29.10.2012

AFFÄREN„Schweigen, abwarten“

Der Heidelberger Rechtsanwalt Michael Lehner, 57, über mögliche juristische und finanzielle Konsequenzen für Lance Armstrong
SPIEGEL: Armstrong sind die sieben Siege bei der Tour de France wegen Dopings aberkannt worden, der Amerikaner soll seine Siegprämien zurückzahlen. Außerdem haben Sponsoren wie Nike oder Oakley ihre Verträge mit ihm gekündigt. Könnten auch sie Geld zurückverlangen?
Lehner: Wohl kaum. Seine Leistung als Werbeträger hat Armstrong während der Laufzeit der Verträge erfüllt, und die Firmen haben davon profitiert. Einfach gesagt: Nike hat dank Armstrong in der Vergangenheit vermutlich mehr Produkte verkauft, als es ohne ihn der Fall gewesen wäre.
SPIEGEL: Nun aber leidet Nike, lange Zeit eng mit Armstrong verbunden, unter dessen Image-Absturz. Muss er diesen Schaden ersetzen?
Lehner: Wie sollte sich der nachweisen und beziffern lassen? Wir reden von einem Schaden, der erst noch eintreten müsste: dass Nike künftig tatsächlich weniger verkauft. Und dann stellte sich die Frage, ob das daran läge, dass sie früher mit jemandem geworben haben, der sich nun als Doper erweist. Alles juristisch sehr dünn.
SPIEGEL: Armstrong hat seine Strafe als Sportler bekommen, gibt aber nichts zu. Würde ein Geständnis einen Unterschied ausmachen?
Lehner: Nein. Ich gehe davon aus, dass das, was gegen ihn vorliegt, in einem rechtsstaatlichen Verfahren jederzeit zum Beweis taugen würde. Das Material überzeugt, vor allem wegen der vielen Zeugenaussagen. Er könnte höchstens Zeit gewinnen. Vermutlich sagt er nichts, weil er strafrechtlich auf eine Verjährung hofft. Seine Anwälte werden ihm deshalb raten: schweigen, nichts zugeben, abwarten.
SPIEGEL: Erst im Februar hatte die Staatsanwaltschaft in Los Angeles Ermittlungen gegen Armstrong und sein damaliges US-Postal-Radteam eingestellt. Es ging um Missbrauch von Steuergeldern. Was passiert dort nun?
Lehner: Wenn ein Ermittlungsverfahren eingestellt wird, ist das kein Freispruch. Es kann bei neuen Erkenntnissen jederzeit wiederaufgenommen werden. Armstrong muss das fürchten.
SPIEGEL: Ihm droht ja noch weiterer Ärger. Das Versicherungsunternehmen SCA Promotions zog gegen Armstrong vor Gericht und musste ihm 2006 eine Prämie von fünf Millionen Dollar auszahlen, trotz eines damals schon bestehenden Dopingverdachts. Wie stehen Armstrongs Chancen, dieses Geld behalten zu können?
Lehner: Anders als Sponsorengelder sind Prämien an Erfolge geknüpft. Der Zusammenhang ist eindeutig: Niemand zahlt eine Prämie aus, wenn der Erfolg mit unsauberen Mitteln erzielt worden ist. Auch hier kann das Verfahren wiederaufgenommen werden.

DER SPIEGEL 44/2012
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