29.10.2012

Unser Mann im Hades

FILMKRITIK: In „Skyfall“ taucht James Bond ins Jenseits ab und feiert furios Auferstehung.
Film ist Film, und ein WikiLeaks-Schrat kann eigentlich kein Bond-Schurke sein - trotzdem werden Julian Assange und seine Freunde an dem neuen James-Bond-Abenteuer "Skyfall" keine rechte Freude haben. In diesem Werk ist der Mensch, der militärische Geheimnisse für jedermann zugänglich ins Netz stellt, sehr böse; er sorgt für Aufruhr in fernen Ländern und für die Enthauptung diverser Terroristenunterwanderer; und er hat nicht bloß schrecklich helles, zu einer Idiotenfrisur gestriegeltes Haar, sondern ist dazu noch von einer sexuellen Hyperaktivität angetrieben, die beim Kinopublikum für einige Heiterkeit sorgen wird.
Javier Bardem verkörpert in "Skyfall" jenen Gegenspieler, der nach ehrwürdiger Tradition dem Geheimagenten 007 das Überleben schwermacht und die Weltherrschaft praktisch in der Tasche hat. Bardems Filmbösewicht heißt Silva und hat das Internet in seinem Krakengriff, er kann beliebig hetzen, auf fremde Computer zugreifen und sogar im Chefbüro des britischen Geheimdienstes MI6 Verheerungen anrichten, die der von Judi Dench gespielten Führungskraft M die Zornesröte ins gütig zerknitterte Gesicht zaubern.
Dazu ist Silva scharf auf Bond. Das kostet den Agenten ein Lächeln. Charmant lässt Bond durchblicken, gelegentliches Schwulsein verstehe sich für ihn von selbst.
"Skyfall" ist der dritte James-Bond-Film nach "Casino Royale" und "Ein Quantum Trost", für den sich Daniel Craig in die Agentenrolle hineintrainiert hat - und er ist sicher der furioseste und auch lustigste dieser drei Filme. Man sieht Motorradverfolgungsjagden über die Dächer und durch den Basar von Istanbul oder eine entgleiste U-Bahn, die in ein Londoner Kellergewölbe donnert. Doch nicht aus den Explosionen, zerberstenden Gemäuern und Superstunts entsteht die Kraft dieses Films, der den Zuschauer 143 Minuten lang in
seinen Bann zieht, sondern aus der Ruhe, mit welcher der Regisseur Sam Mendes dieses James-Bond-Abenteuer erzählt.
Mendes zeigt den Helden Bond endlich nicht mehr als grundsätzlich fragwürdige Figur. Er schenkt ihm ein Seelenleben. Statt, wie es die bisherigen Craig-Bond-Filme taten, seine Zuschauer ständig mit dem Zweifel zu piesacken, ob der Held noch zeitgemäß sei, ist dieser Bond stolz auf seine Macken. Seine Leidenschaft ist die Jagd, egal ob es um Mistkerle, um Frauen oder um Autos geht. Seine kindliche Schwäche ist der Spaß am Herumballern. Auch wenn seine Hand leicht zittert.
Bonds verlorene Leichtigkeit hat vielleicht damit zu tun, dass Daniel Craigs Figur eine gewisse Verbissenheit ins Gesicht gemeißelt ist. Er ist immer noch der Typ, der in "Casino Royale" auf die Bond-Frage, ob er seinen Martini gerührt oder geschüttelt trinke, geantwortet hat: "Sehe ich aus, als ob mich das interessiert?" Auch die Sache mit den Frauen ist für diesen Kerl in erster Linie: Arbeit. Die Spielcasino-Schönheit Bérénice Marlohe, diesmal Bond-Girl Nummer eins, beflirtet Craig mit dem Putin-Lächeln des zähen Kämpfers. Einzig mit seiner taffen Agentenkollegin Eve (Naomie Harris) findet dieser Bond auch im Bett ein Quantum Lust.
Abgründe tun sich in "Skyfall" gleich zweimal auf. Kurz nach Beginn wird Bond von einer Kugel getroffen, stürzt von einer Brücke und taucht ins tiefe Wasser. Dann ist er Tage und Wochen verschwunden. Wir Kinozuschauer sehen ihn beim Schnapssaufen in Spelunken, wo Skorpione auf dem Tresen lungern, und am Strand eines düsteren Meeres. James Bond ist unser Mann im Hades, und als er aus der Unterwelt zurückkehrt, tut dieser Bruder des Orpheus seine Erlebnisse grimmig ab. Jeder Mann brauche ein Hobby, sagt er, wie heiße wohl seines? "Auferstehung."
Noch düsterer als die Todeslandschaft zu Beginn ist die Seelenödnis, in der Bond und sein Feind Silva zum Showdown antreten. Bond verschanzt sich mit seiner Dienstherrin und Übermutter M im Haus seiner Kindheit. Das liegt, so hat es sich sein Erfinder Ian Fleming ausgedacht, im schottischen Hochland. Nach dem Unfalltod der Eltern wurde der kleine Bond dort angeblich großgezogen - in einem Geisterhaus, wie Mendes uns jetzt zeigt. Natürlich geht kaputt, was kaputtgehen kann, Bond aber sieht die Zerstörungen wie jeder Seelenklempnerpatient, der Schlussstriche zieht: "Ich habe den alten Kasten eh nie gemocht."
Wie wird es weitergehen mit Bond? Wahrscheinlich verschlägt es ihn demnächst nach Wattenscheid. Denn dort wartet das nächste, härteste Kindheitstrauma auf den Agenten Ihrer Majestät. Ian Fleming hat ihm Wattenscheid im Ruhrgebiet als Geburtsort zugedacht. Ausgerechnet! Die Eltern waren auf Reisen, als der kleine James dort geboren wurde, an einem Novembertag. James Bond - in Eton und Cambridge geschult, in den Armen toller Frauen zum Mann gereift, beim MI6 mit der Lizenz zum Töten bestückt. Aber im Herzen bis heute: ein Typ aus Wattenscheid.
Kinostart: 1. November.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 44/2012
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