22.07.1996

MedizinWölfe im Schafspelz

Harmlose Darmbakterien sind zu gefährlichen, weltweit grassierenden Krankheitserregern geworden - derzeit wütet die Seuche in Japan.
Japans Kulturminister zeigte mit dem Finger auf seinen Bauch und sah sich fragend im Krankensaal um. Mit gequältem Nicken bestätigten die dort liegenden Schulkinder die Diagnose: Bauchschmerzen und Durchfall.
Mit der Krankenvisite vor laufenden Fernsehkameras wollte Minister Mikio Okuda die japanische Nation beruhigen. Das war dringend nötig. Denn die Japaner - auf ihre Eßhygiene sonst besonders stolz - werden seit Wochen durch eine Serie von Lebensmittelvergiftungen beunruhigt. Letzte Woche schlug die Aufregung vielerorts in Panik um.
Allein in der westjapanischen Stadt Sakai bei Osaka erkrankten schlagartig über 5000 Grundschüler an Durchfall und Bauchkrämpfen. Bis Ende vergangener Woche erhöhte sich die Zahl der Erkrankungen auf fast 8000 Fälle. Über 440 Kinder mußten in den Kliniken stationär behandelt werden.
Zum Verursacher der Durchfall-Epidemie erklärten die Gesundheitsbehörden das Kolibakterium "0-157", das 1982 in den USA entdeckt wurde und in Japan erstmals vor sechs Jahren auftrat. Mit Hilfe farbiger Landkarten halten japanische Zeitungen ihre Leser über die Ausbreitung der Seuche auf dem laufenden. Landesteile, in denen "0-157" wütet, sind rot eingezeichnet; der noch verschonte Rest ist weiß.
Was das Inselvolk beunruhigt: Die weißen Flecken auf den Landkarten werden kleiner. Seit Ausbruch der ersten Erkrankungen im Mai sind insgesamt vier Menschen an dem Erreger gestorben.
Die Epidemie ist der bisher größte Ausbruch einer mysteriösen Seuche, die sich vor allem in den Industrieländern rapide verbreitet. Zuletzt grassierten ähnliche Vergiftungen in Bayern, wo in den vergangenen Monaten sieben Todesfälle registriert wurden (SPIEGEL 20/1995). Die Opfer, allesamt Kinder unter 13 Jahren, starben an Nierenversagen. Stets waren blutige Durchfälle vorausgegangen, und stets entdeckten Ärzte bei Stuhluntersuchungen sogenannte Ehec-Bakterien, zu denen auch das Kolibakterium "0-157" gehört*.
Wie Stäbchen mit einem Schopf aus langen Fäden sehen die Einzeller aus. Normalerweise ist diese Art von Mikroben völlig ungefährlich: Sie besiedeln
millionenfach die Gedärme von Mensch und Tier und helfen bei der Verdauung mit. Weil sich Kolibakterien rasant
* Ehec: Kürzel für enterohämorrhagisches Escherichia coli.
vermehren, wurden sie zum Lieblingsversuchstier der Mikrobiologen und in Tausenden von Genexperimenten zum besterforschten aller Lebewesen.
Um so überraschender tauchte 1982 im US-Staat Oregon eine tückische Variante der Darmbakterien auf. Nach dem Genuß von Hamburgern waren dort 47 Kinder an lebensbedrohlichen Durchfällen erkrankt. Im blutigen Stuhl der Patienten entdeckten Mediziner Kolibakterien, die giftige Substanzen absonderten.
Antibiotika und Umweltchemikalien, so vermutet der Würzburger Mikrobiologe Helge Karch, hatten bei den einst harmlosen Darmbewohnern eine Genübertragung verursacht: Bösartige Viren waren ins Erbgut der Kolibakterien eingedrungen; sie veränderten das Genprogramm der Einzeller und zwangen sie zur Herstellung der Gifte.
Wie Wölfe im Schafspelz fallen die genetisch veränderten Einzeller in die Gedärme ein: Die Körperabwehr kann sie nicht von den nützlichen Kolibakterien unterscheiden. So können die Ehec-Bakterien ungehindert ihr Zerstörungswerk verrichten. Ihre Gifte lösen weiße und rote Blutkörperchen auf, sie fressen Löcher in die Gefäßwände und zersetzen Schleimhäute in den Nieren und im Hirn.
Schon 20 bis 100 Ehec-Bakterien können die Infektion auslösen, eine Ansteckungsdosis, die tausendmal niedriger liegt als etwa bei Salmonellen. "Wir haben es mit einem hochaktiven, hochtoxischen Keim zu tun", warnt Karch. "Die Krankheitsfälle werden in den nächsten Jahren enorm zunehmen." Wo der Erreger auftauche, so der Biologe, greife er geradezu "zwangsläufig" um sich.
Tatsächlich haben sich die Ehec-Bakterien in den vergangenen Jahren weltweit verbreitet. Über Rohmilch und unzureichend gegartes Fleisch, aber auch bei Kontakten mit Kuhmist sprangen die Erreger vom Rind auf den Menschen über:
* In den USA, wo die Seuche inzwischen als "Big-Mac-Attack" bekannt ist, erkrankten 1992 und 1993 in mehreren Wellen über 1000 Menschen. Alle hatten nicht durchgegarte Hamburger verspeist.
* In Argentinien infizieren sich jährlich mehr als 300 Kinder. Roher Fleischsaft, eine landesübliche Babynahrung, ist dort der wichtigste Bakterien-Überträger.
* Als die Seuche 1994 in Australien ausbrach, wurden die Ehec-Bakterien in Mettwürsten gefunden.
* Die meisten der unlängst in Bayern erkrankten Kinder leben auf dem Land. Viele hatten entweder Rohmilch getrunken oder waren beim Spielen mit Kuhmist in Berührung gekommen.
Inzwischen mehren sich die Hinweise, daß die Erreger nicht mehr allein vom Rindvieh ausgehen. Die Keime, die ungewöhnlich widerstandsfähig sind, überleben mehrere Monate außerhalb des Wirtskörpers und könnten sich auch über menschliche Ausscheidungen verbreiten. So sollen sich bereits 1992 Tausende von Flüchtlingen in einem südafrikanischen Lager durch verseuchtes Trinkwasser infiziert haben.
In Japan verdächtigt das Gesundheitsministerium bakterienverseuchte Schulmahlzeiten als Krankheitsherd. Doch Genaueres wissen die Behörden nicht. Handelte es sich um rohen Fisch, Aal-Sushi oder klare Suppe, wie anfangs vermutet, oder um halb gar gekochtes Fleisch?
Für Ermittlungen ist es nun zu spät. Bis zum Ausbruch der ersten Krankheitssymptome vergeht oft mehr als eine Woche. Japans Schulen heben Speisereste höchstens 72 Stunden auf. Diese Frist soll künftig auf zwei Wochen verlängert werden.
Japans Hausfrauen bekämpfen die Seuche unterdessen auf eigene Faust; sie deckten sich letzte Woche mit Riesenmengen von Küchenreinigern und Desinfektionsseife ein.

DER SPIEGEL 30/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 30/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Medizin:
Wölfe im Schafspelz

  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor
  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen