19.11.2012

SYRIENRache als Religion

Mit erschreckender Brutalität bekämpfen Assads Truppen den Aufstand. Doch auch Rebellengruppen massakrieren Gefangene.
Die Rebellen fackelten nicht lange, nachdem sie am 1. November den Checkpoint bei Sarakib südwestlich von Aleppo eingenommen hatten: Sie trieben die überlebenden Soldaten und Milizionäre des Regimes von Baschar al-Assad zusammen. Und dann erschossen sie die am Boden Liegenden. Mindestens acht, nach anderen Quellen elf Männer starben so.
Das "Syrian Observatory for Human Rights" - eine kleine Menschenrechtsgruppe, die von Großbritannien aus versucht, die Toten beider Seiten zu registrieren - nannte die Tat ein "Massaker". Und diese Opfer sind nicht die einzigen Assad-Anhänger, die von Rebellen ermordet wurden.
Amnesty International sandte anlässlich der Neuformierung der syrischen Opposition vergangene Woche einen dringenden Aufruf an die politische Führung der Aufständischen: Sie müsse weitere Kriegsverbrechen wie das von Sarakib verhindern. Und innerhalb der Rebellen-gruppen wird gestritten: "Rache ist die Religion von Feiglingen", warfen Oppositionelle aus der Stadt Masjaf ihren brutalen Kameraden aus Sarakib vor: "Dafür haben wir die Revolution nicht begonnen. Dieses Verhalten ist widerwärtig."
Doch die Täter sahen das offenbar anders - das zeigt schon, wie die Hinrichtung überhaupt bekanntwurde: Die Rebellen hatten sie selbst gefilmt und stellten das Video anschließend auf YouTube online. Unter den Kommentaren zum Video finden sich nun ebenso Verwünschungen wie Zustimmung.
Die Morde von Sarakib zeigen die widersprüchlichen Entwicklungen in diesem Krieg: Die Rebelleneinheiten der "Freien Syrischen Armee", FSA, organisieren sich immer besser. Aber in den verwüsteten, halb entvölkerten Landstrichen entstehen neue Gruppen, die niemand kontrolliert und die ihrem Hass freien Lauf lassen. Während erste Anwaltskomitees routinemäßig die Gefängnisse unter FSA-Führung kontrollieren, erschießen andere Rebellen ihre Gefangenen irgendwo am Straßenrand. Es gibt beides: wachsende Brutalität und ebenso viele Versuche, im Kampf gegen das Assad-Regime nicht selbst so zu werden wie das Regime.
Dabei sind die Umstände selten so klar wie beim Massaker von Sarakib. Denn der friedlich begonnene Aufstand gegen die Diktatur in Syrien ist zu einem extrem brutalen Krieg geworden, in dem nur wenige ausländische Journalisten beobachten können, was wirklich passiert. Aber im Netz zirkulieren Tausende Handy-Videos und Bilder, oft grausam, fast immer unscharf und verwackelt. Mit ihnen lässt sich jede Annahme und jedes Klischee illustrieren - niemand kann prüfen, was genau die Videos zeigen.
Selbst wenn technisch brauchbare Aufnahmen existieren, ist es oft schwierig, die Hintergründe aufzuklären. Mitte August tauchte im Netz beispielsweise eine verwackelte Sequenz auf von Menschen, die jubelnd zusahen, wie Körper vom Dach eines mehrstöckigen Hauses geworfen wurden. Das Video stammt aus dem kleinen Ort Bab in der Provinz Aleppo.
Ein Dokument des Horrors - der russische Fernsehsender Russia Today demonstrierte seinem Publikum damit, warum Moskau die Regierung Assad unterstützen müsse: Hier sehe man, dass die Aufständischen die Beamten des Staates umbrächten. Denn die Toten, die vom Dach des Postgebäudes geworfen wurden, seien brave Post-Leute gewesen.
Tatsächlich war das Haus zwar die Postzentrale, das höchste Gebäude der Kleinstadt. Aber vom Dach geworfen wurden die Leichen mehrerer Scharfschützen, die von ihrer Position hoch über der Stadt aus wochenlang die Bürger terrorisiert hatten. Dies jedenfalls war das Ergebnis einer mehrtägigen Untersuchung der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch vor Ort.
Erst am Ende der Kämpfe um Bab konnten Rebellen die Scharfschützen umzingeln. Sie töteten die Feinde und stießen ihre Leichen vom Dach. Immer noch barbarisch, aber etwas anderes, als die russischen Fernsehleute ihren Zuschauern weismachen wollten.
Offensichtlich verschiebt die Monstrosität des Regimes die moralischen Maßstäbe: Assads Einheiten massakrieren oft die Bewohner ganzer Straßenzüge, wie Ende August in der Damaszener Vorstadt Daraja, wo Hunderte Leichen geborgen wurden. Manche der Assad-Männer schneiden inzwischen ihren Opfern die Ohren ab, als Trophäen. Und da finden es viele Syrer normal und verständlich, wenn Rebellen vor allem Männer der grausamen Schabiha-Milizen misshandeln oder jene umbringen, die zuvor selbst gemordet haben - Auge um Auge.
Als am 31. Juli ein ähnliches Video wie jenes aus Sarakib im Netz auftauchte, verstanden viele Rebellen das Entsetzen im Ausland denn auch nicht. Es zeigt, wie Rebellen mindestens vier Männer des Barri-Clans in Aleppo erschießen. Die Mafiafamilie hatte eine Pro-Assad-Miliz aufgestellt. Und unmittelbar vor dem Sturm auf sein festungsartiges Anwesen hatte Clan-Chef Saino Barri einen zuvor ausgehandelten Waffenstillstand mit der FSA gebrochen und 15 Rebellen erschießen lassen.
Die Barri-Kämpfer zu töten "war ein Fehler, sicher", gestand General Abd al-Dschabbar Ukaidi später im Gespräch ein, einer der FSA-Kommandeure von Aleppo: "Wir haben die Gangster erschossen, die ihrerseits zuvor Dutzende Menschen ermordet haben. Aber in welchem Verhältnis steht das zu den Bombardements und Tausenden Toten?"
Es gibt eine Unwucht in der westlichen Berichterstattung über die Kämpfe in Syrien: Ausgewogenheit wird gleichgesetzt mit der Annahme, dass beide Seiten möglichst gleich zu bewerten seien. Schließlich schießen doch beide aufeinander. Im September veröffentlichte Amnesty International einen Bericht über die Lage im Land, prangerte die flächendeckenden Luftangriffe und den Beschuss von Dörfern und Städten mit Panzern und Mörsern an. In einem Absatz dann warf der Bericht den Rebellen vor, Waffen mit geringer Treffgenauigkeit in Wohngebieten einzusetzen und so Zivilisten zu gefährden. In der Überschrift bei tagesschau.de beispielsweise wurde daraus: "Amnesty erhebt schwere Vorwürfe gegen beide Seiten."
Überdies dauert das Kämpfen in Syrien schon so lange, dass die Gewalt des Regimes vielen einfach nicht mehr als Nachricht gilt. Seit Monaten bombardieren Armee und Luftwaffe jeden Tag 60 bis 200 Orte, jede Woche sterben Hunderte Zivilisten. Allein in den Vororten von Damaskus sollen bei Reihenerschießungen in der vergangenen Woche mehr als 40 Menschen ermordet worden sein.
Mit jedem Tag, mit jedem Toten aber wächst die Gefahr eines Rachesturms. Erst nach dem Sturz des Regimes wird sich zeigen, wer bei den Rebellen die Oberhand behält: jene, die Vergeltung fordern für ihre Toten - oder jene, die auf einer Demonstration nach dem Massaker in Daraja ein Plakat mit ihrer Botschaft hochhielten: "Keine Rache! Kurs halten! Wir werden alle vor Gericht bringen!"
Von Christoph Reuter

DER SPIEGEL 47/2012
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SYRIEN:
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