01.07.1996

RegisseureDie deutsche Allergie

In manchen Nächten, es muß nicht unbedingt zum Vollmond sein, erwacht das Ungeheuer in dem netten, jungen Mann: Sein Gesicht bläht sich dann auf, auch sein Hals schwillt an, und an Händen und Armen, an der Brust und auf dem Bauch erscheinen böse, rote Flecken, und fette Pusteln wachsen aus der Haut.
Wenn er dann richtig scheußlich aussieht, springt der Mann gern von der Bühne, wo er eigentlich arbeiten sollte, hinunter zu seinem Publikum. Er schneidet Fratzen, droht den Frauen mit Berührungen und erschreckt auch die Männer, die sich vor Krankheit und Wahnsinn fürchten. Sie brauchten keine Angst zu haben. Denn bevor es lebensgefährlich wird, rennt das Ungeheuer hinter die Bühne, wo ein Arzt schon wartet und dem Mann eine kräftige Dosis Cortison in den Hintern spritzt.
Christoph Schlingensief, 35, Film- und Theaterregisseur, ist neuerdings auch Allergiker. Er hat längst alle üblichen Tests durchstanden; er weiß, daß es nicht Milcheiweiß oder Blütenpollen, nicht vernickelte Türgriffe oder Staubmilben sind, die seine Abwehrkräfte überfordern. Auf Adolf Hitler und die RAF, auf die deutsche Sprache, die deutschen Bilder oder den deutschen Geist haben sie ihn nicht untersucht; diese Stoffe gibt es noch nicht in Ampullen.
Sein Immunsystem war nie die Stärke des Christoph Schlingensief: Wo andere, wenn sie klug sind, sich mit akademischen Begriffen und historischen Kategorien schützen gegen den deutschen Wahnsinn oder, wenn sie dumm sind, mit purer Ignoranz - da sind ihm die Erreger immer unter die Haut gegangen. Ob Joseph Goebbels oder Adelheid Streidel, ob Gudrun Ensslin oder Michael Kühnen: Die deutsche Geschichte erfährt Schlingensief immer als Krankheitsgeschichte, und solange noch Infektionsgefahr besteht, kann er diese Phänomene historisch nicht begreifen. Schon eher hysterisch.
Neulich ist Schlingensief an 1968 erkrankt. Er hörte Stimmen, die zum Umsturz aufriefen. In seinem Kopf hallten Ho-Tschi-minh-Litaneien und die Kampflieder der Arbeiterklasse. Er schaute rote Fahnen, marschierende Füße, die Gummiknüppel der Polizei. Wieder einmal erschienen ihm die Gespenster der RAF. Und Schlingensief wehrte sich wie immer: mit einer Inszenierung. Nur daß er zur Zeit auf dem Theater freier als im Kino arbeiten kann, weshalb "Rocky Dutschke, '68" an Frank Castorfs Berliner Volksbühne herauskam - was alle Abwehrkräfte des Kulturbetriebs mobilisierte.
Der Regisseur sei so dumm wie zynisch, zur Reflexion nicht in der Lage, geschmacklos ohnehin und außerdem ein übler Dilettant: Die Süddeutsche Zeitung spürt schon die "Brutalisierung" des Berliner Theaters, die Frankfurter Allgemeine warnt vor pornographischen Nebenwirkungen. Auch das Publikum, das solchen Mist beklatscht, wurde ziemlich gnadenlos verrissen. Natürlich aber sind sich alle einig, daß ein deutscher Theaterkritiker sich noch nicht mal provozieren lasse von einem wie Christoph Schlingensief.
Womit das Gegenteil im Grunde schon bewiesen ist: Wer so übel beschimpft wird, der läßt anscheinend keinen kalt - ein echter Feind zählt mehr als hundert falsche Freunde: Beim jüngsten Openair-Performance-Fest der Volksbühne ließ Schlingensief eine Puppe köpfen, die dem Kanzler ziemlich ähnlich sah; dazu brüllten ein paar falsche Demonstranten: "Tötet Kohl" und "Kohl ist schuld".
Die Berliner CDU, die dagegen klagen will, merkte ebensowenig wie die Berliner Theaterkritiker, daß Schlingensiefs Wut sich hier gegen das Berliner Publikum richtete, das solche Sätze, bei Bier und Bratwurst, laut und dumm beklatscht.
Trotzdem war der Wechsel vom Kino zum Theater wohl das Beste, was Schlingensief passieren konnte. Als er noch Filme drehte, fanden sich immer ein paar wohlwollende Rezensenten. Doch in den Underground-Kinos der großen Städte hockten selten mehr als 50 Mitleidende, die sich diesen Krankheitsberichten aussetzen mochten.
Heute bekämpfen ihn Theaterkritik und CDU - doch die 800 Plätze der Volksbühne sind ausverkauft; und wenn nach knapp drei Stunden "Rocky Dutschke" vorüber ist, versichern die Zuschauer einander, daß dies ein spannender Abend war. Was mindestens drei Fragen aufwirft: Ist das Theater sonst so fad? Ist das Publikum so verblödet wie der Regisseur? Oder haben die Kritiker womöglich etwas mißverstanden?
Fast alles stimmt, was in den Rezensionen stand: Es ist laut, es ist schmutzig, und manchmal tut es weh. Schlingensief, der den Conférencier des Abends spielt, brüllt ins Megaphon, scheucht Zuschauer auf und freut sich ganz besonders über Pannen. Ein Mann aus dem Publikum wird dazu gedrängt, seine Hosen herunterzulassen und seine Geschlechtsteile in Milch zu baden. Ein kleiner Mensch mit irrem Blick klopft auf der Gitarre herum, singt dazu falsch und behauptet, er sei Wolf Biermann. Ein Videoprojektor wirft blutige Bilder von Beschneidungen auf den Vorhang. Und das Publikum wird ganz allein gelassen mit der Frage, was das alles miteinander und mit Rudi Dutschke zu tun haben soll.
Wenn man Christoph Schlingensief befragt, was ihn an Rudi Dutschke interessiere und beschäftige, beginnt der Regisseur, aus seinem Leben zu erzählen: wie er schon als Teenager einen Hang zur Kolportage spürte und Schmalfilme drehte, die "Rex, der Mörder von London" hießen oder "Wer tötet, kommt ins Kittchen". Wie er später dem Experimentalfilmer Werner Nekes begegnete, der ihm das Kino als illegitime und grausame Kunst erklärte, deren Geschichte eigentlich schon um 1840 beginne, mit Joseph Plateau, der so lange in die Sonne guckte, bis sich deren Bild direkt in seine Netzhaut brannte.
Als Assistent bei Franz Seitz und Georg Tressler hat Schlingensief gesehen, daß bei den Dreharbeiten zu Mainstream-Filmen meist mehr als auf der Leinwand passiert. Als Außenseiter im deutschen Film hat er den Respekt der Theaterleute schätzengelernt. Nur einmal, im vergangenen Jahr, als sein Film "United Trash" nach Cannes geladen war, ließ sein Verleiher vier Flugzeuge mit Werbesprüchen über der Croisette kreisen. Darauf, sagt Schlingensief, hätten die Mächtigen des deutschen Films einen Nachmittag lang seine Grüße erwidert. Aber als der Film dann in die Kinos kam, war kein Werbebudget mehr da, weshalb das Publikum ihn übersah. Seither wird Schlingensief aus München, wo die Produzenten sitzen, auch nicht mehr zurückgerufen.
Aber mit Helge Schneider (der schon die Soundtracks für Schlingensiefs Filme komponierte, als vom "Katzenklo" noch keine Rede war) hat er neulich mal wieder telefoniert, und Schneider habe irgendwann den Satz gesagt: "Ich arbeite nur, um zu verwischen."
Das sei, sagt Schlingensief, ein gutes Wort: verwischen! Das tauge auch als Motto für seine eigene Arbeit. Verwischen, verwirren, übermalen - das sei die Haltung, mit welcher der Künstler den Bildern und Gespenstern der Vergangenheit begegnen könne: Wer sich den Dramen der Welt- und Theatergeschichte analytisch nähert, der sortiert nur künstlerischen und historischen Müll.
Wenn "Rocky Dutschke" anfängt, sieht alles nach einer Siegesfeier aus: Vor dem Theater patrouillieren ein paar nette Polizisten und warnen zur Vorsicht vor der Demonstration, die gleich eintreffen werde. Auf den Stufen hockt das Publikum und darf sich als historischer Gewinner fühlen: Es ist erlaubt, an schönen Abenden herumzulungern. Es ist erlaubt, mit Blue jeans und T-Shirts das Theater zu betreten. Frauen rauchen unter freiem Himmel. Die Kulturrevolution hat gesiegt. Das Publikum ist die Inszenierung. Die Schauspieler, die mit Transparenten auf den Platz marschieren, demonstrieren nur die Tautologie.
Gegen soviel Einverständnis helfen weder analytische Logik noch historische Korrektheit. Gegen Rudi Dutschke, das Bild vom Helden und Heiligen, wehrt sich Schlingensief, indem er die Rolle mit der Schauspielerin Sophie Rois besetzt, die sich aber weigert, dem Vorbild auch nur ein bißchen ähnlich zu sehen, und schon gar keine Lust hat, sich in Dutschke einzufühlen.
Gegen das revolutionäre Pathos wehrt er sich mit Kalauern, gegen die revolutionäre Vernunft, indem er Leute auf die Bühne stellt, die nach landläufigen Vorstellungen als geisteskrank gelten. Und die Videoprojektion zeigt, wie ein Skalpell ins Fleisch eindringt. Lauter schmerzhafte Selbstversuche, lauter gleichsam allergische Reaktionen, die mit ihrem Auslöser scheinbar so zufällig zusammenhängen wie die Atemnot mit den Milben. Was die Szenen und Figuren seiner Inszenierungen zusammenhält, sind weder Chronologie noch Rhetorik. Es sind Infektionswege.
Warum aber macht Schlingensief überhaupt ein Drama aus Dutschke und der Rebellion, wo doch alles längst vorüber ist, in Begriffe gegossen und zwischen Buchdeckel gepreßt? Warum reagiert er immer erst in Filmen wie "100 Jahre Adolf Hitler", "Das deutsche Kettensägenmassaker" oder "Terror 2000" und jetzt im Theater so heftig auf die deutschen Phänomene, welche ein gelassenerer Mensch als vergangen und fast vergessen ablegen kann?
Es muß wohl daran liegen, daß der deutsche Erreger in den Bildern steckt, die nicht so schnell verblassen und die sich in die Köpfe brennen wie einst das Bild der Sonne in die Netzhaut des armen Joseph Plateau. Es muß wohl daran liegen, daß man ein Bild von Hitler, wie er seinen Arm hebt, von Schleyer, wie er gefangen ist, von Fahnen, Transparenten, Studenten noch so genau analysieren und kategorisieren kann: Das verwischt aber nicht deren Wirkung.
Christoph Schlingensief hat sich diesen Wirkungen immer ausgesetzt, und dann hat er reagiert, allergisch, chaotisch, böse, hat übermalt und zerstört und zerstückelt. So ist er selber zum Erreger geworden. Zumindest zum Erreger öffentlichen Ärgernisses.
Während das Theater sein Publikum (und die Kritiker) in die Sommerferien entläßt, entzündet sich Schlingensiefs Phantasie schon an den nächsten Projekten. Für den Herbst droht die Pest.
Von Claudius Seidl

DER SPIEGEL 27/1996
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