19.11.2012

Großer Zapfenstreich

Der Absturz des CIA-Chefs David Petraeus ist ein Lehrstück über den unerfüllbaren Wunsch nach fehlerfreien Idolen. Es geht um Amerikas altbackene Prüderie, die Sex zum Sicherheitsrisiko macht.
Neue Folgen amerikanischer Fernsehserien beginnen gern mit einem Zusammenschnitt bereits gesendeter Szenen, um zu rekapitulieren, "was bisher geschah". Wer das im Fall von David Petraeus versucht, Amerikas großem Kriegshelden, Amerikas gefallenem Top-Spion, der endet schnell bei einem abendfüllenden Programm, einer wilden Burleske, so vulgär und unglaubwürdig, dass es fast zum Lachen reizt.
Was bisher geschah: Es wurde, in den vergangenen zehn Tagen, ein Zickenkrieg von nationaler Bedeutung ruchbar, geführt mit anonymen Schmäh-Mails der Marke: Fass-meinen-Typen-nicht-an. Es wurde der Ruf einer neureichen Provinzfürstin aus Tampa, Florida, ruiniert, die ohne weitere Schminke bei den "Desperate Housewives" mitwirken könnte. Auch wurde ein windiger Ermittler kaltgestellt, der sich anschickte, Barack Obamas Wiederwahl zu hintertreiben. Das sind die niederen Chargen.
Ein paar Etagen höher hat Amerikas Bundespolizei FBI schon seit Monaten in den privaten E-Mails des CIA-Direktors herumgewühlt, in der Post ebenjenes David Petraeus, und ihn damit zu Fall gebracht. Die Behörde stieß auch auf Spuren, die nun die Berufung des amtierenden US-Oberbefehlshabers in Afghanistan, John Allen, auf den Posten des Nato- und Europakommandeurs gefährden.
Es geht um Liebesbriefe in toten digitalen Briefkästen, von "Sex unter dem Schreibtisch" des CIA-Chefs ist die Rede und von einem vielleicht ebenfalls amourösen E-Mail-Austausch zwischen dem US-Hauptquartier in Kabul und einer Villa in Tampa im Umfang von bis zu 30 000 Seiten. Eine Hausdurchsuchung findet statt vor laufenden Kameras, es besteht der Verdacht auf die Veruntreuung geheimer Staatsdokumente, und womöglich stand zwischenzeitlich sogar die nationale Sicherheit der USA auf dem Spiel.
Es stellt sich die Frage, welches Spiel US-Justizminister Eric Holder treibt, der als enger Freund von Präsident Barack Obama gilt. Es fragt sich, wer im Weißen Haus eigentlich wann wovon wie viel wusste. Alles könnte sich am Ende als lachhaft erweisen oder als todernst. Denn vielleicht ist es nur eine Liebesgeschichte, die niemanden außer die Beteiligten - und die Betroffenen - angeht; vielleicht ist es aber auch eine Staatskrise, die sich als Seifenoper nur tarnt.
Weil es um David Petraeus geht, war vergangene Woche oft von einer Tragödie griechischer Dimension zu hören. Aber bei Licht betrachtet ist es doch eine sehr amerikanische Affäre. Sie spielt in einem Land, das schaumgeborene, reine Helden braucht und in dem Menschen ganz unmenschlich daran gemessen werden, ob sie ohne Fehl und Tadel sind.
Wer den Wirbel um Petraeus verstehen will, sollte die Tradition des amerikanischen Puritanismus im Hinterkopf behalten, die sich etwa darin ausdrückt, dass der Ehebruch in 23 Bundesstaaten bis heute als kriminelles Vergehen noch immer in den Gesetzbüchern steht - und dass er als Verbrechen ein Teil aller geschriebenen und ungeschriebenen Ehrenregeln des Militärs stets geblieben ist.
Das Amerika des Jahres 2012 wird von einem absurd verlogenen - oder tief verwirrten - Volk bewohnt. Während in den Vororten von Los Angeles die Pornofilmindustrie blüht und Filme aller Härte- und Perversionsgrade in Massen herstellt, verschickt der Vorsitzende des Generalstabs nach "Vorkommnissen" in der Truppe - Ehebrüchen, sexuellen Belästigungen - besorgte Briefe an seine Kommandeure mit der Bitte um Überprüfung, ob die ethischen Standards intakt seien.
Während sich lesbische Paare per künstlicher Befruchtung mit dem Sperma schwuler Männer Kinderwünsche erfüllen, legen junge Männer und Frauen Keuschheitsgelübde ab und entsagen freiwillig jedem vorehelichen Sex. Es scheint so, als ginge im Privaten alles, mit wem und wie auch immer. Aber gar nichts geht mehr, sobald ein Mensch ein Amt übernimmt, eine Uniform anzieht oder nach öffentlichen Würden strebt.
Die Vorstellung der Mehrheit der Amerikaner, ihre Volksvertreter oder Landesverteidiger müsste ein blütenweißes Gewissen haben, und die Empörung über oft bedauerliche, aber vor allem doch ganz gewöhnliche Fehltritte gehören zu einem Kult der Prüderie. Und wann immer der Sex ins Spiel kommt, zählen rationale Argumente nicht, und die Debatte gewinnt, wer sich in tumbe Bigotterie versteigt.
Dies ist die Geschichte von Aufstieg und Absturz des David Petraeus, des Mannes, der den Amerikanern die längste Zeit als Held galt, als vielleicht größter der Nachkriegszeit. Sie fängt an im Mai 2003, und wann sie endet, ist noch nicht zu sagen, so wie es Ansichtssache ist, wann eigentlich sein Absturz beginnt. Fällt Petraeus schon, als er Paula Broadwell, einer ehrgeizigen Studentin, im Jahr 2006 zum ersten Mal begegnet? Oder erst am Tag seines Rücktritts?
Kommt der Sturz, als die beiden sich zu oft begegnen im Jahr 2010 in Afghanistan? Scheitert Petraeus als Idol, als die beiden wirklich ein Paar werden, angeblich im September 2011? Oder ist die Liebesgeschichte unbedeutend, weil Petraeus - als General - schon 2010 am Ende ist, weil sich seine Magie auf dem afghanischen Schlachtfeld nicht mehr entfaltet?
Am Anfang, im Mai 2003, ist Petraeus ein Generalmajor mit zwei Sternen am Helm, er hat sich eben mit den 20 000 Mann seiner 101. Airborne Division, mit fast 3000 Fahrzeugen und 275 Kampfhubschraubern bis nach Mossul gekämpft, in den Norden Iraks. Hinter der Truppe liegen Gefechte um Kerbala und Nadschaf, nun haben sie sich einen großen Saddam-Palast als Hauptquartier genommen. Petraeus ist der neue Herrscher über die Stadt. Hier, in Mossul, steigt sein Stern.
Er steigt so hoch in den Himmel, dass er bald auch in Amerika zu sehen ist. Petraeus wird mit Dwight D. Eisenhower verglichen werden, dem Befreier Westeuropas, mit Douglas MacArthur, dem Helden des Pazifik. "König David" wird er heißen, ein neuer "Lawrence von Arabien", ein soldatischer Staatsmann, ein militärischer Gelehrter. Es ist kaum möglich, höher aufzusteigen.
Es ist kaum denkbar, tiefer zu fallen. Als Petraeus am vorvergangenen Freitag an seine Mitarbeiter schrieb, dass er nach 37 Jahren Ehe ein "extrem schlechtes Urteilsvermögen" an den Tag legte, indem er eine außereheliche Beziehung begann, war das eine seltsam linkische und auch läppische Begründung für den Rücktritt eines Mannes, der nicht nur in Amerika den Status eines Halbgottes genoss.
Möglich, dass er sich für die eigene Verlogenheit derart schämte, dass er einen anderen Ausweg nicht sah. Er war es immerhin selbst, der oft und blumig über Disziplin, Anstand, Würde und Respekt dozierte. Der in Anhörungen das Loblied auf seine 59-jährige Frau Holly sang, die die Zumutungen des Soldatenlebens so tapfer ertrug. Seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht geworden zu sein mag ihn wirklich zum Abgang bewegt haben.
Aber es gibt auch Gerüchte im Treibhaus von Washington, D. C., dass Petraeus nicht weichen, sondern im Amt bleiben wollte. Dass er in seine Rolle als Direktor des Auslandsgeheimdiensts gerade hineinwuchs. Dass er wegen einer Liebesgeschichte, die seit vier Monaten beendet war, den Stuhl nicht räumen wollte.
Nach allem, was bekannt ist, und nach dem wenigen, was bisher von Petraeus selbst zu hören war, war die nationale Sicherheit durch die Affäre nie gefährdet. Staatsgeheimnisse von Belang, heißt es auch beim FBI, seien wohl nicht verraten worden. Warum dann der Rücktritt? Warum riet James Clapper, Obamas Geheimdienstkoordinator, dem geständigen Petraeus sofort zum Abgang?
Eine Handvoll Antworten bietet sich an: Die simpelste ist, dass altmodische Männer altmodische Schnitte machen, wenn ihnen die moderne Welt, die der Gefühle zumal, zu kompliziert wird. Gut möglich aber auch, dass noch lange nicht alles bekannt ist und ein dickeres Ende noch kommt, womit der Mensch in Washington stets rechnet. Es kann auch sein, dass nicht Petraeus seinen Rücktritt anbot, sondern dass Obama ihn entließ.
Dafür spricht, dass dem Präsidenten der Triumph der Wiederwahl durch diesen innenpolitischen Skandal vergällt wurde. Wahrscheinlicher noch ist, dass Petraeus entlassen wurde, weil er, seit 14 Monaten im Amt, bei der Aufarbeitung des Terrorangriffs auf das US-Konsulat im libyschen Bengasi keine oder nur eine unglückliche Rolle spielte. Denkbar ist, dass sich Obama an alten Groll erinnerte, darüber, dass ihn Petraeus einst als General durch mediale Spielchen zur Entsendung weiterer Truppen, 30 000 Mann, gedrängt hat, ohne danach seinerseits einen Sieg zu liefern.
Im Mai 2003, in Mossul, lange vor seinem Sturz, zeigt Petraeus noch alle Qualitäten, die seinen phänomenalen Aufstieg erklären. Er ist damals 50 Jahre alt, ein heiterer, charmanter Mensch, der sich wenig um Vorschriften schert, der Journalisten zu geheimen Stabsbesprechungen mitnimmt. Die Riege seiner Offiziere müht sich, aufgereiht in Saddams Palast, Petraeus' Ideen umzusetzen. Er glaubt nicht mehr an die grobe Wucht der Panzerarmeen. Er plant eine Revolution.
Er erklärt es zum gleichrangigen Ziel seiner Truppe - neben dem Kampf gegen bewaffnete Aufständische -, die Zivilbevölkerung zu gewinnen: Straßen zu bauen, Stromleitungen zu legen, Fußbälle zu verteilen. Petraeus sagt: Geld ist Munition. In Mossul gelingt ihnen anfangs viel.
Und weil es gelingt, verbreitet sich schnell die Botschaft, dass dort oben, im Norden Iraks, ein interessanter General am Werk ist, der alles anders macht. So entdecken die amerikanischen Medien Petraeus, auch sie lernen sein gewinnendes Lächeln kennen, seine Offenheit.
Seit seinem Sturz wollen ihn nun manche als Blender hinstellen, aber das ist er nicht. Im Irak sind seine Erfolge unabweisbar. Solange Petraeus in Mossul regiert, geht es der Stadt leidlich gut. Die Iraker verehren ihn, in einem kühnen Alleingang lässt er die Grenze zu Syrien öffnen, um die Wirtschaft anzukurbeln, er sorgt für greifbare Fortschritte. Seine Leute stellen und töten die furchtbaren Söhne Saddams, auch das hilft seiner Karriere. Er kann nicht nur Fußbälle verschenken; er kann auch Krieg führen.
Sein halsbrecherisch steiler Aufstieg danach wird sich anfühlen wie ein Märchen. Es erzählt von einem guten König, der die Welt durch seine Anwesenheit, seine Taten und wohlgesetzten Worte zum Besseren ordnet und alles beruhigt. So wurde wirklich über ihn geschrieben, wie über einen Messias. Und so liest sich auch Paula Broadwells im Januar erschienenes Buch "All In", eine Petraeus-Biografie, die einem sehr langen Liebesbrief gleichkommt, mit Anhängen: 426 Seiten.
Durch die zäh zu lesenden Kapitel fliegt Petraeus wie ein antiker Halbgott, der im Alleingang die gebrechliche Welt zusammenhält. Broadwell lässt ihn in weisen Sentenzen das Wort ergreifen, er spricht zu seinen Offizieren in Gleichnissen, unermüdlich studiert der Feldherr die Klassiker der Kriegskunst, bedenkt alte Schlachten, sucht sich Anregungen in Gemälden, im alten Rom, in Gedichten.
Der Petraeus der Paula Broadwell hat sein Ohr nah bei der Truppe. Auch Vorschläge von Offizieren "fünf Ränge unter ihm" wägt er, sorgfältig. Selbst nach quälend langen Interkontinental-Flügen ist er "ganz Energie", und auf jeder fünften Seite fährt er Rad oder läuft seine täglichen fünf Meilen in athletischem Tempo, wo er wie als Jugendlicher in entscheidenden Fußballspielen das Siegtor schießt und sich frischverliebt durch Schneestürme schlägt, zu Holly.
Die Autorin, mit der Petraeus seine Holly nach 37 Ehejahren betrügen wird, trägt selbst Züge von Übernatürlichkeit. Paula Broadwell, 40 Jahre alt, 20 Jahre jünger als Petraeus, war die Jahrgangsbeste ihrer Schule, eine preisgekrönte Läuferin, ein Star des Basketball-Teams, eine begabte Musikerin.
Nach der Schule ging sie zur Armee und zählte zu den fittesten Soldaten ihres Jahrgangs an der militärischen Eliteakademie West Point. Sie nahm an Sondereinsätzen teil, machte zwei Universitätsabschlüsse, davon einen in Harvard, bekam zwei Kinder, nahm trotzdem an Triathlons teil und begann eine Doktorarbeit zum Thema Führungsstärke.
Eine Frau wie sie redet auf Twitter nicht über Rezepte für Apfelkuchen, sondern zitiert Churchill und Gandhi: "Je mehr man sich einem Anliegen verschreibt, das größer ist als man selbst, desto mehr Energie hat man." Oder, das klingt nach Petraeus: "Wenn du dich als Führer mit Mittelmaß zufriedengibst, wird auch dein Team nur Mittelmaß sein."
Diese beiden, Petraeus und Broadwell, werden ein perfektes Paar, wann genau, darüber werden konkurrierende Legenden gestreut. Die Daten sind, im puritanischen Amerika, von Bedeutung. War es, bevor Petraeus im Spätsommer 2011 die Uniform ablegte, um die CIA als Zivilist zu übernehmen? Dann könnte man ihm vorwerfen, gegen den Militärkodex verstoßen zu haben, was strafbar wäre. Oder war es danach?
Sicher ist, dass Broadwell Petraeus 2006 kennenlernte, am 27. April, als der General nach Cambridge kam, um mit Studenten der Kennedy School of Government zu diskutieren. Besuche von Prominenten gehören zum Programm in Harvard, und Broadwell durfte in Petraeus' Fall dabei sein. Sie sprach den General an, er gab ihr seine Karte, sie blieben in Kontakt.
Ob sie den General seit damals nicht mehr aus den Augen ließ oder ob Petraeus sie nicht mehr missen mochte, lässt sich nicht klären. Vernon Loeb von der "Washington Post", der Broadwell beim Verfassen der Biografie als Co-Autor half, sagt aber, dass sie einander anzogen: "Beide waren ehrgeizige Läufer, die Hunderte Liegestütze schaffen. Sie waren verbunden durch West Point, und sie haben diesen unerschütterlichen Optimismus, dass man im Leben alles schaffen kann."
Petraeus schafft nicht alles, was er sich vornimmt, aber das tut seinem Ruf keinen Abbruch. Mit dem dritten Stern auf dem Helm wird er im Juni 2004 zuständig für den Aufbau eines irakischen Sicherheitsapparats, der ihm so strahlend nicht gelingt. Danach dreht er eine Runde in der Heimat, als Kommandeur von Fort Leavenworth, der Offiziersschule des Heeres, wo er sein Feldhandbuch über den Krieg gegen Aufständische schreib.
Er legt darin nieder, was er in Mossul versucht hat: sein Konzept der "Counterinsurgency", des vernetzten Kampfes gegen Aufständische, der mit dem Schutz der Zivilbevölkerung beginnt. Das Buch wird zur neuen Doktrin der Armee, zum Standardwerk der Offiziersausbildung. Es erscheint 2006, ist aber umstritten, Petraeus schafft sich Feinde: Kollegen verspotten ihn und seine Jünger als "Händeschüttler" und "Teetrinker".
2007 macht ihn George W. Bush trotzdem zum Vier-Sterne-General und Oberbefehlshaber im Irak. Nach dem "surge", dem Nachschub von Zehntausenden weiteren Soldaten, befehligt Petraeus im Irak auf dem Höhepunkt eine Streitmacht von 160 000 Mann. Das Jahr verläuft zunächst katastrophal, aber dann beruhigt sich die Lage tatsächlich. Die Wende kommt im Spätsommer, als die sunnitischen Scheichs ihren Widerstand aufgeben. Der Erfolg wird allein Petraeus zugeschrieben. Er steht auf dem Gipfel seines Ruhms. Aber wer auf Gipfeln steht, kann höher nicht mehr hinaus; zu allen Seiten bieten sich nur Abstiege an, Abstürze.
Petraeus bleibt im Irak bis 2008, die Gewalt flaut ab, aber es gelingt kein Durchbruch. Von einem Sieg kann nicht die Rede sein, und er gibt das durchaus zu, redet von "fragilem Fortschritt". Wer ihn trifft in Camp Victory am Flughafen von Bagdad, bekommt auch nicht zu hören, dass er Erfolge für sich verbucht. Immer erwähnt Petraeus die Leistungen seiner Kommandeure, immer spricht er über die Truppe, über andere. Die Bescheidenheit wird ihm nur wieder als neuer Ausweis seiner eigenen Größe ausgelegt. Der reale Mensch Petraeus kommt, selbst wenn er es gewollt haben sollte, gegen die Fiktion Petraeus nicht mehr an.
Die Frage, wie er im Privaten ist, ob er womöglich ein Hallodri sein könnte, einer mit Weibergeschichten, stellt sich in all den Jahren nie. Petraeus trinkt selten, und wenn, dann nur in Maßen, er raucht nicht. Er ist nicht der Haudegen, dem man frivole Geheimnisse zutraut, er ist das Gegenteil: ein Puritaner. Ein weißer, angelsächsischer Protestant mit holländischen Vorfahren. Vielleicht ist er deshalb so beliebt und geachtet in den eigenen Reihen, im prüden Amerika.
Er ist, ob es ihm gefällt oder nicht, eine Symbolfigur für das, was konservative Gruppen ihr "traditionelles" Amerika nennen. Sie sehen in ihm einen aufrechten, sauberen, ehrlichen Mann, einen, der seinen Dienst tut, der hart arbeitet für die Nation, der sich nicht mit Schweinkram abgibt und für den der Sex im Wesentlichen den Zweck erfüllt, Kinder zu zeugen. Das klingt nach einer Karikatur, ist aber keine. Im ländlichen Amerika müssen Ärzte, die Abtreibungen vornehmen, mit Anschlägen auf ihr Hab und Gut und ihr Leben rechnen. Frauen, die die Pille nehmen, werden zu Flittchen gestempelt. Das alles geschieht noch immer im Jahr 2012, in dem David Petraeus Millionen Amerikaner zutiefst enttäuscht.
Vor allem in der Truppe, der er gar nicht mehr angehört, unter Soldaten ist das Entsetzen groß. David und Holly Petraeus sind als Paar ein Vorbild gewesen, ein Beispiel dafür, wie sich Ehen trotz vieler Prüfungen bewähren können. "Führen durch eigenes Vorbild" ist das Credo des Generals, und es begegnet einem kaum ein Offizier seines Stabs, der anderes zu berichten wüsste.
Im Herbst 2008 wird er zum Oberbefehlshaber des Central Command berufen, damit ist er zuständig für alle Kriege Amerikas, Irak und Afghanistan, für Operationen in und um Pakistan, Jemen, Iran. Das Hauptquartier hat seinen Sitz auf der MacDill Air Force Base in Tampa, Florida.
In der Stadt, schön am Meer gelegen, treten auf den Plan: Jill und Scott Kelley. Sie wohnen in einem Haus mit weißem Säulenportal und 400 Quadratmeter Wohnfläche. Es hat stolze 1,5 Millionen Dollar gekostet, aber dafür liegt es am Bayshore Boulevard, Tampas bester Adresse. Jill Kelley, heute 37 Jahre alt, eine Tochter libanesischer Einwanderer, Mutter dreier Kinder, hat, wie sie der Lokalpresse sagt, ein Medizinstudium aufgegeben, um sich der Familie zu widmen. Aber sie hat noch Zeit für mehr.
Es drängt sie nach vornehmer Gesellschaft, sie sucht eine Rolle für sich in Tampa. Sie dient sich Organisationen als Sponsorin an, beim Roten Kreuz, bei anderen, aber erst die MacDill Base wird ein Volltreffer. Die Militärbasis ist der Stolz der Stadt, sie bringt der Region jedes Jahr sieben Milliarden Dollar. Die Generäle der Basis sind in Tampa Prominenz wie die Hollywood-Stars in Los Angeles und die Minister in Washington, D. C.
Sie haben nichts gegen ein wenig Abwechslung im Kreis von Zivilisten. Jill Kelley und ihr Mann, ein Krebschirurg, laden zu rauschenden Empfängen ins Traumhaus ein. Dort hängen, im Wohnzimmer, Porträts der beiden in Öl.
Kelley wird zur lokalen Berühmtheit, sie präsentiert sich in Roben der besten Schneider und luftigen Kleidchen. Sie verhält sich zu den Generälen, zu den oft tragisch umwitterten Kriegshelden, wie der Buffo in der Operette zum hohen Liebespaar; sie ist, in der Militärwelt von Tampa, das erheiternde Element, eine etwas ordinär geratene Lili Marleen.
Als Gastgeber lassen es die Kelleys an nichts fehlen: Streichquartette spielen auf, Zigarren werden gereicht. Wenn ausländische Delegationen zu Besuch sind, fällt die Bewirtung besonders prachtvoll aus. Vor allem den Generälen soll es gutgehen, sie kommen fast alle gern. Kelleys Partys werden ein Fixpunkt im gesellschaftlichen Leben der Offiziere. John Allen ist häufiger Gast, der aufstrebende General der Marines mit dem hängenden Gesicht. Er versteht sich glänzend mit den Gastgebern und vor allem mit Jill, er wird Petraeus als Kommandeur in Afghanistan ablösen. Petraeus fährt einmal vor wie ein Fürst, sein Wagen umringt von einer Staffel aus 28 Motorrädern.
Ein Foto, das vergangene Woche um die Welt ging, stammt aus dem Januar 2010: Die Kelleys hatten anlässlich des jährlichen Piratenfests "Gasparilla" zu sich eingeladen, auf dem Bild posieren sie mit David und Holly Petraeus, mit Jills Zwillingsschwester Natalie, und allen baumeln glitzernde Piratenketten um den Hals. Es ist ein Bild wie ein Rätsel.
Wie passt der asketische Petraeus zum jovialen Scott Kelley, der das Geld mit vollen Händen ausgibt, aber seine Schulden und Kredite kaum mehr bedienen kann? Und wie passt, noch rätselhafter, die an Mode und Frisuren offenkundig desinteressierte Holly Petraeus zu den aufgeputzten Kelley-Schwestern, mit denen sie, angeblich, sogar auf Shopping-Touren geht? Und mit denen die Petraeus-Familie Weihnachten feiert?
Jill Kelley wird, ohne es zu ahnen, den Sicherungsstift aus der Handgranate ziehen, die das Geheimnis um die Liebesaffäre zwischen David Petraeus und Paula Broadwell sprengt: Sie erhält, wohl im vergangenen Mai, eine erste beunruhigende E-Mail. General Allen, mittlerweile in Kabul, ist der Überbringer, er leitet eine Nachricht an sie weiter. Darin warnt ein Absender unter dem Pseudonym "kelleypatrol" den Kommandeur vor Kelley, der "Verführerin". Eine weitere Mail ist direkt an die Kelleys adressiert. In ihr steht die Frage, ob Scott eigentlich wisse, dass seine Gattin die Woche darauf General Petraeus in Washington treffe?
Kelley erhält bald weitere ähnliche Schmähbriefe, "kelleypatrol" warnt sie vor Annäherungsversuchen an Petraeus. Kelley findet die Zuschriften bedrohlich und kontaktiert einen Freund beim FBI, der ihre Sache rasch zu seiner eigenen macht. Er drängt die Kollegen, Ermittlungen zu starten, und im Amt halten sie die Sache für interessant.
Die Beamten, das finden manche Geheimdienstexperten später dubios, arbeiten schnell. Sie lokalisieren verschiedene IP-Adressen benutzter Computer, die teils zu Hotelanschlüssen führen. Aus den E-Mails und Daten von Hotelbuchungen ergibt sich eine Spur zu Paula Broadwell.
Die Beamten hacken sich in Broadwells Privatleben, sie stoßen auf ein anonymes E-Mail-Konto, angelegt im Gmail-Programm von Google. Das Konto wird außer von Broadwell auch von einem Mann genutzt: Sein Name ist David Petraeus.
Der CIA-Chef, ein Jäger von Terroristen, verwendet deren Techniken zur Verschleierung seiner Affäre. Das Gmail-Konto dient den Liebenden als toter Briefkasten: Ohne je eine Mail zu verschicken, hinterlassen sie sich im Entwurfs-Ordner ihre Botschaften, in der irrigen Hoffnung, keine Spuren zu hinterlassen. Ausgerechnet Petraeus macht das, der seine Offiziere immer warnte, dass irgendjemand immer mithört, immer zusieht.
Auf den Spuren von "kelleypatrol" alias Broadwell schleichen sie sich ein in die digitale Privatsphäre mehrerer hochrangiger Offiziere. Wenn ihr Verhalten nicht mit purer Jagdlust zu erklären ist, dann wirkt es wie ein Rückfall in vergangene Zeiten, als Gestalten wie der Kommunistenfresser Joe McCarthy alle Register zogen, um Gegner zur Strecke zu bringen, und die Geheimdienste fast unkontrolliert das eigene Volk ausspionierten.
Im Fall Petraeus werden alle, die Post von Broadwell erhalten, selbst zum Gegenstand von Ermittlungen, und dadurch fliegt auch General Allen praktisch nebenbei als eifriger E-Mail-Schreiber auf - an seine gute Freundin, sein "darling" Jill Kelley. Was genau er ihr schrieb, ist noch unklar. Erst hieß es, die beiden hätten Mails im Umfang von bis zu 30 000 Seiten ausgetauscht. Dann wurde behauptet, Kelley habe viele dieser Nachrichten an Allens Frau geschrieben - und deren Mann nur mit in die Adresszeile kopiert.
Freunde Allens sagen, der General habe pro Woche "nur" ungefähr ein Dutzend E-Mails an Kelley geschickt. Ob sie nur freundlich oder "sexuell" waren, darüber wird noch gestritten. Aber was immer Allen schreibt: Viele Amerikaner fragen sich, woher der US-Kommandeur in Afghanistan, während im Feld seine Leute sterben, die Zeit für auch nur eine einzige Mail an Miss Kelley nimmt, geschweige denn für ein Dutzend pro Woche?
Im US-Verteidigungsministerium ist die Skepsis so groß, dass Minister Leon Panetta die Prozedur zur Berufung Allens zum Nato-Oberbefehlshaber in Europa stoppt, "bis zur Klärung der Vorgänge".
Die Vorgänge sind aber nicht mehr leicht zu entwirren. Der FBI-Mann, Jill Kelleys hilfreicher Freund, spielte auch sein eigenes Spiel. Frederick W. Humphries II. heißt der Mann, dem es die längste Zeit anscheinend weniger um nationale Sicherheit ging als darum, den Republikaner-Kandidaten Mitt Romney mit Munition im Wahlkampf zu versorgen. Humphries, ein Obama-Gegner, versuchte die Ermittlungen so penetrant voranzutreiben, dass er vom Fall endlich wegen Befangenheit abgezogen wurde.
In der Folge kontaktierte er die Republikaner und drang bis zum Mehrheitsführer im Kongress, Eric Cantor, vor. Der schließlich informierte FBI-Chef Robert S. Mueller persönlich. Die Frage ist: Was fing Mueller an mit der Information, die er vermutlich längst hatte? Kann es sein, dass er das Weiße Haus nicht darüber informierte, dass der CIA-Chef in eine Affäre verstrickt war? Mit einer Frau, die Droh-Mails an den US-Kommandeur in Afghanistan verschickt?
Und kann es sein, dass Justizminister Holder, dessen Behörde Bescheid weiß, seinem Freund Obama keinen Tipp gibt? Dass er zwischen Tür und Angel nicht ein einziges Mal sagt: Barack, da läuft was mit Petraeus? Holder sagt, er habe keinen Grund gesehen, das Weiße Haus zu informieren, weil er den Eindruck hatte, das FBI ermittle korrekt und neutral. Aber das ist schwer zu glauben. Überall steht Aussage gegen Aussage, und niemand weiß genau, was hinter den vielen verschlossenen Türen gesprochen wird.
Ende Juni 2010 bittet der Präsident seinen General, einen anderen gestürzten Helden auf die Schnelle zu ersetzen: Stanley McChrystal, Oberbefehlshaber in Afghanistan, muss gehen, weil er im Gespräch mit Reportern über Gott und die Welt und auch Vizepräsident Joe Biden herzieht. Petraeus gehorcht. Er hatte gehofft, zum Generalstabschef aufzusteigen, er ist enttäuscht, es ist ein Abstieg.
Er wirkt, bei der Begegnung in Kabul im Sommer 2010, wie erloschen. Er ist nicht mehr der General aus Mossul, der auf der Welt, die ihn umgibt, wie auf einer großen Orgel spielt. Er empfängt, zum ersten Mal im Feld, nicht im Kampfanzug, sondern in seiner Galauniform, mit allen Ordensspangen auf der Brust. Er wirkt wie feingemacht für ein Gartenfest bei den Kelleys in Tampa, nicht wie ein Kommandeur im Krieg.
Seine besten Ideen stammen noch immer aus der Zeit im Irak, aber sie werden in Afghanistan nicht viel fruchten. Ganz anders als der Irak ist das Land am Hindukusch, feindlich, entmutigend, korrupt. Petraeus muss dämmern, dass er sich auf einer unmöglichen Mission befindet. Abzugsdaten sind schon genannt, es klingt hohl, wenn er sagt: "Ich bin nicht hier, einen ehrenvollen Rückzug zu organisieren, sondern um diesen Krieg zu gewinnen."
Er bekommt viel Besuch von Paula Broadwell im Jahr seines Kommandos in Kabul. Sie kommt etwa alle sechs Wochen für je drei Wochen, gemeinsam laufen sie in der kalten Höhenluft. Sie nennt ihn "Mentor", er sieht in ihr, halb im Spaß, halb im Ernst, seinen "Avatar". Sie wirken wie Seelenverwandte. Broadwell sorgt für Aufsehen in Kabul, nicht nur weil sie eine der wenigen Frauen in Petraeus' Entourage ist. Sie sticht heraus, weil sie in körperbetonter Kleidung herumgeht. Über einen Adjutanten lässt Petraeus ihr empfehlen, die einheimischen Bräuche zu respektieren.
Es scheint, dass ihr Zustand offen zutage liegt. "Wir hatten alle das Gefühl, sie ist verliebt in ihn", sagte ein auf Anonymität bestehender Zeuge, der vor Ort war, zu ABC news. Petraeus' Freund Steve Boylan denkt: "Da lief nichts. Die Tür zum Büro stand immer offen."
Als Broadwells Buch erscheint, im Januar 2012, wird es als intellektuell dünn verrissen. Aber sie findet auch Kritiker, die zu Elogen bereit sind, darunter David Gergen, Professor an der Harvard Kennedy School, wo sie Petraeus zum ersten Mal traf, der ihr für die Buchwerbung schreibt: "Teddy Roosevelt sagte einmal, dass es nicht ausreicht, intelligent zu sein; ein Führer muss auch ehrlich und furchtlos sein. Amerika kann sich glücklich schätzen, in General Petraeus einen Soldaten-Gelehrten zu haben, der dies alles auf sich vereint."
Die meisten amerikanischen Kollegen scheinen das Buch gar nicht zu lesen, oder sie nehmen es zu wenig ernst. Dadurch lassen sie eine Debatte aus, die in den USA längst geführt werden müsste. Denn wenn all die privaten Gespräche und E-Mails, die Broadwell zitiert, Petraeus' Äußerungen bei Stabssitzungen, seine Einschätzungen über die Lage, über die handelnden Figuren so wie von Broadwell berichtet, stimmen, dann fällte der große General reihenweise Fehlurteile, die den Kriegsverlauf negativ beeinflussen mussten.
Es wird deutlich, dass er die im Irak wirksamen Methoden weitgehend unverändert anzuwenden versucht. Es wird klar, dass er, als diese Strategie nicht aufgeht, wieder verstärkt auf Luftschläge setzt, obwohl seine eigenen Theorien davon ausgehen, dass der Feind damit auf Dauer nur gestärkt wird.
Broadwell berichtet das alles naiv, seitenlang erzählt sie von Petraeus' großen Erfolgen, berichtet, wie diese Provinz befriedet, jener Bezirk von Taliban befreit wird, es ist eine Märchenwelt, in der Petraeus alles souverän plant. Und wenn er den Mund öffnet, wirkt es, als setzten im Hintergrund stets die Streicher ein.
Es ist zu hoffen, dass Petraeus schon damals verliebt war in seine Biografin und dass er Paula Broadwell deshalb hat machen lassen, ohne genau hinzuschauen. Traurig ist die Vorstellung, dass er sich in den Pfau verwandelt haben könnte, zu dem ihn Broadwell letztlich macht. Traurig ist die Idee, dass er das Buch wohlwollend gelesen und für gut befunden hat, angesichts dessen, was er sechs, sieben Jahre früher geleistet hatte.
Nach Erscheinen von "All In" nahm das Duo gleich die Arbeit an einem neuen Buchprojekt auf. Und ihre Kabuler Bande rissen nicht ab, als Obama Petraeus im Mai 2011 zum obersten Auslandsgeheimdienstler der Nation berief.
Bald konnten CIA-Mitarbeiter darüber staunen, dass sie auf Broadwells Facebook-Seite ein Foto von Petraeus mit Angelina Jolie entdeckten, aufgenommen in dessen Büro im 6. Stock des CIA-Hauptquartiers. Nur der offizielle CIA-Fotograf darf dort Bilder aufnehmen - Petraeus selbst muss es Broadwell gegeben haben.
Die Biografin schwang sich auch zu seiner Sprecherin auf. Dem Sender ABC gewährte sie etwa delikate Einblicke in Petraeus' Inneres, die sich ebenfalls im Buch finden. Wie er unbedingt seinem Vater habe gefallen wollen, wie sich sein Vater mit Liebesbekundungen zurückhielt und er versuchte, ihn immer zufriedenzustellen - "das prägt ihn bis heute, glaube ich". Auf Twitter wies Broadwell im August Spekulationen zurück, Petraeus komme als Vizepräsidentschaftskandidat von Mitt Romney in Betracht.
Auch als Petraeus CIA-Chef wurde, konnte sie ihn weiter so gut wie ungehindert treffen, im Büro und auf Reisen, trotz dessen Bewachung durch Geheimagenten rund um die Uhr. Und hinter den Kulissen, wie die Ermittler des FBI herausfanden, versuchte Broadwell dafür zu sorgen, dass das alles so bleiben sollte: sie und er, unzertrennlich. Anzügliche Nachrichten
tauschten sie und Petraeus aus, und das FBI durfte bald mitlesen.
Geht der Verbalsex der beiden irgendjemanden etwas an? Die Antwort darauf ist nicht so schnell zu geben. Der Chef des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes kann sich Schwächen nicht erlauben. Er ist der Hüter so vieler heikler Informationen, dass die Vorstellung, er könnte erpressbar sein, beängstigend ist.
Die Geliebte kann zur Ex werden und sich rächen wollen. Sie kann schon während der Beziehung auf Abwege geraten. Und was ist von einer Gespielin wie Broadwell zu halten, die in ihrer Eifersucht nach Ende der Beziehung anonyme E-Mails an eine vermeintliche Rivalin und unbeteiligte Offiziere verschickt?
Auch nach dem Aus bleiben Petraeus und Broadwell in Kontakt. Noch am 27. Oktober sahen sie sich bei einem formellen Abendessen in Washington. Am Tag zuvor hielt die Biografin einen Vortrag in Denver, in dem sie sich zum Angriff auf die US-Botschaft in Bengasi äußerte. Broadwell fing an zu schwadronieren und sagte: "Ich weiß nicht, ob Sie das gehört haben: Die CIA vor Ort hatte zuvor libysche Militante gefangen genommen - und der Angriff auf das Konsulat könnte ein Versuch gewesen sein, diese Gefangenen zu befreien." Woher wusste sie das?
Es gab eine ähnlich lautende Meldung auf dem Sender Fox. Aber ihre Aussage könnte sich auch aus vertraulichen Informationen oder Dokumenten speisen. Immerhin hieß es Ende letzter Woche, FBI-Beamte hätten "zahlreiche" geheime Unterlagen auf Broadwells Laptop gefunden, der bei einer Hausdurchsuchung beschlagnahmt worden war.
Petraeus und sie werden Ende Oktober im Abstand von einer Woche vom FBI vernommen und geben ihre Affäre prompt zu. Aber sie verneinen unisono, dass die Dokumente in Broadwells Besitz vom CIA-Chef stammen. Aber woher sollen sie kommen? Schon der Besitz der Dateien könnte strafbar sein, deswegen durchsuchte das FBI Broadwells schickes Haus in Charlotte. Die CIA begann am Donnerstag eine interne Untersuchung von Petraeus' kurzer Amtszeit - die "Firma" überprüft den eigenen Ex-Chef.
"Die CIA muss sich wieder aufs Spionieren konzentrieren, nicht auf Skandalbewältigung", sagt David Ignatius, ein CIA-naher Experte für Geheimdienste und Kolumnist der "Washington Post". "Die Welt da draußen ist immer noch gefährlich - und wenn die CIA sich nicht ungehindert um diese Gefahren kümmern kann, sind wir alle in Gefahr."
Ob Petraeus der perfekte Mann für die CIA war, bezweifelt Ignatius. Als General habe er sich an den absoluten Gehorsam seiner Untergebenen gewöhnt. "Bei der CIA hatte er es plötzlich mit Leuten zu tun, die stolz auf ihren eigenen Kopf sind." Und er, Petraeus, Amerikas großer Nachkriegsheld, hat mittlerweile seltsame Eigenheiten entwickelt.
Als CIA-Chef bestand er auch auf Reisen darauf, an den Abenden stets eine frische geschälte Ananas neben seinem Bett stehen zu haben. Und bei einem Abendessen in Washington tauchte der Zivilist Petraeus mit Orden am Jackett auf, so als vermisse er die Uniform. Und weil ihm CIA-Kenner dazu rieten, hatte er darauf verzichtet, eigene Vertraute aus der Armee mit in die "Firma" zu bringen. An seinem ersten Arbeitstag kam er deshalb ganz allein zum Dienst.
Dies ist die Geschichte von Aufstieg und Absturz des David Howell Petraeus. Sie ging am vergangenen Freitag munter weiter, weil Amerikas gefallener Held vor gleich zwei Ausschüssen aussagte, in denen es um Amerikas Sicherheit ging, aber damit hat Petraeus nicht mehr viel zu tun.
Er ist ein doppelter Rentner, als General und als CIA-Direktor außer Dienst. Er hätte Zeit, darüber nachzusinnen, wie alles war, wann sein Aufstieg begann und wann und warum sein Stern eigentlich sank. Er wird darauf stoßen, dass er höher hinauf als im Sommer 2007, als er der berühmteste General der Welt wurde, nicht steigen konnte. Danach ging es abwärts, langsam, stetig.
Es ging abwärts bei Jill Kelleys Gartenfesten am Bayshore Boulevard von Tampa. Es ging abwärts in der Containerstadt des Isaf-Hauptquartiers von Kabul, wo Paula Broadwell viel zu oft zu Besuch war und der große General im Feld scheiterte, ohne dass es die Welt bemerkte.
Es ging abwärts mit David Petraeus, als er die Uniform auszog und als Zivilist in sein stilles Büro bei der CIA einzog. Und es war vorbei mit ihm, mit seinem hohen Anspruch an sich selbst, als er anfing, E-Mails auszutauschen mit einer Frau, die er vor aller Welt verstecken musste in einem Ordner, auf dem "Entwürfe" stand. ◆
(*) Zwillingsschwester Natalie Khawam, David Petraeus, Scott Kelley, Jill Kelley, Holly Petraeus vor dem Wohnhaus der Kelleys in Tampa, Florida, am 30. Januar 2010.
Von Ullrich Fichtner und Gregor Peter Schmitz

DER SPIEGEL 47/2012
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