29.10.2012

KUNSTEnde des Doppellebens

Ganz öffentlich löst sich der Begriff des Privaten auf. Eine Ausstellung in Frankfurt am Main fragt: Ist das befreiend oder bedrohlich?
Vielleicht ist die Privatsphäre gar nicht schützenswert. Vielleicht ist sie die Hölle. Richard Billingham zeigte in den neunziger Jahren Fotos von seiner Familie aus Birmingham, von seinem versoffenen Vater, von der ins Unerträgliche aufgedunsenen Mutter, von dem verwahrlosten Leben, das diese Messies für ihn und seinen Bruder gestalteten.
Billingham war jung und in kürzester Zeit weltbekannt. Mit seinen Aufnahmen traf er ein Gefühl, den Wunsch, aufzuhören mit den Scheinheiligkeiten. Das, was sonst verborgen wird, weil es niemanden etwas angeht, machte er öffentlich. Er zwang die Menschen mit seinen radikalen Bildern zum Hinsehen und auch dazu, über ihr eigenes Doppelleben, ihr Leben zwischen privater und öffentlicher Sphäre, nachzudenken.
Die Fotos waren Zeugnisse einer unheilen Welt, und der Ausstellungsbetrieb griff fasziniert zu. Ende der neunziger Jahre ließ dann die Künstlerin Tracey Emin in London ein Bett ins Museum stellen. Es war ihre eigene Schlafstätte, ihr Lebensraum mit Wodkaflasche, Pillenschachteln, Kondomen, einem Schwangerschaftstest. Ein Werk zwischen Narzissmus und Verzweiflung, oft belächelt, aber doch wichtig.
Beide, Billingham und Emin, nahmen in ihrer Kunst eine Frage vorweg, die bis heute unbeantwortet geblieben ist. Ist die Vorstellung, dass das Private seine Bedeutung verliert, eine befreiende oder eine bedrohliche?
"Privat" heißt eine Schau in der Frankfurter Kunsthalle Schirn, die in dieser Woche beginnt. Sie widmet sich dem Verlust des Privaten, dem Niedergang eines zivilisatorischen Konzepts. Der Ausspruch des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg, Privatheit sei eine überholte soziale Norm, gab den Anstoß zu der Ausstellung, im Katalog ist oft von "Post-Privacy" die Rede.
Noch vor ein paar Jahrzehnten war die Privatsphäre klar umrissen: Sie begann hinter der Haustür. Im besten Fall war sie ein geschützter Raum, ein Ort der Geborgenheit. Dann brachte Emin ihr Bett ins Museum, im Fernsehen lief erstmals "Big Brother", weitere Reality-Formate kamen hinzu, Durchschnittsmenschen öffneten ihre Haustür für ein Millionenpublikum. Ganz öffentlich ging das Private verloren, und das Internet erwies sich als ungeheurer Beschleuniger.
Früher war es vor allem dann riskant, das Persönliche öffentlich zu machen, wenn es nach den jeweiligen sozialen Maßstäben nicht vorzeigbar war. Im 19. Jahrhundert ging van Gogh dieses Wagnis ein, er war gnadenlos in der Betrachtung seiner selbst. Er zeigte sich in vielen Selbstporträts in seiner Erfolglosigkeit und Armut, auch in seiner körperlichen und seelischen Verletzbarkeit.
Mehr als hundert Jahre später, nach der Jahrtausendwende, wurde der New Yorker Dash Snow überhaupt nur deshalb zum Star der Kunstszene, weil er den eigenen Untergang zum Motiv machte. Er, der unglückliche Nachkomme einer Öldynastie, landete früh auf der Straße. Auf Fotos dokumentierte er die Partys, den Rausch, die Abstürze, die Tochter, die er noch bekommen hat. Auch er versuchte, aus seiner Hölle herauszukommen, auch er machte - wie schon Billingham - alles sichtbar. Geholfen hat es nicht. 2009 starb er an einer Überdosis.
Die Ausstellung zeigt diese Dokumentation eines Lebens, sie gewährt noch ganz andere Einblicke, man könnte ihr vorwerfen, das Thema zuzuspitzen, ins Extreme zu verzerren. Viel Sex. Der Film einer Geburt aus dem Jahr 1959. Betrunkene Frauen, ohne ihr Wissen gefilmt, dem Internet ausgeliefert und nun, ebenso unfreiwillig, zu Protagonistinnen von Videokunst geworden.
Andy Warhol filmte seinen Liebhaber schlafend. Bei Ai Weiwei wird das Private tatsächlich politisch. Das chinesische Regime terrorisiert ihn, will über ihn und sein Denken bestimmen, und er macht das öffentlich, er hat die Stärke zu zeigen, dass er ein Opfer ist.
Es ist eben die Realität, die von Jahr zu Jahr absurder wird, auch brutaler. Die Privatheit ist 2012 endgültig eines der großen Geschäfte, Facebook ist inzwischen an der Börse vertreten. Die Ehefrau eines ehemaligen Bundespräsidenten schreibt ein Buch, auch, weil sie sich gegen Gerüchte über ihr Privatleben wehren will, und wird selbst sehr indiskret. Ein sechs Jahre altes Scheidungskind ist womöglich die am häufigsten fotografierte Person des Sommers: die Tochter von Tom Cruise. In Kanada hat sich gerade ein Mädchen umgebracht, das auf dem Schulhof und im Netz gemobbt wurde. Es war seinen Peinigern überall ausgeliefert, es besaß keinen Schutzraum. Die 15-Jährige hatte sich der Welt kurz vor ihrem Selbstmord noch über YouTube anvertraut.
Das Individuum ist in der neuen Gesellschaft, in der medial und digital erweiterten Realität, wichtiger und unwichtiger denn je. Jeder kann sich zur öffentlichen Figur erheben, aber weil es jeder kann, geht der Einzelne unter. Menschen brauchen Rückkoppelungen und verirren sich dann ins Netz. Oft ist das harmlos.
Oft auch nicht. Die Menschen sind nicht nur dauerhaft erreichbar, sie sind auch immer auf Sendung. Zur zeitgenössischen Selbstbestimmung gehört es, Geheimnisse auszuplaudern, statt sie zu wahren. Die Künstler machen das mit. Etwa wenn sie - wie in der Frankfurter Schau in einem Video zu betrachten und zu belauschen - private Chats von Schauspielern nachsprechen lassen.
Niemand ist in einer zunehmend unprivaten Zeit noch vor irgendetwas sicher. Fotos von jungen, halbnackten Mädchen in ihren Kinderzimmern sind in Frankfurt zu sehen, Bilder, wie sie das Internet bereithält und wie sie der junge amerikanische Fotograf Evan Baden nachstellen ließ.
Der US-Fotograf Leigh Ledare verkauft sogar die eigene Mutter, wenn es um seine Kunst geht. Er zeigt sie in Situationen, die pornografisch sind, mit diversen Liebhabern. Es ist in diesen Zeiten womöglich gar nicht mehr so überraschend, dass die ganze Welt sie so sehen kann, aber es schockiert, dass der eigene Sohn sie so sehen wollte. Dass er seinen Ödipuskomplex auslebt, dass er dafür ein Publikum braucht. Auch das sind traurige Bilder.
Der New Yorker Künstler Ryan McGinley verlor Freunde an Drogen, ein Bruder starb früh an Aids. Seine Fotografien dagegen zeigen ein Paradies, es sind Darstellungen der Freundschaft. Junge Menschen kosten ihr Leben aus, klettern nackt auf Bäume, suchen das Idyll der Natur. Auch das ist so eine Vision: Das ideale Privatleben könnte einem das Gefühl von Freiheit vermitteln.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 44/2012
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