08.07.1996

Doping„Eine blöde Situation“

Die Wochen vor den Olympischen Spielen in Atlanta waren die Zeit der Gerüchte. Jede Spitzenleistung eines US-Athleten wurde von der Konkurrenz beargwöhnt; Doping-Verdächtigungen erlebten einen Boom. Staatliche Drogenfahnder stellten fest, daß pro Jahr in den USA Anabolika mit Schwarzmarktwert von einer halben Milliarde Dollar konsumiert werden.
Als die dreimalige Olympiasiegerin Florence Griffith Joyner ihren Comebackversuch für die Olympischen Spiele in Atlanta nach einem Schlaganfall abbrechen mußte, fanden europäische Experten nur eine plausible Erklärung für das plötzliche Leiden einer 36jährigen Höchstleistungssportlerin. Die Krankheit der Sprinterin, so vermuteten sie, könne nur mit einer Doping-Kur zusammenhängen.
Als der bis dahin nur Leichtathletik-Insidern bekannte Anthony Washington im Mai dieses Jahres als erster Mann seit zehn Jahren den Diskus wieder über die 71-Meter-Marke schleuderte, wurden ebenso Doping-Gerüchte kolportiert wie nach der erneuten Olympia-Qualifikation des Kugelstoß-Weltrekordlers Randy Barnes, der schon einmal als Anabolika-Sünder erwischt worden war.
In den Wochen vor Olympia stehen die amerikanischen Spitzensportler wie nie zuvor am Pranger. Jede Topleistung wird von den Konkurrenten ebenso argwöhnisch registriert wie jeder steile Aufstieg eines bisherigen No-name-Athleten.
"Es ist eine blöde Stituation, wenn dauernd Athleten des Dopings verdächtigt werden", sagt der deutsche Zehnkämpfer Paul Meier, "aber bei den schlechten Kontrollen in Amerika kann ich wirklich niemandem mehr trauen."
Es ist kein Verdacht ins Blaue: Die verschärfte Bundesgesetzgebung gegen die Muskeldrogen hat konkrete Einblicke in das weitverzweigte Doping-Milieu der USA ermöglicht, das Nationale Olympische Komitee aber wirksame Kontrollen verhindert (siehe Seite 169).
Bei einer Zusammenkunft internationaler Doping-Experten berichtete der US- Delegierte John Hoberman, daß es in den USA nach konservativen Berechnungen zwei bis drei Millionen Anabolika-Konsumenten gibt, die jährlich auf dem schwarzen Markt Drogen im Wert von einer halben Milliarde Dollar umsetzen.
Schon zwei Jahre nach dem "Verbot des In-Verkehr-Bringens von anabolen Steroiden" hatten die Ermittler 295 Dealer festgenommen. Dabei wurden über sechs Millionen Dosierungen sichergestellt. Pro Jahr gelingen der Polizei über 40 Beschlagnahmungen, besonders häufig in Florida, Arizona und Kalifornien - den Staaten also, in denen sich auch die US-Athleten auf die Spiele vorbereiten.
Erschwert wird die Arbeit der Polizei aber nach wie vor durch die mannigfaltigen Vertriebswege. Nur ein Teil der Muskeldrogen kommt aus dem eigenen Land, viele Präparate werden über die mexikanische Grenze geschmuggelt, der Rest gelangt per Post aus den Staaten des ehemaligen Ostblocks nach Amerika. So wurde der amerikanische Kugelstoßer Mike Stulce bei der Weltmeisterschaft 1993 in Stuttgart mit dem alten DDR-Mittel STS 646 im Urin erwischt.
Der schwarze Markt bietet alles, was den Athletenmuskel stark macht. Das Wachstumshormon HGH werde zunehmend zu einem Renner, hat Dan Legget von der zuständigen US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel erkannt: "Es gibt eine riesige Nachfrage. Wenn jeder Athlet es sich leisten könnte, würde HGH den Steroiden den Rang ablaufen."
Das gentechnisch hergestellte Mittel kostet auf dem Schwarzmarkt zwischen 500 und 1500 Dollar für eine Tagesration. Bei einer Untersuchung unter Schülern gaben trotzdem immerhin fünf Prozent der Befragten an, schon einmal Wachstumshormone eingenommen zu haben.
Schon lange vermuten die europäischen Leichtathleten, daß sich auch die gutverdienenden US-Sprinter mit Wachstumshormonen versorgen - schließlich können die, anders als Steroide, bisher bei Kontrollen nicht nachgewiesen werden.
Die amerikanischen Leichtathletik-Funktionäre sorgten auf ihre Weise bei den Olympia-Ausscheidungskämpfen für Gleichheit: Sie hatten präzise arbeitende Meßgeräte zur Urinüberprüfung auf Anabolika so spät beim Hersteller bestellt, daß diese nicht mehr rechtzeitig eingesetzt werden konnten.

DER SPIEGEL 28/1996
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DER SPIEGEL 28/1996
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