15.07.1996

Scheidungen„Wie der Golfkrieg für CNN“

Es ist Donnerstag morgen, es regnet, und Dieter Bohlen jagt durch sein schloßähnliches Anwesen, als sei jetzt auch noch das Dach weggebrochen. Durch sein Haus, das er vor ein paar Jahren einem Waffenhändler abgekauft hat, als der schnell verschwinden mußte, Richtung Teneriffa.
Bohlen hat nicht besonders gut geschlafen. Natürlich, weil seine Ehe kaputt ist, aber daß seine Lippen an diesem Morgen besonders wütend zucken, hat noch einen anderen Grund: Eine von Bohlens Toiletten ist seit gestern auch nicht mehr das, was sie mal war.
Zwei Handwerker schleichen vorüber. "Machen Sie bloß die Toilette heil", schreit Bohlen. Dann leiser: "Diese neue Putzfrau hat sie kaputtgekriegt. Wahrscheinlich kann ich jetzt die ganze schöne Toilette wegschmeißen." Er seufzt. So gehe es zur Zeit jeden verdammten Tag. Immer was kaputt.
Weil Bohlen, 42, sich nicht von einer kaputten Ehe und schon gar nicht von einer kaputten Toilette in den Abgrund reißen lassen will, hat er beschlossen zu kämpfen, und seine Strategie ist ziemlich simpel: Seit ein paar Tagen erzählt er ganz Deutschland, was für eine Schlampe seine Noch-Ehefrau Verona Feldbusch, 28, sei. Anstifter der Kampagne: sein neuer Berater, Ex-Bild-, Ex-Gottschalk-Late-Night-, Ex-Tango-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje, einer der großen Schlachtenlenker von gestern.
Bohlen und Tiedje kennen sich seit Jahren. Besonders schätzen lernte der Schlagerstar den damaligen Bild-Chefredakteur Anfang der Neunziger, als der - ebenfalls nach einem Toiletten-Zwischenfall - die Schlagzeile "Dieter Bohlen fast entmannt" auf den Titel schrieb. Ergebnis: gute Auflage und ein Freund fürs Leben.
Vorletzte Woche habe Bohlen ihn angerufen und geklagt, seine Frau sei nach 30 Tagen Ehe ausgezogen, und er fürchte einen Skandal, erzählt Tiedje. "Ich habe ihm gesagt: Mach den Vorgang publik, ich sorge dafür, daß dich jemand anruft."
Tags drauf titelte Bild "Scheidung nach vier Wochen Ehe - sie schlief bis mittags und wollte nicht kochen." Abends ließ sich Bohlen in die Harald Schmidt Show chauffieren und zog über seine Noch-Ehefrau her, sie habe ihm, als er über Hunger klagte, empfohlen: "Fahr ins Nachbardorf und hol dir was."
Dem Stern verriet Bohlen, daß er schon während der Flitterwochen Verdacht geschöpft habe. "In der ersten Nacht wurde sie von 'ner Mücke gestochen. Was macht sie, kauft drei Mückenmittel. Eins hätte doch auch gereicht." Und seinem potentiellen Nachfolger gab er den Tip: "Verona braucht einen Frührentner mit viel Barem. An die sollte sich keiner 'ranwagen, der nur 50 000 Mark im Monat verdient."
Als daraufhin Frau Feldbusch in die Offensive ging, wurden die Seifenopern des Privatfernsehens spielend von der Wirklichkeit überholt. Reality-TV in mehreren Folgen, immer nach dem Motto: Modern Talking. Beschimpf deinen Ehepartner, solange du noch einen hast. "Wenn sich Bohlen scheiden läßt", jubelt Schmidt-Show-Chef Jörg Grabosch, "dann ist das für uns so wie für CNN, wenn der Golfkrieg ausbricht."
"Natürlich war der Kühlschrank voll", erklärte Frau Feldbusch im kürzesten Mini seit Bestehen der Harald Schmidt Show. Außerdem überlege sie sich, ob sie sich für den Playboy nackt fotografieren lasse: "natürlich als Frau Bohlen".
Während also die mediale Feldschlacht tobt, ertappt sich Bohlen manchmal dabei, daß er denkt, er könne jetzt das Feuer einstellen. Und dann legt er nach. "Bohlen, mein schöner Name", schimpft er an diesem Donnerstag morgen. "Na ja, früher wäre ihr Busen dem Playboy vielleicht 5000 Mark wert gewesen. Jetzt hat sich der Preis verzehnfacht."
Fast noch mehr als seine kurios gescheiterte Liebe scheint den Kraftprotz des deutschen Pops zu verdrießen, daß ausgerechnet er, Dieter Bohlen, letzte Woche noch vor Andy Köpke und dem deutschen Sommer die Führung im Wettbewerb um den besten Witz des Monats Juli übernahm, hatte er doch noch vor kurzem erklärt: "Mit Bohlen-Verarschen ist endgültig Schluß. 15 Jahre Bohlen-Verarschen, das ist genug."
Das hat er nun selbst besorgt. Er trank einen Pinot Grigio in der Diskothek "Traxx", sie eine Cola, als er sie ansprach: "Entschuldigung, hast du mal Zeit, kannst du mich heiraten?" Dann die Nächte durchreden vor dem Elysee-Hotel. ("Bevor ich dich sah, habe ich mit Blumen gesprochen im Garten. Ich war wie tot.") Dann das, was Bohlen heute "die Kennenlerntournee" nennt, eine Reise Hamburg-Paris-L.A.-Acapulco-Cancun-Paris-Hamburg.
Dazwischen die Hochzeit in Las Vegas ("Es hatte 42 Grad im Schatten, und ich konnte kaum atmen"). Und der erste Bohlen-Wutanfall auf den Champs-Elysées: "Sie lief in jeden Schuhladen und probierte diese Milieuschuhe. Ich habe geschrien: Kauf dir mal einen Rock, der länger ist als 2,5 Zentimeter. Und nach dem 36. Schuhladen habe ich mich ins Café gesetzt."
Die Frau sei einfach irre gewesen, sagt Bohlen, aber genau das habe ihm gefallen. "Tolle Kombination", schwärmt er, "die kann quatschen, gut aussehen, immer Streß machen. Das war 'ne richtige Streßmaschine." Die habe gesagt: "Du mit deinem Haus und deinen Sorgen. Vergiß alles. Verschenk dein Geld. Wir kaufen uns eine Schweinefarm am Amazonas. Die Deutschen nerven sowieso." Und was Mädchen noch so sagen, wenn Männer über 40 sind und steinreich und das Gefühl haben, hinter Alarmanlagen und Bewegungsmeldern zu verrotten.
Wahrscheinlich hat das Starlet Verona das alles ein paar Tage lang genauso gemeint, denn Verona Feldbusch meint so einiges, wenn sie erst einmal anfängt mit dem Meinen. Verona Feldbusch: Miss Hamburg 1992, Miss Germany 1993, Miss Intercontinental World 1994, Miss American Dream 1995, Sängerin von Superbilligschlagern wie "Ritmo de la Noche" und "Everybody Salsa", Model und Designerin von Outfits für Ein-Hit- und Null-Hit-Gruppen wie "London Boys" und "Fun Factory", hat aber auch Grundsätze. Der wichtigste: "Emanzipierung hin oder her, es ist nun mal meistens so üblich, daß der Mann die Rechnung im Restaurant übernimmt."
"Die war sicher nur Model beim OttoVersand und hat angeblich mal einen Anzug für den Fernsehmoderator Thomas Koschwitz entworfen", sagt Dieter Bohlen heute. Und auch dafür habe sie einen Plagiatsprozeß an den Hals bekommen.
Weil die Toilettenmonteure Bohlen an diesem Morgen nerven, ist er in sein Wohnzimmer umgezogen und sitzt nun ziemlich verloren in dieser Halle, die halb so groß ist wie ein Fußballfeld und heute so heiter wirkt wie ein Krematorium bei Nacht. Bohlen zieht die Füße in seinen schwarzen Lackslippern an sich heran, über den hellblauen Teppich, von dem er sagt, er sei aus China und 700 Jahre alt. Er schnuppert, einmal, zweimal, dann brüllt er Richtung Küche: "Naddel, Naddel, sag der Putzfrau, sie soll das Fenster aufmachen, wenn sie raucht. Verdammt, da kann ich doch gleich auf den Grünstreifen der Autobahn ziehen."
Naddel schließt die Wohnzimmertür von außen. Sie ist 31 Jahre alt, war sieben Jahre lang Bohlens Freundin und zog wieder ein in das luxuriöseste Gefängnis Deutschlands, nachdem Verona ihre zwei Koffer gepackt hatte. "Ja, was", sagt Bohlen über den fliegenden Wechsel, "sonst wär' ich ja ganz allein gewesen in dem Riesenhaus." Er brauche Harmonie. "Und Harmonie bedeutet einmal am Tag warm essen."
Harmonie braucht Bohlen vor allem, damit seine Wutanfälle besser zu hören sind, und Wutanfälle sind ebenso an der Tagesordnung wie die warmen Mahlzeiten jetzt wieder.
Eigentlich ist seine ganze Karriere, die ihm mehr als 100 Millionen Mark und 400 goldene Schallplatten einbrachte, ein ausdauernder Kampf gegen den Ärger, der sich breitmacht, wenn der Ehrgeiz riesig ist und die Anerkennung gering.
Schon seine Teenager-Aufstände waren nichts anderes als der Versuch, möglichst schnell möglichst groß rauszukommen. Als 13jähriger reimte er, angestachelt vom Widerstandsgeist der sechziger Jahre, seinen ersten Song: "Viele Bomben fallen / doch keiner ändert was / es nützt kein Krawallen / geschehen muß etwas." Kurz darauf hißte er auf dem Dach der Villa seines Vaters, eines Bauunternehmers, die rote Fahne, wurde Juso, übersprang eine Klasse, machte mit 17 Abitur und schrieb sich für Betriebswirtschaft ein. "Ich wollte Akademiker sein", sagt er. Musiker hätten doch in Deutschland ein Image wie Halbidioten. "So ein paar Noten, das kann ja jeder."
Er begann zu produzieren: Ricky King, Bernd Clüver und andere Schlagersänger der B-Klasse. Hauptsache Arbeit, Hauptsache Geld. "Ich nahm alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war", sagt er.
Mitte der achtziger Jahre gründete er "Modern Talking", die erfolgreichste und meistgeschmähte deutsche Popgruppe aller Zeiten. Ein Produkt, das ihn superreich machte und sein Image in Deutschland für Jahrzehnte ruinierte. Bohlen konterte: "Spiel mal 'ne Nummer von Prince auf dem Klavier - melodiemäßig ist das Scheiße. Spiel dagegen 'Midnight Lady' - das klingt wie Mozart."
Bohlen war im Siegesrausch: "Ich wollte Amerika und danach die ganze Welt", sagt er. Aber sein Partner Thomas Anders, der mit dem weichgecremten Sonnenbankgesicht und dem Namen seiner Frau "Nora" um den Hals, habe keine Lust gehabt. Er habe gesagt: "Scheiß auf Amerika, ich führ' jetzt meine Hunde aus." Bohlen bekam Magengeschwüre und löste die Gruppe auf.
Es ist nicht so, daß Dieter Bohlen die Arbeit ausgeht. Der Komponist und Produzent hat Verträge mit Bertelsmann und Warner bis zum Jahr 2004, er hat letzte Woche seine hundertmillionste Schallplatte verkauft - aber er bleibt ein Weltstar, der Amerika nicht geknackt hat. Das macht ihn noch heute halb wahnsinnig, wo doch sogar zerlumpte Inder betrunken in der Wüste bis zum Morgengrauen seinen Hit "Brother Louie" singen.
Oder Rußland. "Die haben mich empfangen wie den Papst", jubelt er. Er zieht ein Schulbuch heraus: "Hier, 10. Klasse. Deutsch für Russen. Nix Kohl, aber zwei Seiten über Dieter Bohlen."
Wenn Geld, Erfolg und Reichweite alles sind, dann ist Dieter Bohlen der größte Popstar, den es je in Deutschland gab. Aber Bohlen, der von sich sagt, er telefoniere nur mit Leuten ab Geschäftsführerebene, will mehr: Er will den Respekt der Mächtigen und Seriösen. Und dann diese Frau. "Ich hab' ihr gesagt, zieh dir was an", jammert er. "Du kannst nicht den ganzen Tag im Minirock auf dem Sofa rumlungern, und jeder, der reinkommt, sieht deinen Slip. Du bist jetzt Frau Bohlen."
Frau Noch-Bohlen sitzt jetzt wieder in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung in Hamburg-Eimsbüttel, und er ist wieder allein in seiner Nobelfestung mit Naddel, der Putzfrau und dem Hund.
Die beiden Toilettenmonteure lugen jetzt vorsichtig durch die Tür und melden, daß die Toilette wieder funktioniert. Bohlen reagiert nicht. Er zeigt hinaus in den Regen auf eine Blume. "Auch eingegangen, kaputt. Das Jahr hat schon mies angefangen. Der Winter war so kalt, daß meine japanischen Ziergoldfische im Parkteich festgefroren sind. Riesenschaden. Da hat das Stück 'nen Zehner, also 10 000 Mark, gekostet."
Die zwölf Pferde, von der die Bild-Zeitung noch berichtete, Bohlen habe sie vor der Wurstfabrik gerettet, sind auch weg. "Zuviel Arbeit", sagt Bohlen, "Naddel ist das über'n Kopf gewachsen."
Viele von den Tieren hätten einen Platz als Beistellpferde gefunden, sagt Bohlen. Beistellpferde, das seien die alten, gutmütigen Gäule, die nicht in die Wurst kommen, sondern einem echten Rassepferd Gesellschaft leisten dürften, damit es sich nicht langweilt.
"Und, Herr Bohlen, wer ist Ihr Beistellpferd?"
Bohlen überlegt nicht eine Sekunde.
"Naddel."
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 29/1996
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