19.11.2012

KONZERNE„Brutaler Psychoterror“

Die Deutsche Telekom sieht sich schweren Vorwürfen ausgesetzt: Viele Beschäftigte ihrer US-Tochterfirma T-Mobile klagen über Druck und Schikanen.
Das Tagungshotel in der Cargo-City-Süd am Rande des Frankfurter Flughafens war mit Bedacht gewählt: In die Anonymität der dortigen Tagungsräume konnten sich die beiden mächtigen Gewerkschafter immer wieder diskret zurückziehen. Der eine, Lothar Schröder, ist Vize-Aufsichtsratschef der Deutschen Telekom AG und Bundesvorstand der mächtigen Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Der andere, Larry Cohen, ist Chef der 700 000 Mitglieder starken US-Kommunikationsgewerkschaft CWA.
Was die beiden im Laufe von zwei Tagen ausheckten, ist eine bislang wohl einzigartige Kampagne: Die Organisationen wollen in den nächsten Wochen Arbeitnehmer dies- und jenseits des Atlantiks mobilisieren, US-Kongress, Bundestag und Ministerien in Stellung bringen und die Medien mit sensiblen Informationen versorgen.
Ziel der außergewöhnlichen Aktion ist die Deutsche Telekom in Bonn. Es geht um angeblich schikanöse Arbeitsbedingungen bei T-Mobile USA.
Schon seit Jahren werfen Gewerkschafter dem Unternehmen vor, die Wahl von Arbeitnehmervertretern zu verhindern und jede Form von Mitbestimmung zu unterdrücken. Selbst vor "Kündigungen, Diffamierungen und Einschüchterungen der Mitarbeiter" schrecke das US-Management nicht zurück, sagen Gewerkschafter. Bislang konnte die Telekom solche Vorwürfe noch als "unglückliche Einzelbeispiele" oder "Ausrutscher" übereifriger Vorgesetzter abtun. Doch diese Taktik dürfte angesichts der nun gesammelten Belege deutlich schwerer werden.
Über mehrere Monate bastelten Schröder und Cohen an einem Dossier zu den Arbeitsbedingungen bei T-Mobile in den USA. Viele Stunden sprachen sie mit Mitarbeitern, drehten Videos, werteten neue und alte Interviews aus und sammelten Bestätigungen ein. Herausgekommen ist, so der Ver.di-Vertreter, das Bild eines Unternehmens, das "brutalen Psychoterror auf seine Mitarbeiter ausübt".
Kollegen aus der Ver.di-Zentrale in Berlin, die mit der Auswertung der Interviews befasst waren, sprechen gar von "Tyrannei".
Seit Jahren bereits versucht TelekomChef René Obermann, die US-Handy-Tochter an einen Konkurrenten zu verkaufen oder zumindest einen Partner für das kriselnde Unternehmen zu finden. Damit die potentielle Braut möglichst gut aussieht, wurden die Leistungsanforderungen und Arbeitsbedingungen für die mehr als 30 000 Mitarbeiter in den USA offenbar extrem verschärft.
Besonders betroffen sind die Mitarbeiter von Callcentern. Ihnen wurde nicht nur die Zeit zur Bearbeitung von Kundenanfragen um gut ein Drittel gekürzt. Gleichzeitig wurden die Verkaufsvorgaben für Handys und Mobilfunkverträge erheblich erhöht.
Wer die hochgesteckten Ziele nicht erreicht, berichten Mitarbeiter in den Interviews, wird ermahnt, gegängelt, mit Kündigung und persönlichen Konsequenzen bedroht. Wenn all das nicht hilft, werden Mitarbeiter auch mal öffentlich vorgeführt. So mussten Callcenter-Angestellte in Chattanooga als weithin sichtbares Zeichen ihres vermeintlichen Versagens stundenlang eine Eselsmütze tragen, wenn sie nicht spurten.
Von Schreibtisch zu Schreibtisch sei das Teil gewandert und schließlich auch bei ihr gelandet, berichtet eine 41-jährige Mitarbeiterin, die das Procedere mehrfach über sich ergehen lassen musste. Nie zuvor in ihrem Leben habe sie sich so "klein und lächerlich" gefühlt.
Für die Telekom ein "bedauerliches Einzelbeispiel". Doch das gilt offenbar nur für die gewählten Utensilien, nicht für die Methode an sich.
In anderen Callcentern mussten Teamleiter alberne Rucksäcke tragen, wenn die Leistung ihrer Mannschaft nicht ausreichte. Andere Mitarbeiter wurden erst einmal nach Hause geschickt, um einen mehrseitigen Aufsatz zu verfassen.
Thema der unbezahlten Hausarbeit: "Warum mich T-Mobile noch weiterbeschäftigen soll". Fiel das Werk nicht zufriedenstellend aus, folgten weitere Demütigungen, Abmahnungen und sogar Kündigungen, dokumentieren die Gewerkschafter.
"Wir nehmen jeden Einzelfall ernst, untersuchen ihn und stellen Missstände ab,
sollten sie vorhanden sein", sagt Vorstandschef Obermann. Ansonsten glaubt er an eine "offensichtliche" Kampagne der Gewerkschaften, um ihren "Einfluss und ihre Machtstellung in den USA zu vergrößern".
Auch die zuständige Personalabteilung weist systematisches Vorgehen kategorisch zurück. Bei einigen älteren Fällen sei Fehlverhalten der Vorgesetzten bereits abgestellt worden. Ansonsten verweist der Konzern darauf, dass T-Mobile in den USA sogar diverse Preise als Arbeitgeber eingeheimst habe und die Mitarbeiter nach jüngsten Befragungen mit ihrem Unternehmen höchst zufrieden seien.
Was die Telekom nicht sagt: Zwar wurde T-Mobile in den USA noch 2010 als kundenfreundlichstes Unternehmen ausgezeichnet, doch inzwischen ist Obermanns US-Ableger hinter seine drei größten Konkurrenten auf Platz vier gefallen. Nach Ansicht der Gewerkschaften hat das eindeutige Ursachen.
So versuchen Mitarbeiter, die Leistungsanforderungen inzwischen selbst durch unlautere Methoden zu erfüllen. "Slamming" wird das bei T-Mobile USA intern genannt. Dabei werden Kunden beim Kauf eines Handys Leistungen in den Mobilfunkvertrag geschrieben, die von ihnen gar nicht bestellt worden sind.
Ein Mitarbeiter verbessert auf diese Weise kurzfristig seine Verkaufszahlen. Langfristig jedoch sinken die Kundenzufriedenheit und das Ansehen des Unternehmens durch Reklamationen.
Aber auch davon will die Telekom nichts wissen. Sie glaubt vielmehr an eine durchsichtige Kampagne der Gewerkschaft, die sich trotz intensiver Bemühungen seit Jahren keinen Zugang zu T-Mobile in den USA schaffen konnte.
Das sei "auch kein Wunder", kontert der US-Arbeitnehmerfunktionär Cohen. Mit allen Mitteln würde die Telekom versuchen, ihm den Zutritt zu verwehren. Versammlungen auf dem Werkgelände würden untersagt, das Verteilen von Flugblättern werde verboten. Mitarbeiter, die offen mit der Gewerkschaft sympathisierten, müssten Schikanen oder Rausschmiss fürchten. In dem Dossier sind mehrere solcher Fälle dokumentiert.
Die Ergebnisse der Befragungen hat Cohens deutscher Partner Schröder vor einigen Wochen auch Obermann und der im Telekom-Vorstand für Personal zuständigen Marion Schick präsentiert. Getan hat sich wenig. In einem Schreiben teilte Schick den Gewerkschaftern lediglich mit, dass T-Mobile USA aus ihrer Sicht "ein ausgezeichnetes Arbeitsumfeld" geschaffen habe, in dem "Mitarbeiter und Vorgesetzte frei und offen kommunizieren".
Das klingt für die Gewerkschafter wie "Hohn". Es könne nicht sein, sagt Schröder, dass ein deutsches Unternehmen, zudem noch mit Bundesbeteiligung, die Arbeitnehmerrechte in den USA so eklatant verletze. Erste Gespräche mit Politikern, Anteilseignern und Aufsichtsräten des Unternehmens sind bereits vereinbart.
Für Obermann kommt der Vorstoß der Arbeitnehmer zur Unzeit. Nachdem die US-Behörden den Verkauf der kriselnden US-Tochter an den Telekommunikationsriesen AT&T vor mehr als einem Jahr untersagt hatten, glaubte er, nun endlich eine Lösung gefunden zu haben. Vor wenigen Wochen kündigte er an, T-Mobile mit dem Konkurrenten MetroPCS verschmelzen zu wollen. Das neue Unternehmen wäre an der Börse gelistet und könnte Zug um Zug verkauft werden.
Doch diesen Deal muss die US-Regierung erst genehmigen. Auf die Unterstützung der einflussreichen Kommunikationsgewerkschaft und ihres Chefs Cohen kann Obermann dabei nicht zählen.
(*) Am 4. November 2011 in New York.
Von Frank Dohmen

DER SPIEGEL 47/2012
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