29.10.2012

AUTOMOBILEGralshüter der Kletterkultur

Der Range Rover, einst Wegbereiter einer Landplage luxuriöser Pseudo-Geländewagen, soll sich abheben von der großen Schar seiner Nachahmer.
Im Umfeld der Wüste Sahara auf Schnee zu stoßen ist ein touristisches Erlebnis besonderer Exotik. Nur wenige dringen bis in die verschneiten Hochlagen des Atlasgebirges vor, unter ihnen vergangene Woche eine Reisegruppe deutscher Autotester.
Der englische Fahrzeugproduzent Land Rover präsentierte sein neues Luxusmodell Range Rover in Marokko. Auf holprigen Gebirgspfaden südlich von Marrakesch zeigte das Spitzenmodell der Marke (Preise ab 89 100 Euro) beachtliches Traktionsvermögen - und stellte damit aufs Neue die Glaubensfrage einer ebenso beliebten wie absurden Fahrzeuggattung: Wie geländetauglich muss ein Auto sein, dessen Transportauftrag selten über die tägliche Pflicht hinausgeht, füllige Wohlstandsmenschen zwischen Büro und Vorstadtvilla hin- und herzukarren?
Peter Modelhart, Geschäftsführer beim deutschen Importeur, hat da eine klare Meinung: "Unser Kunde", sagt er, "will nur das Ehrliche, das Echte. Kompromisse würden zu unserer Marke nicht passen."
Entsprechend wird der neue Range Rover neben einem nahezu lückenlosen Spektrum an Luxusausstattungen, die teils serienmäßig (lederne Sitzbezüge), teils aufpreispflichtig (lederner Dachhimmel) sind, vor allem über eine Fahrwerks- und Antriebstechnik verfügen, die dazu taugen könnte, den Automobilismus jeglicher Dankesschuld für die Erfindung des Asphalts zu entbinden.
300 Prototypen, versichert Erprobungsingenieur Mick Cameron, seien unter anderem in straßenbaulich unerschlossenen Gebieten Alaskas, Russlands und Afrikas gemartert worden, um sicherzustellen, dass dieses Auto "ein authentisches Offroad-Gefährt" werde und nicht etwa ein Pseudo-Geländewagen, wie ihn so mancher Wettbewerber vertreibe. Ungeniert zeigt Cameron Vergleichstabellen mit Konkurrenzfahrzeugen, die über kürzere Federwege verfügen, weniger Bodenfreiheit oder eine geringere "Wattiefe" - so lautet der Fachbegriff, mit dem das Vermögen eines Fahrzeugs definiert wird, in Gewässer einzudringen, ohne dass der Motor absäuft.
Der neue Range Rover kann solche Ausflüge unbeschadet in Tiefen von bis zu 90 Zentimetern vornehmen, sich also mit manchem Militärfahrzeug messen, und sendet damit eine Grußadresse an seine martialischen Ahnen. Als komfortableres Derivat des für Landwirte und Soldaten entwickelten Land Rover kam vor 42 Jahren das erste Modell heraus. Die Marke beflügelte damit eine in den USA aufkeimende Subkultur der Fahrzeugnutzung, die anfangs den Marketingabteilungen Rätsel aufgab und inzwischen unter dem Gattungsbegriff "Sport Utility Vehicle" (SUV) zu einer Pandemie des Straßenwesens angeschwollen ist.
Der einstige Pionier steckt in einer verzwickten Situation: Einerseits ist es ebendiese Erfolgswelle der Pseudo-Geländewagen, auf der Land Rover ein profitabler Großserienhersteller wurde, statt in der Pleite zu enden wie viele englische Autoproduzenten einschließlich seines Mutterhauses Rover. Andererseits steht und fällt die Magie der Marke mit der Illusion vom Gralshüter unverwässerter Kletterkultur.
Auf diesen Nimbus, erklärt Geschäftsführer Modelhart, legt die Klientel höchsten Wert. Und zur Pflege desselben muss Land Rover sogar Dinge tun, die aus technischer Sicht völlig unsinnig sind: So werden sämtliche Range Rover serienmäßig mit geländetauglichen M+S-Reifen ausgestattet, was auf der Straße mitunter zu längeren Bremswegen und höheren Verbrauchswerten führt.
Dies ist auch insofern misslich, als Land Rover im Herzen seiner Klientel eine zarte Ökosensibilität zu orten glaubt. So preist der Hersteller den neuen Range Rover als Muster an Leichtbau an. Dank einer Aluminiumkarosserie, leichteren Motoren und Fahrwerksteilen wiege er bis zu 420 Kilogramm weniger als der Vorgänger. Übrig bleiben so immer noch deutlich mehr als zwei Tonnen. Ingenieur Cameron nennt dies eine "Botschaft der Nachhaltigkeit".
Der Wagen bekommt in der sparsamsten Dieselvariante einen Normverbrauch von 7,5 Litern auf 100 Kilometer ausgewiesen, was Praxiswerte von rund 10 Litern erwarten lässt. Der Benziner schluckt im Stadtverkehr selbst gemäß der schmeichelhaften Normmessung über 20 Liter - ein Wert, der die Frage aufwirft, ob es SUV-Produzenten nicht gesetzlich untersagt sein sollte, mit dem Begriff "Nachhaltigkeit" zu werben, rein aus Gründen intellektueller Hygiene.
Auch die beste Allrad-Traktion führt schwerlich zu vernünftigen Argumenten für die Sinnhaftigkeit solcher Autos - nicht einmal in Marokko. Die Teststrecke, die Land Rover im Atlasgebirge ausgewählt hatte, verlief über steile Holperpfade hinauf zu einem Höhenpass. Dort stießen die Autotester nicht auf einen Ort beschaulicher Einsamkeit, sondern auf eine gutasphaltierte Straße, die zurück nach Marrakesch führt.
Das Ziel der beschwerlichen Testfahrt hätte auch ein Goggomobil erreicht.
Von Christian Wüst

DER SPIEGEL 44/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AUTOMOBILE:
Gralshüter der Kletterkultur

  • Korallenforscherin Verena Schoepf: Im Wettlauf gegen den Klimawandel
  • Tropensturm in Houston: Passanten retten Lkw-Fahrer das Leben
  • Klimastreik in New York: Greta Thunberg spricht vor Zehntausenden
  • Aufregender Trip: Kajak-Tour durch leuchtendes Wasser