel ist nicht der Schutz der sogenannten Menschenrechte", sagt Vordenker Li. "Sie benutzen diesen Vorwand, um Chinas gesundes Wachstum einzuschränken und um vorzubeugen, damit Chinas Wohlstand und Macht nicht ihre Welthegemonie bedrohen." Deshalb würden von Afghanistan bis demnächst vielleicht Vietnam amerikanische Militärbasen entstehen. Ein bedrohlicher Feuerring, aus Sicht der Chinesen. Die Militärausgaben der Amerikaner sind immer noch mehr als fünfmal so hoch wie die der chinesischen Streitkräfte.
In diesem Szenario ist es nicht China, das durch sein Sicherheitsrats-Veto im syrischen Bürgerkrieg und seine zögerliche Haltung gegenüber Iran jeden Fortschritt Richtung Frieden torpediert, sondern der Westen. Die Falken in Washington könnten mit ihrer militärischen Überlegenheit im Krisenfall die Verwundbarkeit Chinas aufzeigen, Seewege blockieren und so den Zugang zu den für die Volksrepublik überlebenswichtigen Rohstoffen abschneiden. Taiwan, in Pekinger Augen nichts anderes als eine Provinz der Volksrepublik, werde dabei aufgerüstet und "als Schachfigur benutzt, um Chinas Aufstieg zu bremsen", so General a. D. Luo Yuan in der US-Zeitschrift "Foreign Affairs".
Besonders verärgert Pekings Militärs, dass sich die USA im Südchinesischen Meer einmischen - sie sehen die Region als ihren maritimen Hinterhof, in etwa so wie die Amerikaner die Karibik. In den fernöstlichen Gewässern werden riesige Erdöl- und Erdgasvorkommen vermutet, fast jede der Inselgruppen beansprucht China für sich. Territorialstreitigkeiten mit Vietnam und den Philippinen sind die Folge.
Vor allem aber der Konflikt im Ostchinesischen Meer mit dem alten Erzfeind in Tokio schlägt derzeit hohe Wellen, es geht um die unbewohnten Senkaku-Eilande. Seit 1895 sind sie in japanischer Hand. Nach chinesischer Auffassung gehören die Inseln (Chinesisch: Diaoyu) aber zum Reich der Mitte, belegt durch historische Karten aus der Ming-Zeit. Mitte September drohte der Streit zu eskalieren: Peking schickte Patrouillenboote in die Region, diplomatischer Druck der Amerikaner half Anfang Oktober, die Lage etwas zu entspannen. US-Verteidigungsminister Leon Panetta mahnte in Peking zur Mäßigung. Fast zeitgleich hielten amerikanische und japanische Streitkräfte auf der Pazifikinsel Guam ein gemeinsames Manöver ab.
Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass es im Ostchinesischen Meer zu ausgewachsenen kriegerischen Auseinandersetzungen kommt, auch wenn kürzlich die KP-Führer wieder ihre Schiffe zu "Übungen" in die Nähe der umstrittenen Inseln vorrücken ließen. Die meisten China-Kenner im Westen halten die auftrumpfenden Generäle von Peking für rationale Strategen, mehr interessiert an Machtzuwachs als an Schlachten.
Aber Spannungen mit ausländischen Mächten können zu Wirtschaftskriegen führen. Als die Japaner vor zwei Jahren im umstrittenen Inselgebiet einen chinesischen Fischer festnahmen, blockierte Peking den Verkauf der für Tokios Industrie so wichtigen Seltenen Erden. Der gegenseitige Handel ging im September 2012 gegenüber dem Vergleichsmonat im Vorjahr wegen der Spannungen um über 14 Prozent zurück.
Und mehrfach schon haben in den letzten Jahren verbale Auseinandersetzungen mit Japan in Städten wie Peking, Qingdao oder Chengdu zu gewalttätigen Protesten geführt - das nationalistische Fieber, von der Partei so gern geweckt, ist möglicherweise schwer wieder einzudämmen. Wenn aufgeputschte chinesische Demonstranten japanische Einrichtungen stürmen, Toyotas und Hondas anzünden, droht die Situation außer Kontrolle zu geraten. Der Protest gegen ausländische Firmen könnte sich in Problemregionen mit separatistischen Strömungen wie Tibet und Xinjiang schnell auch gegen die kommunistischen Machthaber wenden.
Der designierte Parteichef Xi Jinping gilt als taktisch gewiefter, gemäßigter Politiker. Die Militärs in ihren Befugnissen zurückzuschneiden oder gar deren Etaterhöhungen einzuschränken, dürfte er nicht riskieren. Aber auch keine kriegerischen Abenteuer.
Dazu passt das Revirement in der Militärspitze in der vergangener Woche. So wurde General Ma Xiaotian, 63, ein Vertrauter von Xi, der aus einer bekannten Kaderfamilie stammt, zum neuen Chef der Luftwaffe ernannt. Ma gilt als äußerst selbstbewusst und machte gegenüber einem Fernsehsender in Hongkong schon einmal klar, dass "die Amerikaner nichts im Südchinesischen Meer verloren haben". Auf der Strecke blieben jetzt Freunde des im Machtkampf unterlegenen ehemaligen Chongqing-Parteichefs Bo Xilai, der sich wegen Korruption und anderer Verbrechen vor Gericht verantworten muss. Und mit ihm dürfte auch das "linke" maoistische Gedankengut zurückgedrängt werden, mit dem er gegen die Pragmatiker zu punkten versucht hatte.
Mao-Nachfolger Deng Xiaoping hatte seinem Land noch in den achtziger Jahren internationale Zurückhaltung empfohlen, "taoguang yanghui" hieß sein Leitsatz: "sein Licht unter den Scheffel stellen und den rechten Augenblick abwarten". Aber die Zeiten, da sich die Volksrepublik allein auf die Wirtschaft im eigenen Land konzentriert hat, sind längst vorbei. Xi wird Chinas Stellung als zweite Supermacht neben den USA in der Welt zu festigen versuchen. Mit militärischem Muskelspiel wie wirtschaftspolitischen Mitteln: Die Volksrepublik empfiehlt ihre kapitalistisch-effiziente Einparteiendiktatur als Alternative zur westlichen Demokratie und als Entwicklungsmodell besonders für Asien, Afrika und Lateinamerika.
Anders als Washington oder Berlin macht Peking Kredite und Infrastruktur-hilfe ausdrücklich nicht von Menschenrechten und guter Regierungsführung abhängig. Und es sucht sich internationale Gremien, in denen Washington wie Westeuropa gar nicht vertreten sind: die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit beispielsweise, eine Art Gegen-Nato. Dort hat Peking gemeinsam mit Russland und den meisten zentralasiatischen Staaten Strategien gegen Terrorgefahren ausgearbeitet. Auch weit vorn auf Pekings Agenda steht der Zusammenschluss der BRICS, der wirtschaftlich bedeutenden Schwellenländer - neben China gehören Indien, Brasilien, Russland und Südafrika dazu. Sie treffen sich jährlich und haben im Frühjahr in Neu-Delhi die Gründung einer eigenen Entwicklungsbank zur Bekämpfung westlicher Finanzdominanz angekündigt.
Hinzu kommt noch eine andere Strategie: In diesen Monaten der globalen wirtschaftlichen Verunsicherung hat Peking die kulturelle Auseinandersetzung mit dem Westen zu einem der Hauptthemen gemacht.
"Wir müssen klar sehen, dass feindliche ausländische Mächte Ränke spinnen, um China zu verwestlichen und zu teilen. Dabei sind Ideologie und Kultur die zentralen Felder ihrer Infiltration", klagte Noch-Staatschef Hu Jintao in einem Beitrag für das KP-Organ "Streben nach Wahrheit". "Wir sollten entschiedene Maßnahmen ergreifen, um uns zu schützen und zu reagieren."
Die Partei setzt international auf eine eigene Soft-Power-Strategie. Nicht an den von Westeuropa propagierten Universalwerten und nicht an demokratischen Institutionen soll die Welt genesen. Sondern am chinesischen Wesen.
Nur: Wofür steht China eigentlich? Was hat es jenseits seiner spektakulären Wirtschaftserfolge der vergangenen drei Jahrzehnte an Attraktivem, Allgemeingültigem, Nachstrebenswertem zu bieten? Wo sind die Ideen, wer sind die Persönlichkeiten, mit denen das Reich der Mitte weltweit punkten will?
Huimin, eine Region am Gelben Fluss in der Ostprovinz Shandong, ist nicht gerade eine Weltsehenswürdigkeit und auch kein Ort, an dem sich normalerweise die Parteigrößen des Landes treffen. Anders im vergangenen Dezember, als es angeblich den Geburtstag eines chinesischen Weisen zu feiern galt: Chinas Philosoph und Militärstratege Sun Tzu soll hier vor über 2550 Jahren das Licht der Welt erblickt haben.
Junge Männer und Frauen, alle in alte militärische Tracht mit braunem Überwurf, gelben Pailletten und Helm gesteckt, paradierten im Stechschritt. Eine Statue wurde enthüllt, ein Feuerwerk entzündet. Am nächsten Tag trafen sich KP-Spitzenpolitiker, hochrangige Militärs und Wissenschaftler in der örtlichen Sun-Tzu-Akademie nahe dem Sun-Tzu-Gedenkpark, um das Werk des Meisters zu analysieren. Mit der Jubelfeier und den Symposien sollte ein Nationalheld geehrt werden, von dessen Lehren die Parteiführung glaubt, sie entsprächen ihrer Politik. Ein Mann für den Propagandafeldzug: Sun Tzu, der friedensbereite Krieger.
Als wahrscheinlich gilt, dass er im 6. Jahrhundert vor Christus im Reich des Königs Helü von Wu gelebt und ihm als erfolgreicher General gedient hat. Unter Historikern ist umstritten, ob das Werk "Die Kunst des Krieges" wirklich allein von ihm stammt oder ob spätere Anhänger es ergänzten. Chinesische Traditionalisten betrachten diese Zweifel als Frevel, ihnen ist Sun Tzu heilig, und seine Lehre klingt tatsächlich wie zugeschnitten auf das von der KP favorisierte Weltharmonisierungsprogramm: "Man führt durch Vorbild, nicht durch Zwang", heißt es in dem schmalen Buch. Oder: "Die größte Leistung besteht darin, den Widerstand des Feindes ohne Kampf zu brechen." Seit einigen Jahren wird praktisch jeder Staatsgast in China mit einer in Seide gebundenen Ausgabe des Buchs beglückt. Angela Merkel hat schon zwei Bände.
Das Politbüro-Mitglied Jia Qinglin betonte 2009, Sun Tzus Vermächtnis solle dazu genutzt werden, "dauerhaften Frieden und gemeinsamen Wohlstand" zu propagieren. Und gerade jetzt, vor dem 18. Parteitag, enthalten viele Politikerreden eine Reverenz an den Strategen. Oft wird Sun Tzu dabei als "Peacenik" (so der "Economist") präsentiert, als Friedensengel. Oder gar als Menschenrechts-Advokat: "Behandle Gefangene würdig, und sorge gut für sie", ist eines der häufig gebrauchten Zitate. Und für die China-Apologeten wie Helmut Schmidt, die auch das brutale Niederschlagen des Tiananmen-Aufstands von 1989 verteidigen, steht Sun Tzu sowieso für alles, was weitsichtig ist an diesem Land.
Aber Soft-Power-Strategien stoßen ins Leere, wenn die Theorie mit der Praxis kollidiert. Anrainerstaaten lernten China in den vergangenen Monaten von seiner brachialen Seite kennen. Dass da auch die Rolle chinesischer Berater von Angola bis Aserbaidschan kritisch unter die Lupe genommen wird, dürfte die KP kaum verwundern. Ebenso wenig das zunehmende Misstrauen westlicher Politiker, die sich - ob bei der Kopenhagener Klimakonferenz, bei Handelskonflikten oder infolge von Dalai-Lama-Besuchen - vor Pekinger "Strafmaßnahmen" fürchten müssen.
Militärs und Politiker im Westen wissen, dass der Philosoph durchaus nicht nur eine softe Seite hatte. "Jede Kriegsführung gründet auf Täuschung", schrieb er. Und: "Nehmt Kriegsmaterial von zu Hause mit, doch plündert beim Feind!"
In seinem - angeblichen - Geburtsort Huimin hat die KP ihm einen Freizeitpark gewidmet: die "Sun-Tzu-Kriegskunst-City". Wie überall in China sind aber auch in Huimin die Zeichen der Verwestlichung unübersehbar: McDonald's-Restaurants und Lady-Gaga-Songs in den Discos und "Avatar" in den Kinos. Hollywood schlägt China-Kultur.
Bleibt nur noch ein weiterer Superstar der chinesischen Geschichte, um dagegenzuhalten.
Qufu liegt kaum 300 Kilometer südlich von Huimin. Doch anders als der Sun-Tzu-Geburtsort ist Qufu ein Touristenmagnet, gehört wegen seiner Tempel und Erinnerungsstätten zum Unesco-Weltkulturerbe. Hier dient alles nur dem einen: Meister Kong, im Westen Konfuzius genannt.
In der Geschichte seines Landes wurde der Zeitgenosse von Sun Tzu - Konfuzius soll von 551 bis 479 vor unserer Zeitrechnung gelebt haben - zum Gott gemacht oder als Teufel geschmäht. Für den Revolutionär Mao Zedong war er der Reaktionär schlechthin. Doch seit seiner Rehabilitierung in den achtziger Jahren gilt Konfuzius wieder als Klassiker und als eine der großen Figuren Chinas.
Der Sohn aus niedrigem Adelsgeschlecht lebte in einer düsteren, von kriegerischen Wirren geprägten Epoche. Der Kampf gegen das Chaos wurde für ihn zur Herzensangelegenheit. Er erkannte, dass nur die Stabilisierung der sozialen Verhältnisse eine Chance bot, das Volk friedlich zu einen.
Wie soll man denn riesige Menschenmengen in den Griff bekommen, wurde Konfuzius nach einem Text der "Gesammelten Worte" einmal gefragt. "Macht sie wohlhabend", antwortete der Meister. "Und unterrichtet sie." Ein anderes Mal beantwortete er die Frage nach der Kontrolle der Untertanen durch die Regierenden: "Die ist nur möglich mit genügend Soldaten, genügend Getreide und dem Vertrauen des Volks."
Was denn am ehesten verzichtbar sei? "Zuerst das Militär." Und dann? "Vielleicht auch das Getreide. Aber niemals das Vertrauen der Bevölkerung."
Populär machte ihn seine Lehre zunächst nicht. Der Weise zog von Ort zu Ort, bot sich als Regierungsberater an, meist ohne zu reüssieren. Einmal soll er es zum Justizminister des Fürstenstaats Lu gebracht haben, den Posten verlor er aber wieder. Anschließend wanderte er durch die Lande. Immerhin gelang ihm, Schüler um sich zu scharen. Die trugen seine Gedanken weiter und formulierten sie aus der Erinnerung. Drei Jahre lang hielten die Jünger angeblich Wacht an seinem Grab.
Überall im hohen Gras stehen steinerne Beschützer: Löwen mit gefletschten Zähnen, grimmige Greifvögel, elegante Panther auf dem Sprung gegen potentielle Störenfriede; eine sieben Kilometer lange Mauer umschließt das Areal: In diesem Zypressenwald bei Qufu liegt Meister Kongs schlichtes Hügelgrab, sorgfältig wiederhergerichtet, nachdem Rotgardisten in der Kulturrevolution Stelen umgeworfen und Konfuzius' letzte Ruhestätte geschändet hatten.
Hierher strömen jährlich vier Millionen vorwiegend chinesische Pilger auf teilweise von der KP bezuschussten Reisen. Sie drängen auch zum Konfuzius-Herrenhaus mit seinen 463 Zimmern, zum Tempel mit dem Aprikosenaltar. Und zur Konfuzius-Akademie, wo die Partei Tagungen über den großen Denker fördert.
Meister Kong dient der Partei. Seine Mahnungen, den Regierenden zu gehorchen und die Alten zu ehren, eignen sich vortrefflich für das Auffrischen patriotischer Gefühle. Seine Worte von den "guten" Traditionen, die es zu bewahren gelte, ohne sich dem Neuen ganz zu verschließen, könnten auch im westlichen Ausland Anklang finden. Bezeichnend ist allerdings, wie selektiv die Weisheiten des Konfuzius in China eingesetzt werden: Seine Erkenntnis, dass man einem ungerechten Herrscher nicht mehr dienen müsse, taucht niemals auf - wohl eine zu gefährliche Erkenntnis bei den Korruptionsfällen der KP.
Überall treibt China Imagepflege mit Konfuzius: Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking 2008 traten Komparsen auf, die wie Schüler von Konfuzius gekleidet waren. Mit Meister Kong umwerben die Führer der Volksrepublik weltweit Studenten mit Stipendien - sie haben mit dieser Campus-Diplomatie in Staaten wie Indonesien sogar die USA abgehängt.
Sieben Milliarden Dollar lässt sich die KP auch eine Drittwelt-Initiative ihrer Medien kosten. Der staatliche Fernsehsender CCTV verbreitet neuerdings von Nairobi aus ein Gegenprogramm zu CNN und BBC mit vorwiegend positiven Berichten. Insgesamt erreicht CCTV schon mehrere hundert Millionen Zuschauer in mehr als 140 Staaten.
Besonders aber machen die Konfuzius-Institute als Botschafter der Volksrepublik von sich reden. Sie sollen Sprachkurse, Seminare zur Verbreitung der chinesischen Kultur, Kalligrafie und Küche anbieten. Meist sind sie angeschlossen an die Universitäten der Gastländer. Heute sind 358 Institute in 105 Ländern aktiv, allein in Deutschland 13.
An ihrer Arbeit scheiden sich die Geister: China-Kritiker sehen sie als Propagandawerkzeuge, als trojanische Pferde im Auftrag der KP. China-Freunde verweisen darauf, dass ja in den meisten Fällen die Gastländer an der Finanzierung, damit auch an der Kontrolle, beteiligt seien. Und Deutschland betreibe mit seinen Goethe-Instituten ebenfalls Sympathiewerbung.
Der Erlanger Sinologe Michael Lackner, im Vorstand des dortigen Konfuzius-Instituts tätig, hat, wie die meisten seiner Kollegen an den deutschen Universitäten, nicht den Eindruck, dass die KP direkt Einfluss nimmt: "Aber natürlich sind Konfuzius-Institute nicht dazu da, Kritik an der Volksrepublik zu üben."
Ganz anders bewertet das Jörg Rudolph, einer der Leiter des Ostasieninstituts an der Hochschule Ludwigshafen. Er verweist darauf, dass die Institute zum Bereich des für "Ideologie" zuständigen Politbüro-Mitglieds Li Changchun gehören, des Chef-Zensors der chinesischen Medien. Und Rudolph zitiert einen in Peking herausgegebenen "Führer für den Direktor des Konfuzius-Instituts", in dem allen Professoren nahegelegt wird, "heiße Liebe" zum Institut zu entwickeln und "mit hohem Sendungsbewusstsein" Akten über Personal wie die Schüler anzulegen.
Als der chinesische Menschenrechtler Liu Xiaobo 2010 den Friedensnobelpreis bekam, wurde das in den Konfuzius-Instituten weitgehend ignoriert - ebenso die Verhaftung des weltweit gefeierten Künstler-Dissidenten Ai Weiwei und die Anti-KP-Brandrede von Liao Yiwu, der Mitte Oktober den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt. "Hätte unser Meister Kong etwa nicht dazu Stellung genommen? Wäre er nicht stolz darauf gewesen?", fragte ein Blogger im chinesischen Internet, dort, wo sich oft auch die Gegenöffentlichkeit trifft - in der Volksrepublik sind mehr Menschen online als in den USA.
Aber während Meister Kong offiziell gepriesen wird und die Herzen der Ausländer gewinnen soll - ganz in den chinesischen Olymp darf er es doch nicht schaffen. Jedenfalls nicht auf Augenhöhe mit Mao: Die riesige Bronzestatue des Weisen, die noch im vergangenen Jahr kurzzeitig schräg gegenüber von dem Tor zur Verbotenen Stadt mit ihrem riesigen Porträt des Großen Vorsitzenden gestanden hatte, wurde ohne offizielle Begründung in den Innenhof des Nationalmuseums von Peking verfrachtet.
Ebenso große Rätsel wie dieser Umzug gibt eine Ausstellung dort auf: Jenseits von zusammengewürfelten Exponaten und Propagandafloskeln - die von 5000 Jahren glorreicher Zivilisation erzählen, die angeblich zwangsläufig in die kommunistische Revolution führen mussten - ist unklar, wie sich China wirklich sieht, wofür es stehen soll. Außer für einen kruden Materialismus: Die Ausstellungsräume im Nationalmuseum wurden gegen eine hohe Gebühr für Markenpräsentationen von Louis Vuitton und Bulgari zur Verfügung gestellt.
Und so präsentiert sich China am Vorabend des 18. Parteitags der KP als eine Supermacht zwischen übersteigertem Selbstwertgefühl und übertünchtem Minderwertigkeitsempfinden. Als ein Aufsteiger, der Ländern der Dritten Welt mit seiner Wirtschaftseffizienz womöglich etwas beibringen kann, aber dem hochentwickelten, demokratischen Westen kaum ein attraktives Gegenmodell zu bieten hat. "Wenn China die Frage nach seiner Identität nicht beantworten kann, bleibt sein Aufstieg blind", meint der Politikwissenschaftler Zhang Shengjun von der Beijing Normal University.
Dennoch verblüfft die Flexibilität seiner KP-Führung. Zu besichtigen beispielsweise in der boomenden 13-Millionen-Stadt Tianjin bei einem Besuch auf dem Flugzeugträger "Kiew". Das riesige Kriegsschiff, 1975 von der Sowjetmarine in Dienst gestellt, wurde 1996 von einem chinesischen Unternehmen gekauft und dient heute als Ausflugs- und Partyziel für Wohlhabende, die sich mehrere tausend Dollar für die Übernachtung in einem der zu Suiten umgebauten Offiziersquartiere leisten können.
Bis auf diese Räume ist der Flugzeugträger weitgehend unverändert geblieben, einschließlich der Kampfjets und der Bewaffnung. Zweimal am Tag gibt es für zahlende Besucher eine Kostprobe, was wirklich auf einen chinesischen Flugzeugträger zukommen könnte - beispielsweise auf den ersten funktionsfähigen der chinesischen Marine, der am 25. September in der Hafenstadt Dalian in Betrieb genommen wurde.
Showtime in Tianjin, Programmpunkt "Strike Force": Eine Schauspielertruppe imitiert die Abwehr einer feindlichen Macht. Von kleinen Schnellbooten hangeln sich Angreifer auf das Kriegsschiff, werden mit Kanonendonner und Flammenwerfern zurückgeschlagen. Der Krieg auf hoher See kennt nur chinesische Sieger. Denkt man. Bis man die Kämpfer nach dem halbstündigen Spektakel näher sieht: alles Langnasen, kein Chinese weit und breit.
Denn die Betreiber der Show haben die Action in fremde Hände gegeben: Mirage Entertainment, eine Firma mit Sitz nahe Los Angeles, stellt die Akrobatentruppe. Keine Berührungsängste mit dem Klassenfeind, der käme bei einem echten kriegerischen Konflikt wohl ebenfalls aus den USA.
Die amerikanischen Akteure haben ihre Visa, völlig untypisch für die Praxis der Volksrepublik China, direkt am Flughafen bekommen. Das Motto der Unterhaltungskünstler, die früher teilweise für den "Terminator 2"-Film tätig waren, lautet: "Wir machen alles wahr. Auch Ihre Alpträume." ◆
Von Erich Follath und Wieland Wagner

DER SPIEGEL 44/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Die Weisen und die Welteroberer

Video 01:08

Aufregender Trip Kajak-Tour durch leuchtendes Wasser

  • Video "Unternehmer im Klimastreik: Ich kann das einfach nicht mehr" Video 02:47
    Unternehmer im Klimastreik: "Ich kann das einfach nicht mehr"
  • Video "Korallenforscherin Verena Schoepf: Im Wettlauf gegen den Klimawandel" Video 43:02
    Korallenforscherin Verena Schoepf: Im Wettlauf gegen den Klimawandel
  • Video "Bewegendes Video: Zehnjähriger Skateboarder ohne Beine" Video 01:03
    Bewegendes Video: Zehnjähriger Skateboarder ohne Beine
  • Video "Höchstes Wohnhaus der Welt: Helles Zimmer mit Aussicht - aber teuer" Video 00:46
    Höchstes Wohnhaus der Welt: Helles Zimmer mit Aussicht - aber teuer
  • Video "Künstliche Welle: Profitour kommt zur Surf Ranch in Kalifornien" Video 01:16
    Künstliche Welle: Profitour kommt zur Surf Ranch in Kalifornien
  • Video "Explosion in Chemiefabrik: Metallteile werden zu gefährlichen Geschossen" Video 00:48
    Explosion in Chemiefabrik: Metallteile werden zu gefährlichen Geschossen
  • Video "Grenzmauer: Trump droht Mexiko mit neuen Zöllen" Video 01:19
    Grenzmauer: Trump droht Mexiko mit neuen Zöllen
  • Video "Helmkamera-Video: Motorradfahrer filmt Klippensturz" Video 00:57
    Helmkamera-Video: Motorradfahrer filmt Klippensturz
  • Video "Seltene Aufnahmen: Video zeigt Zebra mit Punkten" Video 01:00
    Seltene Aufnahmen: Video zeigt Zebra mit Punkten
  • Video "Rambo 5: Last Blood: Blutiger Abschied" Video 01:37
    "Rambo 5: Last Blood": Blutiger Abschied
  • Video "Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke" Video 01:07
    Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke
  • Video "Verirrte Meeressäuger: Menschenkette rettet Delfine" Video 01:01
    Verirrte Meeressäuger: Menschenkette rettet Delfine
  • Video "Uli Hoeneß: Kalkulierter Wutausbruch im Video" Video 02:47
    Uli Hoeneß: Kalkulierter Wutausbruch im Video
  • Video "Klimawandel in Spitzbergen: Wo die Winter immer wärmer werden" Video 02:54
    Klimawandel in Spitzbergen: Wo die Winter immer wärmer werden
  • Video "SUV: Wie schädlich sind SUV?" Video 02:11
    SUV: Wie schädlich sind SUV?
  • Video "Aufregender Trip: Kajak-Tour durch leuchtendes Wasser" Video 01:08
    Aufregender Trip: Kajak-Tour durch leuchtendes Wasser