12.11.2012

Bandsalat

ORTSTERMIN: In Berlin streiten die Gema und die Clubs über die Tarifreform. Mal wieder.
Nach einer halben Stunde verlässt Simon Thaur als Erster den Raum, setzt sich auf eine Couch und beginnt ein Buch zu lesen.
Thaur ist Inhaber des KitKatClub. Eine Zeitlang hat Thaur Pornos gedreht, im Moment arbeitet er an einem Buch über "Astromedizin". Manchmal blickt er durch eine Glasschiebetür in den Raum, wo noch immer die Diskussion "Tarifreform der Gema - Pro und Contra" läuft.
Thaur sagt, er habe es versucht. Echt. Aber leider nicht durchgehalten. Das kann man gut verstehen.
Drinnen, auf dem Podium, sitzen vier Männer. Einer ist Lorenz Schmid, Gema-Bezirksdirektor, ein runder Mann im Anzug, den die Gema gern quer durchs Land schickt, um den Clubleuten die neuen Gema-Tarife zu erklären.
In Schmids Sätzen schwimmen Worte wie: Mehrfachvergütung, Jahrespauschale, Laptop-Zuschlag, Blackbox und Disco-Topf. Schmid versucht alles zu ordnen, aber manche Dinge werden immer komplizierter, wenn man sie erklärt. Schmid sieht müde aus, genervt. Die Zuhörer, viele aus der Berliner Clubwelt, sehen müde aus, genervt. Sie drehen sich im Kreis. Seit Monaten schon.
Es war April, als die Gema eine Tarifreform vorstellte. Mit der Reform sollte vieles einfacher werden. Das ist ja ein ewiger deutscher Reformwunsch: dass die Dinge einfacher werden.
Bislang gab es bei der Gema elf Tarife für Veranstaltungen mit Musik. Zukünftig soll es zwei Tarife geben. Das klang gut.
Leider wurde im Zuge der Vereinfachung auch vieles teurer. Hat zum Beispiel ein Club bislang rund 8000 Euro Gebühren jährlich an die Gema gezahlt, soll er zukünftig womöglich rund 45 000 Euro bezahlen. Es gab Anti-Gema-Demonstrationen, Anti-Gema-Petitionen, es gab Hunderte Zeitungsartikel, und Deutschland hatte neben der Euro-Krise einen weiteren Aufreger: die Gema-Wut.
Dann wurde es Sommer. Dann Herbst. Bald ist Weihnachten. Und immer noch Gema-Wut.
Vor ein paar Tagen sah es plötzlich so aus, als könnte es ein Ende geben. Die Gema gab eine Pressemitteilung heraus: "Einigung im Tarifstreit im Discotheken- und Clubbereich". Alle dachten: Halleluja! Aber dann war es so, dass die Gema sich nicht mit dem großen Hotel- und Gaststättenverband geeinigt hatte oder mit der Bundesvereinigung der Musikveranstalter, sondern nur mit einem Mann: mit Klaus Quirini von der Deutschen Disc-Jockey Organisation, dem Verband Deutscher Musikschaffender und dem Verband Deutscher Discotheken-Unternehmer - das sind Kleinverbände, die Klaus Quirini selbst gegründet hat. Klaus Quirini ist 71 Jahre alt und bezeichnet sich als "ersten DJ der Welt". Künstlername "DJ Heinrich".
Es gibt kein Ende. Es gibt nur immer neue, surreale Entwicklungen.
Neben Schmid von der Gema sitzt ein Mann mit grauen Haaren. Das ist Dimitri Hegemann, Chef des Tresor - eines Clubs, aufgestiegen und zu Weltruhm gekommen Anfang der neunziger Jahre, als man in Berlin das Nachtleben neu erfand.
Hegemann geht auf die sechzig zu, manchmal scheint er zu schlafen, vielleicht denkt er auch nur nach. Jedenfalls stolpert Hegemann nach all den Monaten noch immer über die Kernfrage: "Warum erhöht die Gema plötzlich die Tarife? Was sind die Gründe?"
Die alten Tarife galten, mit Anpassungen, gut 50 Jahre. Kaum etwas war so ewig wie ein Gema-Tarif. Entweder war der Tarif also vorher falsch.
Oder er ist jetzt falsch.
"Die Gründe? Dazu sage ich nichts. Das ist ja ein laufendes Verfahren vor der Schiedsstelle", sagt Schmid von der Gema und sieht bockig aus. "Also keine Antwort!", sagt Dimitri Hegemann vom Tresor und sieht bockig aus.
Wäre man Psychologe, könnte man über "Gema versus Clubs" eine Doktorarbeit schreiben. Thema: Der emotionale Streitverlauf in öffentlichen deutschen Auseinandersetzungen. Nach der Bockigkeitsphase kommt meist die innere Verhärtungsphase und dann die Gerichtsphase.
Die Schiedsstelle beim Deutschen Patent- und Markenamt wird demnächst entscheiden, ob die Tarife angemessen sind. Womöglich kommt es anschließend zu Gerichtsprozessen. Die Anwälte bringen sich jedenfalls schon in Stellung.
Die Diskussionsrunde an diesem Abend findet praktischerweise in der internationalen Wirtschaftskanzlei K&L Gates statt. Die Stühle sind weiß, die Wände, die Tische, es ist, als säße man hier in einem großen Ei. Eine Anwältin sagt, dass K&L Gates einst vom Vater von Bill Gates gegründet wurde. Offen bleibt, was Daddy Gates über die Tarife der Gema denkt. Vermutlich: I don't care.
Zum Abschluss der Diskussion versucht der Moderator die Schlichtung. So wie Heiner Geißler, damals bei Stuttgart 21. Die Gema will maximal zehn Prozent von den Eintrittsgeldern der Clubs. Der Moderator schlägt fünf Prozent vor.
"Also, wie wäre das?"
Niemand gibt eine Antwort.
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 46/2012
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