05.11.2012

Schön, schlau, arm

EINE ANZEIGE UND IHRE GESCHICHTE: Wie eine arbeitslose Griechin zum Benetton-Model wurde
Als Katerina Karatairi, Griechin, Akademikerin und schon viel zu lange arbeitslos, in das Flugzeug nach Italien stieg, sagte sie sich, dass sie nicht zu viel erwarten dürfe, es war ja nur ein kurzer Job. In zwei Tagen würde er vorbei sein, und was soll schon passieren in zwei Tagen.
Andererseits, es war kein normaler Job, der in Italien auf sie wartete. Es ging darum, für einen Weltkonzern zu arbeiten, für Benetton, als Model, in einer globalen Werbekampagne, und da war jede Minute wertvoll, jeder Kontakt könnte das Leben verändern. Und eine Veränderung hatte Katerina Karatairi bitter nötig.
Ihre Eltern, die Mutter Sekretärin, der Vater Radartechniker, hatten sie in dem Glauben erzogen, dass Bildung und Fleiß belohnt werden, irgendwann, und sie waren davon überzeugt, dass Kinder niemals zu gut ausgebildet sein können. Deshalb hatten sie Katerina als Kind gleich auf zwei Schulen geschickt, eine staatliche am Vormittag, eine private am Abend. Sie hatten auch dafür gesorgt, dass ihre Tochter heute neben Griechisch drei weitere Sprachen spricht: Englisch, Französisch und Spanisch.
Ihre Tochter hatte sie nicht enttäuscht, hatte die Ratschläge beherzigt, einen Bachelor in Betriebswirtschaft gemacht, einen Master in Kulturmanagement, und nun sollte sie eigentlich zu den gutverdienenden jungen Akademikern Europas gehören. Aber das ist nicht der Fall, die europäische Krise torpedierte ihren Lebensplan.
Sie gehört nun zum akademischen Proletariat Europas, ist mittlerweile 30 Jahre alt, lebt in einem WG-Zimmer in Barcelona, und sie jobbt, nach vielen erfolglosen Bewerbungen, in einem Kindergarten, als Flugblattverteilerin, Kellnerin. Außerdem arbeitet sie an ihrer Dissertation, die sie begann, nachdem sie zwei Jahre lang keine angemessene Arbeit finden konnte.
Von der Kampagne hatte Katerina Karatairi durch einen Freund erfahren, er schickte ihr eine Nachricht über Facebook. Benetton suche Typen wie sie: jung, studiert, arbeitslos. In einer Stunde sei Bewerbungsschluss.
Mit ihrer Kamera machte Katerina Karatairi zwei Selbstporträts und schrieb in die Mail: Sie sei Griechin, lebe in Spanien, in Barcelona, habe einen Bachelor in BWL, einen Master in Kulturmanagement, und sie mache gerade ihren Doktor. Dann drückte sie auf Senden. Große Hoffnungen gestattete sie sich nicht.
Aber ein paar Tage später ließ Benetton sie wissen, dass sie ausgewählt worden sei, zusammen mit 13 anderen jungen, schönen, erfolglosen Akademikern. Man werde sie nach Venedig fliegen, dort finde das Shooting statt. Die Kampagne laufe unter dem Titel: Arbeitslose des Jahres, und mit ihr wollte Benetton mal wieder provozieren.
Ein Sprecher des Konzerns sagt, es gehe darum, Europas arbeitslose Jugend zu feiern, für ihren Durchhaltewillen, ihre Hartnäckigkeit, ihre Demonstrationen im Sommer dieses Jahres. Ein Video, für die Kampagne produziert, schließt mit den Sätzen: "Meine Arbeit definiert mich nicht. Entscheidend ist, wofür ich kämpfe."
Am Flughafen von Venedig hielt ein Mann ein Schild mit Katerina Karatairis Namen in der Hand und fuhr sie in einem Kleinbus 30 Kilometer nach Treviso. Der Wagen hielt vor einem strahlend weißen Gebäude, umgeben von sattem Grün, davor ein künstlicher See, das Wasser so klar, dass man auf den Grund blicken kann. Der Komplex trägt den Namen "Fabrica", es ist Benettons Talentschmiede, und Katerina Karatairi sagt, unter den hohen Decken, umgeben von schöner Kunst, fühlte sich Arbeit nicht wie Arbeit an, sondern wie Urlaub.
Zwei Tage verbrachte sie auf dem Anwesen, zusammen mit anderen Kurzzeit-Models, mit Tiago, 25 Jahre alt, aus Portugal. Er wollte eigentlich Vertriebsleiter werden. Mit Angel, 29 Jahre alt, aus Spanien. Er wollte sein Geld ursprünglich als Wirtschaftsingenieur verdienen.
Eine Stylistin machte sie zurecht, eine Fotografin setzte sie in Szene, in kleinen Gruppen, in immer neuen Variationen. Und alle waren nett, sagt Katerina, auch die Männer und Frauen, die direkt für Benetton arbeiten, die sie gelegentlich traf, auf den Fluren, beim Essen. Sie fühlte sich wohl in der Fabrica, gut aufgehoben, und sie wäre gern länger geblieben unter all diesen Leuten, die glücklich schienen, arbeiten zu dürfen. Sie hätte sich auch über ein Gespräch gefreut, über eine Begegnung, die ihrem Dasein die entscheidende Wendung gibt.
Aber diesen Kontakt, diese Begegnung gab es nicht. Benetton, ein Unternehmen mit knapp 10 000 Mitarbeitern, gab Katerina Karatairi, wozu die Firma sich vertraglich verpflichtet hatte, Übernahme der Reise- und Hotelkosten, freie Verpflegung und ein paar hundert Euro Honorar. Das war korrekt, ein Minijob, mehr aber auch nicht.
Am Morgen des dritten Tages setzte sich Katerina Karatairi wieder in den Kleinbus und kehrte zurück in ihr altes Leben, in ihr WG-Zimmer nach Barcelona, zu ihren schlecht bezahlten Aushilfsjobs. Neben ihrem Honorar nahm sie das Wissen mit, dass Arbeit an paradiesischen Orten möglich ist.
Vor kurzem verließ Katerina Karatairi Barcelona, ihre Dissertation gab sie auf; sie wohnt jetzt wieder bei ihren Eltern in Griechenland und fragt sich, was sie tun soll.
"Vielleicht bewerbe ich mich um ein Stipendium für ein Kunstprojekt oder um ein Praktikum, bei Benetton."
Von Sonja Hartwig

DER SPIEGEL 45/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 45/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Schön, schlau, arm

Video 01:03

Mountainbike-Massenkarambolage Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht

  • Video "Grönlander über Trumps Kaufangebot: Sie können es nicht kaufen, sorry" Video 02:13
    Grönlander über Trumps Kaufangebot: "Sie können es nicht kaufen, sorry"
  • Video "Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen" Video 00:48
    Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen
  • Video "Boris Johnsons Berlin-Besuch: Das Goldammer-Szenario im Nacken" Video 02:49
    Boris Johnsons Berlin-Besuch: Das "Goldammer"-Szenario im Nacken
  • Video "Naturphänomen in Ungarn: Atompilz über dem Plattensee" Video 00:36
    Naturphänomen in Ungarn: "Atompilz" über dem Plattensee
  • Video "Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop" Video 01:01
    Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop
  • Video "Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln" Video 20:40
    Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln
  • Video "Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet" Video 01:08
    Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet
  • Video "Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch" Video 01:03
    Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch
  • Video "Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt" Video 01:10
    Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • Video "Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D" Video 01:17
    Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D
  • Video "Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen" Video 01:16
    Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • Video "Rettungsschiff Open Arms: Weitere Flüchtlinge springen ins Meer" Video 01:08
    Rettungsschiff "Open Arms": Weitere Flüchtlinge springen ins Meer
  • Video "Uber Boat: In Cambridge kommt der Kahn per App" Video 00:58
    "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Video "Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun" Video 29:10
    Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Video "23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven" Video 01:06
    23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven
  • Video "Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom Höllenberg veröffentlicht" Video 01:03
    Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht