22.07.1996

LibyenSchüsse im Stadion

Seine Geheimdienste jagen Verschwörer aus unterschiedlichsten politischen Gruppierungen - Gaddafi verliert die Kontrolle.
Im Lokalderby von Tripolis zeichnete sich in der zweiten Halbzeit die Entscheidung ab. Der Fußballklub "Ittihad" erzielte gegen den Rivalen "Ahli" das Führungstor: 1:0. Doch der Schiedsrichter erkannte den Treffer aus unerfindlichen Gründen nicht an - ein Riesentumult brach los. Ein Tumult, der ein ganzes Regime zu erschüttern droht.
Zehntausende aufgebrachte Menschen warfen am Dienstag vorletzter Woche Flaschen, halbvolle Getränkedosen und vom Geländer abgerissene Holzlatten auf das Spielfeld. Die Wut der Zuschauer richtete sich gegen den Schiedsrichter, mehr noch aber gegen einen prominenten Twen auf der Ehrentribüne - ihn vermuteten sie als Drahtzieher hinter der Fehlentscheidung.
"Nieder mit den Ungerechten", skandierte die Menge. Saïdi, ältester Sproß des libyschen Revolutionsführers Muammar el-Gaddafi und Präsident des Fußballvereins "Ahli", umklammerte ein überdimensionales Megaphon und schrie mit sich überschlagender Stimme: "Das war kein Tor, verfluchtes Pack."
Ein Stakkato von Schüssen aus Maschinenpistolen übertönte den Lautsprecher. Saïdi ließ sich auf den Boden fallen. Der Gaddafi-Sohn blutete am Kinn, sein schwarzes Hemd verklebte eine Emulsion - Gehirnmasse eines seiner Leibwächter, den ein Schuß getroffen hatte.
Jugendliche "Revolutionsgardisten" und in Zivil gekleidete Mitglieder der gefürchteten "Volkskomitees" feuerten auf die Schützen in der Menge. Jemand schnappte sich das Stadionmikrofon und verkündete die für die libysche Diktatur unerhörte Botschaft: "Jetzt ist die Stunde der Freiheit gekommen! Jagt die Verräter von ihren Sesseln! Nieder mit der Gaddafi-Bande!"
Der Rest ging im Chaos unter. Beim einsetzenden Sturm auf die Ausgänge wurden 10 Fans totgetrampelt, 60 bei dem Schußwechsel Getroffene verbluteten im Stadion. Es liegt in der "Sportstadt", im Oberschichtviertel Andalus von Tripolis, bei den Einheimischen besser bekannt unter dem Namen "Giorgio Popolo" - so hatten die italienischen Kolonialherren den Vorort am Mittelmeerstrand einst genannt.
Die Schlacht im Stadion war der bisher gefährlichste Ausbruch regimefeindlicher Unruhen in der libyschen Hauptstadt seit Gaddafis Machtergreifung vor 27 Jahren. "Der Countdown für Gaddafi hat eingesetzt", behauptete der Sprecher des neuen Untergrundsenders "Stimme der Freiheit". Und: "Bereitet euch auf die Stunde der Gerechtigkeit vor, es dauert nicht mehr lange."
Der Rebellenfunk strahlt aus unterschiedlichen Richtungen auf die Hauptstadt. Zuweilen soll ein mobiler Sender der illegalen Oppositionsbewegung sogar durch die Straßen von Tripolis kurven. Das beweist, wie weit den Sicherheitsorganen die Kontrolle entglitten ist. Gutunterrichtete arabische Botschafter wollen wissen, daß sich auch in Armee und Geheimdiensten Widerstand gegen den "Bruder Oberst" formiert.
Bereits vor zwei Jahren war es im selben Stadion in Tripolis zu einer Anti-Gaddafi-Demonstration gekommen. Doch damals hatten die staatlichen Häscher die Situation noch im Griff: Rund 6000 "Randalierer" wurden festgenommen, die Hälfte von ihnen verbannten die Behörden in Internierungslager in der südwestlichen Wüstenprovinz Fessan.
Inzwischen sind mindestens zwei Drittel wieder auf freiem Fuß - nicht als Nutznießer einer Amnestie. Sie kamen frei, weil das Wachpersonal mit den "Politischen" sympathisiert. Mit gefälschten Papieren, die Londoner Widerstandszellen anfertigten, gelang vielen Verbannten die Flucht ins Ausland. Hunderte wagten sich sogar nach Tripolis zurück.
Dort konnten sie untertauchen, weil ihnen vor allem die von Gaddafis Herrschaft angewiderten islamischen Schriftgelehrten und deren Anhänger Unterstützung gewähren. Die frommen Libyer empfinden es als Gotteslästerung, daß die staatlichen Medien Gaddafis "Grünes Buch" - das Vermächtnis des libyschen Führers - als "beste Unterweisung in Allahs Wort" anpreisen.
Gaddafi gebärdet sich zunehmend wie ein neuer Prophet und erzählt von nächtlichen "heiligen Visionen". Der Oberst hat sogar die islamische Zeitrechnung nach eigenem Gutdünken abgeändert: Seine Zeitrechnung beginnt nicht mit dem Auszug des Propheten aus Mekka 622 nach Christus, sondern mit dem Tod des Verkünders im Jahr 632.
In Libyen gelten auch neue, von Gaddafi erfundene Monatsnamen. Der Oberst duldet in seinem Größenwahn nicht einmal historische Volkshelden neben sich. Er ließ Gräber moslemischer Gelehrter zerstören, um für Straßentrassen Platz zu machen. Gegen solche Frevel rebellierten in den Cyrenaika-Städten Bengasi, Tobruk und Darna Islamisten. Gaddafi beschimpfte die Ultra-Frommen als "Verbrecher", ließ Hunderte verhaften, foltern und etliche erschießen.
Sein Vorgehen gegen die Islamisten verprellte alte Verbündete wie die Kader der Moslembruderschaft in Ägypten und im Sudan, die Gaddafi jahrelang unterstützt hatte. Sie sagten sich ebenso von dem libyschen Revolutionsführer los wie
Algeriens "Islamische Heilsfront" und religiöse Oppositionelle aus Tunesien.
"Wer mit einem Wahnsinnigen paktiert", erklärt der exilierte tunesische Islamisten-Chef Raschid el-Ghannuschi, "zahlt schließlich einen zu hohen Preis."
Gaddafi ist seit jeher als Exzentriker bekannt: Mal schockte er die Repräsentanten der blockfreien Nationen, als er 1989 zur Sitzung nach Belgrad sechs Kamele und zwei Pferde mitbrachte und an der Konferenzhalle vorreiten wollte; mal schlug er vor, die Juden im Elsaß anzusiedeln, um dort einen "Pufferstaat" zwischen Frankreich und Deutschland zu bilden. In den vergangenen Monaten soll er, noch launischer geworden, an einer Nervenentzündung erkrankt sein. Unter der Aufsicht aus Europa eingereister Ärzte nimmt er eine Mischung verschiedener Medikamente ein, die ihn einerseits schwächt, andererseits aggressiv werden läßt.
Sorgen macht dem Oberst Libyens Wirtschaftslage. Seine sinnlosen Rüstungseinkäufe, die kostspieligen außenpolitischen Abenteuer in Schwarzafrika, vor allem aber ökonomisch nicht zu rechtfertigende Mammutprojekte haben sein ölreiches Land in eine schwere Wirtschaftskrise gestürzt. Der mit einem Aufwand von rund 20 Milliarden Dollar errichtete "Große Fluß von Menschenhand", der aus unterirdischen Wasserreservoirs in Südlibyen gespeist wird und das Land fruchtbar machen sollte, fließt meist nur noch als Rinnsal.
Gaddafis Staat mußte die erstaunlichen Sozialleistungen, etwa kostenlose Krankenversorgung und freies Wohnen, wieder abbauen. Arbeitslosigkeit, lange in Libyen unbekannt, nimmt rapide zu. Der Wirtschafts- und Verkehrsboykott der Uno, verhängt wegen des bisher noch ungeklärten Vorwurfs einer libyschen Verwicklung in die Explosion einer amerikanischen Verkehrsmaschine über Lockerbie 1988, hat die Versorgungslage verschlechtert, die Inflation angeheizt. Das Land ist isoliert, alle internationalen Flugverbindungen bleiben unterbrochen. Reiche Libyer, die gewohnt waren, nach Malta, Rom oder London zu fliegen, sind verärgert. Viele sympathisieren mit den Regimefeinden.
"Diese Kerle sitzen überall im Land", entfuhr es einem libyschen Diplomaten auf dem Araber-Gipfel im Juni in Kairo. Gaddafis vier Geheimdienste jagen "Verschwörer" in so unterschiedlichen politischen Lagern wie denen der Islamisten, Sozialisten und Neo-Nasseristen.
Nicht einmal mehr Gaddafis weibliche Prätorianergarde, die 16- bis 20jährigen Leibwächterinnen, sind über jeden Verdacht erhaben. Seit einem Monat müssen sich die am Gewehr und in Karate ausgebildeten jungen Damen in enggeschnittene olivgrüne Uniformen zwängen - so haben Pistolen und Dolche keinen Platz mehr zwischen Haut und Gabardine.
* Am Dienstag vorvergangener Woche.

DER SPIEGEL 30/1996
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