29.07.1996

PresseSo viel wie möglich

Prinzessin Caroline von Monaco erstritt das höchste Schmerzensgeld der deutschen Pressegeschichte - und das ist wohl erst der Anfang.
Die junge Schauspielerin schmerzte die Darstellung ihres angeblich flexiblen Liebeslebens sehr: Die Münchner Illustrierte Bunte hatte in einem Artikel über den Vater des Kindes von Nastassja Kinski spekuliert - es fielen die Namen des Mimen Gérard Depardieu und des Regisseurs Wim Wenders.
Tief getroffen klagte die schöne "Nasti" deshalb auf solide 250 000 Mark Schmerzensgeld, fing sich damit aber lediglich den Spott des Richters ein: Die Wertungen für sexuelle Verhaltensweisen lägen eben weit auseinander. Seien für die einen mehrere Partner "schlimm", gelte hingegen für andere: "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment."
Das war vor zwölf Jahren. Inzwischen ist die Ehre offenbar im Wert gestiegen. In einem spektakulären Feldzug gegen diverse bunte Blätter erstritt Prinzessin Caroline von Monaco am vergangenen Donnerstag in Hamburg das höchste Schmerzensgeld, das je in einer presserechtlichen Auseinandersetzung in Deutschland gewährt wurde: 180 000 Mark muß der Burda-Verlag an die Monegassin zahlen - und geht es nach ihrem Anwalt, war das erst der Anfang.
Streitpunkt war unter anderem ein frei erfundenes "Exklusiv-Interview" der Burda-Illustrierten Bunte, in dem Caroline ganz rührend über "Traurigkeit, Haß auf die Welt, Glückssuche" plauderte. Burdas Glücks Revue hatte außerdem das Gerücht "Hochzeit im September! Caroline im Glück" verbreitet und zeigte die Prinzessin vorschnell im Brautkleid.
Kaum etwas schadet dem Ruf der Branche mehr als derart dreiste Lügengeschichten. Doch dürfte die Prinzessin schon einige Genugtuung erfahren haben, als es ihr gelang, Widerrufe und Gegendarstellungen durchzusetzen, sogar auf den Titelseiten. Denn das bereitete wiederum dem Burda-Verlag große Schmerzen: Die Verlagsmanager hätten der Monegassin, so sagt ihr Hamburger Rechtsanwalt Matthias Prinz, 500 000 Mark Schweigegeld geboten, wenn sie auf den entlarvenden Affront verzichte.
Aber weder Geld noch Gegendarstellungen ließen die Prinzessin stillhalten. Ihr ging es ums Prinzip: "Auch Prominente haben ein Recht auf Privatheit", sagt Prinz und forderte schließlich 400 000 Mark Schmerzensgeld.
Außer acht bleibt dabei, wie sehr die Prominenz vom Klatsch und Tratsch in Jet-set-Blättchen profitiert: "Wenn Caroline von Monaco uns empfängt, weil das Fürstenhaus wieder mal gute Presse braucht, uns aber verklagt, wenn wir sie beim Einkaufen fotografieren, stimmt doch was nicht", ärgert sich der französische Top-Paparazzo Daniel Angeli über die Empfindlichkeit der Monegassin.
Bisher wurden in Deutschland für Ehrverlust maximal 50 000 Mark Entschädigung zugesprochen. Soviel ist in vergleichbaren Fällen fast überall in Europa üblich. Nur in England kommen falsche Behauptungen die Urheber teurer. Die Schauspielerin Koo Stark etwa erzwang von Sunday People 950 000 Mark. Das britische Magazin hatte fälschlicherweise berichtet, Stark habe ihre frühere Beziehung zu Prinz Andrew wiederaufgenommen.
In den Vereinigten Staaten sind Schmerzensgeldklagen über mehrere Millionen Dollar keine Seltenheit. So erstritt die Hollywood-Schauspielerin Elke Sommer, 55, über drei Millionen Dollar, weil Kollegin Zsa Zsa Gabor und deren Mann Prinz Frederic von Anhalt sie öffentlich als verarmt und haarlos verunglimpft hatten.
Derlei Summen für läppische Zänkereien erscheinen hierzulande hoch, da Normalbürger für wirklich schwere Leiden mit vergleichsweise wenig Schmerzensgeld abgespeist werden: Für eine Querschnittslähmung etwa muß der Verursacher selten mehr als 150 000 Mark bezahlen, der Verlust des rechten Arms wird mit gerade mal 37 500 Mark ausgeglichen.
Carolines Rechtsberater Prinz vertrat schon prominente Zeitgenossen wie beispielsweise Linda de Mol, Michael Stich oder Claudia Schiffer, um deren Intimsphäre vor allerlei böswilligen Attacken zu schützen. Einige von ihnen beschäftigen nun sogenannte Clipping-Dienste, die Zeitschriften flöhen, ob sich darin nicht vielleicht irgendwann einmal etwas Despektierliches über sie findet, womit sich ein Prozeß betreiben läßt.
Prinz will die "Geldentschädigungen für die Verletzung von Persönlichkeitsrechten" nach amerikanischem Vorbild in die Höhe treiben und "so viel Geld wie möglich für meine Mandanten erkämpfen".
Erklärtermaßen wollte das Hamburger Oberlandesgericht (OLG) mit der jüngsten Schmerzensgeld-Entscheidung für Caroline einen "echten Hemmungseffekt" für potentielle Nachahmer erzielen. Künftig solle es den Verlagen "fühlbar" weh tun, wenn sie eine Person der Zeitgeschichte der "rücksichtslosen Zwangskommerzialisierung" aussetzen, um Auflagen zu steigern.
Juristisch ist diese Begründung bedenklich, denn das Prinzip Abschreckung gilt eigentlich nur im Strafrecht - das Zivilrecht, um das es hier geht, soll den Betroffenen vor allem Genugtuung für erlittene Pein verschaffen.
Deshalb könnte es sogar sein, daß das OLG zu weit gegangen ist, was am Ende vom Bundesverfassungsgericht zu klären wäre. Die Anwälte der Gegenseite beraten noch, ob sie nach Karlsruhe gehen wollen.
* Mit dem gefälschten Bunte-Interview.
* Mit dem gefälschten Bunte-Interview.

DER SPIEGEL 31/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Presse:
So viel wie möglich

  • Videoreportage zu seltenen Krankheiten: Der Feind im meinem Körper
  • US-Präsident bei Shell: Zuhörer von Trump-Rede wurden bezahlt
  • Webvideos: Achtung, Gletscher kalbt!
  • Videoreportage zu seltenen Krankheiten: "Du denkst, das Kind stirbt"