22.07.1996

PflanzenStalins Rache

Grüne Gefahr aus dem Osten: Die kaukasische Herkulesstaude verdrängt andere Gewächse, greift aber auch Menschen und Tiere an.
Bewaffnet mit Hacke und Spaten, ziehen die Ökokrieger in die Schlacht. Tapfer werfen sie sich den übermannshohen Feinden entgegen, schlagen ihnen die weißen Blütenköpfe ab und reißen ihre knolligen Wurzeln aus dem Erdreich. Die Gruselgewächse verspritzen Gift. Doch die Gegenwehr verpufft, die Angreifer sind vermummt.
"Viele Leute halten uns für durchgeknallt", sagt Jochen Fiala, der mit seinen Pflanzenjägern von der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz das Naturschutzgebiet Selztal durchkämmt. "Aber wenn wir den Riesenbärenklau jetzt nicht stoppen, können wir viele unserer Naturschutzgebiete abhaken."
Wie eine biblische Plage walzt die Wucherpflanze seit einigen Jahren über Wiesen und Auen hinweg, vor allem in Südwestdeutschland. Der zähe Riesenbärenklau, auch Herkulesstaude genannt, duldet keine anderen Pflanzen neben sich. Vom Vormarsch aufgeschreckt, werden immer mehr Naturschützer zu Sensenmännern, um der bedrohten Flora zu helfen.
Zu einem Vernichtungsfeldzug ruft gar die Freiburger "Bürgerinitiative für Bärenklau-Bekämpfung" (BBB) auf. "Kopf ab! Exterminieren durch Entdolden!" fordert der kämpferische Trupp. BBB-Chef Helgo Bran, ein Biologe, geht mit dem Flammenwerfer gegen die "übermächtige Horrorpflanze" vor. "Wir haben schon etliche Vorkommensinseln zum Erlöschen gebracht", prahlt der Terminator, "Mitleid ist nicht angebracht."
Die grüne Gefahr kommt aus dem Osten. Ende des letzten Jahrhunderts brachten Reisende die Herkulesstaude aus dem Kaukasus in die botanischen Gärten Westeuropas, von wo aus sich die Zierpflanze allmählich verbreitete. Der Riesenbärenklau, mit so harmlosen Gemüsen wie Möhre, Sellerie und Petersilie eng verwandt, ist auch für Mensch und Tier ziemlich ungesund.
Es genügt, die Blätter und Blüten nur zu berühren. Der Pflanzensaft enthält giftige Furanocumarine. Auf der Haut rufen diese organischen Verbindungen unter Einfluß von Sonnenlicht Verätzungen hervor, die Verbrennungen zweiten Grades gleichen - Mediziner sprechen von "phototoxischen Reaktionen". Es dauert Wochen, bis die juckenden Blasen heilen; in schweren Fällen bleiben häßliche Narben zurück.
"Das gleiche Zeug war früher auch in Parfüms, natürlich in weit geringerer Dosierung", erzählt Franz-Christian Czygan, Professor für Pharmazeutische Biologie an der Uni Würzburg. "Unsere Großeltern bekamen deshalb braune Flecken, wenn sie Kölnisch Wasser benutzten und anschließend in die Sonne gingen."
Haben die Imker diese ätzenden Folgen bedacht, als sie, wie ihnen die Ökologen vorwerfen, zur Ausbreitung der monströsen Giftpflanze beitrugen? Speziell die Bienenfreunde vermehrten den Riesenbärenklau, weil sie ihn als Nektar- und Pollenquelle von hohem Wert schätzten. Das Fachblatt Die Biene pries vor Jahren noch seine "starke Triebwirkung auf die Bienen".
Vor allem an den Uferböschungen von Seen und Flüssen in Südwestdeutschland verdrängt das Gewächs zunehmend Röhrichte und Hochstauden, die mit ihrem dichten Wurzelgeflecht bislang die Erosion bremsten. Die Herkulesstaude mit ihrer Knollenwurzel hingegen vermag den wegrutschenden Boden nicht mehr beisammenzuhalten.
Jüngste Hiobsbotschaft: Der Riesenbärenklau dringt sogar in Getreideäcker vor. "Die Pflanze ist extrem anpassungsfähig", sagt Fiala, "und chemische Bekämpfung nützt kaum noch." Gelangen die Giftpflanzen ins Mähgut, ist die Ernte verdorben. Einige Bauern, so will Fiala erfahren haben, mußten deswegen bereits Felder aufgeben.
Nicht nur deutscher Boden wird mehr und mehr überwuchert. In Schweden rufen die Behörden schon länger zur Bildung von Bürgerwehren auf, um gegen das blühende Ungetüm vorzugehen. Die Polen beschimpfen den kaukasischen Eindringling als "Stalins Rache".
Am schlimmsten werden Teile Tschechiens heimgesucht. "Ganze Dörfer sind umzingelt", berichtet die Stuttgarter Biologin Renate Kübler, die das Katastrophengebiet bereist hat. "Viele Mütter lassen ihre Kinder nicht mehr im Freien spielen."
Zuerst war das heraufziehende Unheil auf den Britischen Inseln bemerkt worden. Schon vor einem Vierteljahrhundert hatten sich dort Kinder vergiftet, als sie aus den hohlen Stielen des Riesenbärenklaus Blasrohre bastelten.
Von den Unglücksfällen angeregt, widmete die Rockgruppe Genesis dem "Giant Hogweed" ein Endzeit-Lied. Um sich für die Verschleppung aus der Heimat zu rächen, so sangen die Briten-Barden anno 1971, seien die Herkulesstauden aus den botanischen Gärten ausgebrochen. Die Giftgewächse eroberten nun die Städte und bedrohten die Zivilisation.
"Sie sind unbesiegbar", raunt düster-prophetisch der Rock-Refrain, "immun gegen all unsere herbiziden Schläge."
* Links: Klaudia Martini, Umweltministerin von Rheinland-Pfalz.

DER SPIEGEL 30/1996
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