19.11.2012

INDIENBomben und Wachstum

Trotz des Desasters im japanischen Fukushima setzt Neu-Delhi auf ein gigantisches Atomprogramm. Die Regierung lässt auch Reaktoren bauen, die in anderen Ländern umstritten sind.
Das Foto des Toten haben sie im Eingang der Hütte aufgestellt, eine Glühbirne beleuchtet sein Gesicht wie das eines Heiligen. Die trauernde Witwe lässt ihre vier Kinder vor dem Bild antreten. Sie haben ihren Ernährer verloren, jetzt können sie nur hoffen, dass auch der Tote sie noch ernährt - als Märtyrer, für dessen Hinterbliebene Indiens Atomkraftgegner Spenden sammeln.
Erst 42 Jahre alt war Sahayam Francis, nun klebt sein Konterfei allenthalben an den Strohdachhäusern von Idinthakarai, einem Fischerdorf im Bundesstaat Tamil Nadu an der Südspitze des Subkontinents. Denn am Strand haben die Fischer zwar ihre Fänge zum Trocknen ausgelegt, unter Palmenblättern flicken sie Netze. Aber die Idylle trügt.
Wenige Kilometer weiter südwestlich ragt das neue Atomkraftwerk Kudankulam aus dem Dunst, erbaut mit russischer Technologie. Im September wies das Oberste Gericht in Neu-Delhi eine Klage ab, durch die Kernkraftgegner das Beladen der Anlage mit Brennstoff stoppen wollten. Nun läuft der Countdown weiter: Bis Ende des Jahres könnte der erste Reaktor hochgefahren werden, kurz danach der zweite. Insgesamt 2000 Megawatt sollen sie leisten, um den Energiehunger der Wirtschaftsmacht zu lindern.
Dagegen protestierten Sahayam und seine Nachbarn auch am Unglückstag: Im seichten Wasser bildeten sie eine Menschenkette, die Frauen in bunten Saris, die Männer mit schwarzen Fahnen. Sahayam hatte auf einem Wellenbrecher Position bezogen, als plötzlich ein Flugzeug der Küstenwache extrem niedrig über die Menge flog. Vor Schreck sei Sahayam mit dem Kopf auf die Steine gestürzt, berichten seine Hinterbliebenen, kurz darauf starb er.
"Sie haben uns umzingelt wie Gefangene", klagt Subramanian Paramaarthalingam Udayakumar, Führer des landesweiten "People's Movement Against Nuclear Energy". Der 53-Jährige, an amerikanischen Universitäten zum Politikwissenschaftler ausgebildet, hat die Dörfler vor der katholischen Kirche von Idinthakarai versammelt, täglich predigt er ihnen die Übel der Kernkraft.
Millionen Menschen an der Küste drohe Verstrahlung, sollte die Regierung ihr ehrgeiziges Atomprogramm vorantreiben, sagt der bärtige Aktivist. Er spreizt seine flache Hand zu einer Landkarte, um die Form des Subkontinents abzubilden: "Hier, hier, hier - überall wollen sie Kernkraftwerke bauen, und die werden unser Meer und unsere Fischbestände verseuchen."
In seinem weißen Gewand wirkt Udayakumar wie eine Mischung aus Guru und Guerillaführer. Ihm sowie mehreren hundert Mitstreitern droht die Verhaftung wegen Aufruhr und anderer angeblicher Vergehen.
Lehren aus Fukushima? Atomausstieg? Höchstens eine Schrecksekunde lang zauderten Indiens Regierende vergangenes Jahr angesichts der japanischen Reaktor-katastrophe. Jetzt treiben sie den Ausbau der Kernenergie weiter voran, gegen heftige Widerstände.
Das neue Kraftwerk Kudankulam soll nur eine Etappe in Indiens ehrgeizigem Nuklearprogramm bilden: Bis 2032 will die Regierung die Kernkraft von derzeit 4400 Megawatt auf rund 63 000 Megawatt ausbauen.
Bis 2050 soll Indien gar ein Viertel seines Bedarfs mit der umstrittenen Energie decken. Derzeit liefern 20 Reaktoren knapp vier Prozent des indischen Stroms - allein in den nächsten fünf Jahren will das Land die Kernenergieleistung verdoppeln. Und die Inder setzen dabei auch auf besonders umstrittene Reaktortypen.
Zudem bezweifeln viele, dass ausgerechnet Indien mit seiner abenteuerlichen Infrastruktur und seiner oft chaotischen Organisation die Technik im Griff behalten kann. Aber das 1,2-Milliarden-Volk braucht dringend Energie. Das bekam die Welt zuletzt im Sommer mit, als der Strom in weiten Regionen über Tage ausfiel, mehr als 600 Millionen Menschen darbten in der Hitze ohne Elektrizität. "Blackouts" gehören zum Alltag, selbst in der Hauptstadt Neu-Delhi gehen täglich die Lichter aus, Klimaanlagen stoppen, Fahrstühle bleiben stecken.
Schuld an dem Versorgungsdesaster sind die häufig ineffizient betriebenen Kohlekraftwerke und auch die chronische Korruption: In vielen Bundesstaaten lassen lokale Politiker das Netz illegal anzapfen.
Um Wählerstimmen zu gewinnen, lassen sie Haushalte gratis beliefern. Ständig rangeln zudem die Zentralregierung in Neu-Delhi und die Lokalregierungen um die Zuteilung der kostbaren Energie.
Vor allem die Wirtschaft sieht die Kernkraft daher als Allheilmittel, um das Wachstum anzukurbeln. Ungeduldige Anhänger der Nuklearenergie fordern gar, umstrittene Meiler direkt unter die Kontrolle der Armee zu stellen.
Dabei befindet sich Kudankulam schon jetzt praktisch im Ausnahmezustand. Journalisten, die das Gebiet bereisen, werden beschattet und festgenommen. Kürzlich hätten zudem, so berichten es die Fischer von Idinthakarai, Polizisten und zivile Schlägertrupps das Dorf nach ihrem Führer Udayakumar und anderen Aktivisten durchkämmt, allerdings vergebens. Bevor die Angreifer frustriert wieder abzogen, hätten sie in die Kirche gepinkelt und die Marienstatue geschändet. Zum Beweis hält einer der Kernkraftgegner den abgeschlagenen Kopf der Statue hoch.
Die Kernkraft ist für das Land ein Symbol der Unabhängigkeit, ein Ausstieg kommt für die Planer in Neu-Delhi nicht in Frage. Schon Jawaharlal Nehru, der legendäre erste Premier (1947 bis 1964), trieb die nukleare Entwicklung voran. "Wir müssen die Atomenergie völlig getrennt vom Krieg entwickeln", beteuerte er, doch sogleich fügte er hinzu: Wenn Indien sich gezwungen sehe, werde es die Atomkraft auch "für andere Zwecke einsetzen".
Und so lieferten indische Reaktoren das Plutonium für den ersten Atomtest 1974 - zehn Jahre nachdem China seine erste Atombombe gezündet hatte. 1998 jubelte dann die ganze Nation über weitere Explosionen, mit denen Indien endgültig in den Club der Atommächte aufrückte. "Shakti" tauften die Militärs ihr Projekt, nach dem Sanskrit-Wort für "Kraft". Kurz darauf zündete auch der feindliche Nachbar Pakistan Atombomben.
Amerikanische, französische, russische und japanische Konzerne wollen den Subkontinent als Markt für Atomkraftwerke erschließen. Seit dem Desaster von Fukushima blicken sie begierig nach Indien, denn in ihren Heimatmärkten werden sie ihre Technologie schwerer los.
Um seine Reaktoren zu befeuern, braucht Indien ausländisches Uran. Doch langfristig will die Atommacht autark werden, sie setzt auf den vollen nuklearen Kreislauf der Wiederaufarbeitung.
Zu diesem Zweck halten Indiens Planer auch an bedenklichen Technologien fest, beispielsweise Schnellen Brütern, die mit Plutonium betrieben werden. Auch mit Thorium wollen sie Reaktoren antreiben. Deutschland etwa gab bereits Ende der achtziger Jahre eine ähnliche Testanlage auf - zu teuer, zu störanfällig.
Doch warum sollte ausgerechnet das Entwicklungsland Indien eine Technologie in den Griff bekommen, an der selbst eine perfektionistische Industrienation wie Japan katastrophal scheiterte?
Die Zweifel an der Sicherheit indischer Atomanlagen wachsen. Im August legte der Rechnungshof eine vernichtende Kritik an der heimischen Atomaufsichtsbehörde vor: Über die Hälfte der Prüfberichte gingen zu spät ein, oder die Kontrollen fanden gar nicht erst statt.
Zwar will die Regierung eine neue, unabhängige Instanz einsetzen - doch Atomgegner fürchten, dass auch diese Behörde zum Ausführungsorgan der Atomlobby verkommen könnte.
Die Autorin Arundhati Roy spricht dem Staat die Kompetenz ab, Kernkraftwerke sicher zu betreiben: "Unsere Regierung hat sich als unfähig erwiesen, den alltäglichen Müll zu bewältigen, ganz zu schweigen von industriellen oder städtischen Abwässern", spottete sie in einer Solidaritätsbotschaft an die Gegner von Kudankulam. "Wie wagt sie zu behaupten, dass sie mit nuklearem Abfall umgehen kann?"
Das klingt polemisch, doch für die Anwohner des Kraftwerks beschreibt Roy nur die traurige Realität: Selbst vor der örtlichen Polizeiwache stinken Müllmassen. Und tatsächlich hat die Nuclear Power Corporation - der staatliche Konzern, der Kudankulam und andere Meiler betreibt - noch kein Konzept zur Endlagerung atomarer Abfälle vorgelegt.
Immerhin hat das indische Parlament ein Entschädigungsgesetz verabschiedet: Es verpflichtet die Betreiber von Atomanlagen sowie deren Lieferanten, die Opfer einer möglichen Reaktorkatastrophe zu entschädigen. Daher zögern ausländische Konzerne derzeit, Verträge zur Lieferung neuer Meiler an Indien zu unterzeichnen.
Auch das endlose Ringen um Kudankulam müsste die Atomlobby ernüchtern: Den ursprünglichen Vertrag für das Projekt unterschrieben einst Rajiv Gandhi, der später ermordete indische Premier, und Michail Gorbatschow, der letzte Führer der Sowjetunion. 1988 war das.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 47/2012
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