19.11.2012

KOMMENTAREin unerträgliches Leben

Von Tom Segev
Während ich diese Zeilen schreibe, ruft mein Sohn an, er wohnt in Tel Aviv. Die Sirenen heulen - Raketenalarm. Er, seine Frau und meine sieben Monate alte Enkeltochter sind jetzt ins Treppenhaus geflüchtet. Treppenhäuser sind sicherer als die Wohnungen.
Im Fernsehen sehe ich zeitgleich, wie eine große Rakete aus dem Gaza-Streifen aufsteigt und Richtung Tel Aviv fliegt. Die meisten Raketen, die Palästinenser auf Israel schießen, treffen nicht; ich hoffe, dass diese auch danebengeht.
Ich selbst wohne in Jerusalem. Bislang haben wir alle geglaubt, dass die Araber nicht versuchen werden, die auch ihnen heilige Stadt anzugreifen. Hunderttausende Palästinenser leben in Jerusalem und in der Umgebung. Ich fühle mich sicher.
Keine halbe Stunde nach dem Telefonat mit meinem Sohn aber schlägt eine Rakete auch in der Umgebung von Jerusalem ein, zum ersten Mal seit 1970. Das ist jetzt eine ganz neue Stufe in dieser ewigen Auseinandersetzung.
Im Süden Israels leben rund eine Million Einwohner, die seit Wochen den Raketenbeschüssen der Palästinenser ausgesetzt sind. Sie müssen jederzeit bereit sein, in Sekunden einen bombensicheren Schutzraum zu suchen. Ihr alltägliches Leben ist unerträglich. Kein Land kann so etwas akzeptieren. Das offizielle Ziel der Militäroperation gegen Gaza ist es, das Arsenal der Hamas zu zerstören. Wenn dies auch wirklich das Ziel ist, halte ich den Militärschlag für gerechtfertigt.
Aber ich kenne die Vergangenheit. Ich fürchte, dass Israel sich mit dem Erreichen eines begrenzten militärischen Ziels nicht zufriedengeben wird. Unsere Armee wird die Angriffe auf Wohngebiete ausweiten. Niemand weiß, wie viele Palästinenser dabei ums Leben kommen werden.
Israels Entschuldigung wird sein - so war das zumindest immer -, dass die Palästinenser ihre Raketen aus Wohngebieten abschießen. Ich habe selbst gesehen, dass die Rakete, die auf Tel Aviv zielte, aus einem Wohnviertel in Gaza in den Himmel stieg.
Trotzdem sollten wir uns an die moralische Lektion erinnern, die die Welt aus früheren Kriegen gelernt hat: Unter keinen Umständen sollten Generäle Städte bombardieren. Nicht Dresden, nicht Tel Aviv und eben auch nicht Gaza-Stadt.
Zumal die Geschichte Gazas nur aus Gewalt und Not, aus unerfüllten Verträgen und verpassten Gelegenheiten besteht. 2005 ist Israel von dort abgezogen, die Bevölkerung im Gaza-Streifen ist seither auf über eineinhalb Millionen Einwohner angewachsen. Ihre Not hat von Jahr zu Jahr zugenommen, unter der israelischen Blockade gerät die Situation an den Rand einer menschlichen Katastrophe.
Dieses gepeinigte Gaza hat sich zu einem Terrorzentrum entwickelt. Israel bestraft die Terroristen wieder und wieder, manchmal mit großer Brutalität - aber das Problem bleibt ungelöst.
Es gibt deshalb nicht mehr viele, die noch an eine Zwei-Staaten-Lösung glauben. Immer mehr Menschen denken über die Möglichkeit nach, dass das Westjordanland wieder ein Teil Jordaniens werden sollte, das war es bis 1967. Ebenso könnten wir Israelis den Ägyptern den Gaza-Streifen geben. Es gibt keine Sicherheit, dass diese Lösung funktionieren würde, dass dann Frieden wäre.
Nur eins ist sicher: Israels Militäraktion jetzt wird es den Palästinensern zwar für einen gewissen Zeitraum erschweren, Israel anzugreifen. Aber allein ein politischer Dialog könnte zu einer langfristigen Vereinbarung führen.
Der israelische Historiker Tom Segev, 67, schreibt eine wöchentliche Kolumne in der Zeitung "Haaretz".
Von Tom Segev

DER SPIEGEL 47/2012
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