19.11.2012

Elf Perücken suchen einen Autor

THEATERKRITIK: Sebastian Hartmann verabschiedet sich mit „mein faust“ als Leipziger Intendant.
Das Außersprachliche, hier wird's Ereignis. Kein einziges Wort von Goethe reden die fünf Frauen und die sechs Männer auf der Bühne des Leipziger Centraltheaters. Vor einer Flimmerwand aus roten und weißen Lichtern bringen sie das deutsche Nationaldrama vom Doktor Heinrich Faust, dem Herrn Mephisto und dem schönen Mädchen Margarete zur Aufführung. Sie reden überhaupt nicht. Dafür stöhnen, wispern, brabbeln und keuchen sie zweieinhalb Stunden lang nach Leibeskräften. Vorzugsweise aber brüllen sie ihr Leid und ihre Wut heraus.
Von einem deutschen Schmerz will Sebastian Hartmann erzählen. Hartmann, 44, hat sich als Regisseur den Ruf erworben, ein Sonderschüler des Berliner Theaterrevolutionärs Frank Castorf, 61, zu sein, weil viele seiner Inszenierungen ähnlich laut, lustig und sexualneurotisch auftrumpfen wie die von Castorf vor 20 Jahren. Sie sind aber nicht unbedingt so intelligent.
Seit gut vier Jahren ist Hartmann der bestgehasste Theaterintendant Deutschlands. Er hat das Schauspiel Leipzig umbenannt in "Centraltheater", er hat dort für Lärm und Streit gesorgt, womit er viele ältere Besucher aus dem Haus vertrieben und deutlich weniger jüngere Zuschauer herbeigelockt hat. "Wir haben der Stadt gutgetan, sie ist aus dem Schlaf erwacht", behauptet Hartmann. "Es gibt hier eine Menge Leute, die uns mögen. Und genauso viele, die uns ablehnen."
Zum Ende dieser Spielzeit wirft Sebastian Hartmann das Handtuch, freiwillig, wie er betont, aber doch auch, weil es ihm fehlt an "Möglichkeiten, das Theater zu entwickeln". Vom Schmerz des Abschiednehmens kündet nun seine letzte Inszenierung auf der großen Leipziger Bühne - und von dem komischen Theaterirrsinn des Regisseurs Hartmann, den die Leipziger bald wehmütig vermissen sollen.
Hartmann hat sich das deutsche Nationaldrama vorgenommen, "mein faust" heißt seine Version. Ursprünglich hatte der russische Schriftsteller Wladimir Sorokin für das Leipziger Theater einen dritten Teil von Goethes "Faust" schreiben sollen, der das Drama ins 21. Jahrhundert beamt. Dann kam Sorokin mit dem Job nicht zurecht. Also beschloss Hartmann, die Arbeit selbst zu tun: "mein faust" sei, so sagt er, der Versuch, eine "Essenz" aus beiden Teilen von Goethes Stück herzustellen, "aus dem Bewusstsein derer, die 200 Jahre nach Goethe leben, kurz vor dem finalen Kollaps der Welt".
Es ist eine Essenz ohne Worte. Fünf Frauen mit Reifröcken, gepuderten Gesichtern und kunstvoll aufgetürmtem Perückenhaar, dazu sechs Herren mit weißen Kniestrümpfen, Pluderhemden und deutlich schlichteren Perücken, das ist die Gesellschaft aus Weimarer Hofschranzen, in der Hartmanns Spiel beginnt. Man sieht ihnen eine Weile beim Gackern und Glucksen, beim Hecheln und Schreien zu. Es dauert nicht lange, bis die Brunst sie überkommt. Einer der Herren fällt über eine der Frauen her, die ersten Perücken landen auf den Bühnenbrettern, mit hochgeschobenem Rock liegt das Mädchen auf dem Rücken, mit bloßem Hintern wirft sich der Kerl über sie, zwei weitere Männer gesellen sich hinzu. Wenig später säbelt sich einer der Burschen mit dem Messer seinen Penis ab, wozu üppig Theaterblut durchs Gelände spritzt. Und irgendwann wirft auch die Schauspielerin Cordelia Wege alle Kleider von sich und wälzt sich in Torf-Erde.
Von fortschreitender Entgrenzung will Hartmann erzählen, von Sigmund Freud und C. G. Jung und deren Analyse der faustischen Weltdurchdringungswut. Die halbwegs Vorgebildeten unter den Zuschauern aber dürfen ein bisschen Rätsel raten, zu welchen der 12 111 "Faust"-Verse die Akteure gerade herumtoben. Spielt die Schauspielerin Heike Makatsch, die in einer Gebärszene gleich ein Rudel ihrer Mitspieler zwischen ihren Beinen hervorkriechen lässt, mal kurz die schöne Helena und verwandelt sich erst dann in Heinrichs Gretchen, das ihre Brut erstickt? Sind die Herren gerade alle Faust oder alle Mephisto? Und wie viele der über 200 Rollen, die in Goethes Doppeldrama vorkommen, sind zur Gänze weggeschreddert?
Hartmann ist nicht der Typ, der auf halbem Weg kehrtmacht, selbst wenn er merkt, dass er sich in einer Sackgasse verrannt hat. Lieber beschleunigt er und spurtet mit dem Kopf durch die Wand. In diesem Fall ist es nicht sein eigener, sondern Goethes Kopf, der hier schwer angedellt im Torf landet.
Ganz am Anfang, der Vorhang geht auf, sieht man zwei Minuten lang ein Feuerwerk im Glaskasten, in dem es pufft und knattert, dass es eine Wonne ist. Dann steigt eine große Wolke Qualm auf von der Bühne, und der rote Vorhang schließt sich wieder. Möglicherweise ist das ein Sinnbild für das, was Sebastian Hartmann in Leipzig gelungen ist. Man sieht die Arbeit eines großen Pyromanen, der sich leider nur in einem viel zu engen Schaukasten austoben durfte. Und man sieht, was seine Arbeit am meisten bedroht: der Qualm des Vergessens.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 47/2012
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