19.11.2012

UMWELTSCHUTZNicht ganz dicht

Aus einer Rohrleitung von Shell sind über eine Million Liter Kerosin ausgelaufen. Der Schaden zeigt, wie anfällig und überaltert Pipelines in Deutschland sind.
Sie sind unter uns. Und sie sind ziemlich mürbe. Viele sind über 60 Jahre alt. Sie rosten, werden poröser, manchmal tritt schmierige schwarze Flüssigkeit aus und sickert Richtung Grundwasser. Wer den Zustand von Ölleitungen in Deutschland untersucht, den beschleicht das Gefühl, in einem Entwicklungsland zu leben.
Wie die Menschen in Wesseling südlich von Köln. Dort steht die Rheinland Raffinerie, die größte Ölverarbeitungsanlage des Landes. In zwei Werken verarbeitet der Rohstoffmulti Shell dort rund 16 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr zu Benzin, Kerosin, Heizöl oder Ethylen für die Kunststoffproduktion.
Vom Werk in Wesseling führen acht Ölleitungen zu einem etwa 800 Meter entfernten Tanklager. Vier der Leitungen wurden Ende der fünfziger Jahre verlegt. Die übrigen vier sind noch älter, Baujahr 1942 - aus einer Zeit, als die Nazis versuchten, aus Braunkohle Benzin zu machen.
Anfang des Jahres schlug eines der 70 Jahre alten Stahlrohre leck. Flugbenzin sickerte in die Erde. Shell (Konzerngewinn 2011: 23,9 Milliarden Euro) bekam davon wochenlang nichts mit, denn Pegelschwankungen werden altertümlich noch mittels Mengenvergleich gemessen. Moderne Nachrüstungen hat man sich gespart. Erst bei einem Verlust von 5000 Litern pro Stunde ertönt ein Alarmton in der Messstation.
Durch das 18 Millimeter lange Loch floss etwas weniger, insgesamt aber genug, um Erdreich und Grundwasser mit mehr als einer Million Liter Kerosin zu verseuchen. Im Oktober liefen im Nord-Werk der Raffinerie zudem über 4000 Liter des krebserregenden Stoffs "Heart-Cut" aus einer oberirdischen Leitung aus. Und schließlich, vor zwei Wochen, musste ein Unternehmenssprecher zugeben, dass ein zuvor unbelasteter Messbrunnen kontaminiert worden war.
Nun fürchten die Wesselinger, dass der unterirdische Kerosinsee bald ihre Häuser erreicht. "Shell ist ein ständiger Störfall", sagt Paul Kröfges von der Naturschutzorganisation BUND.
Die leckende Leitung von Wesseling scheint symptomatisch für den laxen Umgang mit Ölleitungen im Land. Tausende Kilometer sind in Deutschland verbuddelt, unter Vorgärten und Flüssen. "Tickende Zeitbomben", glaubt Kröfges.
Die meisten Fernleitungen, durch die Rohöl von Wilhelmshaven oder Rotterdam zu Raffinerien in Hamburg oder im Ruhrgebiet gepumpt wird, sind einwandig, wenige Zentimeter dünn und aus einer Zeit, als es noch keine Computer zur Erkennung von Lecks gab. Sicher, die Rohre werden geprüft, würden so aber heute nicht mehr genehmigt werden.
Zwar leckt es regelmäßig entlang der Druschba-Pipeline, die durch Russland führt und im brandenburgischen Schwedt ankommt - aber auf russischem Gebiet. Relativ glimpflich kam der BP-Konzern vor zwei Jahren mit einer undichten Rohrleitung in Gelsenkirchen davon. Bemerkt hatten das Problem allerdings erst die Anwohner: In ihren Kellern und der Kanalisation roch es nach Heizöl.
Nach einer Explosion in einem von der Ölindustrie belieferten Chemiewerk in Köln fiel dem damals zuständigen CDU-Umweltminister 2008 immerhin auf, dass es nicht mal ein Pipeline-Kataster gab. Den verborgenen Wegeverlauf der Trassen will nun der Grünen-Umweltminister Johannes Remmel lüften. Er erteilte Shell auch die Auflage, die alte Leitung von 1942 vollständig zu "molchen". Dabei fährt ein Inspektionsgerät durchs Rohr, filmt Löcher und misst die Wanddicke. Dieser Verfügung widersprach Shell jedoch vor Gericht.
Als in der vorvergangenen Woche bei einer Ratssitzung in Wesseling der Raffinerie-Manager Wulf Spitzley die lecke Leitung auch noch als "absolut neuwertig" bezeichnete, fragten sich Stadträte aller Parteien, wer hier wohl nicht ganz dicht ist. Die Innenkorrosion des Rohres? "Absolut geringfügig und vernachlässigbar", meinte der Shell-Mann. Die Wanddicke? "Prima." Zweifel? Stehe alles in einem Schadensgutachten vom TÜV Rheinland.
Doch das will weder Shell zeigen - noch der TÜV erklären. Die Prüfer aus Köln waren über Jahre die Hausgutachter des Konzerns. Sie haben schon früher den Korrosionsschutz bemängelt, aber meist Milde walten lassen: "Bis zur nächsten Prüfung ist dann ein sicherer Betrieb zu erwarten", schrieben sie rücksichtsvoll.
Sicher? Im Schadensbericht, der dem SPIEGEL vorliegt, werden die TÜV-Gutachter etwas genauer: Anders als von Shell behauptet, waren dem Unternehmen seit 2008 Mängel beim Korrosionsschutz bekannt. Dieser wird durch Verlegen einer Schutzstromleitung am Rohr erreicht. Allerdings hätten Shell-Mitarbeiter durch nicht fachgerechtes Anbringen von Messarmaturen das System mit zum Erliegen gebracht, so die Gutachter.
Zudem war die Wandstärke an einer Stelle auf hauchdünne 2,1 Millimeter geschrumpft. Eine moderne Leckerkennung empfahlen die Gutachter ebenfalls.
Der Raffinerie-Sprecher spricht lieber über das neue Vorzeigeprojekt "Connect", eine unter dem Rhein verlaufende, ganz sichere Rohrleitung, die die beiden Kölner Werke verbinden soll. So wie es aussieht, dient es vor allem der eigenen Reklame: Shell hat die Umweltfreunde vom Naturschutzbund bereits als Partner gewonnen.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 47/2012
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