05.08.1996

StraflagerDie Zeit der Gespenster

In der Nacht zum 2. Juni holten zwei Zivilisten und zwei sowjetische Militärs den Autofabrikanten Hans Rasmussen, Geschäftsführer des Framo-Werks in Hainichen bei Dresden, verheiratet, Vater von vier Kindern, aus dem Bett.
Sie brachten ihn zuerst ins Kreisgefängnis nach Döbeln, von dort zusammen mit 1311 weiteren Gefangenen nach Bautzen, dann nach Oberschlesien in die Kleinstadt Tost, 50 Kilometer südöstlich von Oppeln, wo er am 17. Juli eintraf. Den Empfang der Häftlinge quittierte "der Leiter des Gefängnisses des NKWD der UdSSR, Oberst Pylajew".
Das war in jenem Sommer 1945, als in Tost ein süßlich-fauliger Leichengeruch in der Luft lag. Jeden Abend, nach der Polizeistunde, fuhr ein Pferdewagen von der ehemaligen Psychiatrie hin zum Ortsrand im Osten, mit 15, 20 oder noch mehr Toten beladen: zur Kiesgrube, wo heute die pleite gegangene Armaturenfabrik steht. Als die Grube voll war, hat man die Toten auf dem jüdischen Friedhof nebenan verscharrt.
Mehr als 50 Jahre ist das her, und jetzt, neuerdings, sollen sich die Alten im Ort
plötzlich daran erinnern. Nun kommen immer mehr Neugierige aus dem Westen ins ehemals deutsche Tost, das jetzt Toszek heißt und zu Polen gehört. Sie interessieren sich nicht für die mittelalterliche Burg, für die prächtige Pfarrkirche des 8000-Einwohner-Ortes oder die klassizistischen, halb verfallenen Bürgerhäuser. Sie haben nur jenen grausigen Sommer im Kopf.
Diesmal ist Sybille Krägel, 58, aus Hamburg angereist, Hans Rasmussens älteste Tochter, die "wissen muß, wer mein Vater war und wie er starb". Einen ehemaligen Häftling hat sie mitgebracht, den 66jährigen Siegfried Petschel aus dem sächsischen Radeberg, der ihr bei der Spurensuche hilft.
Ein schwieriger Prozeß, denn jahrzehntelang sprach niemand über die 5000 Elendsgestalten, die der sowjetische Geheimdienst NKWD ein halbes Jahr lang in der ehemaligen "Landespflegeanstalt" interniert hatte. Sie waren Deutsche, also waren es wohl Nazis. Eingesperrt hatte sie der sozialistische Bruderstaat Sowjetunion, und der wußte ja, was er tat. Wer anderer Meinung war, hielt besser den Mund.
Rund 180 000 Deutsche hat der sowjetische Geheimdienst nach dem Krieg verschleppt, 11 Sonderlager existierten in Ostdeutschland, 28 auf heute polnischem Territorium. Führende Nationalsozialisten und Personen, "die für die Besetzung und ihr Ziel gefährlich sind", sollten festgenommen werden, so sah es ein Protokoll der Alliierten vor. Das NKWD griff rigoros und oft wahllos zu.
Nazi-Größen und Mitläufer, Hitlerjungen, BDM-Mädchen, Kriegsverbrecher, Denunzianten, völlig harmlose Passanten und später auch Sozialdemokraten und bürgerliche Regimekritiker verschwanden in den Stalinschen Straflagern, manchmal jahrelang. Wer zurückkam, mußte schweigen. In der DDR und auch im Westen war nur ein Bruchteil der Fakten bekannt.
Erst seit dem Zusammenbruch des Sozialismus im Osten kommen die Tatsachen allmählich ans Licht. Nach der Wende in der DDR fanden ehemalige Häftlinge wie Petschel den Mut, öffentlich von ihren Leiden zu erzählen. In der Umgebung von ehemaligen Strafanstalten wie Bautzen wurden Massengräber aus der sowjetischen Lagerzeit entdeckt, und seit dem Ende der Sowjetunion gibt das Moskauer Staatsarchiv nun auch Listen von Verschollenen frei. Die Toten der ostdeutschen Lager hat der Suchdienst des deutschen Roten Kreuzes fast vollständig erfaßt. Irgendwann werden möglicherweise die Akten der Lager jenseits von Oder und Neiße ebenfalls zugänglich sein.
Auch im polnischen Toszek setzte sich nach dem Ende des roten Regimes der Physikprofessor Józef Musielok, 50, mit einer deutsch-polnischen Gruppe von Mitstreitern zusammen und fing an zu forschen: Was geschah damals wirklich im Sommer ''45? Stimmen die schrecklichen Gerüchte?
In seiner Heimatstadt leben heute etwa gleichviele Deutsche und Polen, und es sei endlich Zeit, fand der Professor, daß die beiden Völker versuchen sollten, "wie zivilisierte Menschen zusammenzuleben". Der unverstellte Blick auf die Geschichte gehört für ihn dazu.
Musieloks Bürgerkomitee trieb ein paar Zeugen auf, aber die sagten nichts. Erst als die Rechercheure auf die Idee kamen, den Pfarrer mitzubringen, fingen einige zögerlich an zu erzählen: von halbtoten Gestalten, die sie auf der Straße aufgelesen hatten, als das Lager im November ''45 aufgelöst wurde. Von 40 Männern, die auf dem katholischen Friedhof bestattet wurden, über die aber jeder Eintrag im Kirchenbuch fehlt. Von zerlumpten, fast verhungerten Gefangenen, die zum Arbeitseinsatz auf die Felder zogen und von denen mancher draußen auf dem Acker vor Erschöpfung starb.
An diesem Tag führt Musielok den ehemaligen Häftling Petschel und die Häftlingstochter Krägel durch Toszek und hofft, "daß die alten Gespenster nicht wiederauferstehen" und daß die Zeit reif ist, diese Geschichte von Schuld, Verfolgung und Vergeltung so zu erzählen, daß sie nicht nach neuer Vergeltung schreit. Manchmal schaut er mit leiser Skepsis auf die Gäste: Was wollen die Besucher? Kommen jetzt die Unversöhnlichen in seine Stadt?
Irgendwo unter der kahlen Wiese, auf dem Gelände der Armaturenfabrik, ist Sybille Krägels Vater verscharrt. Er hat nur knapp zehn Wochen im Lager überlebt. "Am 21. September 1945", versichert ein ehemaliger Häftling im November 1950 dem Amtsgericht Stuttgart-Bad Canstatt an Eides Statt, "ist Rasmussen im Lagerlazarett an allgemeiner Entkräftung und hinzugekommener Ruhr gestorben."
Das war nichts besonderes in Tost. Die Überlebenschancen waren dort noch geringer als in anderen NKWD-Strafanstalten - es war eng und vollgestopft, die Hygiene war noch katastrophaler als anderswo. Und die Posten, erzählen Zeitzeugen, waren besonders brutal.
Als das Lager im November 1945 aufgelöst wurde, weil Oberschlesien an Polen gefallen war und die sowjetischen Besatzer sich zurückziehen mußten, wurden die Schwachen entlassen, die Stärkeren in andere Lager verschleppt. Mehr als die Hälfte der 5000 Inhaftierten war tot.
Gezielter Mord war selten, die meisten Häftlinge starben an Krankheiten, Unterernährung oder den Folgen von Quälereien. Wenn ein Posten sich amüsieren wollte, zwang er beispielsweise einen Häftling, einen lebendigen Frosch zu verschlucken. Ein anderes Mal, berichtet ein Überlebender, war es eine Maus, der jemand den Kopf abbeißen mußte: "Dabei zog man ihm die Lippen auseinander, bis er den Mund endlich aufmachte und dann tatsächlich zubiß. Drei Tage später war er tot. Bis dahin hatte er kein Wort mehr gesprochen und keinen Bissen mehr gegessen. Wir waren der festen Überzeugung, daß er vor Ekel gestorben ist."
Manchmal mußte jemand Kot auflecken, wenn es beim Abtransport des Abortkübels aus dem Schlafsaal eine Pfütze gab. Manchmal fand es ein Posten unterhaltsam, einen ausgehungerten Häftling so lange zum Essen zu zwingen, bis er starb. Welche Schikanen ihr Vater erlebt hat, kann Sybille Krägel nicht wissen. Seit fünf Jahren sucht sie nach Überlebenden von Tost, und bisher fand sich nur ein einziger Zeuge, der sich an Hans Rasmussen erinnern kann. Eine flüchtige Erinnerung hat der mittlerweile 80jährige beschrieben, eine Begegnung auf einem staubigen Acker, auf dem ein Trupp verdreckter Häftlinge Disteln rupfen muß; Rasmussen soll Prügel beziehen, weil er zu langsam ist - der Zeuge verhindert das und bezieht selbst die Schläge, woraufhin sich Rasmussen bedankt und höflich seinen Namen nennt. Das ist alles.
Das ehemalige Lager steht noch, ein roter Backsteinkomplex an der Straße nach Oppeln, der heute wieder als psychiatrische Klinik genutzt wird. Im großen Schlafsaal im ersten Stock, in dem sich 1945 fast 500 verdreckte, ausgemergelte Gefangene auf dem nackten Fußboden drängten, versammeln sich heute Patienten zum Gottesdienst.
Unter dem Dach, wo sich Schutt stapelt und der Putz von den Wänden platzt, war das Krankenrevier. Von dort aus, weiß Petschel, will ein Häftling eine Hinrichtung beobachtet haben, das Opfer sei dabei an einen Baum gebunden gewesen. Schließlich findet sich eine niedrige Stube mit halbrunden Fenstern und Blick auf den Hinterhof: Die Perspektive stimmt. Es gibt einen Baum, und er ist alt genug.
Vieles ist noch ungeklärt. Die meisten Zeugen leben nicht mehr, und in Büchern über Opfer des Stalinismus taucht Tost nur am Rande oder überhaupt nicht auf. Manchem Forscher ist das Lager nicht einmal dem Namen nach bekannt. Dieser Umstand hat in Sybille Krägel, die mittlerweile fast mehr Zeit mit Recherchen über den Tod ihres Vaters als mit ihrem Job als Reisekauffrau verbringt, einen stillen Zorn wachsen lassen. Der führt manchmal dazu, daß die Maßstäbe verrutschen, daß sich fast so etwas wie Neid einschleicht: "Wir sind eben nicht wichtig. Wir sind ja nicht Auschwitz."
Nein, wie Auschwitz war Tost nicht. Weil es Auschwitz gab, hat es Tost gegeben - eine Tatsache, die mancher Vergangenheitsforscher gelegentlich vergißt.
Siegfried Petschel ist mit 15 verschleppt worden, weil er zu Unrecht als Werwolf verdächtigt wurde - bei ihm wäre es nicht verwunderlich, würde er sich nur für sein eigenes Leiden interessieren. Aber gerade der pensionierte Lehrer Petschel, ein redseliger, aber leiser Sachse, denkt sehr wohl noch daran, daß der 8. Mai 1945 "uns alle von dem menschenverachtenden faschistischen Gewaltsystem befreit hat". Das klingt zwar nach DDR-Rhetorik, aber dennoch so, als ob er es so meint.
Er hat nicht vergessen, wer seine Bewacher damals waren. Die Offiziere und ein Teil der Posten gehörten zwar zum NKWD, "das konnte man an den grünen Schirmmützen erkennen". Die anderen Wächter aber waren zuvor Kriegsgefangene oder KZ-Häftlinge in Deutschland: "Untermenschen" also, wie das im SS-Staat hieß. Petschel wundert es nicht, daß diese Leute "in uns die Schuldigen für ihr eigenes trauriges Schicksal sahen".
Viele Aufseher hatten jahrelang keine Nachricht von zu Hause bekommen. Wenn Post aus der ukrainischen Heimat kam, in der beschrieben wurde, wie die Deutschen dort gehaust hatten, "dann prasselten Schläge und Fußtritte auf uns ein", erinnert sich Petschel.
Jeder im Lager war durch seine Vorgeschichte geprägt, die NKWD-Schergen, meist Profis aus dem Gulag in der Sowjetunion, die niederen Bewacher und die Gefangenen ebenso. Auch Sybille Krägels Vater natürlich, er war ein erwachsener Mann von 38 Jahren, als er verhaftet wurde. Sein Fall ist komplizierter als der des jungen Petschel.
Hans Rasmussen war 28, als ihn sein Vater, der Autoindustrielle und DKW-Gründer Jörgen Skafte Rasmussen, zum Geschäftsführer des Framo-Werkes bestimmte: ein kleines Unternehmen in Hainichen, das dreirädrige Lastwagen und Limousinen wie den "Stromer" oder den "Piccolo" produzierte.
Nichts Fragwürdiges, zunächst. Aber als die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion mit dem Vernichtungskrieg überzog, als Albert Speer das Rüstungsministerium übernahm und ein System der "Selbstverantwortung der Industrie" einführte, um die Rüstungsproduktion zu erhöhen, war Rasmussen mit dabei. Zunächst kämpfte er noch um die Automobilherstellung, dann fabrizierte Framo nur noch Waffen statt Wagen, im Werk schufteten jüdische Zwangsarbeiterinnen, und der Geschäftsführer Rasmussen wurde vom Speer-Ministerium als Leiter eines "Sonderausschusses Granat- und Nebelwerfer" geführt. Seit 1931 war er Mitglied der NSDAP und gehörte dem Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps an.
Vielleicht war er ja einer von den willfährigen Machern, die Speer in seinen Memoiren so beschreibt: "Im Grunde nutzte ich das Phänomen der oft kritiklosen Verbundenheit des Technikers mit seiner Aufgabe aus. Die scheinbare moralische Neutralität der Technik ließ bei ihnen die Besinnung aufs eigene Tun gar nicht erst aufkommen."
Ein Mitläufer war er wohl. In den Augen der Tochter, die ihn als liebevollen Vater erlebt hat, kann Rasmussen kein Täter gewesen sein: Rüstung, sagt sie, "mußte man ja produzieren. Da konnte er sich doch nicht wehren".
Wer war ihr Vater? In Toszek fragt danach niemand, das spielt keine Rolle mehr. Für den "Deutschen Freundschaftskreis", der sich dort nach der Wende gegründet hat, ist er ganz einfach "einer von Euren Toten, die auch unsere Toten sind", sagt der Vorsitzende Wilhelm Stobrawe. Denn "sie sind schließlich Deutsche. Wie wir".
Nachdrücklich unterstützen die Schlesiendeutschen jetzt den Versuch, mit Hilfe der Kriegsgräberfürsorge ein Stück Wiese über dem Massengrab zu pachten, um ein Denkmal zu errichten. Sie sind ein bißchen beleidigt, daß die Leute vom Bürgerkomitee das letzte Mal schneller waren: Die haben als erste im Ort recherchiert, und die haben es geschafft, an der Mauer zur Armaturi-Fabrik ein Gedenkkreuz zu errichten. "Mit Gottes Hilfe", steht da in Deutsch und Polnisch, "wollen wir dafür sorgen, daß es nie wieder Konzentrations- und Internierungslager geben möge."
Im Stadtrat von Toszek bemühen sich jetzt viele um ein gutes Verhältnis zu den Deutschen, solange die sich nicht zu nationalistisch geben. Denn guter Kontakt bringt möglicherweise Touristen und vielleicht sogar Investoren in die Region.
Józef Musielok vom Bürgerkomitee will mehr als das, nämlich "Gerechtigkeit, wenn das geht". Denn das, was im Lager geschah, "hat keiner verdient". Das Verrecken dort, findet er, kann nicht rechtens gewesen sein, bei niemandem, egal, was er vorher war. Es hat keine Anklage, keine Verhandlung, kein Urteil gegeben. Keiner hatte die Chance, sich zu rechtfertigen, um diesem zufälligen Tod zu entgehen.
In diesen Tagen sieht es so aus, als würde der Zweite Weltkrieg zum zweitenmal zu Ende gehen. Auf der Wiese am Ortsrand steht ein alter Mann aus dem Ort, vom nassen Herbst ''45 erzählt er, dem Ende des grausigen Sommers, als Typhus ausbrach, weil immer mehr Regen in die Leichengrube gefallen war und die Toten zurückkamen an die Oberwelt: hier ein Schenkelknochen, da ein Schädel, dort eine Hand.
Damals, erzählt er, hat man sie schnell wieder begraben, mit Kies zugeschüttet und dann 50 Jahre geschwiegen. Heute darf man reden. Vielleicht ist die Zeit der Gespenster jetzt vorbei.
[Grafiktext]
Kartenausriß Polen - Sowjetisches Straflager 1945
[GrafiktextEnde]
* In der psychiatrischen Klinik von Toszek. * Im Lager Sachsenhausen.
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 32/1996
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