29.10.2012

AUTORENGrenzgänger im ewigen Eis

Christoph Ransmayrs „Atlas eines ängstlichen Mannes“ ist ein verschwenderisches Buch - eine Reise um die Erde in 70 Prosa-Bildern.
Vier Jagdflugzeuge fegen im Tiefflug über die drei Wanderer hinweg, die einen Berghang erklimmen. Ein Schriftsteller aus Österreich, eine italienische Ärztin und ein deutscher Biologe sind unterwegs am Rande eines Stausees im bolivianischen Hochland.
Die Militärflugzeuge sind offenbar eine Machtdemonstration des neuen Diktators, der sich gerade an die Spitze des Staates geputscht hat. Wütend streckt die Ärztin aus Mailand den Fliegern die Faust entgegen und ruft ihnen "No pasarán!" nach: Sie werden nicht durchkommen. Eine hilflose Geste, scheinbar ins Leere.
Doch dann schert eine der Maschinen aus, fliegt in einer steilen Kurve zurück und beschießt die drei Menschen, die keinerlei Deckung haben und sich auf den Boden werfen. Getroffen werden sie nicht. Vielleicht haben sie Glück, vielleicht will der Pilot sie nur erschrecken.
Der Schriftsteller, der sich an diese Szene erinnert, ist Christoph Ransmayr. Die sechs Seiten umfassende Erzählung "Luftangriff" stammt aus seinem "Atlas eines ängstlichen Mannes", einem neuen Buch, in dem Prosa-Schlaglichter atemlos aufeinander folgen und einen Blick in die Welt werfen, wie er weder per Ferndiagnose noch mit Google Street View zu haben ist. Eine Reise um die Erde in 70 Bildern.
Der Österreicher Ransmayr, 58, ist seit Jahrzehnten "Grenzgänger und Dichter", wie es sein Freund und gelegentlicher Weggenosse Reinhold Messner einmal formuliert hat. Ransmayrs Erinnerungsbilder heben sich vom Genre der Reiseliteratur so grundsätzlich ab wie von der zielgerichteten Reportage. Die weitgestreuten Ziele sind zwar lokalisierbar, doch es finden sich weder genaue Zeitangaben, noch spielt der zeithistorische Hintergrund eine bedeutende Rolle, auch wenn die politische Situation in den bereisten Ländern jeweils erkennbar wird - wie der Putsch des Generals García Meza in Bolivien im Juli 1980.
Es sind nicht gerade Komfortreisen, die Ransmayr unternimmt. Er erlebt tragische und komische Situationen, Todesnähe und Lebensfreude. Er begegnet trauernden und tanzenden, gastfreundlichen und hilfsbereiten Menschen. In Griechenland gibt es ein Erdbeben, in Sydney einen totalen Stromausfall, in Sri Lanka einen Bürgerkrieg. Mal liegt der Reisende mit einer Infektion darnieder, mal droht ein Sturz in die Tiefe, mal steht er ratlos vor einem geschlossenen Flughafen oder einem zerstörten Hotel.
Einmal betritt der Schriftsteller erstmals den Schauplatz seines Debütromans, das Kaiser-Franz-Joseph-Land in der Arktis. Im Roman "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" erzählte er 1984 von einer realen österreichisch-ungarischen Polarexpedition aus dem Jahr 1873, die dem Archipel seinen Namen gab. Nun ist er an Bord eines russischen Eisbrechers hierhergekommen, mitten im Packeis ruht das Schiff.
Der erste Offizier hat ihm und seinem Freund die Erlaubnis erteilt, ohne Begleitmannschaft in die Schneelandschaft zu marschieren. Plötzlich kreuzt eine Eisbärin mit zwei Jungen den Weg der beiden Wanderer. Das Raubtier ist glücklicherweise an ihnen nicht interessiert und wendet sich ab. Als aber wie verabredet der Helikopter auftaucht, der sie zum Schiff zurückbringen soll, gibt es eine Bruchlandung. Der Pilot überlebt, und gemeinsam warten sie auf einen Ersatzhelikopter.
Bei dem Freund, mit dem der Schriftsteller hier unterwegs war, handelt es sich um Reinhold Messner. Tatsächlich fand die Arktisreise im Juli 2002 statt. Was Ransmayr einst in seinem ersten Roman aufgrund von Aufzeichnungen und Dokumenten imaginiert hatte, erfuhr er rund zwanzig Jahre nach der Niederschrift und mehr als ein Jahrhundert nach der Expedition am eigenen Leib: die Glücksmomente, Strapazen und Gefahren auf dem "Weg durch eine stillstehende Zeit".
Ransmayr ist längst eine unverkennbare Größe in der Gegenwartsliteratur geworden. Er hat Zeit, er nimmt sie sich. Er hat Raum, er sucht ihn sich. Er hat Mut und Beharrlichkeit. Ohne jedes Protzgehabe entschwebt er immer wieder den kurzfristigen Aufregungen und Eitelkeiten der Branche. Ich bin dann mal weg - bei ihm hat es Methode.
Der Bestsellererfolg seines zweiten Romans "Die letzte Welt", vier Jahre nach den "Schrecken des Eises und der Finsternis" erschienen, erlaubte ihm früh, sich den Erwartungen des Marktes zu entziehen. Der große Publikumserfolg gelang ihm ausgerechnet mit einem Roman, der im alten Rom spielt und einen antiken Dichter zum Helden hat: Ovid, den Schöpfer der "Metamorphosen", den ein eitler Kaiser ins Exil verbannte.
Ransmayr meidet die Wiederholung, jedes seiner Bücher hat seine eigene Form. Sieben Jahre ließ Ransmayr sich Zeit für den dritten Roman "Morbus Kitahara", eine zeithistorische Phantasie über einen alternativen Verlauf der europäischen Nachkriegsgeschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Elf Jahre dauerte es dann, bis 2006 das Versepos "Der fliegende Berg" folgte: eine Erzählung vom Tod in den Bergen.
Schon bei der Vorbereitung und Entstehung dieses Romans spielte die Freundschaft mit dem Bergsteiger Messner eine wesentliche Rolle. Im neuen Buch, das mit seiner Mosaikstruktur wieder ganz anderen formalen Gesetzen folgt, findet sich noch eine weitere Geschichte mit Messner: eine gemeinsame Bergbesteigung im westlichen Himalaja, eine Wanderung ohne Weg und Spur durch den Tiefschnee in einer unwirtlichen und betörenden Landschaft. "Mit unseren schweren Rucksäcken versanken wir bis an die Knie, manchmal bis an die Hüften im Schnee", erinnert sich Ransmayr in seiner Erzählung "Die Ankunft".
Es scheint nicht einmal sicher, ob am Ziel, einem 4000 Meter hoch gelegenen Dorf im Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet, überhaupt Menschen anzutreffen sind. Die Verabredung der beiden Wanderer lautet, dass jeder seine Geschwindigkeit selbst bestimme. "Also stieg und stapfte bald jeder allein", heißt es lapidar. "Mein Freund war nach einer Stunde außer Sichtweite, erschien gelegentlich als kleiner werdende Gestalt hoch in den Steilhängen, verschwand schließlich in den Wolken."
Berichten könne nur einer, so hat Ransmayr vor zwölf Jahren einmal notiert, "der eine Geschichte überlebt hat, und der nun, in der Sicherheit eines geschützten Ortes, denen davon erzählt, die hier seine glückliche Rückkehr erwartet haben".
Natürlich sind nicht alle 70 Erzählungen dieses Buchs von Gefahren und Strapazen geprägt. Aber für alle gilt, dass hier ausschließlich von Orten die Rede ist, "an denen ich gelebt, die ich bereist oder durchwandert habe, und ausschließlich von Menschen, denen ich dabei begegnet bin", wie Ransmayr eingangs schreibt.
Durch ein unscheinbares episches Signal ist der Strom des Erkundens und Wahrnehmens verkettet. Jede der Geschichten beginnt mit derselben Formel: "Ich sah". Was eintönig sein könnte, erzeugt nach und nach einen regelrechten Sog. "Ich sah eine rote Schwimmweste am Rand eines wogenden Treibgutfeldes im Indischen Ozean", heißt es etwa. Oder: "Ich sah einen nackten Mann im Fernglas aus meiner Deckung hinter staubigen Feuerdornsträuchern." Oder auch: "Ich sah eine Henkerschlinge auf der haushohen Plakatwand, die das flache Gebäude einer Grenzstation überragte." Oder lapidar: "Ich sah Gespenster."
In einem einzigen Fall berichtet Ransmayr von einer Situation, die er nur vom Hörensagen kennt. Ein kleines Mädchen aus Österreich sucht auf dem Weg zur Dorfschule die Hand seines größeren Bruders, der es begleitet. Er aber ist, verstört vom elterlichen Gezanke daheim, ganz und gar unwillig, die von ihm geforderte Rolle als Beschützer zu übernehmen. Die Schwester bleibt allein in Schnee und Nebel zurück, verloren, verängstigt von einem bellenden Hund und einem herannahenden Gewitter.
Die Geschichte geht gut aus, der Bruder kehrt zurück, nimmt sie an die Hand. Doch die Frau, die ihrem Lebensgefährten Ransmayr viele Jahre später von dieser Begebenheit aus ihrer Kindheit erzählte, ist inzwischen gestorben. Die Erzählung "Mädchen im Wintergewitter" ist ein Epitaph auf jene Johanna, mit der der Autor fast zwanzig Jahre gelebt hat.
Der "Atlas eines ängstlichen Mannes" ist das bisher persönlichste Buch des Schriftstellers. Der Titel ist keine Koketterie. Christoph Ransmayr kann das alles deswegen so instruktiv und intensiv beschreiben, weil er kein bloßer Abenteurer ist, sondern auf eine glückliche Rückkehr hofft, auf den Moment, da er seine Notizen in die endgültige Form bringen kann - eine Form, in der das aufgehoben ist, was er mit den wachen Augen eines Menschen gesehen hat, der sich aussetzt und seine Ängste immer wieder neu überwindet, um erzählen zu können.
Christoph Ransmayr: "Atlas eines ängstlichen Mannes". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 464 Seiten; 24,99 Euro.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 44/2012
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