19.11.2012

Business-Plänchen

ORTSTERMIN: Die Elbphilharmonie wird jetzt wirklich gebaut - im Hamburger Miniatur Wunderland.
Über die Etagen eines historischen Backsteinbaus eilt ein knopfäugiger Herr in dunklem Anzug, er ist Irrsinn gewohnt, er ist Frederik Braun, Chef des Miniatur Wunderlands in der Hamburger Speicherstadt, wo 4000 Modellautos in einem Parkhaus stehen, wo 20 500 Konzertbesucher für DJ Bobo jubeln, wo 335 000 Lichter glühen und 930 Züge auf 13 000 Metern Gleis fahren, das alles in Größe 1:87, maßstabsgetreu.
Natürlich sind sie verrückt, seine Angestellten, das müssen sie sein, Braun gibt das zu. Menschen, die zwei Zentimeter großen Uniformierten Schulterklappen aufmalen und Lämpchen einbauen, damit mikroskopisch kleine Zigaretten glühen. Manchmal, sagt Braun, kommt einer mit glasigen Augen morgens und arbeitet stumm an seiner Idee aus der Nacht, und dann plötzlich sagt er: Guckt mal.
Im Wunderland demonstriert plötzlich ein Grüppchen für die Rente mit 30, oder am Flughafen vergnügt sich ein nacktes Paar im Cabrio, das Abschied oder Willkommen feiert, man weiß es nicht genau.
Frederik Braun freut sich auf seine Kultursenatorin, es wird heute eine Grundsteinlegung geben. Für die Elbphilharmonie.
Es ist einer jener Tage, an dem im Original, 3oo Meter vom Wunderland entfernt, die Kräne stillstehen, nur ein bisschen Baustellengerumpel, es tut sich nicht viel. Die Senatorin ist zuständig für den Irrsinn Elbphilharmonie, der vor knapp zehn Jahren damit begann, dass das Modell eines Backsteinbaus mit Glaskrone herumgezeigt wurde, im Hamburger Parlament rief es rauschhafte Begeisterung hervor: Wollen wir haben. Auf jeden Fall.
Kosten sollte der Bau die Stadt praktisch nichts, dann 44 Millionen Euro, dann gut 200, zurzeit sind es 323 Millionen, dabei wird es wohl nicht bleiben. Eröffnet werden sollte vor zwei Jahren.
Frederik Braun wird nun zeigen, wie man es richtig macht.
Seine Variante des Irrsinns begann vor gut zehn Jahren damit, dass er seinen Zwillingsbruder Gerrit anrief und sagte: "Wir bauen die größte Modelleisenbahn der Welt."
Die Brüder, heute 44, betrieben bis dahin gemeinsam eine Discothek. Der eine, Frederik, war jahrelang "Gammler", so sagt er, und geübt darin, Ideen zu haben. Der andere, Gerrit, war Einserabiturient, technisches Genie und geübt darin, dem Bruder die Ideen auszureden. Was er aber nicht immer tat. Deshalb hatte ein Geschäftskundenberater der Hamburger Sparkasse im Jahr 2000 Frederik Braun am Telefon, der sagte, er brauche zwei Millionen für seine Modelleisenbahn.
Herzhaftes Lachen. Und der Business-Plan?
Welcher Business-Plan?
Das Wunderland hat heute rund 1,2 Millionen Besucher im Jahr und gilt als größte Modelleisenbahnanlage der Welt.
Vor einer Miniatur-Köhlbrandbrücke steht eine parteilose Senatorin, trägt Schwarz und gleicht ein wenig der Währungshüterin Christine Lagarde. Die Senatorin hält eine Rede, die sich lobend auf Barack Obama und Bob den Baumeister aus dem Kinderfernsehen bezieht. Sie sagt noch, Vorhersagen über den Eröffnungszeitpunkt ihrer Philharmonie habe sie sich abgewöhnt. Dann ist sie fort.
Nebenan dröhnt das jüngste Wunderland-Projekt, der Flughafen, wo eben ein A380 startet, nach einem komplizierten, auf einem Schlittenfahrzeug basierenden, von Gerrit Braun erdachten System.
Im Juni 2005 begann die Entwicklungsphase. Drei Jahre später war Baubeginn.
Und dann gab es Probleme mit den Fahrdrähten am Rollfeld, Probleme bei den Steuerungsplatinen, Probleme mit den Startkatapulten, Probleme mit wackelnden Flugzeugen, Probleme mit den Fluggastbrücken, Zusammenstöße. Es waren lösbare Probleme für Gerrit, das Genie, aber so etwas dauert, und Gerrit ist ein Perfektionist. Und dann waren da die Modellbauer, die ihre Flughafencounter mit der Pinzette montierten und Leuchtwerbung mit wechselnden Bildern wollten und Kofferkulis konstruierten, die nicht größer sind als ein halber Fingernagel.
Eröffnet wurde der Flughafen im Mai 2011, nach 150 000 Arbeitsstunden und knapp vier Millionen Euro Investition. Ursprünglich geplant waren zwei Millionen Euro und etwa 100 000 Arbeitsstunden und eine Eröffnung Ende 2009.
Auf der Baustelle der Elbphilharmonie toben sich schon mal die Modellbauer aus, die Baufirma trägt den Namen Drunter+Drüber AG, Arbeiter amüsieren sich auf einem Skateboard-Parcours, anstatt zu bauen, andere Leute prügeln sich, weil sie über Verträge nicht einig sind.
Seine Modellbauer sind Verrückte, Frederik Braun weiß das, er wollte es ja so, als er sich damals die ersten Mitarbeiter suchte, fast alles Arbeitslose, aber Enthusiasten mit glühendem Blick.
17 Leute sollen an seiner Elbphilharmonie arbeiten. Die Kosten sind auf 185 000 Euro kalkuliert worden. Im Mai nächsten Jahres soll sie fertig sein.
Er wolle nichts versprechen, sagt Frederik Braun.
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 47/2012
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