29.10.2012

KINOQuantenspringer

Die Geschwister Lana und Andy Wachowski revolutionierten mit ihrer „Matrix“-Trilogie das Kino und blieben doch Hollywoods große Unbekannte. Für ihren neuen Film „Cloud Atlas“ treten sie in die Öffentlichkeit.
Wer im Beverly Hilton Hotel in Los Angeles einen Ort für eine geheime Liebesaffäre suchen würde, könnte kein besseres Zimmer finden. Es liegt im Erdgeschoss am Ende des Ganges, die Eingangstür ist von einer Palme verdeckt. Die Fenster liegen zum Innenhof, die Vorhänge sind zugezogen.
Die Geschwister Lana und Andy Wachowski haben sich dieses Zimmer ausgesucht, um ein Interview zu geben. Es ist dunkel, winzig klein, es erzwingt Nähe. "Wir setzen sehr viel aufs Spiel", sagt Lana. "Und wir werden viel dabei verlieren", sagt Andy. "Nämlich unsere Unschuld." Er lacht schallend.
Die Wachowskis sind eines der erfolgreichsten Geschwisterpaare des Kinos, und zugleich sind sie die großen Unbekannten Hollywoods. Seit ihrer "Matrix"-Trilogie, die weltweit über 1,6 Milliarden Dollar einspielte, gelten die beiden Regisseure und Drehbuchautoren als Genies und Visionäre. Doch sie blieben im Hintergrund und ließen sich nie interviewen.
Ihre "Matrix"-Filme spielen in einer seltsamen Zukunftswelt, in der die Maschinen die Macht übernommen haben. Die Menschen sind nur noch lebende Batterien, aus denen die Maschinen ihre Energie beziehen. Die Menschen dösen im Wachkoma dahin, alles, was sie zu erleben glauben, sind implantierte Scheinrealitäten. Sein und Schein? Körper und Geist? Und wie verändert das Internet unsere Vorstellung von Wirklichkeit? Es gab vieles, was man von den Wachowskis wissen wollte, doch sie schwiegen.
"Wer anonym ist, hat gegenüber jemandem, der berühmt ist, viele Privilegien", sagt Lana. Müssten sie Interviews geben, um Filme machen zu können, würden sie es sein lassen, sagten sie immer wieder.
Dann, vor zehn Jahren, begann Lana, die 1965 als Larry zur Welt gekommen war, eine Geschlechtsumwandlung. Im Internet verbreiteten sich rasch Gerüchte und Paparazzi-Fotos.
Die aus Chicago stammenden Wachowskis flüchteten vor den Nachstellungen. In Berlin produzierten sie 2005 den Zukunftsthriller "V wie Vendetta". Der Held dieses Films ist ein unbekannter Freiheitskämpfer, der sich hinter der Maske des katholischen Revolutionärs Guy Fawkes verbirgt. Sie ist heute das Symbol der Occupy-Bewegung, das Symbol einer Anonymität, hinter der sich ungeheure Macht verbirgt.
Ebenfalls in Berlin drehten die Wachowskis 2007 "Speed Racer", eine Comic-Adaption, es wurde ihr erster Flop. Im vergangenen Herbst verfilmten sie in den Babelsberger Studios David Mitchells Bestseller "Cloud Atlas" (SPIEGEL 36/2012) für hundert Millionen Dollar, zusammen mit dem Deutschen Tom Tykwer ("Lola rennt") als Co-Regisseur. Es ist die Adaption eines Romans, den selbst sein Autor für unverfilmbar hielt.
"Dieser Film ist ein Kind, das Schutz braucht", sagt Andy. "Und wenn wir uns schützend vor ihn stellen wollen, dann können wir uns nicht weiter im Dunkeln verbergen", sagt Lana. "Dann müssen wir raus." "Und außerdem", setzt Andy hinzu und blickt zu Tykwer hinüber, "sind wir jetzt nicht mehr zu zweit."
Die Adaption von "Cloud Atlas" ist nichts weniger als der Versuch, das Kino nach den "Matrix"-Filmen ein weiteres Mal neu zu erfinden. "Cloud Atlas" soll die konventionellen Erzählweisen des Kinos, so sagen die drei voller Selbstbewusstsein, revolutionieren.
Mitchells Roman erzählt sechs Geschichten. Eine handelt von einem Amerikaner, der sich Mitte des 19. Jahrhunderts entschließt, gegen die Unterdrückung zu kämpfen; eine weitere spielt im Belgien der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts und dreht sich um einen Musiker, der gegen seinen herrischen Auftraggeber rebelliert; die anderen Episoden spielen in den siebziger Jahren, in der Gegenwart und auf zwei verschiedenen Zukunftsebenen. Sie beschreiben Kämpfe für Freiheit und Gerechtigkeit.
Tykwer und die Wachowskis erzählen all diese Geschichten nicht nacheinander, wie Mitchell in seinem Roman, sondern gleichzeitig. Der Film ist eine einzige Montage, die den Zuschauer in Sekundenschnelle durch die Jahrhunderte katapultiert, die von einem Klon im Seoul des Jahres 2144 zu einem Sklaven auf einem Segelschiff des Jahres 1849 springt.
"Wir mussten den Roman in seine Elementarteilchen auflösen, um ihn wie über eine Infusion in uns aufzunehmen", sagt Lana. Das klingt seltsam und erinnert an die "Matrix"-Filme, in denen Bewusstseinsinhalte über Leitungen direkt ins Gehirn der Menschen eingespeist werden. Wenn Lana von geistigen Prozessen erzählt, benutzt sie gern physische Begriffe.
"Das war schon als Kind so", erinnert sie sich. "Die Bücher, die ich gelesen habe, habe ich mir körperlich angeeignet, ich habe einzelne Sätze unterstrichen, die Ecken der Seiten umgeknickt, um sie zu markieren, und sogar Seiten rausgerissen." Andy bekam, was übrig war. "Ich war das jüngste von vier Geschwistern", erzählt er. "Wenn ich die Bücher lesen durfte, fehlte schon eine Menge."
Es wurde viel gelesen in der Familie Wachowski. "Für mich", sagt Lana, "waren Bücher Notausgänge aus der Wirklichkeit." Die Kinder, Larry, Andy und ihre beiden Schwestern, wurden von den anderen Kindern im Viertel angefeindet. "Wir hatten nicht viel Geld und lebten in einem irisch dominierten Viertel von Chicago. Mein Vater war Pole, und er war Atheist."
Bald galten die Wachowski-Kinder als Außenseiter, weil sie ihre "Nasen in Bücher steckten", statt mit den anderen auf der Straße zu spielen. "Ich war ja auch ein seltsames Kind", erzählt Lana. Als sie auf eine katholische Schule kam, wusste sie nicht, wo sie sich einreihen sollte, bei den Jungs oder bei den Mädchen. "Ich wurde oft verdroschen."
Während ihre Schulkameraden Tolkiens "Herr der Ringe"-Bücher verschlangen, las Lana Victor Hugos Roman "Die Elenden". "Das war historisch, das war real." Die Idee eines Aufstands, der die Welt grundlegend verändert und die Machtverhältnisse umkehrt, prägt das Werk der Wachowski-Geschwister. Sie drehen immer wieder Revolutionsfilme.
Die Eltern gingen mit ihren Kindern oft ins Kino, gern in Doppelprogramme, von "Film-Orgien" reden die beiden heute. Als Lana zehn Jahre alt war und Andy sieben, sah sich die Familie zusammen Stanley Kubricks Science-Fiction-Klassiker "2001: Odyssee im Weltraum" an, den selbst Erwachsene kaum verstehen. Für Lana und Andy sind Filme bis heute Geheimnisse, die es zu ergründen gilt.
Als Kinder erfanden sie Rollenspiele, als Jugendliche zeichneten sie Comics, als Erwachsene gründeten sie eine Baufirma. Sie hatten vom Bauen keine Ahnung, aber sie mussten ihren Lebensunterhalt verdienen.
Ähnlich gingen sie ans Kino heran, mit der Unbekümmertheit von Autodidakten. Sie wussten nie genau, ob das funktionieren würde, was sie sich vornahmen. Aber sie wussten: Es musste neu, groß, überwältigend werden. Die "Matrix"-Filme etwa sind berühmt dafür, zwei Geschwindigkeiten in einem Bild zu kombinieren, ein Quantensprung für das Kino.
"Wir knüpfen an die Filme unserer Kindheit an, und das war kein Popcorn-Kino", sagt Andy. "Es ist uns zu wenig, wenn die Zuschauer sich gut unterhalten fühlen und ihrer eigenen Realität entfliehen können", sagt Lana. "Kunst kann eine überwältigende Kraft entfalten, die unser Leben verändert."
Ein seltsames Geschwisterpaar: Andy, ein Hüne im Rocker-Outfit, der Lana, das Hippie-Mädchen mit den roten Rastalocken, anschaut wie die große Schwester, die er sich schon als Kind gewünscht hat. "Wenn ein Journalist ihr die falsche Frage stellt", sagt Andy, "dann haue ich ihm eine Flasche über den Kopf." Einen größeren Liebesbeweis, erwidert Lana, könne es nicht geben. Sie wirkt wie die Architektin, die mit großer Geste plant; er wie der Statiker, der durchrechnet, ob das Ganze wirklich stehen kann.
Die "Matrix"-Trilogie steht nach wie vor, alles überragend. Sie wurde das, wovon Hollywood schon lange träumt: ein intellektueller Blockbuster, ein Action-Spektakel, das die großen Menschheitsfragen angeht. David Mitchell lässt in "Cloud Atlas" eine seiner Heldinnen ein Interview mit Alfred Hitchcock führen. "Ich bin nicht das Orakel von Delphi, sondern ein Hollywood-Regisseur", sagt Hitchcock in diesem Interview. Die Wachowskis sind sich da nicht so sicher.
Die Frage aber, worum es wirklich geht in "Cloud Atlas", scheint kompliziert zu sein. "Er handelt davon, wie wir Menschen uns durch Geschichtenerzählen definieren", sagt Lana. "Der Film attackiert unentwegt die Sehgewohnheiten des Zuschauers", sagt Tykwer. "Es geht um Seelenwanderung", sagt Andy.
Tatsächlich spielen die Darsteller dieses Films, darunter Tom Hanks, Halle Berry und Hugh Grant, jeweils bis zu sieben Rollen; sie verkörpern Reinkarnationen einer Figur, die sich im Laufe der Zeit wandelt. Ein korrupter Arzt im 19. Jahrhundert wird in ferner Zukunft zum Kämpfer gegen die Unterdrückung.
"Klar glaube ich an Wiedergeburt", ruft Andy aus. "Schauen Sie sich meine Schwester an!" "Nein", entgegnet Lana, "ich bin keine Expertin für das Verhältnis zwischen Körper und Geist, nur weil ich mein Äußeres meinem Inneren angepasst habe. Ich glaube nur nicht, dass die Geschlechter ein binäres System sind, in dem man zwischen weiblich und männlich klar unterscheiden kann. Es ist ein Spektrum mit zahllosen Abstufungen."
Lana sitzt in dem Sessel im Beverly Hilton, in einem grauen, fließenden Kleid, sie hat ihre Beine, die in schwarzen Gamaschen stecken, über die Seitenlehne geworfen, mal beißt sie sich, vermeintlich weiblich, auf die Fingernägel, mal reibt sie sich, vermeintlich männlich, die Nase. Sie wirkt wie eine menschgewordene Utopie: ein Wesen, das die Trennung der Geschlechter überwunden hat.
Ihr Lieblingswort ist "Transformation", sie benutzt es oft, sie erzählt davon, wie man einen Roman in einen Film transformiert oder die Tochter eines Sklavenhalters in eine Kämpferin für die Freiheit. Was immer du tust als Mensch, es hat Einfluss auf die Entwicklung der gesamten Menschheit, sagt der Film.
"Cloud Atlas" ist eine Kopfgeburt, die mit der Kraft der drei Herzen ins Leben gepresst wird, ein bizarrer, faszinierender Wechselbalg des Kinos: virtuos, brillant, tatsächlich einzigartig in seiner Struktur; aber zugleich fast übergriffig in der Unablässigkeit, mit der er seine Zuschauer zu besseren Menschen bekehren will, auch wenn Tykwer sagt, dass der Film unideologisch sei.
Und natürlich ist nichts falsch daran, wofür "Cloud Atlas" eintritt: für Gleichberechtigung, für Freiheit, die des Körpers und die des Geistes, für die Verständigung zwischen den Rassen und den Geschlechtern, für Uneigennützigkeit und Mut im Kampf gegen die Barbarei.
Das US-Branchenmagazin "Hollywood Reporter" prophezeit "Cloud Atlas", der soeben in Nordamerika angelaufen ist und am 15. November in die deutschen Kinos kommt, einige Oscar-Nominierungen. Tatsächlich hat der Film genau die Mischung aus künstlerischer Ambition und humanistischer Botschaft, aus der Oscar-Filme gemacht sind.
In "Cloud Atlas" sagt eine der Figuren: "Wenn ich im Verborgenen geblieben wäre, dann wäre die Wahrheit nie ans Licht gekommen." Dieser Satz stamme von ihr, sagt Lana, "und er kommt von Herzen". Wenn man Menschen dazu bringen wolle, sich zu sich selbst zu bekennen, dann müsse man eben aus der Anonymität heraustreten.
Man kann diesen Satz pathetisch finden; aufrichtig ist er ohne jeden Zweifel.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 44/2012
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