29.10.2012

ROHSTOFFEKlondike in Lappland

Bergbaukonzerne plündern Europas reichste Gold-und Nickelvorkommen. Der Erzrausch im Norden Finnlands vergiftet Flüsse, Seen und Moore.
Armlange Hechte hat Riikka Karppinen hier gefangen. Tagelang sind sie und ihr Bruder durch diese sumpfige Wildnis gestreift. Vor acht Jahren, Riikka war gerade zehn, sah sie die ersten roten Stöcke aus dem Boden ragen. Anfangs waren es einige wenige, irgendwann dann Hunderte. "Damals scherte sich niemand darum", erinnert sich Riikka Karppinen.
Inzwischen sind den Markierungsstöcken die Maschinen gefolgt. "Tag und Nacht ist der Lärm der Bohrer zu hören", sagt Karppinen. Anglo American (AA), einer der weltgrößten Bergbaukonzerne, hat sich im finnischen Lappland, 120 Kilometer nördlich des Polarkreises, auf Schatzsuche begeben: In der Tiefe unter dem Moor Viiankiaapa liegen Nickelvorkommen, die AA als Jahrhundertfund preist.
Karppinens Kindheitsparadies ist damit zum Symbol geworden für einen Rausch, der das ganze Land erfasst hat. Auf der Jagd nach Metallen drängen ausländische Bergwerksgesellschaften nach Finnland. Dort, in einigen der ältesten Gesteine Europas, lagern teuer gewordene Rohstoffe, Geologen zählen die Erzvorkommen zu den reichsten der Welt.
Die finnische Regierung macht es den Prospektoren leicht, in der Hoffnung auf Arbeitsplätze und Investitionen. Die Lagerstätten sind bestens erfasst und kartiert, Daten und Schürfrechte werden großzügig und billig vergeben - sogar auf sensiblem Terrain. Im Land der 150 000 Seen machen sich die Gold-, Nickel- und Uransucher auch in Tourismus- und Naturschutzgebieten breit.
Mittlerweile betreiben 40 Gesellschaften Hunderte Explorationsprojekte im ganzen Land. Lapplands Kreisstädtchen Sodankylä etwa ist von den Claims der Bergbaukonzerne regelrecht umzingelt. Eine Handvoll Gruben fördert bereits die begehrten Metalle, aus den Abraumhalden sickert Gift in Seen und Flüsse.
Da wächst auch bei den langmütigen Finnen der Widerstand: 53 Tourismusunternehmer wehren sich gegen eine riesige Goldgrube beim nordostfinnischen Kuusamo. Dort, in Sichtweite eines beliebten Skigebiets, macht die australische Dragon Mining Probebohrungen. Mit 4,9 Gramm pro Tonne Gestein ist der Goldgehalt hoch - aber auch der Anteil an Uran, das mit dem Prozesswasser in die Seen der Umgebung gelangen würde. Zudem entweichen enorme Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid, wenn die Torfschichten für die Bohrungen abgetragen werden. "Die Kosten der Umweltschäden werden die Gewinne aus den Goldminen übersteigen", sorgt sich der finnische Naturschutzverband.
"Das Ausmaß des Tagebaus ist gigantisch", sagt der Geologe Matti Saarnisto, "eine Verschmutzung der Umwelt ist da unvermeidbar." Mit giftigen Metallen wie Arsen und Uran, aber auch mit Sulfaten, Zyaniden und Phosphaten würden die Gewässer Lapplands verseucht.
Saarnisto und der Ökonomieprofessor Olli Tahvonen kritisieren zudem die Verschleuderung der Schürfrechte. Für die Ausbeutung der Rohstoffe fordern sie eine Bergbausteuer. Unterstützung kam jetzt von geistlicher Seite: Nordfinnland dürfe nicht zu einer "Kolonie" werden, deren Reichtümer internationale Konzerne ohne Rücksicht auf die Natur plünderten, kritisierte die lutheranische Kirche auf ihrem Bischofstreffen.
Mit Eifer hatte Finnland an "Natura 2000" mitgewirkt, einem von der EU gegründeten Netz besonders kostbarer Schutzgebiete. Auch Viiankiaapa wurde aufgenommen: Auf 66 Quadratkilometern lebt hier eine außergewöhnliche Vielfalt von 90 Vogelarten, vom zierlichen Odinshühnchen bis zum massigen Auerhahn. 21 gefährdete Vogel- und 9 bedrohte Pflanzenarten sind in der vielgestaltigen Moorlandschaft zu finden.
"Wie ist es möglich, dass in einem solchen Schutzgebiet ein Bergwerk gebaut wird?", fragt sich Karppinen: "Was jetzt zerstört wird, bekommen wir nie wieder zurück." Mit 17 begann die Schülerin ihren Feldzug gegen Anglo American: "Allein gegen einen Riesen", schrieb damals "Lapin Kansa", Lapplands größte Zeitung. Karppinen wandte sich an Chefredakteure und Politiker, reiste 13-mal ins zwölf Zugstunden entfernte Helsinki. Die Lehrer gaben ihr frei, sie war ja schon immer die Klassenbeste. Die Eltern unterstützten sie, auch Vater Juha, der selbst in einem Goldbergwerk arbeitet.
Zuerst fand Karppinen die Treffen mit Abgeordneten und Ministern aufregend, dann war sie frustriert: "Niemand gab wirklich Antworten." Auch die damalige Umweltministerin Paula Lehtomäki von der Zentrumspartei beschwichtigte nur.
Sie geriet später ins Gerede, weil ihre Familie Aktien des Bergwerks Talvivaara für Hunderttausende Euro gekauft hatte. Kurz zuvor hatte Europas größte Nickelgrube beantragt, auch Uran fördern zu dürfen. Lehtomäki konnte bislang jedoch kein Zusammenhang mit dem Kauf nachgewiesen werden.
Soeben wurde die geplante Uranförderung durch ein Bürgerbegehren vorerst gestoppt. Talvivaara, 2008 eröffnet und als eine der wenigen Gruben weitgehend in finnischer Hand, ist vom Vorzeigeprojekt zum Desaster geworden: Erst stellte sich heraus, dass die Baugenehmigung schon gewährt war, als die Prüfung der Umweltverträglichkeit noch gar nicht abgeschlossen war. Dann wurden Sulfate und Mangan im Wasser der Seen gemessen, ihre Konzentration lag vielhundertfach höher als zulässig, nicht einmal für die Sauna taugte das Wasser mehr. Feriengäste beschwerten sich über den Faulgestank. In den Seen verendeten Wasservögel und Fische. Ein Grubenangestellter starb Anfang dieses Jahres, vergiftet durch Schwefelwasserstoffgas.
Auch die Zahl der Arbeitsplätze blieb weit hinter den Erwartungen zurück: Nur 130 Einheimische fanden einen Job in Talvivaara - der Tourismus der Region dagegen bietet Arbeit für 500 Menschen.
Viiankiaapa steht all das erst noch bevor. In der Nickelgrube Kevitsa, 40 Kilometer weiter nordöstlich, lässt sich besichtigen, was aus dem Moor noch werden könnte: eine staubschwarze Trümmerlandschaft, in deren Kratern haushohe Trucks und Kräne jährlich 5,5 Millionen Tonnen Fels bewegen. Das Gestein wird zermalmt, sortiert und mit Chemikalien behandelt. Die ausgebeuteten Massen landen auf der riesigen Abraumhalde, die hinter kilometerlangen Dämmen verborgen ist.
Betrieben wird Kevitsa von der kanadischen Minengesellschaft First Quantum. Sorgenvoll blickt Bergwerkschef Andrew Reid drein, der im August die erste Ladung Nickel und Kupfer zur Verhüttung nach Kanada geschickt hat: Der Preis für Nickel, Anfang vergangenen Jahres noch auf Höhenflug, ist abgestürzt. Die Absatzmärkte für den Stahlveredler schwächeln, längst übersteigt das Angebot die Nachfrage. Reid schließt nicht einmal mehr aus, "dass wir zumachen müssen".
Im Rathaus von Sodankylä herrscht dennoch euphorische Stimmung, insgesamt sind in der Gemeinde 20 Bergbauunternehmen tätig. "Fast jeden Tag kommt ein neuer Antrag", sagt Gemeinderatsvorsitzender Veikko Virtanen, "wir können gar nicht so schnell neue Karten herausgeben." Platz sei hier in Lappland genug, für Tourismus ebenso wie für Bergbau. Virtanen hat hochrechnen lassen, wie sich der Ort entwickeln werde, quasi als Dawson City im lappländischen Klondike: Die Einwohnerzahl werde von 1680 auf über 20 000 im Jahr 2020 hochschnellen. Ein neuer Kindergarten ist schon eröffnet, eine Eissporthalle wird zurzeit gebaut.
Noch ist das Klingelschildchen von Anglo American, gegenüber dem Rathaus, kaum zu finden, noch arbeitet das Team in bescheidenen Räumen. Doch auf einer Riesenbaustelle entstehen gegenwärtig 1000 Quadratmeter Büros, Labore und Lager. Noch drei, vier Jahre werde die Exploration in Tiefen bis zu einem Kilometer dauern, sagt Projektleiter Bo Långbacka. Im Bergbau müsse man einen langen Atem haben.
Die Gesteinsproben, mit Diamantbohrern aus 500 Meter Tiefe gedrillt, haben einen Gehalt von vier Prozent Nickel ergeben, erzählt Långbacka. Dank einer neuen Bohrmethode, sagt er, würden Erdreich und Wasser geschont.
Für Långbackas Chef Jim Coppard, bei AA zuständig für die gesamte Arktis, ist das Projekt der "Höhepunkt meiner Karriere". Die beiden Bosse spaßen gern mit den älteren Rechten der Erze: Die bildeten sich vor rund zwei Milliarden Jahren, das Moor erst vor 7000 und Natura 2000 vor nicht mal 15 Jahren. Aber natürlich liege ihnen die gute Zusammenarbeit mit den Einheimischen sehr am Herzen, betont Coppard.
Die protestierten gerade, AA habe die Abmachungen gebrochen: Der Konzern darf nur in der Frost- und Schneezeit bohren, damit der Boden nicht durch die schweren Maschinen beschädigt wird. Doch Karppinen hat umgefahrene Bäume und die Spuren von Kettenfahrzeugen gefilmt: AA habe offenkundig auch im Herbst gearbeitet. "Überdies ist die alte von der Regierung erteilte Bohrerlaubnis am 17. August abgelaufen", sagt Karppinen, "aber in Helsinki rührt sich niemand."
Im Café in Sodankylä erzählt sie von ihren Zukunftsplänen: Wenn sie Anfang Dezember das Abi abgeschlossen hat, will sie für die Grünen kandidieren und neuen Wind in den Gemeinderat bringen. Dann geht es nach Helsinki, in die Kaserne: Karppinen macht freiwilligen Wehrdienst.
Vom Nebentisch kommt eine ältere Frau. Sie schüttelt dem jungen Mädchen die Hand: "Großartig, was du für uns tust, meine Rückendeckung hast du."
Von Renate Nimtz-Köster

DER SPIEGEL 44/2012
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