08.07.1996

RechtschreibungKuss und Känguru

Die Rechtschreibreform stiftet Verwirrung und Unsicherheit. Doch die meisten Ängste sind unbegründet.
Geht es um die Erneuerung der deutschen Sprache, gibt sich Bayerns Kultusminister Hans Zehetmair fortschrittlich. Bereits im September sollen die Erstkläßler in seinem Land die neuen Rechtschreibregeln lernen. Um die Lehrer rechtzeitig vorzubereiten, ließ der CSU-Politiker die Änderungen extra in der hauseigenen Zeitschrift Schulreport zusammenfassen.
Doch die Ministerialbeamten waren offenbar selbst noch nicht firm genug, ihnen unterlief ein Lapsus. So gaben sie ausgerechnet für das Wort "Orthographie" als zusätzlich erlaubte Schreibweise "Ortografie" an. Ein Fehler: Nach der Rechtschreibreform kann zwar "ph" durch ein "f" ersetzt werden, doch das "th" bleibt in diesem Fall unangetastet.
Wie Zehetmairs Redakteuren geht es vielen Leuten im Land. Verwirrung und Unsicherheit hat die am Montag vergangener Woche besiegelte Schreibreform ausgelöst. Ein Großteil der Bundesbürger fürchtet, daß ihre Briefe und Schreiben bald als fehlerhaft gelten, neue Texte nur noch schwer lesbar sind. Lehrer sorgen sich um neuen Streit mit ihren Schülern. Und viele Unternehmen beklagen sich über angebliche Kosten in Millionenhöhe. Bis zu 300 Millionen Mark, so hat der Verband der Schulbuchverlage errechnet, koste die fällige Korrektur der 30 000 Schulbuchtitel, 10 000 Mark pro Titel.
Doch die Ängste sind wohl übertrieben. Als "viel zu hoch" bezeichnet der bayerische Reformer Zehetmair die Schätzung der Verlage, schließlich "machen die ja auch ein zusätzliches Geschäft". Und sein hessischer Kollege Hartmut Holzapfel (SPD) weist darauf hin, daß "die Bücher ja nur noch nach und nach erneuert werden".
Tatsächlich werden die Verlage die neuen Regeln zumeist erst dann berücksichtigen, wenn ein Buch sowieso überarbeitet wird, beispielsweise weil sich der Lehrplan ändert. Der Klett-Schulbuchverlag aus Stuttgart, einer der Marktführer der Branche, rechnet damit, daß um das Jahr 2000 die Umstellung abgeschlossen ist.
Und Angelika Wellmann vom Rowohlt-Verlag mahnt: "Wir stampfen keine Bücher ein. Bei bedeutenden Autoren wie Tucholsky wird kurzfristig überhaupt nichts geändert." Erst bei kompletten Neuauflagen sollen die neuen Regeln gelten. Dann allerdings müssen Korrektoren die Bücher sorgsam überarbeiten, denn Computerprogramme können den Job nach Expertenmeinung nicht vollständig übernehmen.
Auch Unternehmen und Banken wollen Texte von Formularen und Verträgen erst ändern, wenn der vorhandene Vorrat aufgebraucht ist. Das Bonner Innenministerium, zuständig für die Umsetzung der Reform innerhalb der Behörden, sieht nach Aussage einer Sprecherin "keinen Zeitdruck".
Anders Zeitungen und Zeitschriften: Beim Dudenverlag in Mannheim haben bereits Redaktionen mehrerer Zeitschriften angefragt, ob die Duden-Mannschaft Ausgaben mit der neuen Rechtschreibung probelesen könne.
Auch Computer- und Softwarefirmen nehmen die Umstellung bereits in Angriff. Die Firma Microsoft will im Dezember dieses Jahres ein Update für die Rechtschreibprüfung ihres Textverarbeitungsprogramms Word auf den Markt bringen. Nach Auskunft eines Firmensprechers ist die Herstellung "technisch nicht aufwendig".
Am häufigsten wird in Familien und an Stammtischen gestritten, ab wann denn nun der Kuß zum Kuss oder das Känguruh zum Känguru wird. Dabei sind die Termine klar: Die nächsten zwei Jahre bleibt alles beim alten. Vom 1. August 1998 an gelten die neuen Regeln, doch bis zum 31. Juli 2005 gibt es eine Übergangsfrist, in der auch die alten Schreibweisen geduldet werden. Erst dann wird der Stengel verbindlich zum Stängel, der Stukkateur zum Stuckateur.
Wie in Bayern werden die Schulen in der Hälfte der Bundesländer die Erstkläßler bereits vom Herbst an nach den neuen Rechtschreibregeln unterrichten. Die anderen beginnen spätestens im Sommer 1998. Daß die Schüler in Büchern oder Zeitungen teilweise noch die alten Formen sehen, während sie die neuen lernen, hält Thüringens CDU-Kultusminister Dieter Althaus für kein Problem: "Das zeigt ihnen nur, daß sie weiter sind als die Journalisten oder Bücherschreiber."
Abgesehen vom Fach Deutsch werden alte pädagogische Werke wie bisher erst dann gegen neue ausgetauscht, wenn sie zerfleddert sind. Keine Schule kann es sich leisten, Atlanten oder Biologiebücher nur wegen der neuen Rechtschreibung wegzuwerfen.
Ohnehin wird die Reform die Rechtschreibung erleichtern. Die Zahl der Schreibregeln wird von 212 auf 112 reduziert. Von den mehreren hunderttausend deutschen Wörtern ändern sich nur ein paar hundert. So soll in Zukunft
* mehr getrennt als zusammen, mehr groß als klein geschrieben werden;
* ein Komma freier gesetzt werden;
* ß nach kurzem Vokal durch ss ersetzt werden (etwa dass statt daß);
* s-t wie s-p getrennt werden;
* immer so getrennt werden, wie die Silben gesprochen werden, etwa Zu-cker statt Zuk-ker (Fremdwörter können auch wie bisher getrennt werden).
Tests in Gymnasien haben schon gezeigt, daß es die Schüler in Zukunft einfacher haben. Den Jugendlichen unterliefen bis zu 40 Prozent weniger Fehler bei Diktaten als früher.
Bereits am 22. August kommt der neue Duden, dessen Redaktion zwei Jahre an der Korrektur gearbeitet hat, auf den Markt. Dennoch müssen sich die Sprachhüter mit einem deutlichen Machtverlust abfinden.
Hatten die westdeutschen Kultusminister 1955 die Duden-Rechtschreibung für verbindlich erklärt, so wird jetzt beim Institut für deutsche Sprache in Mannheim eine Expertenkommission eingerichtet. Sie soll in Zukunft "auf die Wahrung einer einheitlichen Rechtschreibung im deutschen Sprachraum" achten.
Ob sich allerdings jeder an das neue Regelwerk halten wird, ist mehr als fraglich. Viele Menschen pflegen persönliche Marotten und lassen sich die weder von einer Redaktion noch von einer Kommission austreiben. So hat der Schriftsteller Uwe Johnson in seinen Manuskripten nie "ß" geschrieben, sondern stets "ss" verwendet.

DER SPIEGEL 28/1996
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