19.11.2012

Der Tanz der Stare

GLOBAL VILLAGE: Warum Millionen Zugvögel im Herbst die Ewige Stadt verrückt machen
Sie kommen herangeschossen mit vollgeschlagenem Bauch aus den Olivenplantagen im Hinterland und kreisen über den Platanen am Tiber. Verdauen wollen sie. Und ausruhen. Nur keinen Ärger jetzt mit den Römern.
Aber es ist nicht so, dass die Stare einfach nur still sitzen bleiben auf ihren Schlafbäumen in der Fremde. Erst lassen sie sich nieder, dann steigen sie auf, drehen ihre Runden und flattern und zwitschern, auf Dachterrassen am Fluss spürt man fast ihren Flügelschlag.
Drei Millionen Stare seien es wohl in diesem Jahr, behaupten Vogelkundler. Der Tanz der Stare beginnt jeden Abend zur blauen Stunde. In atemberaubenden Formationen strömen sie heran, ballen sich zusammen, streben auseinander, schießen mal hierhin, mal dorthin. Von der Erde aus betrachtet ähnelt ihr Flug japanischer Kalligrafie. Die Stare tanzen Bilder, wie mit feinem Pinselstrich dahingewischt, Menschen verstehen nicht, wie das funktionieren kann, Touristen sind verzaubert.
Der Sturnus vulgaris, der Star, stammt aus dem Norden und Nordosten Europas. Er verspeist Käfer und Kirschen in Polen, sogar in Russland verbringt er seine Sommer und brütet. Bis es dort oben zu kalt wird.
In Rom landet er jedes Jahr Ende Oktober, Anfang November. Manchmal zieht er weiter Richtung Süden nach Sizilien, manchmal bleibt er bis Februar in Rom.
Die Römer aber mögen diese Eindringlinge nicht, sie halten sie für eine biblische Plage. Sie fürchten, in ihrem glitschigen Kot auszurutschen, und hassen dessen abscheulichen Geruch. Starenkot ist schwarzgrün und greift den Lack der unter den Bäumen geparkten Autos an. Vor ein paar Jahren, so heißt es, sei wegen des Kots eine Straßenbahn in der Viale delle Milizie entgleist. Einmal musste sogar ein Flugzeug notlanden, es war in einen Vogelschwarm geraten, die Triebwerke spielten verrückt.
An Novemberabenden also, kurz vor der Dämmerung zur blauen Stunde, beginnt die Arbeit von Alessandra Buscemi, einer kleinen blonden Römerin, 45 Jahre alt. Die Biologin von der Tierschutzorganisation Fauna Urbis steht auf der Brücke zur Engelsburg, seit bald 20 Jahren ist sie im Dienst der Stadt. Sie trägt einen weißen Ganzkörper-Overall, blaue Kappen über den Schuhen und ein Megafon im Arm. Aus dem dringen laute Schreie, die sich anhören, als würden Ferkel abgestochen. Aber es sind keine quiekenden Schweine, es ist der Warnschrei der Stare, abgespielt vom Band. Der soll die Artgenossen alarmieren und von den Platanen verjagen.
Buscemi sagt, sie sei keine Jägerin, sondern "Problemlöserin". Sie will, dass die Stare sich ihre Schlafbäume weiter draußen in der Vorstadt suchen. In einem der vielen Parks oder auf dem Stadtfriedhof Campo Verano, der wäre ideal, sagt Buscemi. Aber dort sei es den Staren zu kalt, zwei Grad kühler als im Zentrum.
Jedes Jahr bekommt Buscemi Hilferufe von Römern, die ihr berichten, wo die Stare rasten und koten, dann muss sie handeln. Die Bäume, die sie beschallt, werden fortan fast immer von den Staren gemieden, es funktioniert. Und die Römer lugen unter ihren Schirmen hervor, die sie gegen den Kot aufgespannt haben, und bedanken sich mit großen Gesten.
Der Vergleich liegt nahe: Eigentlich passen Stare und Römer ganz gut zusammen. Beide sind laut und wirken chaotisch, sympathisch auch, singen gern ein Liedchen, sind stets in Bewegung. Buscemi, die Römerin, lacht, sie sagt: "Normalerweise sind Stare leise. Es sind die Menschen, die sie stören und laut werden lassen."
Und überhaupt: Stare seien keine Chaoten, sondern vorbildlich organisiert. Sie zeigt auf einen schwarzen Punkt am Himmel abseits eines Schwarms, es ist ein Wanderfalke, einer der natürlichen Feinde der Stare. Sie zeigt, wie er zwischen die viel kleineren Stare fliegt, verwirrt aus der Vogelwolke herausfällt und erfolglos davonfliegt.
"Es geht um das Zusammenspiel", sagt Buscemi, "es ist faszinierend. Jeder für sich und doch alle miteinander. Nur gemeinsam sind sie stark." Das klingt, als könnten auch die Römer mitten in der Krise etwas von diesen Besuchern lernen. Buscemi lächelt, ja, sagt sie, "das wäre nicht übel".
Um die Schwarmintelligenz der Stare zu erforschen, folgen ihnen zwei weitere Römer: Mit sensiblen Kameras und komplizierten Computerprogrammen erforscht das Physiker-paar Irene Giardina und Andrea Cavagna von der Universität La Sapienza seit sechs Jahren die Tiere. Starflag hieß ihr Projekt, finanziert mit Geldern der Europäischen Union. Mit ihren Algorithmen können auch die Physiker das Geheimnis der Stare nicht vollständig erklären, und die Krise lösen schon gar nicht. Aber auch sie stehen jeden Tag am Fenster ihres Labors und freuen sich über das herbstliche Schauspiel am Himmel über Rom.
Die meisten Römer hingegen freuen sich auf die Zukunft. Die Klimaänderung, so heißt es, werde ihr Problem früher oder später lösen. Wenn es in Russland irgendwann so mild werden sollte wie am Tiber und es dort im Winter mehr Futter gibt, werde sich kaum noch ein Vogel auf den langen Weg nach Rom machen.
Von Fiona Ehlers

DER SPIEGEL 47/2012
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