19.11.2012

SPDRasendes Nashorn

Peer Steinbrück hat den Auftakt seiner Kampagne verpatzt, zeigt aber wenig Einsicht. Was wollen diese Journalisten? Ein Termin bei einem zornigen Kandidaten /
Warum soll er devot sein Haupt beugen? Weil er Geld verdient hat? Nö, macht er nicht, kommt nicht in Frage, auf keinen Fall.
Es reicht ihm schon, das Gespräch ist noch keine acht Minuten alt, und Peer Steinbrück hat die Gemütslage eines gereizten Nashorns erreicht. Das ist sein Lieblingstier. Seine Lieblingsgegner sind Journalisten. Und jetzt sitzt er hier wieder mit einem und hört sich diese Fragen an. Ob das große Geldverdienen ein Irrtum war? Pff, Luft ablassen, er kann das nicht mehr hören. Natürlich war es kein Irrtum.
Freitagnachmittag, zwischen 16 und 17 Uhr, Steinbrück in seinem Büro im Berliner Willy-Brandt-Haus. Zwei schwierige Wochen liegen hinter dem designierten Kanzlerkandidaten der SPD. Er musste offenbaren, dass er mit Vorträgen in drei Jahren 1,25 Millionen Euro verdient hat, 25 000 Euro allein bei einem Auftritt für die Bochumer Stadtwerke.
Nichts davon war illegal, alles sauber. Aber diese Zahlen haften nun an seiner Kandidatur, und er ist der Mann der SPD, die auch die Partei der kleinen Leute sein will. Das könnte ein Problem sein. Die Koalition stichelt schon und freut sich auf Steinbrücks Wahlkampfschwerpunkt Gerechtigkeit. Witz der Woche war: Vor Steinbrücks Auftritt im Bundestag musste die SPD-Fraktion Geld sammeln, um seine Rede bezahlen zu können.
Ein paar Leute haben vor diesem Gespräch im Willy-Brandt-Haus gesagt, Steinbrück sei nun verwundet, sei empfindlich getroffen. Er leide, auch von Einsicht war die Rede. Ein zerknirschter Kandidat, ein Nashorn auf Samtpfoten, das war die Erwartung.
"Warum sollen nur die anderen Geld verdienen dürfen und nicht die Sozialdemokraten?", fragt Steinbrück. Wobei "fragen" ein schwaches Verb ist für das, was er tut. In der Frage, zornig ausgespuckt, steckt schon die Antwort: Natürlich sollen auch Sozialdemokraten Geld verdienen können, wäre doch gelacht.
Natürlich. Warum nicht, auch da geht es um Gerechtigkeit. Aber könnte nicht doch Bochum ein Problem sein? 25 000 Euro von den Stadtwerken einer Stadt, der es nicht gutgeht, in der es vielen Menschen nicht gutgeht? Er war mal Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen.
Am Sonntag vorvergangener Woche hat Steinbrück in einem öffentlichen Gespräch in Hamburg mit dem Chefredakteur des SPIEGEL, Georg Mascolo, eingeräumt, 25 000 Euro für eine Stunde Arbeit sei "unverhältnismäßig". Er sagte, "dass mir in dem Augenblick das Fingerspitzengefühl fehlte". Im Willy-Brandt-Haus sagt er erst einmal, das Angebot sei von einer Agentur gekommen. Er habe von den Stadtwerken nichts gewusst.
Sonst hätte er abgelehnt? So war es auch wieder nicht, er habe vor dem Auftritt erfahren, dass die Bochumer Stadtwerke hinter dem Angebot standen. Es war einfach eine hübsche Summe Geld. Auch Joachim Gauck hat das gern angenommen in der Zeit, als er noch nicht Bundespräsident war. "Hossa", habe er bei diesem Angebot gedacht, hat Gauck der "Welt am Sonntag" erzählt.
Steinbrück hat "Donnerwetter" gedacht. Schließlich sagt er, und sein Ton ist ruhiger jetzt: "Ich habe mich da vergaloppiert." Aber so kann er das nicht stehenlassen: "Ich habe selbst Transparenz hergestellt."
Das ist jetzt sein großes Wort: Transparenz. Er hat einen neuen Standard gesetzt, die anderen müssen sich nun an ihm ausrichten. So geht er voran. Aus dem Desaster hat er einen Sieg gemacht. Gleich gekontert, hurra, Steinbrück ist nicht aufzuhalten.
Wäre nicht vielleicht doch ein bisschen Zurückhaltung, Demut und weniger Attacke ...? Findet er überhaupt nicht. Was das wieder soll. Und macht es so wie sein Lieblingstier: Kopf runter, Horn nach vorn, dann losrasen. Auf sein Gegenüber zu.
Warum soll er ein Schuldbekenntnis abgeben? Sollen doch mal die Journalisten über sich selbst nachdenken. Was die so alles anstellen, da kann er eine Menge erzählen. Interessieren sich vor allem für das Nebensächliche, für irgendwelchen Quark, statt sich um die wahren Probleme der Welt zu kümmern. Journalisten dagegen interessiert: was er mit seiner Bahncard anstellt. Dass er angeblich Wohnungen verkommen ließ. Und Schulfreunde würden mit widerlichen Absichten befragt. Es schüttelt ihn. "Die wollen ein Wild erlegen", sagt er.
Laut wird er nicht, aber scharf ist er. Sturm in seinen Augen, keine großen Gesten, aber eine Spannung im Körper, als wolle er gleich aufspringen. Die Jacke hat er schon vor längerer Zeit ausgezogen. Es ist warm in seinem Büro, das so eingerichtet ist, als sollte man hier Versicherungsverträge unterschreiben, Funktionalität, die einen ratlos macht. Warum lässt man sich so von Möbeln terrorisieren? Keine Frage an ihn, er ist nur Gast im Willy-Brandt-Haus.
Ist das alles nur passiert, weil er nicht mehr damit gerechnet hat, Kanzlerkandidat der SPD zu werden? Damit kann er etwas anfangen. Er war nur die Nummer drei auf der Liste, wenig Chancen. Steinbrück fand, dass es angenehmere Dinge gibt, als sich für die kleine Politik zu quälen, ein bisschen reich werden durch Schreiben und Reden zum Beispiel. Das würde er so allerdings nicht sagen, nicht in diesen Worten.
Er arbeitete nicht auf eine Kandidatur hin, sondern wollte sie sich zufallen lassen, anstrengungslos, befördert allein durch ein paar schöne Worte von Weltstaatsraucher Helmut Schmidt. Nun ist er Kanzlerkandidat ohne Kanzlerkandidatenvorleben, weil Parteichef Sigmar Gabriel von Selbstzweifeln geplagt ist und Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier die Bedenken seiner Frau ernst nimmt.
"Es wird schwer, die 25 000 Euro einer alleinerziehenden Krankenschwester mit 1000 Euro Einkommen zu erklären", sagt Steinbrück jetzt, fast leise. Der Sturm ist vorüber, er schaut nur noch seinen Pressesprecher an, wenn er redet, als brauche er mal Pause vom Journalisten. Er weiß schon, dass er nun eine schwere Bürde durch den Wahlkampf schleppt. In Hamburg hat er gesagt, dass ihm das leid tue für seine Partei.
Rücktritt, gab es einen Gedanken daran? "Wer die Hitze fürchtet, darf nicht in die Küche gehen", sagt Steinbrück. Floskeln sind immer gut, wenn man reden will, ohne etwas zu sagen.
Auf die Frage, ob er sich vom Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel ausreichend unterstützt fühlt, sagt Steinbrück: "Ich vermisse an Klarheit nichts." Ein seltsamer Satz, der offenlässt, ob er etwas anderes vermisst. Oder ist das jetzt wieder krude Journalistenspekulation? Von der Basis der SPD fühle er sich getragen, sagt Steinbrück und redet immer noch in Richtung Pressesprecher.
Beim öffentlichen Gespräch in Hamburg hat er gesagt, bei seinen Auftritten in den letzten Tagen habe er "wirklich ein erstaunliches und mich berührendes Maß an Unterstützung bekommen". Er erwähnt, dass der Chefredakteur des SPIEGEL für manche Fragen ausgebuht worden sei. Er grinst.
Nun wird behauptet, dass ein Mann, der so viel Geld besitzt, wenig Verständnis haben könnte für Leute, die darben müssen, und das als Sozialdemokrat. Ja, sagt Steinbrück, Journalisten würden das behaupten. Unsinn natürlich. Und er hat recht, Politiker müssen nicht arm gewesen sein, um eine Politik entwerfen zu können, die Armen hilft. Einigkeit in Steinbrücks Zimmer, Entspannung.
"Ich wäre froh, wenn es mehr Vermögende gäbe, die sich Gedanken um Benachteiligte machen", sagt er. Das ist dann wieder ein bisschen dicke. Muss er immer Vorbild sein? Nicht laut gefragt, noch etwas die Entspannung genießen.
Ob er selbst die größte Gefahr für seinen Wahlkampf sei? Jetzt dreht Steinbrück den Kopf und schaut spöttisch. Ach so, das sei ja nun wirklich eine originelle Frage, nie gehört. Ein langer Blick, geradewegs in die Augen.
Und die Antwort? Auch unoriginelle Fragen brauchen eine Antwort. Der nächste Ausbruch: Ja, er sei "gelegentlich eruptiv", könne sich in seinen "Bildern manchmal vergreifen", aber das sei besser, als ein "politischer Phlegmatiker zu sein, ein Langweiler, rundgeschliffen wie ein Kieselstein".
Sehr wahr. Steinbrück ist ein Mann, in dem ein inneres Tier tobt, und das muss manchmal raus. Wenn es dann rauskommt, ist es ein Nashorn. Angela Merkel hat so ein inneres Tier nicht oder hält es gut unter Verschluss. Das ist auch ein Aspekt des kommenden Duells: perfekte Käfighaltung gegen ein äußerst durchlässiges und damit sichtbares Gemüt.
Insofern ist Steinbrück auch eine Erholung. Von Merkels ewigem Gleichmut, der nur selten aufgebrochen wird. Damit hat sie das Land ein Stück weit verödet. "Sie bietet wenig Angriffsfläche", sagt Steinbrück, "aber hat auch wenig Profil."
Er ist jetzt ganz ruhig. Merkels Schwächen aufzuzählen ist natürlich eine angenehme Sache für Steinbrück. Aber sie ist eine schwierige Gegnerin. Politik total ist ihr Konzept, alles geben, ein Minimum an Privatheit, ein Maximum an Disziplin, Unauffälligkeit, Ärgervermeidung.
Dagegen Steinbrück, der Hedonist, der mit einer Gemütsaufwallung jederzeit das halbe Land gegen sich aufbringen kann, mindestens. Und sich dann allenfalls wenig einsichtig zeigt, keine Asche auf sein Haupt, niemals. Zur Selbstgerechtigkeit neigt er dann, was natürlich auch eine Journalistenschwäche ist, wie er schon häufiger erwähnt hat. Stimmt. Und trotzdem: ein bisschen mehr Einsicht.
Es wäre einfach gut, wenn er diese Kampagne durchhalten könnte. Damit mal Leben ist in der Bude, die Demokratie heißt, damit es auch eine Gemütsalternative zu Merkel gibt. ◆
Von Dirk Kurbjuweit

DER SPIEGEL 47/2012
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