08.07.1996

Medaillen gehen vor Moral

Hoberman, Professor für deutsche Sprache an der University of Texas in Austin, ist Autor des Buches "Sterbliche Maschinen. Doping und die Unmenschlichkeit des Hochleistungssports" (Meyer & Meyer Verlag).
Gut 100 Tage vor der Eröffnungsfeier der Spiele in Atlanta erklärte das Olympische Komitee der Vereinigten Staaten von Amerika (USOC), daß sein Drogentestprogramm - von einem Offiziellen stolz als das "härteste Anti-Doping-Programm in der Welt" bezeichnet - erst nach Olympia in Kraft gesetzt werde.
Die Folge beschrieb USOC-Funktionär Baaron Pittenger lapidar so: "Unangekündigte Kontrollen vor Atlanta wird es nicht geben - wir testen wie bisher." Und das bedeutet: so gut wie gar nicht.
Fehlende Mittel, wie bisher immer behauptet, seien diesmal für die Verzögerung nicht ausschlaggebend, sagte Pittenger, es gebe vielmehr unüberwindliche Hindernisse bei der Festlegung einer ganzen Reihe von Verfahrensfragen. Mit anderen Worten: keine große Sache, nur eine Verspätung.
Die deutsche Reaktion auf die Untätigkeit des USOC war eindeutig. "Meine Athleten fühlen sich verarscht", empörte sich Helmut Digel, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.
Doch was nützte das schon? Die Amerikaner finanzieren die Spiele, da bestand praktisch keine Chance, daß Juan Antonio Samaranch, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, die Amerikaner zu einem ernsten Dialog über das Übel Doping auffordert - mag er in Sonntagsreden auch noch so oft kundtun, daß "Doping der Tod des Sports" ist.
So erinnerte niemand das USOC an seine Versprechen. Im Oktober 1989, ein Jahr nach dem Ben-Johnson-Skandal bei den Spielen in Seoul, hatte der USOC-Vorstand beschlossen, was die New York Times als "ein aggressives Drogen-Testprogramm" bezeichnete.
Doch schon damals warb Edwin Moses, Vorsitzender des USOC-Ausschusses gegen Doping-Mißbrauch, um Verständnis dafür, daß das Programm aufgrund "logistischer" Probleme erst sechs Monate später gestartet werden könne. Heute, sechs Jahre später, warten die ausländischen Kritiker des USOC noch immer darauf, daß der Plan von 1989 in die Tat umgesetzt wird - nun also soll es nach Atlanta soweit sein.
Die Deutschen, durch eine endlose Kette von Doping-Skandalen und offizielle Anti-Doping-Kommissionen sensibilisiert, mögen vielleicht überrascht sein, wenn sie erfahren, daß die Verzögerung bei den Doping-Kontrollen in den Vereinigten Staaten nicht einmal ein leises Grummeln öffentlichen Protestes hervorgerufen hat.
Die amerikanische Öffentlichkeit hat sich offensichtlich an diese Doping-Politik gewöhnt. Es gehört zum Allgemeinwissen, daß das USOC vor den Spielen 1984 in Los Angeles Athleten auf Drogen kontrollierte, aber nur um genau wie bei den Rivalen aus dem Ostblock sicherzustellen, daß ihre Medaillenkandidaten bei offiziellen Kontrollen nicht erwischt würden. Gleichzeitig wurden Kritiker gefeuert: Der Olympia-Chefarzt Dr. Robert Voy mußte gehen, nachdem er gegenüber Journalisten zu offen über Dopen und Vertuschen gesprochen hatte.
Das mangelnde Interesse des USOC, tatsächlich einen Kreuzzug gegen Doping zu führen, ist zum einen die Folge bürokratischer Ermüdung und zum anderen das Produkt einer klaren Prioritätensetzung: Medaillen vor Moral.
Verhandlungen über Drogentestvereinbarungen mit 41 nationalen Sportverbänden, die sich über die Kosten und den Papierkrieg beschweren, entwickelten sich zu einem juristischen Alptraum. C. Harmon Brown, sportmedizinischer Leiter beim US-Leichtathletik-Verband, sieht das Schicksal des amerikanischen Doping-Testprogramms jetzt in den Händen der Anwälte der Verbände.
Aber das größere Problem bleibt der Widerwille, etwas zu unternehmen, das die Anzahl der Medaillen verringern könnte - das USOC ist und bleibt provinzlerisch und nationalistisch. Nichts hat sich geändert gegenüber einem USOC-Dinner 1987, bei dem die einzige Tischdekoration für 200 auch ausländische Gäste die Stars-and-Stripes-Flaggen waren - eine sich selbst entlarvende Geste von Anhängern des chauvinistischen Muskelspiels.
Natürlich ist auch den USOC-Gremien bewußt, daß die gegenwärtigen Drogentests weitgehend wirkungslos sind. Daß dennoch nicht mehr als das absolut Notwendige unternommen wird, hat mit der Einstellung der US-Offiziellen zu tun. Sie empfinden Doping nicht als tödliche Bedrohung der Integrität des Sports, sondern sehen darin ein zwar lästiges Problem, das aber durch gezielte Public Relations kleingeredet werden kann.
So ist es praktisch unmöglich, in den Vereinigten Staaten eine moralische Empörung über Doping hervorzurufen. Die vom amerikanischen Kongreß 1989 durchgeführten Hearings produzierten zwar einen 800-Seiten-Bericht, aber kein Jota an öffentlichem Interesse. Deshalb trat Edwin Mo- ses ein Jahr später aus dem Drogen-Kontroll-Komitee der Leichtathleten aus. Zwischen fußlahmen Sportfunktionären und aufgebrachten Athleten eingezwängt, konnte selbst der hochangesehene Olympia-Held keine wirkungsvolle Führung übernehmen. Auch dieser Rücktritt verursachte nicht einmal einen Hauch von Kontroverse.
Einen weiteren Anlauf machte John McEnroe 1992, als er umfangreiche Drogenkontrollen im Profi-Tennis forderte.
"Wenn die Leute glauben, daß Steroid-Gebrauch im Tennis unüblich ist, dann täuschen sie sich", sagte er. "Man kann erkennen, wenn jemand auf Steroiden ist. Der Mann wird aufgeblasen, hat einen neuen Körper und wird nie müde." Niemand interessierte sich dafür, der Star hätte genausogut in ein leeres Stadion hineinrufen können.
Auch unter College- und Profi-Football-Spielern ist der Steroidgebrauch seit vielen Jahren weit verbreitet. Doch die US-Sport-Journalisten sehen einfach in die andere Richtung, um ihre Jobs zu behalten. Seriöse Zeitungsberichte über Steroide im Football erscheinen so selten wie Kometen. Wie das USOC hat auch die National Football League nur Drogenkontrollen eingeführt, um die Zuschauer zu beruhigen. Die Tests erfolgen mit noch weniger Begeisterung und Wirksamkeit als bei den Olympiern.
Weil er mit diesem laxen Status quo nicht zufrieden war, schlug der Besitzer der Dallas Cowboys kürzlich vor, daß die Teams selbst die Kontrolle über die Drogentests übernehmen sollten. Nicht einmal diese absurde Idee - die potentiellen Sünder würden sich selbst kontrollieren - konnte die Sportkolumnisten der Nation von ihrem Routinegeschwätz über Gehälter und Trainerkarrieren abbringen.
Noch rigoroser verweigern sich die wohlhabenden Stars der National Basketball Association - einschließlich des olympischen Dream Teams. Drogenuntersuchungen werden als Verletzung ihres "Rechts auf Privatsphäre" abgelehnt.
Weil das Publikum sie nicht mit Verbrechen oder gesellschaftlich akzeptablem Verhalten assoziiert, hat die Steroid-Epidemie unter Teenagern, Football-Spielern und Bodybuildern nie auch nur den Bruchteil des Interesses gefunden, das die Medien den "Freizeit-Drogen" wie Marihuana und Kokain widmen.
Die öffentliche Apathie ist das Resultat einer durch Medien-Passivität und Sportpolitik geförderten Ignoranz: Widerwillige und episodische Behandlung des Themas haben das Publikum gelehrt, sich nicht darum zu kümmern. So wird über die Karrieren der amerikanischen Spitzen-Radsportler wie Greg LeMond und Lance Armstrong berichtet, als ob diese in einem drogenfreien Sport führen.
Die wenigen Journalisten, die sich des Dopings annehmen, stoßen auf ständigen Widerstand verantwortlicher Zeitungsmacher, die das ganze Thema als langweilig ablehnen. Als der Weltrekord-Schwimmer Jeff Rouse im letzten Jahr versuchte, eine internationale Anti-Doping-Kampagne zu organisieren, fiel seine Pressemitteilung in einen Medien-Leerraum, aus dem sie nie wieder auftauchte.
Viele Hochleistungssportler, Trainer und selbst ärztliches Personal wissen viel weniger über Doping, als man annehmen möchte. Für sie ist die internationale Anti-Doping-Politik praktisch Terra incognita. Die Amerikaner mußten sich nie aus der Geschichte heraus gezwungenermaßen mit dem Thema beschäftigen wie die Deutschen nach dem Zusammenbruch der DDR.
In letzter Konsequenz wird die Gleichgültigkeit aber dadurch erzeugt, daß die Washingtoner Regierung den Elitesport nicht mit Geld unterstützt. Deshalb gibt es keine Doping-Debatten im Kongreß, keine Sportausschüsse, keine sportpolitischen Sprecher, keine sportpolitischen Befindlichkeiten der Politiker - kurz gesagt, keine Bundesverantwortung für Doping.
Die gemeinsame Idee und Verantwortung einer Allianz aus Sport, Politik, Wirtschaft und Medien, wie sie bei der letzten Zusammenkunft des runden Tisches im Februar in Deutschland verkündet wurde, wäre in den Vereinigten Staaten undenkbar.
Nie würde es einem amerikanischen Präsidenten einfallen, so wie Helmut Kohl zu sagen: "Der Sport muß international konkurrenzfähig bleiben." Eine echte Supermacht braucht sich nicht darum zu kümmern, symbolische Macht durch Hochleistungssportler zu vermitteln - sie überläßt den Sport dem Markt. Und damit dem Doping.
Von John Hoberman

DER SPIEGEL 28/1996
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