01.07.1996

Zeitgeschichte„Ganz langsam gesteinigt“

Ein Mob aus polnischen Hausfrauen und Polizisten, Angestellten und Soldaten brachte vor genau 50 Jahren mindestens 42 Juden in Kielce, südlich von Warschau, um - der schlimmste Pogrom in der polnischen Nachkriegszeit. Das Massaker löste - ungewollt - ein kleiner Junge aus.
Der Bauarbeiter Pawel Stepniewski ist mit seiner Arbeit zufrieden. Der Putz an der Fassade ist trocken, die graubraune Außenwand des Mietshauses hinter strahlendem Weiß verschwunden. Frisch getüncht, liegt das dreistöckige Gebäude in der Planty-Straße am Ufer der Silnica, die sacht durch den Stadtpark plätschert.
Stepniewski arbeitet von sieben Uhr früh bis abends um acht. "Wir müssen fertig werden", herrscht ihn der Polier an, wenn er eine Zigarettenpause einlegen will.
Bis nächsten Sonntag herrscht Hektik in Kielce, der 220 000 Einwohner großen Stadt 170 Kilometer südlich Warschaus. Dann müssen die Bordsteinplatten in der Planty-Straße neu verlegt sein. Auf dem jüdischen Friedhof, draußen am Stadtrand, werden die neuen Grabsteine liegen, mit hebräischen Schriftzeichen verziert, und im Stadtzentrum wird kein Gerüst mehr den Blick auf die blaugetünchte Synagoge verstellen.
Kielce macht sich bereit für den hohen Besuch. Der Bauarbeiter Stepniewski weiß, daß "der Premierminister aus Warschau sowie viele Gäste aus Europa, sogar aus Israel und den USA" kommen werden, um sich das Haus, die Synagoge und den Friedhof anzusehen.
Am 4. Juli 1946, knapp 14 Monate nach der Kapitulation des Nazi-Regimes, wurden in der adretten Stadt Kielce mindestens 42 Juden umgebracht. Der Mob aus mehreren hundert Arbeitern und Hausfrauen, aus Angestellten, Dörflern, Polizisten und Soldaten tobte seine Mordlust von zehn Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags aus.
In den Städten Krakau, Tschenstochau, Radom und Ostrowiec kam es in den Jahren 1945 und 1946 zu ähnlichen Exzessen. Zwischen 1500 und 2000 Juden, die meisten hatten deutsche Vernichtungslager überlebt, wurden in diesen ersten beiden Nachkriegsjahren von Polen erschlagen, erstochen, gesteinigt. In Kielce tobte am 4. Juli 1946 der grausamste Pogrom der polnischen Nachkriegsgeschichte. "Hier ging es los", erinnert sich der Rentner Eugeniusz Rembosz und zeigt auf das frisch getünchte Haus Nummer 7 in der Planty-Straße. "Sie haben Kinder vom Balkon geworfen, die Schädel von Babys an Wänden zerschmettert." Mitten im Fluß habe ein Jude gestanden, nicht älter als 25 Jahre. "Den haben sie gesteinigt, ganz langsam." Jeder in der Menge hat einen Stein geworfen, und der junge Mann in der Mitte des Flusses wehrte sich nicht, "er hat nicht mal die Hände vors Gesicht gehalten".
Ein paar hundert Menschen haben, wie Rembosz, das Abschlachten beobachtet. Sie haben gesehen, wie Freunde und Verwandte, die den Opfern zu Hilfe kommen wollten, vom Mob abgedrängt wurden.
Zu den grausamsten Ausschreitungen kam es am Nachmittag des 4. Juli, als sich mehrere hundert Arbeiter aus einer in der Nähe gelegenen Eisenhütte nach Kielce aufmachten, um Juden umzubringen. Sie stoppten Züge auf den Bahngleisen und durchsuchten sie; auch zwei Polen, die irrtümlich für Juden gehalten wurden, fielen dem Blutrausch zum Opfer.
Erst am späten Nachmittag machten Soldaten dem Morden ein Ende, indem sie Warnschüsse in die Luft feuerten und die Planty-Straße absperrten. Das späte Eingreifen der Ordnungsmacht, die Beteiligung vieler Polizisten und Armeeangehöriger am Pogrom nähren bis heute den Verdacht, offizielle Stellen hätten das Morden nicht nur geduldet, sondern sogar provoziert.
Nach dem Pogrom emigrierten 150 000 polnische Juden - aus Furcht vor neuen Exzessen. Viele von ihnen gingen nach Palästina.
Den Haß und die Gewalt hatte ungewollt ein kleiner Junge ausgelöst.
Henio Blaszczyk, Sohn eines polnischen Schuhmachers, lebte mit seinen Eltern erst ein paar Wochen in Kielce. Am 1. Juli 1946 packte ihn das Heimweh nach seinem kleinen Dorf. Der Knirps sprang auf einen Pferdewagen und ließ sich in das nur 20 Kilometer entfernte Kaff kutschieren. Am Abend des 3. Juli kehrte er, drei Pfund Kirschen im Gepäck, nach Kielce zurück. Beim Anblick des verlorenen Sohns rief der Vater aufgeregt: "Henio, da bist du ja endlich, haben dich etwa die Juden entführt?" Der Junge, in Angst vor Schlägen, nickte.
Blaszczyk kennt die Worte noch genau, die sein Vater ihm am Morgen des 4. Juli auf dem Weg zum Polizeirevier eingetrichtert hat. "Vergiß nicht, mein Sohn, dem Wachtmeister zu sagen, daß es Juden waren, die dich entführt haben." Auf der Wache hat Henio dann die Geschichte noch ausgeschmückt: Juden hätten ihn in einen Keller gesperrt. In der Planty-Straße Nummer 7, dem Haus, das Henio nach einem Ortstermin gegen halb zehn Uhr vormittags als sein Gefängnis bezeichnete, gab es zwar keinen Keller. Aber das hielt die Polizisten, die den Knirps begleiteten, nicht davon ab, allen Passanten zu erzählen, "daß die Juden unsere Kinder entführt und ermordet haben". Binnen weniger Minuten rotteten sich Dutzende, dann Hunderte Menschen vor dem Haus Nummer 7 zusammen, um zehn Uhr flog der erste Stein.
Heute ist Henryk Blaszczyk 59 Jahre alt, ein Mann mit traurigen blauen Augen und Herzbeschwerden, der seinen Lebens- unterhalt als Wachmann der Pädagogischen Hochschule in Kielce verdient. Mit seiner Frau, einem Papagei, einem Hund und einem Dutzend Zierfischen lebt er in einer kleinen Wohnung mitten im Neubauviertel im Norden der Stadt.
"Ich war doch noch ein Kind", sagt er. Blaszczyk, auch das "Phantom von Kielce" genannt, hat die Folgen seiner kindlichen Notlüge nie verwunden. Noch Jahrzehnte nach dem Massaker, berichtet ein guter Bekannter, "ist Henryk zum Haus in der Planty-Straße gegangen, um dort einen Keller zu suchen - obwohl er doch wußte, daß es gar keinen gibt".
Stefania Stazewska, 73, hat den Namen Henryk Blaszczyk schon oft gehört: "Er kann nichts dafür. Die Erwachsenen waren voller Haß, nicht das Kind." Sie hatte, eine Überlebende des Aufstands im Warschauer Ghetto und des Konzentrationslagers Majdanek, "schon alles Leiden erfahren, aber Kielce war das Allerschlimmste".
Stazewska hatte sich noch am 4. Juli mit Angehörigen eines jüdischen Hilfskomitees von Warschau nach Kielce aufgemacht, "um zu retten, was zu retten ist". Die Delegation erreichte die Stadt erst am 5. Juli. Im Stadtkrankenhaus von Kielce schrien die Verletzten vor Schmerzen und Durst. "Wir mußten das Wasser erst abkochen, das hat sehr lang gedauert."
Stazewska hat sich überlegt, nach dem Morden von Kielce das Land zu verlassen. Sie blieb am Ende in Warschau. "Nicht alle Polen sind Antisemiten. Mich hat eine Polin vor den Nazis gerettet." Die alte Dame ist in der polnischen Hauptstadt eine bekannte Schauspielerin am Jüdischen Theater.
"Dieser Pogrom ist Polens offene Wunde", urteilt die Historikerin Krystyna Kersten, die vor 15 Jahren in einer Zeitung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarno'sc zum erstenmal über Kielce berichtete. Ihre Landsleute hätten sich immer "als Opfer gefühlt" - der deutschen Besatzer oder der russischen Okkupanten.
"In Kielce aber waren Polen die Täter, das paßt bis heute nicht ins Bild." Eine Regierungskommission in Warschau soll die Vorfälle jetzt noch einmal untersuchen.
Bisher wurden die Ereignisse vom 4. Juli in der polnischen Geschichtsschreibung entweder verdreht oder verschwiegen. Mal wurde "reaktionären Banden" der Pogrom angelastet, mal behaupteten die Kommunisten, eine zionistische Verschwörung sei für die Exzesse verantwortlich. Den Prozeß, in dem wenige Tage nach dem Pogrom neun Polen zum Tode verurteilt worden waren, deutet die "Christlich Nationale Vereinigung", eine rechte Partei, noch heute in einen Willkürakt der Kommunisten um.
Diese abstrusen Theorien sollten, meint die Historikerin Kersten, "davon ablenken, daß der Pogrom aus der Mitte der polnischen Gesellschaft heraus verübt worden ist".
Mit antisemitischen Ressentiments wurde in Polen immer mal wieder Politik gemacht. 1968 wurden Kommunisten jüdischer Herkunft aus der regierenden Arbeiterpartei hinausgeworfen; sie standen unter dem Verdacht, als Intellektuelle mit dem Prager Frühling zu sympathisieren. Lech Walesa bediente sich im Präsidenten-Wahlkampf 1990 antisemitischer Vorurteile, um politische Gegner herabzusetzen. Jeder Kandidat, der zu Wahlen antrete, solle seine Herkunft offenlegen, forderte Walesa: "Ich habe nichts zu verheimlichen, ich bin ein reiner Pole."
Über Antisemitismus spricht Boguslaw Ciesielski nicht gern. Der Bürgermeister von Kielce gibt sich überzeugt, daß am Pogrom 1946 nur "primitive Leute" teilgenommen hätten, "die überwiegend gar nicht aus Kielce stammten".
Ciesielski will seine Stadt "nach vorne bringen", die alten Geschichten stören da nur. Er redet gern über den Messestandort Kielce, immerhin schon auf Platz fünf der polnischen Rangliste. Die Gedenkfeiern am kommenden Sonntag will er nutzen, um ein bißchen Standortpolitik zu machen. Ausländische Investoren müßten her, "auch gerne aus Israel", schließlich haben 33 000 Leute in Kielce keinen Job. Eine Städtepartnerschaft mit einer israelischen Gemeinde "würden wir auch gerne haben", sagt er.
Ciesielski wird bei der Gedenkfeier nicht um Verzeihung bitten für die Morde und das Treiben am 4. Juli 1946: "Ich möchte lieber eine Brücke in die Zukunft bauen", sagt er leicht mürrisch.
Das Unangenehme mit dem Nützlichen hat die Reisebürobesitzerin Barbara Olszowe verbunden. Die Unternehmerin residiert in der Planty-Straße 7. "Ich wußte natürlich, was das für ein Gebäude ist, als ich 1993 hier einzog." Im Parterre hat sie ein Gedenkzimmer einrichten lassen mit farbenfrohem Altar, nebenan im Bürozimmer hängt ein Kunstdruck des jiddischen Fiedlers von Chagall.
"Wir bekommen oft Besuch von Juden aus Amerika und der Ukraine", sagt sie fröhlich, "denen wollte ich was bieten."

DER SPIEGEL 27/1996
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