17.06.1996

„Da ist viel Ego im Spiel“

Peter Graf spürt Panik, grenzenlose Panik. Er ist "verzweifelt wie nie zuvor". Bei den Australian Open im Januar 1990 hat ihm sein Vertrauter Horst Schmitt gerade berichtet, daß Nicole Meissner ihre Liebesgeschichte für eine Million Mark dem Stern angeboten habe. Entsetzen flackert über Grafs Gesicht, als kurz darauf auch Ehefrau Heidi aus Deutschland anruft. "Du bist Vater geworden", sagt sie kühl, "gratuliere."
Tara Tanita heißt das am 9. Januar 1990 im Klinikum Frankfurt-Hoechst geborene Achtmonatskind. Mutter Nicole läßt als Vater Peter Graf eintragen. In einem Schreiben vom 19. Januar fordert ein Frankfurter Rechtsanwalt Peter Graf auf, die Vaterschaft formgerecht anzuerkennen und "ab sofort monatlich im voraus den Unterhalt für das Kind zu zahlen". Zugleich informiert der Anwalt das Jugendamt des Rheingau-Taunus-Kreises, das als Amtspfleger Vaterschaftsklage einreichen soll.
Dem Ex-Liebhaber Graf ist "vollkommen klar, daß die Veröffentlichung der Geschichte Meissner/Graf einen geradezu immensen Schaden für meine Tochter und meine Familie bedeuten" kann. Peter Graf rechnet sogar mit dem Schlimmsten: "Möglicherweise kommt es dazu, daß Steffi mit dem Tennis aufhört."
Der Stern und auch die Bunte, denen die Geschichte von "Steffis Halbschwester Tara Tanita" gegen 500 000 Mark Honorar angeboten worden war, haben zwar abgelehnt. Aber Bild ist dran - ausgerechnet Grafs Lieblingsblatt, ausgerechnet Steffis Vertragspartner.
Am 27. Januar, einem düsteren Regentag, spielt in Hamburg eine Szene wie aus einem "Tatort"-Krimi: Nicole Meissner und ihr Freund Eberhard ("Ebby") Thust haben sich im Ramada-Hotel mit
einem Journalisten verabredet. Das Treffen bleibt nicht unbeobachtet, da ein Observationstrupp des Bundeskriminalamtes (BKA) hinter dem Boxpromoter her ist.
Punkt 20.36 Uhr kommt der Mann. "Alter ca. 45 Jahre, ca. 1,85 m groß, dunkelblonde, nach hinten gekämmte Haare, Brillenträger", vermerkt der Observationsbericht. Die Dame an der Rezeption kennt den Mann. "Guten Abend, Herr Tiedje", hören die Lauscher vom BKA. Dann geht der Mann ins Zimmer 201, wo Thust und Meissner warten.
Hans-Hermann Tiedje, Chefredakteur der Bild-Zeitung, hat angebissen. Der Profi vom Boulevard, der meist heftig den Rauch eines Zigarillos in sich hineinzieht, sieht so aus, wie Chefredakteure in Krimis aussehen, und er agiert auch so. 250 000 Mark verlangt Thust. 150 000 Mark bietet Tiedje.
Am 7. Februar, elf Tage nach dem Treffen im Ramada, geht um 15.31 Uhr bei Frankfurter Anwälten ein Fax des Springer-Verlages ein. Nicole Meissner soll 150 000 Mark für die exklusive Schilderung ihrer Beziehung zu Graf erhalten. Geplanter Beginn der dreiteiligen Serie: 26. Februar 1990, Rosenmontag.
Vom BKA über Thusts Bild-Kontakte informiert, trifft sich Graf am 16. Februar mit Tiedje in Hamburg. An den Inhalt des Gesprächs haben beide später unterschiedliche Erinnerungen. Graf sagt, er habe Tiedje förmlich beschworen, von der Geschichte abzusehen. Doch der sei nicht davon abzubringen gewesen, die Story zu bringen.
In Tiedjes Erinnerung hat sich die Sache ganz anders abgespielt: "Ich sagte zu Graf, das ist keine Story für Bild, außer Sie, Graf, nehmen zu jedem einzelnen Punkt Stellung. Ich habe ihm verbindlich zugesagt, daß, wenn er nichts sagt, auch nichts erscheint. Das gibt es bei keiner Zeitung auf der Welt, daß eine Serie gedruckt wird über eine bloße Behauptung."
Graf jedenfalls ist nach dem Gespräch überzeugt, daß Bild eine Serie über ihn und Nicole bringen wird. Über Mittelsmänner läßt er Kontakt zu Ebby Thust, dem "Beschützer" Nicoles, aufnehmen.
Der fordert zunächst eine Million, dann 800 000 Mark für den Verzicht auf die Schmuddelstory. Graf erklärt sich schließlich einverstanden und läßt über seine Kontaktleute eine erste Rate von 600 000 Mark in bar überbringen.
Im Gegenzug rückt Thust den Vertragsentwurf mit Bild, eine Tonbandkassette mit Liebesgeflüster und zwei Fotos von Tara Tanita heraus. Nicole unterschreibt bei einem Notar eine eidesstattliche Erklärung, daß sie "mit Herrn Peter Graf zu keinem Zeitpunkt intime Beziehungen" gehabt habe und er "nicht der Vater meines Kindes Tara Tanita ist".
Mit diesem Papier erwirkt Graf eine einstweilige Verfügung gegen den Axel Springer Verlag. Bild bringt zunächst einmal nichts über Peter, Nicole und Tara.
Aber die Erpressungsstory wird herauskommen, irgendwann. Das ahnen die Akteure. Solche Räuberpistolen bleiben selten geheim.
Der Vaterschaftstest beweist: Es gibt keine Halbschwester
Einige Monate später ist es soweit. Am 17. Mai 1990 erscheint Quick mit der Schlagzeile: "Ein Nacktmodell. Ein Baby. Wurde Peter Graf erpreßt?" Bild retourniert dankbar: "Sex, Baby, Nacktmodell. Gemeinheiten über Steffis Vater."
Die Attacken gegen den Vater wirken sich prompt auf das Spiel der Tochter aus. Im Finale der Internationalen Deutschen Meisterschaften in Berlin ist Monica Seles Gegnerin der Weltranglisten-Ersten. Mit schrillen, spitzen Schlachtrufen und einem fabelhaften Schlag-Repertoire ist die 16jährige dabei, der vier Jahre älteren Steffi Konkurrenz zu machen.
Steffi spielt wie in Trance. Sie kann "nicht fighten wie sonst", sie kann "einfach nicht mehr". Ihr Kopf ist "gar nicht bei dem Spiel". Nach dem 4:6, 3:6 hämmert sie vor Wut mit dem Tennisschläger ein Loch in die Wand der Umkleidekabine. Es ist die erste Niederlage nach 66 Siegen in Folge.
Die Zuschauer haben versucht, Steffi während des Spiels aufzumuntern. Aber sie hat "gar nicht hinzugucken gewagt, weil ich immer denken mußte: Die haben diese Voyeursgeschichten doch auch in der Zeitung gelesen. Mich hat ein Gegner kaputtgemacht, der gar nicht auf dem Platz war".
Bei den Internationalen Französischen Meisterschaften in Paris kämpft sie sich dennoch wieder ins Finale vor. Wieder geht es gegen Monica Seles. Im Tie-Break des ersten Satzes führt Steffi 5:1, dann 6:2 und verliert dennoch den Satz. Das ist ihr in acht Jahren Profitennis noch nie passiert. Aber plötzlich überfällt sie "eine so lähmende Unsicherheit, wie ich sie in einem Spiel noch nie erlebt habe". Steffi verliert 6:7, 4:6.
In Wimbledon scheitert Steffi sogar schon im Halbfinale gegen Zina Garrison, eine farbige Texanerin. Der Thron der Tennis-Königin wackelt.
Die Grafs ziehen sich zurück in ihre Trutzburg. "Die wollen dich treffen, nicht mich", hämmert Peter Graf der Tochter ein. Er sei nur das arme Opfer einer gierigen Presse. Brav stimmt Steffi ihm zu. Die Presse tue "scheinheilig so, als rücke sie nur meinen Vater ins Zwielicht. Nur, der kann diese Gemeinheiten besser wegstecken als ich".
Es folgen Niederlagen beim Masters im November 1990 in New York, bei den Australian Open Anfang 1991 in Melbourne sowie in Tokio. Die ärgste Konkurrentin, Monica Seles, ist in der Weltrangliste bereits auf 24,4 Punkte herangekommen.
Steffi flüchtet nach Brühl, doch auch dort gibt es keine Ruhe. Im gerichtsmedizinischen Institut zu Frankfurt soll am 11. Februar ein Vaterschaftstest gemacht werden. Nicole Meissner bringt die 13 Monate alte Tara Tanita mit. Das Gutachten überrascht Steffi nicht. Tara Tanita ist nicht ihre Halbschwester.
Steffi wirkt dennoch verstört. Die beiden Niederlagen zum Auftakt der Saison, die bittere Presse daheim - die Lichtfigur Stefanie Maria Graf sieht sich im Schatten. "Ernsthaft" denkt sie über ihren Rücktritt nach. Aber es wäre kein triumphaler Abschied auf dem Höhepunkt einer beispiellosen Karriere, sondern die Kapitulation vor einer bösen Umwelt. Also macht sie weiter. In Boca Raton verliert sie im Finale gegen die Argentinierin Gabriela Sabatini, ihre ehemalige Doppelpartnerin. Auch beim nächsten Aufeinandertreffen der beiden in Key Biscayne unterliegt Steffi der Rivalin.
Am 11. März 1991 löst die erst 17 Jahre alte Monica Seles die Deutsche als Nummer eins ab. 186 Wochen hat die Brühlerin diese Position ununterbrochen innegehabt, wohl ein Rekord für die Ewigkeit. Doch jetzt sagt Steffi, gerade mal 21 Jahre alt: "Ich fühle mein Alter."
Das Finanzamt Schwetzingen droht zaghaft mit Zwangsgeld
Steffi kämpft weiter. In San Antonio und Hamburg besiegt sie zweimal die Seles. Doch dann kommt das Desaster von Paris: Mit 0:6, 2:6 wird eine katastrophal schwach spielende Steffi im Halbfinale von der Spanierin Arantxa Sanchez gedemütigt. Im ersten Satz gelingen der Graf lediglich elf Punkte. "Ich bin nur traurig", stammelt Steffi nach der schlimmsten Niederlage ihrer Karriere.
In Wimbledon gewinnt sie dann endlich wieder ein großes Turnier. Aber die Wende ist das nicht. Von insgesamt 15 Turnieren im Jahr 1991 gewinnt sie nur 7 - zu wenige für eine Spielerin, die wieder an die Spitze will.
Immerhin spielt Steffi 1991 umgerechnet 2 437 438 Mark Preisgeld ein. Ihre sonstigen Einnahmen liegen weit über 10 Millionen Mark, und die Zinsen der Guthaben bilden mit 2,08 Millionen Mark das Sahnehäubchen. Macht zusammen knapp 16 Millionen Mark, konservativ gerechnet.
Das sind Summen, die auch Finanzbeamte in die Gänge bringen können. Im Laufe des Jahres 1991 droht das Finanzamt Schwetzingen zweimal Zwangsgeld an, wenn nicht endlich die Einkommensteuererklärung für 1989 abgegeben wird. Am 6. August 1991 vermerkt die Steuerfahndung Mannheim-Neckarstadt, daß die holländische Sunpark Sports B.V. wohl eine Briefkastenfirma sei. Steuerhinterziehung sei nicht auszuschließen.
Anfang September trifft ein Bericht der amerikanischen Steuerfahndung nebst Diagramm über Sunpark N.V. auf den Niederländischen Antillen im Bonner Finanzministerium ein. Aus dem Dossier geht hervor, daß die Grafs Zugriff auf die Gewinne der Firma haben.
Oberamtsrat Thomas Rupp, Sachbearbeiter für internationales Steuerrecht im Stuttgarter Finanzministerium, ist elektrisiert, als ihm ein Bonner Kollege das Ergebnis der US-Recherchen mitteilt. Er fertigt einen Aktenvermerk, der von seinem Vorgesetzten Gerd Metzmaier leicht abgeschwächt wird: "Aufgrund der von der amerikanischen Steuerverwaltung übermittelten Auskünfte ist nicht auszuschließen, daß im Fall der Familie Graf Steuern in der Größenordnung von bis zu 50 Millionen Mark durch die rechtsmißbräuchliche Einschaltung ausländischer Gesellschaften verkürzt worden sind."
Am 23. November schlägt das Außensteuerreferat des Stuttgarter Finanzministeriums vor, eine laufende Betriebsprüfung der Grafs in die Steuerfahndung überzuleiten. Wörtlich heißt es: "Ein Steuerstrafverfahren ist einzuleiten."
Doch dann hat Metzmaier diesen Satz handschriftlich korrigiert. Die "Einleitung des Steuerstrafverfahrens und die anschließende Abgabe an die Staatsanwaltschaft sind zu erwägen", heißt es nur noch.
Im Jahr 1992 gibt es neuen Ärger für Peter Graf. Ausgerechnet sein bislang getreuester Helfer, der frühere Tankstellenpächter Horst Schmitt, verwickelt ihn in einen schmutzigen Scheidungskrieg.
Schmitt, der seit vielen Jahren im Graf-Clan als Mädchen für alles fungiert, mag nicht länger die Launen seines herrischen Chefs ertragen. Der einst so servile Graf-Adlatus weigert sich jedoch, ohne eine Abfindung zu verschwinden: 1,5 Millionen Mark fordert er für seinen Rückzug.
Der Streit mit Ex-Helfer Schmitt wir teuer
"Der spinnt", tobt Graf. Aber er weiß, daß er Schmitt nicht einfach zum Teufel jagen kann. Der frühere Vertraute kennt zu viele Graf-Interna. Vor allem aber: Schmitt hat Vollmacht für Grafs Liechtenstein-Geschäfte und will die dort versteckten Millionen erst herausrücken, wenn sein bisheriger Arbeitgeber die Abfindung zahlt.
Im Frühsommer kommt es endlich zur Einigung. Schmitt überweist 26 124 000 Mark und 4 237 000 Dollar aus Liechtenstein auf das Konto 588355711 bei der ABN Amro-Bank in Amsterdam, Merckenburg 3. Einen Tag später wird der Trennungsvertrag unterzeichnet, der Schmitt eine Abfindung von 750 000 Mark zusichert.
Eine Lehre zieht Graf aus dem Streit mit Schmitt. Künftig muß er noch mißtrauischer sein. Geldangelegenheiten müssen von nun an Chefsache bleiben.
Unangenehme Schlagzeilen bringt noch einmal die Sex-and-Crime-Geschichte um Nicole. Am 29. Januar beginnt der Prozeß gegen Thust und Meissner vor der 6. Großen Strafkammer des Landgerichts Frankfurt. Der korpulente Thust beteuert, er verehre Steffi sehr. Wenn Peter Graf sich nur früher "bekannt" hätte, dann hätte auch der Schaden für Steffi begrenzt werden können.
Eine Woche später wird Peter Graf zu der TV-Sendung "Schreinemakers live" eingeladen. Er kommt nicht und wird öffentlich vorgeführt. Vor den Augen des Publikums wird er telefonisch aufgefordert, sich zu melden und zu äußern. Im Studio sitzen Thust und Nicole. Sie genießen die Öffentlichkeit.
Als sich Thust und Bild-Chef Tiedje beim Prozeß auf dem Gerichtsflur treffen, zeigt sich der Boxpromoter als erfahrener Kämpfer: "Ich hau' dir gleich die Kauleiste ein, daß de nur noch Astronautennahrung fressen kannst." Nach sieben Verhandlungstagen wird Thust wegen Erpressung zu drei, seine Komplizin zu zwei Jahren Haft verurteilt.
"Ich denke", sagt Tennis-Manager Ion Tiriac in diesen Tagen, daß "der Vater oft der härteste Gegner eines Mädchens ist und ihrem Interesse im Wege steht. Da ist unheimlich viel Ego im Spiel, wenn ein Mann - ein Vater - die eigene Arbeit aufgibt und sein Leben der Karriere seiner Tochter widmet. Zunächst ist sie ein kleines, dann ein großes Mädchen und plötzlich eine Frau. Für die Tochter ändert sich die Rolle, nicht aber für den Vater. Der Vater vergißt: Die Tochter verfügt über das Talent, den Ruhm und das Geld. Nicht er".
Peter Graf sah und sieht das anders. Tochter Stefanie ist sein "Geschöpf". Und er "opfert" sich. Dafür verlangt der ewige Gebrauchtwagenhändler von der Umwelt Bewunderung. Auf Zuneigung kann er verzichten, aber nicht auf seinen "gerechten Anteil".
Ein Austritt aus der Kirche kommt nicht in Frage
"Papa, wieviel Geld haben wir eigentlich?" fragt Steffi ihn mal. "18 Millionen vielleicht." - "18 Millionen?" Sie ist überrascht. In "Magazinen" hat sie immer die Angaben über ihre Preisgelder gelesen, auch die Schätzungen ihrer riesigen Werbeeinnahmen. "18 Millionen ist nicht viel", sagt sie nach einer kleinen Pause. "Weißt du, was wir an Ausgaben haben und was die Häuser kosten?" fragt der Vater. Steffi weiß es nicht.
Um Geld hat sie sich nie groß gekümmert. Sie zahlt mit der Plastikkarte. Wenn die Eltern dabei sind, zahlen die.
Daheim kontrolliert Vater Graf jede Ausgabe. Die Haushälterin muß genau Buch führen. Die Quittungen für Salz, Zucker und was sie sonst noch bei Edeka nebenan kauft, klebt sie in eine Kladde. Mit spitzem Bleistift rechnet der Hausherr nach.
Sich selbst gegenüber ist er nicht ganz so kleinlich. Nach eigenen Angaben hat er Nicole Meissner mit 100 000 Mark plus Spesen bezahlt. Er kauft sich teure Autos und verkauft sie wieder, wenn sie ihm nicht mehr gefallen. Alles mit Steffis Geld natürlich.
Stefanie Graf nährt die Familie, tritt aber auf wie eine 15jährige, die ums Taschengeld bitten muß. Natürlich ist ihr "bewußt, daß meine Familie von meinem Geld partizipiert. Es ist auch so, daß man mich nicht fragt, wenn eine größere Ausgabe getätigt wird. Nicht immer war ich mit diesen Anschaffungen einverstanden. Ich habe jedoch nie gesagt, das möchte ich nicht so haben".
Die Vorhand-Koryphäe, die auf dem Centre Court kaum zu schlagen ist, bleibt zu Hause wie ein unmündiges Mädchen. Ein paarmal nur widerspricht sie bei ernsten Angelegenheiten. Einmal holt der Vater ein Stück Papier, auf dem Steffis Kirchensteuer vermerkt ist. Sie begreift, worauf er hinauswill: "Ein Austritt kommt für mich nicht in Frage." Das muß auch der Allmächtige akzeptieren.
Der Vater behauptet, den Freund der Tochter zu bezahlen
Der muß auch hinnehmen, daß Steffi mit einem jungen Mann auf Reisen geht. Michael Bartels heißt der 24jährige Steffi-Freund. Der Formel-3000-Rennfahrer hat viel von dem, was Peter Graf fehlt: Er ist charmant und seriös, immer höflich und ziemlich unverbindlich.
Mit Bartels mietet sich Steffi in den USA ein Wohnmobil. Beide kreuzen auf dem Highway Number One - ein glückliches Pärchen in Kalifornien. "Jeden Morgen", weiß Bild exklusiv, "wacht sie neben ihm auf."
Peter Graf wittert Gefahr. Einen Journalisten, der nicht explizit nach der Rolle des neuen Freundes fragt, lobt er ausgiebig wegen dessen Sachkenntnis: "Sie haben gleich verstanden, daß der nichts bedeutet. Den bezahle ich doch, damit es nicht auch noch heißt, die Steffi sei lesbisch."
Der Clan-Chef sieht sich umzingelt von Problemen. Und keinen gibt es, der sie ihm vom Hals schafft. Joachim Eckardt, der Steuerfachgehilfe und neue Majordomus, ist schon lange überfordert. Er kann die Finanzbeamten nicht länger ruhigstellen.
Nach der langwierigen Betriebsprüfung schreibt der stellvertretende Amtsleiter beim Finanzamt Schwetzingen, Clemens King, an Steffi Graf, daß Steuern in Höhe von insgesamt zwölf Millionen Mark nachzuzahlen seien. Ansonsten werde das Vermögen der Grafs gepfändet.
Graf schaltet den Bonner Steueranwalt Harald Schaumburg ein, einen hochkarätigen Experten. Auf dessen Antrag hin verzichtet das Finanzamt Ende November 1992 zunächst einmal darauf, die Steuerschulden per Gerichtsvollzieher einzutreiben.
Ende April 1993 geschieht dann etwas, was fortan alle Erfolge Steffis überschatten wird. Beim Turnier in Hamburg sticht ein Günter Parche, 38, mit einem Messer auf Monica Seles ein. Der überdrehte Steffi-Verehrer kann es nicht ertragen, daß die Beidhand-Schlägerin seinen Liebling vom Tennis-Thron gestoßen hat und nun Weltranglisten-Erste ist.
Parche trifft zwischen die Schulterblätter - nicht tief, ungefähr zwei Zentimeter. Aber Monica Seles' Lebensnerv ist durch die Attacke von hinten so schwer getroffen, daß sie über zwei Jahre lang kein Turniertennis spielen wird.
Steffis Reaktion auf den Ausfall der Seles fällt seltsam aus. Nach einem kurzen, kühlen Besuch an Monicas Krankenbett läßt sie nichts mehr von sich hören. Keine Kommentare, keine Grüße, keine Bitte auch an die Spielerinnengewerkschaft, der Rivalin ihren Weltranglistenplatz bis zur Rückkehr zu erhalten. Nichts.
Steffi fährt zu den German Open nach Berlin, und schon dort übernimmt sie wieder, wie selbstverständlich, die Rolle der Chefin, die sie früher hatte. Auf einmal ist sie von der Sanchez oder der Navratilova nicht mehr zu schlagen. Von nun an gewinnt sie Turnier auf Turnier. Steffi wirkt wie befreit.
Auch an der Steuerfront scheint ein wichtiger Sieg erzielt zu sein. In das Protokoll einer Besprechung von Anwalt Schaumburg mit Beamten des Finanzamts Schwetzingen, der Oberfinanzdirektion Karlsruhe und Betriebsprüfern aus Mannheim am 1. Dezember 1993 wird der Satz aufgenommen: "Bei diesem Besprechungsergebnis wird nach übereinstimmender Auffassung der Gesprächsbeteiligten von einer tatsächlichen Verständigung ausgegangen."
Mit solchen Deals werden unklare, also schwierige oder überhaupt nicht aufzuklärende Sachverhalte abschließend geregelt. Freudig teilt Schaumburg einen Tag später Graf das Ergebnis der Beratungen mit. "Tatsächliche Verständigung", das sagt dem wenig. Aber Graf glaubt, der Fall sei vorbei.
"Die Rechtsgrundlage für das Besprechungsergebnis von Schwetzingen", sagt der Kölner Steuerprofessor Günther Felix später, "muß die Sympathie, nicht das Gesetz gewesen sein."
Ende April 1994 werden die Einkommensteuern für die Jahre 1987 bis 1992 neu festgesetzt. Sie liegen zum Teil erheblich unter den ursprünglichen Beträgen - so für 1989: 1 512 302 Mark (bisher geschätzt: 2 156 713); für 1990: 1 369 683 Mark (bisher geschätzt: 2 144 438).
Dennoch gibt Steueranwalt Schaumburg im August das lukrative Graf-Mandat auf. Kühl stellt er fest, daß "Herr Graf nur in beschränktem Maße beratungsfähig" sei.
Anfang Februar 1995 beschließen die Finanzbeamten, den Fall Graf noch einmal einer besonderen Prüfung zu unterziehen. Die Oberfinanzdirektion (OFD) fordert das Finanzamt auf, Stefanie Graf oder ihren Steuerberater zum Termin zu laden. "Voreilige Maßnahmen", orakelt ein Beamter der OFD, "machen uns angreifbar." Normalerweise nehmen Finanzbeamte einen solchen Fall gleich bei den Hörnern und suchen die Aufklärung vor Ort. Aber soweit sind die Beamten im Ländle auch nach achtjähriger Provokation durch Peter Graf noch nicht.
Verletzungen setzen Steffi mehrere Monate lang außer Gefecht. Die Pause kostet sie Platz eins der Weltrangliste. Arantxa Sanchez besteigt am 6. Februar den Thron. "Ein historischer Moment", sagt sie.
Steffi gibt sich gelassen: Auf die Rangliste schaue sie schon seit langem nicht mehr. Sie könne nicht erwarten, Nummer eins zu bleiben, wenn sie nicht spiele. Und außerdem: "Arantxa hat's verdient."
Die Steuerfahnder rücken gegen die Graf-Festung vor
Ist das nun das Ende einer Ära? Solche Spekulationen heizen die Grafs immer wieder mal selbst an. Dem französischen Info Matin gibt Steffi ein Interview, das Schlagzeilen in der Heimat macht. Natürlich überlege sie, "mit Tennis Schluß zu machen", sagt Steffi. "Das ist eine Möglichkeit für 1995."
Aber Angst davor hat sie auch, vor "dem großen schwarzen Loch", in das Sportler fallen, wenn die Karriere zu Ende ist. "Das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann", sagt Steffi, "ist, daß ich von heute auf morgen keinen Sport mehr treiben kann."
Noch kann sie. Beim Hallenturnier in Paris St. Germain feiert sie ein glänzendes Comeback. Mama und Papa sind da, als sie das Finale gegen die Französin Mary Pierce 6:2, 6:2 gewinnt und wieder die Nummer eins wird. Das sei, meint sie, "als wäre ich nach Hause gekommen. Dieser Finalsieg ist genau der Augenblick, auf den ich in den letzten Wochen und Monaten hingearbeitet habe".
Die Geduld der Steuerbeamten aber ist erschöpft, als sie von nicht deklarierten Werbe- und Turniereinnahmen Steffis in Höhe von fast fünf Millionen Mark erfahren. Am 25. April wird in der sogenannten Steufa-Liste, dem Arbeitsplan der Steuerfahndung, die Nummer 34 angelegt. Einen Tag später wird formell ein Strafverfahren gegen Steffi Graf eingeleitet.
Am 23. Mai, gegen 8.30 Uhr, rücken die Fahnder vor der Graf-Festung in Brühl an. Sie erklären dem Hausherrn, daß sich das Verfahren nur gegen seine Tochter richte.
Schon beim ersten Blick in die Akten stellen die Beamten fest, daß Graf Einzelvollmacht über etliche Konten hat und quasi als Vermögensverwalter seiner Tochter fungiert. Gegen 10.45 Uhr winkt ihn deshalb Staatsanwältin Bettina Krenz kurz beiseite. "Herr Graf, gegen Sie wird jetzt auch ein Steuerstrafverfahren eingeleitet", teilt sie ihm mit.
Dann die Frage: "Wo ist Ihre Tochter?" - "In Heidelberg." Krenz ruft bei Steffi an, die vor einiger Zeit ein Penthouse in Heidelberg gemietet hat, und bittet sie, nach Brühl zu kommen. Um 12 Uhr trifft die Tennisspielerin ein. Die Strafverfolgerin erklärt ihr, daß gegen sie ein Steuerstrafverfahren eingeleitet worden sei. Die Geldgeschäfte regele der Vater, sagt Steffi. "Ich habe eine Kreditkarte." Das reiche. Gegen 16 Uhr ist die Durchsuchungsaktion beendet. Die Fahnder packen 59 Leitz-Ordner sowie Hängemappen und Umschläge ein. In Serie hat inzwischen ein Haftrichter vor Ort Durchsuchungsbeschlüsse gegen Geldinstitute erlassen.
Fündig werden die Fahnder an diesem Tag auch bei Grafs Steuergehilfen Eckardt. Den treffen sie zwar nicht im eigenen Heim in Taunusstein an, weil das gerade total renoviert wird. Aber in dem teuren Wiesbadener Hotel, in dem sich die Eckardts einquartiert haben, finden sie Belege für einen verdächtig aufwendigen Lebensstil.
Einer wie Graf wartet natürlich nicht einfach ab, was kleine Ermittler herausbekommen. Er greift zum Hörer und ruft "Oben" an, 0711/2 793 500, Büro Finanzminister Gerhard Mayer-Vorfelder in Stuttgart. Selbstverständlich wird der Steuerzahler aus Brühl zum Minister durchgestellt - man kennt sich schließlich. Graf entrüstet sich über die Steuerschnüffeleien und verweist auf die "tatsächliche Verständigung", die Schaumburg am 1. Dezember 1993 mit den Finanzbeamten erzielt habe.
Mayer-Vorfelder beschwichtigt den aufgebrachten Steuerbürger. Verständnis für die armen Reichen im "Hochsteuerland Deutschland" hat der Minister mit der Sympathie für die große Geste schon häufiger geäußert. Ein paar Tage später bekommt Peter Graf Post aus dem Hause Mayer-Vorfelder, die ihn enttäuschen muß. In dem von Ministerialdirigent Rudi Märkle unterschriebenen Brief heißt es, "daß nach übereinstimmender Ansicht der Teilnehmer seitens der Verwaltung eine tatsächliche Verständigung über Besteuerungsgrundlagen weder über Betriebseinnahmen noch über Betriebsausgaben zustande gekommen ist. Bezüglich der pauschalierten Betriebsausgaben, der Einkünfte aus Kapitalvermögen und der Besteuerungsgrundlagen für die Vermögensteuer wurde allenfalls ein Vertrauenstatbestand geschaffen."
Je weiter sich die Fahnder durch die Akten arbeiten, desto besser verstehen sie die Abläufe im Imperium Graf. Insbesondere die Akte, die ihnen bei dem Mannheimer Anwalt des einstigen Graf-Intimus Schmitt in die Hände fällt, liefert ihnen eine Art Analyse der Firma Graf. Sorgfältig hat der Anwalt darin die Wege der Gelder über Holland, Liechtenstein und wieder nach Holland nachgezeichnet - eben alles, was ihm Schmitt während der Abfindungsstreitigkeiten mit Graf gebeichtet hat.
Die Steuerfahnder regen die Ausstellung eines Haftbefehls für Peter Graf an. Sie wittern Flucht- und Verdunkelungsgefahr. Die Staatsanwälte sehen das ebenso.
Festnahme und Einlieferung in das Vollzugskrankenhaus
Am letzten Julitag werden die Grafs noch einmal zusammen gesichtet. Peter, Heidi und Steffi speisen am Montag abend fröhlich im Mannheimer Lokal "Augusta". Natürlich gibt es von den anderen Gästen Beifall für Steffi und Lob für den Vater. Am nächsten Tag stellt Haftrichter Johannes Jülch den Haftbefehl gegen Peter Graf, "ehemaligen Gebrauchtwagenhändler deutscher Staatsangehörigkeit", aus.
Am Morgen des 2. August 1995, Steffi ist schon auf dem Weg zu Turnieren in Nordamerika, nehmen drei Mannheimer Kriminalhauptkommissare den verdutzten Graf in seiner Villa fest. Der spielt auch nach der Verhaftung seine Lieblingsrolle, den leidenschaftlichen Rechthaber. Er habe sich nichts vorzuwerfen, sagt er vor dem Haftrichter, er habe sieben Millionen Mark Steuern nachgezahlt. Von Einlenken oder Einsicht, wie es alle erfahrenen Steuerstrafverteidiger bedrängten Mandanten empfehlen, ist bei ihm nichts zu entdecken.
Die anderen sind es wieder gewesen: Schmitt habe 1987 die Sunpark gegründet. Das Finanzministerium habe das Modell gekannt. Die Oberen im Lande hätten gefleht, daß Steffi in Deutschland bleibe. Advantage habe gesagt, daß die Sunpark-Konstruktion in Ordnung sei.
Dann klagt der Kaufmann über seine Malaisen. Er sei "gesundheitlich stark angeschlagen", leide "an fünf Magengeschwüren" und habe einen "Cholesterinspiegel von circa 1000" gehabt. Das überlebt normalerweise niemand. Probleme mit Alkohol und Tabletten gebe es auch - der Streß. Graf nippt an seinem Lindenblütentee. Doktor Adolf Herrmann vom Mannheimer Gesundheitsamt wird gerufen. Er untersucht Graf und empfiehlt die Einlieferung in ein Vollzugskrankenhaus.
Der herbeigeeilte Hausanwalt der Grafs, Kurt Himmelsbach, unternimmt einen letzten Versuch. Er bietet eine Kaution von vier Millionen Mark, doch Haftrichter Jülch bleibt hart. Graf bekommt die Buchnummer 918/5 und wird in das Vollzugskrankenhaus Hohenasperg in der Nähe von Ludwigsburg eingeliefert.
Der Fall berührt die Deutschen auf unterschiedlichste Weise. Ein empörtes Ehepaar, Dagmar und Michael Fritz aus Wiblingwerde im Sauerland, fordert am 6. August vom Mannheimer Amtsgericht die sofortige Freilassung des Häftlings. "Der Schaden, der Steffi Graf durch die Beugehaft für ihren Vater zugefügt wird, übersteigt die Steuerforderungen bereits bei weitem."
Der medienerfahrene Anwalt Klaus Ulrich Groth betrachtet die Geschichte etwas anders. "Haupttäterin ist Steffi Graf", schreibt er an die Mannheimer Staatsanwaltschaft. "Das Bild von der ahnungslosen Tennisprinzessin hier und dem bösen Vater da ist schlichtweg absurd." Steffi müsse ebenfalls hinter Schloß und Riegel.
Die sieht das anders. Nie habe sie mit ihren Finanzen etwas zu tun gehabt, erklärt sie beim Turnier in Toronto. Und dann verbittet sie sich alle Fragen zum Thema.
Steffi darf erstmals ihren inhaftierten Vater sehen
Steffi will wieder Tennis spielen. Sie hat eine neue Aufgabe. Die Rivalin ist wieder dabei. Nach über zweijähriger Pause hat Monica Seles am 30. Juli in Atlantic City einen Schaukampf gegen Martina Navratilova klar gewonnen. Nun tritt sie in Toronto zu ihrem ersten Turnier nach dem Attentat an.
In Toronto, es ist Mitte August, kreuzen sich zwei Lebenswege: Graf ist hektisch und deprimiert; Seles ist hektisch und fröhlich. Die Vorzeichen haben sich umgekehrt: Auf einmal hat die Seles wieder eine große Zukunft; Steffi ist die Frau mit der großen Vergangenheit.
Steffi spielt schwach. 54 leichte Fehler und 7 Doppelfehler unterlaufen ihr im Erstrundenmatch gegen die Südafrikanerin Amanda Coetzer. Sie verliert mit 6:3, 2:6, 6:7 - nach 32 Siegen ihre erste Niederlage in diesem Jahr. "Ich kann nicht mehr", hat sie ihrer Mutter, die ganz in Schwarz auf der Tribüne kauert, kurz vor Schluß zugerufen. Monica Seles gewinnt das Turnier von Toronto leicht.
Im Finale der U. S. Open triumphiert jedoch wieder Steffi. Mit Mühe gewinnt sie gegen Monica Seles 7:6, 0:6, 6:3. Erleichtert spricht sie "vom größten Sieg, den ich je errungen habe. Es gibt nichts, was dem auch nur nahekommt". Sie weiß nicht, ob sie "eine solche Freude schon je hatte".
44 Tage nach der Inhaftierung darf Peter Graf erstmals seine Tochter sehen. Durch eine Glasscheibe getrennt, reden sie 40 Minuten lang miteinander. Kein Wort über die Steueraffäre. Das ist verboten. Steffi erzählt vom Tenniszirkus.
Peter Graf berichtet, daß er joggt, daß er abgenommen hat und an der Gefängnismauer Stretching-Übungen macht. Alkohol trinke er nicht mehr. Er sei trocken. Das ist ein bißchen geflunkert.
Aber ein paar Veränderungen hat es schon gegeben. Am Nachmittag des 21. August ist er in das Mannheimer Untersuchungsgefängnis verlegt worden. "Herr Graf", schreibt die Mannheimer Anstaltsärztin Kilian, "hat sich mit den Gegebenheiten des Vollzugs arrangiert und akzeptiert die Einzelzelle im Haupthaus." 2,50 Meter mal 3 Meter mißt seine neue Welt. Links das Bett mit den blauweißen Bezügen, in der Ecke ein brauner Spind, daneben ein Farbfernsehgerät.
Vor der Festnahme noch mal schnell 43 Millionen Mark
verschoben
Fahnder, Berater und Anwälte versuchen derweil, eine Inventur des Grafschen Reiches zu erstellen. Die Einnahmen liegen irgendwo jenseits von 120 Millionen Mark. Keiner kann es genau sagen, die Unterlagen bleiben unvollständig. Vor allem ist schwer zu ermitteln, wieviel verbotene Antrittsgelder Graf wirklich kassiert hat.
Kenner der Szene, denen Grafs Raffke-Mentalität vertraut ist, errechnen 177,4 Millionen Mark Einnahmen. Aber davon sind nur ganze 6 Millionen Mark als Festgeld bei einer Bank in Schwetzingen geortet worden. Wo ist der Rest? Auf der Ausgabenseite stehen etwa 25 Millionen Mark Steuern, die in Deutschland gezahlt wurden, 8 Millionen Mark im Ausland. Hinzu kommen 10 Millionen Mark für Immobilien in Brühl und den USA.
Die Betriebsausgaben der Firma haben über all die Jahre höchstens 20 Millionen Mark betragen. Die Kosten für den Lebensunterhalt mögen bei 8 Millionen Mark liegen - großzügig geschätzt. Bleiben ein paar Millionen übrig.
Peter Graf mag aus der Zelle zur Aufklärung des Falles wenig beitragen. Wenn es um Geld geht, fehlt ihm stets die Erinnerung. Er hat in seinem chaotischen Finanzreich angeblich schon früh die Übersicht verloren.
Graf sitzt bereits in Untersuchungshaft, da melden holländische Geldwäschefahnder den deutschen Behörden verdächtige Geldbewegungen über 43 Millionen Mark. Am 14. Juli wurden bei der Bank Société Générale in Amsterdam sieben Transfers von Sunpark N.V. Curaçao auf Konte n in der Schweiz, in Liechtenstein, Monaco und auf den britischen Kanalinseln registriert.
Die deutschen Fahnder sind verblüfft. Hat Graf kurz vor seiner Festnahme noch cool den Zaster verschoben? Aber der inzwischen Inhaftierte beteuert, nichts damit zu tun zu haben, "gar nichts".
Die Ermittler versuchen ihr Glück bei Grafs Steuerbeistand Eckardt. Und der kann sich erinnern: Ein Graf-Helfer in Holland habe die Überweisungen angeordnet, um zu "retten, was zu retten ist".
Am 26. September wird auch Eckardt verhaftet. Er sei "dringend tatverdächtig", heißt es im Haftbefehl, als "faktischer Steuerberater der Beschuldigten Stefanie und Peter Graf" sowie "als deren kaufmännischer Berater" die geschwindelte Steuererklärung für das Jahr 1993 aufbereitet zu haben.
In seinem Haftbeschluß verkündet Amtsrichter Helmut Bauer: "Zu dem Haftbefehl vom 26. September wird klarstellend ergänzt, daß nach dem jetzigen Stand der Ermittlungen der Beschuldigte dringend tatverdächtig ist ... mittäterschaftlich mit den Beschuldigten Stefanie und Peter Graf die im einzelnen aufgeführten Taten begangen zu haben."
Stefanie Graf wird also deutlich als mutmaßliche Mittäterin ausgewiesen. Und Mittäter müssen sich die Taten zurechnen lassen - egal, wie berühmt sie sind.
Am 28. November 1995 gibt Peter Graf eine Erklärung ab, in der er noch einmal seine Tochter von allen Vorwürfen reinzuwaschen versucht. "Ich bedaure sehr", schreibt er, "daß ich meine Tochter durch das Sunpark-Modell und meine Tätigkeiten der Gefahr der Strafverfolgung ausgesetzt habe."
Peter Graf will einen Appell an das deutsche Volk richten
Noch vor Weihnachten, so signalisieren die Anwälte, komme Graf frei. Doch zunächst einmal erläßt Richter Bauer einen neuen Haftbefehl. "Der Beschuldigte Peter Graf", steht da, sei "dringend verdächtig, Steuern zum Vorteil seiner Tochter Stefanie Graf in Höhe von mindestens 21 093 902 Mark hinterzogen zu haben."
Grafs Anwalt Steffen Ufer hält dagegen, daß nichts mehr zu verdunkeln sei. 20 Millionen Mark lägen für die Steuerrückzahlung bereit. Darüber hinaus bietet der Anwalt zunächst eine Kaution über 5 Millionen Mark an, erhöht dann auf 10 Millionen Mark. Der Richter lehnt die Haftbeschwerde dennoch ab.
Peter Graf hat die Idee, einen Appell an das deutsche Volk zu richten. Er will öffentlich darum bitten, daß die Presse und das Fernsehen die Familie und seine Tochter unterstützen. "Nur mit aller Hilfe", notiert der Häftling, "kann sie wieder zu einer der besten Botschafterinnen unseres Landes werden. Ich bitte um Fairness für Steffi, meine gesamte Familie und letztlich auch für mich." Aber es bleibt nur beim Plan.
Schließlich geben die Anwälte von Peter Graf die Hoffnung auf, ihren Mandanten aus der U-Haft freizubekommen. Sie setzen darauf, daß ihm wenigstens verminderte Schuldfähigkeit zugebilligt werden kann, und schlagen eine eingehende psychiatrische Untersuchung vor.
Gutachter wird Michael Schmidt-Degenhard, Privatdozent an der Psychiatrischen Klinik der Universität Heidelberg. Die ewige Angst zu versagen, so sieht es Schmidt-Degenhard nach den Gesprächen mit dem Häftling, habe Graf mit Alkohol und Tabletten betäuben wollen. Die Suchtkarriere des kranken Mannes führte von der Pille zur Pulle. Seit 25 Jahren schluckt Peter Graf Tranquilizer, seit seinem 40. Lebensjahr säuft er. All die Zeit hat er versucht, sein Selbstwertgefühl anzuheben und mit Hochprozentigem sowie Geld die allgegenwärtigen Zweifel zu unterdrücken.
Steffi dagegen will die Affäre ohne Hilfe eines Psychiaters oder Psychotherapeuten durchstehen. "Wenn du erst einmal dahin gehst", sagt sie, "ist es schon zu spät, und du findest keinen Ausweg mehr."
Sie ist lieber auf den Tennisplatz gegangen - und wirkte bei ihrem Sieg in Paris so locker und gelöst wie nie.
Ende
Von Hans Leyendecker, Heiner Schimmöller und Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 25/1996
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