29.10.2012

INTERNETOnline-Suche nach der Sippe

Finanzinvestor Permira will das führende Ahnenforschungsportal Ancestry übernehmen. Deutsche Genealogen sehen die Kommerzialisierung mit Argwohn.
Wenn US-Präsident Barack Obama für den Wahlkampfendspurt noch Sympathiepunkte sucht, sollte er auf Ancestry.com vorbeischauen. Zweimal will die Ahnenforschungs-Website über seine Herkunft schon Interessantes herausgefunden haben: Danach ist er entfernt mit Brad Pitt verwandt und soll von einem der ersten afrikanischen Sklaven in den USA abstammen.
Mit derlei Fundstücken aus der Promi-Welt wirbt die Website gern um Aufmerksamkeit. Madonna etwa ist laut Ancestry eine entfernte Cousine von Camilla Parker Bowles. Vorige Woche machte das Portal in eigener Sache von sich reden. Für 1,6 Milliarden Dollar soll die Mehrheit der US-Firma an den Finanzinvestor Permira gehen; die Anleger müssen noch zustimmen.
Um den Weltmarktführer für digitale Ahnenforschung hatten auch andere "Heuschrecken" gebuhlt, denn die Online-Suche nach der eigenen Sippschaft ist ein boomendes Geschäft. Das Interesse wächst, seit viele Quellen übers Internet zugänglich werden und Amateur-Genealogen sich nicht mehr durch staubige Archive quälen müssen. Ahnenforschung ist vorwiegend ein Rentnerhobby, doch auch die Generation 55 plus ist längst im Netz unterwegs.
Neben kostenlosen Anbietern wie FamilySearch - der weltweit größte Dienst wird von den Mormonen in den USA betrieben - sind auch diverse kommerzielle Seiten am Start.
Darunter ist Ancestry mit über zwei Millionen Kunden mit Abstand die größte. 13 bis 35 Dollar monatlich zahlen Mitglieder in den USA für den Zugang zu rund elf Milliarden Daten aus aller Welt: Heiratsurkunden, Volkszählungen oder Auswandererregister aus Europa. US-Kunden können für 190 Dollar sogar einen Gentest machen, um ihre Herkunft zu erfahren, Fotos und Urkunden an die eigene Sippe verschicken und sich per News-Alarm über neuaufgetauchte Verwandte informieren lassen. Ancestry startete 1983 als genealogischer Verlag, die Gründer aber erkannten schnell die Schubkraft des Internets. 1996 ging die Seite online und kurz danach an die Börse. Die Zahl der Abonnenten wuchs auch dank TV-Shows: Bis zum Frühsommer war Ancestry mit dem Format "Who Do You Think You Are?" im US-Fernsehen auf Sendung.
Der eigenen Verwandtschaft hinterherzuspüren hat offenbar Suchtpotential, wer einmal angefangen hat, ist angefixt. Die Kündigungsraten sind minimal, das macht das Geschäft so interessant für Investoren. "Ein Stammbaum ist nicht einfach irgendwann fertig, das geht immer weiter", schwärmt Jörg Rockenhäuser, Deutschland-Chef von Permira. Der Ausbau der Site zu einem sozialen Netzwerk sei noch lange nicht am Ende, das Potential in Europa nicht ausgeschöpft, sagt Rockenhäuser. Noch kommt das Gros der Mitglieder aus den USA und Großbritannien, doch gerade in Deutschland wittern die Finanzleute Wachstumschancen.
Der deutsche Ableger Ancestry.de ist mit rund 20 000 Abonnenten bisher vergleichsweise winzig. Dabei ist das Interesse der Deutschen an der eigenen Vergangenheit groß. Allein 150 genealogische Vereine gebe es in Deutschland, schätzt Günter Junkers, Beirat im Verein für Computergenealogie, dem größten Ahnenforscher-Club in Deutschland mit über 3000 Mitgliedern. Das Interesse gehe aber weit über die Vereine hinaus.
Doch vor allem die historisch bedingte deutsche Kleinstaaterei macht Anbietern wie Ancestry das Leben schwer: Statt in zentralen Registern sind die meisten Urkunden über regionale und kommunale Archive verstreut. Kirchenbücher mit Trauungen, Taufen und Beerdigungen befinden sich bis heute weitgehend im Besitz von Pfarreien und Bistümern. Daten der Standesämter sind mittlerweile öffentlich zugänglich, doch erst nach langen Schutzfristen. Geburtsurkunden etwa sind 110 Jahre lang gesperrt.
Manche Profi-Genealogen in den Archiven sehen die Kommerzialisierung der Ahnenforschung zudem mit Argwohn. Einer US-Firma, die mit der Digitalisierung der Daten Gewinn machen will, wollen sie ungern Zugang zu den eigenen Schätzen gewähren. Das Staatsarchiv Leipzig etwa übergab sein genealogisch interessantes Material auf Mikrofilm an FamilySearch, die es gratis zur Verfügung stellen. An eine Zusammenarbeit mit Ancestry sei nicht gedacht, heißt es hier. Vor allem bei den Kirchen ist die Skepsis groß. Das Bistum Passau entschied sich gegen eine Zusammenarbeit und stellte seine Pfarrmatrikel lieber selbst ins Netz, kostenlos. Die Ancestry-Leute hätten umfangreiche Rechte an dem Material haben wollen, sagt Herbert Wurster, Archivdirektor des Bistums. "Die Vermarktung von öffentlichem Kulturerbe ist der falsche Weg", so Wurster. Genealogie sei doch eine "Open-Access-Wissenschaft".
Ancestry-Deutschland-Chef Nikolai Donitzky müht sich, die Bedenken zu zerstreuen. Bei vielen Archivaren finde "ein Umdenken gerade erst statt", nicht zuletzt wegen der klammen Kassen. "Wir scannen auf eigene Kosten, die Archive bekommen eine digitale Kopie für ihre Nutzer vor Ort", sagt Donitzky. Meist darf Ancestry die digitalen Dokumente drei Jahre lang exklusiv für seine Mitglieder ins Netz stellen, danach können die Archive sie selbst online geben.
Derzeit digitalisieren die Ancestry-Leute Standesamtsdaten im Landesarchiv Berlin. In Hamburg haben sie die Passagierlisten der Schiffe von 1850 bis 1934 gescannt, im Landeshauptarchiv Schwerin sicherten sie sich Daten der mecklenburgischen Volkszählungen.
Insgesamt 50 Millionen Datensätze hat die Firma in Deutschland bisher zusammengetragen. "Damit es für die Nutzer richtig Spaß und Sinn macht, muss man weiter in Datenbestände investieren", sagt Rockenhäuser. Die Firmendaten von Ancestry hat er genau analysiert, sagt er. Auf den praktischen Teil aber hat der Permira-Chef bisher verzichtet: seine eigene Familiengeschichte via Ancestry zu analysieren.
Von Isabell Hülsen

DER SPIEGEL 44/2012
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