05.11.2012

GROSSBRITANNIENKönig Jimmy

Der einst prominenteste Moderator der BBC soll Hunderte Kinder missbraucht haben. Nun reden Zeugen - ein Desaster für die britische Elite.
Kevin war neun Jahre alt, als ihn der Moderator mit in die Garderobe nahm und fragte: "Möchtest du dir dein Abzeichen verdienen?"
Schon während der Fernseh-Show hatte Kevin Cook nichts anderes im Kopf als den Anhänger mit dem roten Band, der am Ende der Sendung verliehen wurde. Er wäre damit der Held in seiner Schule. Und jetzt wollte ihm Jimmy Savile, der Star-Moderator Englands, der Fernsehgott der BBC, das Abzeichen auch noch persönlich überreichen.
Kevin setzte sich auf den Stuhl vor dem Schminktisch. Es habe nicht lange gedauert, bis Saviles Hand auf seinem Knie lag. "Er öffnete meinen Reißverschluss, zog meine Shorts runter und fasste mich an. Dann nahm er meine Hand und presste sie gegen seine Hose."
36 Jahre später sinkt Kevin Cook in Harwich, einem Städtchen an der britischen Ostküste, in sein Sofa. Die Szene in der BBC-Garderobe, die sich im Sommer 1976 zugetragen haben soll, habe er nie vergessen können, sagt er. Er sucht immer noch nach einer Erklärung, weshalb er so lange geschwiegen hat. Wie fast alle Kinder, die Savile belästigt haben soll. "Er hat gesagt: ,Ich bin König Jimmy. Dir wird sowieso niemand glauben.'"
Sir James Savile, Träger des Ordens des Britischen Empire, Thatcher-Freund, Vertrauter von Prinz Charles und seiner Frau Diana, starb voriges Jahr mit 84 Jahren in seinem Haus in Leeds. Für keine seiner mutmaßlichen Taten wurde er je belangt, obwohl Gerüchte über pädophile Neigungen schon in den Siebzigern aufkamen. Damals moderierte er die Musik-Show "Top of the Pops" und die Kindersendung "Jim'll fix it".
Doch erst jetzt, Jahrzehnte später, wagen die ersten Opfer, ihre Geschichte zu erzählen. Scotland Yard geht mehr als 300 möglichen Fällen von Kindesmissbrauch nach. Es wird immer wahrscheinlicher, dass sich der Savile-Komplex zu einem der größten Missbrauchsskandale der britischen Geschichte ausweitet.
Fast täglich melden sich neue Zeugen, eine Frau berichtete, wie Jungen und Mädchen quasi öffentlich in Garderoben der BBC missbraucht wurden. "Er hat nie versucht, seine Vorlieben zu verstecken", sagte ein früherer Fernsehproduzent, der mit Savile zusammenarbeitete. Andere erzählen, sie seien im Krankenhaus oder im Kinderheim missbraucht worden. Ein Zeuge sagt, er habe zwei Mädchen aus Saviles Wohnwagen kommen sehen, die kaum älter als 14 waren. Trotzdem hielt keiner den Prominenten auf.
Jetzt fragt sich ein ganzes Land, weshalb niemand wissen wollte, was offenbar kein Geheimnis war: dass Jimmy Savile sich an Kindern vergriff. Im Mittelpunkt stehen zwei der ehrwürdigsten britischen Institutionen: die BBC und die Gesundheitsbehörde NHS, die für die Unversehrtheit ihrer Patienten verantwortlich ist - denn auch in Kinderkliniken soll Savile sich an Minderjährigen vergriffen haben. Blamiert stehen auch diejenigen da, die Savile hofierten: Politiker, Schauspieler, Fernsehgrößen, das Königshaus.
Für Kinder und Jugendliche war Jimmy Savile in den sechziger und siebziger Jahren ein übernatürliches Wesen. "Er war wie Gott", sagt Kevin Cook. 1976 war er bei den Pfadfindern und wurde mit Freunden in Saviles Show "Jim'll fix it" eingeladen, weil sie die Idee hatten, ein Milchwagen-Wettrennen zu veranstalten. Dafür war die Sendung da: um Kinderträume wahrzumachen. Acht Pfadfinder durften im Studio der BBC auf die Bühne, darunter Kevin Cook.
Auf dem Foto von damals trägt er kurze Hosen mit Kniestrümpfen. Er habe sich nichts dabei gedacht, als ihn der Moderator in die Garderobe führte, sagt Cook.
Jetzt muss die BBC erklären, wie sie es trotz aller Gerüchte und Hinweise geschehen lassen konnte, dass offenbar Kevin Cook und womöglich noch viele andere Kinder von Savile in den Gebäuden des Senders belästigt und missbraucht wurden. BBC-Generaldirektor George Entwistle entschuldigte sich bereits öffentlich bei den Opfern; eine Kommission soll die Hintergründe aufdecken.
Denn hinter dem Skandal steckt noch ein zweiter: Kurz nach Saviles Tod im Oktober 2011 recherchierte ein Fernsehteam der BBC die Vorwürfe und traf Frauen, die behaupteten, als Mädchen vergewaltigt worden zu sein. Es war das erste Mal, dass mutmaßliche Opfer vor die Kamera traten. Der Film wurde jedoch nie ausgestrahlt, aus "journalistischen Gründen". Stattdessen zeigte der Sender eine Savile-Gala, die dem Helden huldigte. Erst eine Dokumentation des Privatsenders ITV brachte die Sache vor kurzem ins Rollen.
Saviles Aufstieg vom Bergarbeiter bis ins nationale Fernsehen begann in einer Phase des sozialen Umbruchs der fünfziger und sechziger Jahre, als die englische Gesellschaft toleranter wurde. Die Popmusik und die BBC spielten dabei eine entscheidende Rolle als Vermittler.
Jimmy Savile hatte die Kluft zwischen den sozialen Klassen überquert und sich durch sein clownhaftes Auftreten die Immunität eines Exzentrikers verschafft. Das Klima sexueller Befreiung nutzte Savile aus. "Wir haben doch bei alldem mitgespielt, oder? Wir haben ihn zu dem unberührbaren Jimmy Savile gemacht, der er geworden ist", sagte die ehemalige BBC-Moderatorin Esther Rantzen unter Tränen. Sie war mit Savile befreundet.
In Clubs und Discos, bei Spendengalas und Klinikbesuchen, überall dort, wo Jimmy auftauchte, warfen sich ihm Groupies an den Hals, auch Minderjährige. "Der große Witz über ihn war: Entweder wird er mal richtig berühmt, oder er endet im Knast, weil er mit 14-jährigen Mädchen Sex hat", sagt sein Biograf Dan Davies.
Für Pädophile ist es nicht untypisch, sich die Nähe zu Kindern mit einer professionellen Tarnung zu erschleichen. Jimmy Savile begann, Kinderkliniken, Heime und Psychiatrien mit Geld zu unterstützen. Schätzungen zufolge sammelte er umgerechnet rund 50 Millionen Euro für wohltätige Zwecke. Meistens ging es um Kinder. Die Broadmoor-Psychiatrie südöstlich von London und das Krankenhaus in Leeds stellten ihm Zimmer zur Verfügung. Savile konnte in Ruhe auf Beutezug gehen. "Er war ein Raubtier", sagt eine Frau, die mit 15 in jener Klinik war.
Es gab eine Zeit, in der Savile überall gleichzeitig zu sein schien. Im Fernsehen, in Krankenhäusern, Kinderheimen, bei Wohltätigkeitsmarathons. Mit seinem weißen Rolls-Royce fuhr er auch zur Duncroft Besserungsanstalt für Mädchen westlich von London und lud junge Patientinnen zu Spazierfahrten ein.
"Er hat sich zu uns gesetzt und so getan, als wäre er selbst ein Mädchen. Dabei traf er seine Auswahl", erinnert sich eine ehemalige Patientin, die als 14-Jährige in dem Heim untergebracht war. In der ITV-Dokumentation erzählt sie, Savile habe ihr an die Brust gefasst und von ihr verlangt, einen Finger in seinen Anus zu stecken.
Wie die Behörden inzwischen einräumten, meldeten sich mindestens sieben mögliche Opfer mit ähnlichen Geschichten bei vier unterschiedlichen Polizeidienststellen, als Savile noch am Leben war. Es wäre eine Chance gewesen, ihn mit den Vorwürfen zu konfrontieren, die angeblich so viele kannten. Die Ermittlungen wurden jedoch in allen Fällen eingestellt.
Kevin Cook sagt, er habe beinahe einer Freundin von der Sache mit Savile erzählt, da war er Anfang 20. Er bremste sich, weil er nicht als Opfer dastehen wollte. Seiner Frau berichtete er erstmals vor drei Wochen davon, als der Skandal bereits die Titelseiten der Zeitungen füllte. Sie rief die Polizei, obwohl er das nicht wollte. Kurz darauf stand eine Beamtin aus London vor der Tür.
Großbritannien ist jetzt damit beschäftigt, die Erinnerungen an einen gestürzten Helden zu beseitigen: Gedenktafeln werden abgeschraubt, Straßen umbenannt. Aus Scham veranlasste Saviles Familie, dass in einer nächtlichen Aktion sein Grabstein vom Friedhof geräumt wurde. Vergangene Woche wurde Saviles Vermögen von umgerechnet rund fünf Millionen Euro eingefroren. Der Großteil des Geldes lag bei seiner Stiftung, die sich unter anderem für Behinderte und Alte einsetzt.
Die Polizei dehnt ihre Nachforschungen nun auf das frühere Umfeld des Moderators aus. Der ehemalige Sänger und zweifach verurteilte Kinderschänder Gary Glitter wurde ebenso festgenommen wie der Komiker Freddie Starr. Beide sind inzwischen auf Kaution frei und bestreiten alle Vorwürfe.
Gleichzeitig versuchen Kanzleien, die auf Missbrauchsopfer spezialisiert sind, Mandanten für einen Entschädigungsprozess zu gewinnen. "Es ist wie ein riesiges Puzzle, das sich vor unseren Augen zusammensetzt", sagt der Rechtsanwalt Alan Collins, der nach eigener Aussage zwölf Klienten vertritt.
Kevin Cook weiß nicht, ob er sich einen Anwalt nehmen will. Seine Frau drängt ihn sanft dazu. Aber er hat Skrupel, mit dem, was vor 36 Jahren passiert sei, Geld zu machen. Er wisse nur, dass die Geschichte erst begonnen hat.
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 45/2012
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