29.10.2012

MUSIK„Spannungen im Hirn“

Der Regensburger Musikwissenschaftler Andreas Wehrmeyer, 53, Biograf des Komponisten Sergej Rachmaninow (1873 - 1943), über Musik und Erotik
SPIEGEL: In der Petersburger Philharmonie wurde für ein Konzert mit Rachmaninow-Kompositionen ein Mindestalter von 16 Jahren festgelegt - die Musik sei zu erotisch. Kann Musik zu sexy sein?
Wehrmeyer: In Russland wird Klassik noch ernst genommen - das ist doch eigentlich herrlich. Aber natürlich ist Musik zunächst ohne Aussage oder Bedeutung, entscheidend ist, was in sie hineingelegt wird.
SPIEGEL: Was ist so erotisch an Rachmaninows Musik? Im Film "Das verflixte 7. Jahr" möchte der Hauptdarsteller die Monroe zu den Klängen von Rachmaninows 2. Klavierkonzert verführen.
Wehrmeyer: Musik fügt Töne, Klänge und Rhythmus zusammen, und das führt, vereinfacht gesprochen, zu Spannung. In welcher Weise die sich im Gehirn zu Erotik auflädt, ist individuell und auch durch Sozialisation bedingt. Ein 14-jähriger Regensburger Domspatz mag Wendungen einer Palestrina-Messe als ebenso erotisch empfinden wie ein anderer Rachmaninows 2. Klavierkonzert. Zwar scheint es, als sei Rachmaninows Musik in anderem Ausmaße dazu prädestiniert, doch wäre es irrig zu glauben, das sei ihr Wesen selbst. Das sind verwickelte Rezeptionsprozesse. Hollywood hat sich der großen spätromantischen Musik der Russen bemächtigt, und das wirkt nun offenbar mit kurioser Wucht auf Russland selbst zurück.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, dass gerade jetzt die Debatte aufkommt? Ist Rachmaninow nicht längst als Nationalkomponist anerkannt?
Wehrmeyer: Rachmaninow war in die USA emigriert, manchen Russen fällt es schwer, ihn als Nationalkomponisten zu sehen. Möglicherweise lässt sich der Vorwurf übermäßiger Erotik von diesem Faktum nicht abkoppeln.

DER SPIEGEL 44/2012
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