19.11.2012

PRESSEZirkus Spontifex

Am vergangenen Dienstag meldete der Verlag der „Frankfurter Rundschau“ Insolvenz an. Viele SPIEGEL-Kollegen haben einst für das Traditionsblatt gearbeitet. Nun erinnern sie sich an ihre Zeit beim „Zentralorgan der Apo“.
Jörg Schmitt über seinen Vater Karl, "FR"-Mann von 1947 bis Ende der Fünfziger, und eigene Erfahrungen in einer "FR"-Lokalredaktion:
Die "Frankfurter Rundschau" war bei uns Teil der Familie - nicht nur, weil sie immer unübersehbar auf unserem Wohnzimmertisch lag. Mein Vater war 1947 einer der ersten Volontäre des Blatts. Sein Vorstellungsgespräch beim damaligen Mitherausgeber Karl Gerold war ebenso knapp wie eindeutig. Was er denn werden wolle, fragte er meinen Vater. Vielleicht Staatsanwalt, antwortete der. "Sie können hier sofort anfangen. Aber das mit dem Jurastudium schlagen Sie sich aus dem Kopf. Studierte können wir hier nicht gebrauchen", sagte Gerold.
Mit Studenten konnte die "FR" auch 44 Jahre später noch nicht viel anfangen - zumindest nicht in der Friedberger Lokalredaktion des Blatts. Ein Praktikant, der in München Journalistik, Wirtschaft und Recht büffelte, war den Kollegen dort anfangs suspekt. Die Lokalredaktion in der Wetterau war damals ein Rückzugsgebiet für linksalternative Lebensentwürfe. Der Lokalchef züchtete nebenher Schafe, die auch den Rohstoff für seine Pullis und Mützen lieferten. Ansonsten trugen die Kollegen gern die Haare lang und die politische Gesinnung auf Stickern vor sich her. Heute klingt das nach triefendem Klischee, aber die Realität überbietet manchmal jedes Vorurteil.
Hans-Joachim Noack, "FR"-Reporter von 1969 bis 1983:
Dieses erhebende Jahr 1969, in der "Rundschau" mein erstes! Natürlich lag es nicht nur an meinen Beiträgen, dass der Mehrheit der Studenten, die sich an den Brennpunkten Mainhattans zum Go-in zusammenrotteten, das Blatt mit dem eklig grün aufleuchtenden Titelbalken sichtbar aus der Jackentasche quoll. Am Zentralorgan der Apo führte kein Weg vorbei.
In den Zeiten der sozial-liberalen Hochkonjunktur war die "FR" für mich von allem etwas: ein zwischen SPD und linker FDP changierender, einerseits gewerkschaftlich unterwanderter, aber dann wieder zu anarchistischen Ausfällen neigender journalistischer Zirkus Spontifex. Auf der "Seite Drei" erblühten neben den superklugen Leitartikeln des früh verstorbenen Chefanalytikers Karl-Hermann Flach, der nimmermüde die umstrittene Ostpolitik Willy Brandts verteidigte, die obskuren Gedichte des ebenso größenwahnsinnigen wie in lichten Momenten äußerst liebenswürdigen Verlegers Karl Gerold.
Nur gab es ja leider schon damals die offenkundig unlösbaren Probleme. So entschlossen die Redaktion den Weltmächten die Stirn bot, so bänglich verkroch sie sich vor den Warenhauskonzernen auf der benachbarten Zeil - aus guten Gründen. Mit Annoncen, die allesamt aus dem Rhein-Main-Raum kamen, finanzierte die "Rundschau" ihren hartnäckig verfolgten Anspruch, überregional mitzumischen - auf Dauer wohl ein Unding.
Selbst in ihren besten Phasen reichte es materiell vorn und hinten nicht. Der Abonnent aus Berlin oder Bremen kostete mehr, als er einbrachte. Und der sehr viel begehrtere aus dem hessischen Umland wollte die "FR" eher als Lokalzeitung.
Kaum erstaunlich, dass sie darüber inhaltlich ins Trudeln geriet. Nachdem sich bereits mit dem Ende der Ära Brandt ihr freigeistiger Spirit weitgehend verflüchtigt hatte, wusste sie auf das Erscheinen der "taz" keine Antwort.
So kam die "Rundschau" spürbar aus der Mode - ein Negativtrend, den mir im Herbst 1978 anlässlich eines Interviews in Bonn auch Helmut Schmidt bestätigte. Ah, da sei er ja, "der Mensch von dem Blatt", das er selber nur noch ungern in die Hand nehme, begrüßte mich der Kanzler und erklärte grimmig, warum: weil es ihm der schlechten Druckqualität wegen immer die Fingerkuppen schwärze.
Thomas Darnstädt, 63, Pauschalist der "FR" von 1972 bis 1984:
Wir waren doch die Guten! In den Siebzigern war die Stadtredaktion voll von schreibenden Robin Hoods, immer an der Seite der Schwachen, unserer Leser: Die flogen aus den Wohnungen, weil dort Bankentürme entstanden, denen wurden die Löhne gedrückt, und wegen gewissenloser Umweltverschmutzung wurde die Luft zum Atmen knapp. Damals war Frankfurt die Stadt zur Zeitung: Hier passierte alles, was bald darauf die ganze Republik beschäftigen sollte, immer etwas eher und etwas schlimmer. Was für ein Reporterglück, dabei zu sein!
Doch dann starb Karl Gerold. An jenem Tag im Jahr 1973 stand eine schwarze Rauchwolke über dem Gebäude der Rotation hinterm Redaktionshaus, ich habe sie selbst gesehen und gesagt: "Das wird uns später mal keiner glauben." Kartons haben gebrannt, waren schnell gelöscht, doch die Wolke ist nie wieder verschwunden. Das Haus, aufgebaut und geführt von einem dichtenden Linken, geriet in den Griff von Krämerseelen. Und wenn wir freitags spätnachts die Redaktion verließen, wünschten wir uns oft genug gegenseitig, dass auch in der kommenden Woche die Geschäftsführung wieder die Herausgabe einer Zeitung gestatten werde.
So lustig war das nicht. Gehälter und Honorare bewegten sich schon damals an der Grenze zum Sittenwidrigen, Telefonieren und Reisen galt als Verschwendung von Betriebsvermögen. Das Gerücht, morgen früh werde die Geschäftsführung beim Amtsgericht Konkurs anmelden, von wem auch immer gestreut, verbreitete sich mehrfach vor Gehaltsrunden - und alle fanden das plausibel, schon damals.
Dietmar Hawranek, von 1977 bis 1985 freier Mitarbeiter im "FR"-Wirtschaftsressort:
Ein Kommentar, in dem ich den Export von Rüstungsgütern kritisiert hatte, ärgerte einen Konzernmanager. Er beschwerte sich beim Chefredakteur der "FR", Werner Holzer. Der sagte zu mir: "Machen Sie weiter so, junger Mann!"
Angehende Wirtschaftsjournalisten hatten Ende der siebziger Jahre eine große Auswahl an Arbeitsmöglichkeiten. Zumindest wenn sie in Betriebsräten, Mitbestimmung und Umweltschutz eine Bedrohung des Standorts Deutschland sahen. Dann standen ihnen alle Zeitungen offen, von "FAZ" bis zur "Welt". In deren Wirtschaftsteil wurde ein Glaubenskrieg für den Kapitalismus pur geführt, wie es heute kaum noch vorstellbar ist.
Für alle, die Wirtschaft differenzierter betrachteten, gab es nur eine Zeitung von Bedeutung, bei der sie arbeiten konnten: die "Rundschau".
Der Chefredakteur versprach irgendwann, die nächste freie Stelle in den Ressorts Politik oder Wirtschaft würde ich bekommen. Es geschah ein Jahr lang nichts. Ich fing als Wirtschaftsredakteur beim SPIEGEL an. Nach zwei Wochen rief Holzer an. Er habe jetzt endlich eine freie Stelle, wann ich anfangen könne.
Die "Rundschau" war es gewohnt, dass Journalisten alles stehen und liegen ließen, um bei ihr zu arbeiten. Schließlich war sie mehr als eine Zeitung. Ihr Chefredakteur war fast fassungslos, als ich sagte, ich wolle jetzt erst mal sehen, wie es beim SPIEGEL so läuft.
Ullrich Fichtner, von 1994 bis 2000 bei der "FR", zuletzt Berlin-Korrespondent:
Dass die "Frankfurter Rundschau" meine Bestimmung sein könnte, lernte ich im Sommer 1985 im Büro des Chefredakteurs der Hofer "Frankenpost". Er hatte mich einbestellt, um mir den Kopf zu waschen, ich war ein 20-jähriger Volontär und hatte mich in nassforschen Kommentaren mit einem Bürgermeister angelegt. Ich verteidigte mich, uneinsichtig, redete jugendlich großspurig von Pressefreiheit und dergleichen. Mein Chef hörte sich das gutmütig an, bis er endlich sagte: "Aber wir sind doch hier nicht bei der ,Frankfurter Rundschau'."
Ich war ihr Leser, seit ich 16 war, und das ist anfangs pure Angeberei gewesen. Ich trug die große Zeitung mit dem grünen Balken stolz in der Provinz herum, als Ausweis dafür, dass ich zu den Aufgeklärten gehörte, zur kritischen, städtischen Sorte Bürger.
Selbstverständlich las ich die tägliche "Dokumentation" von Reden, Postitionspapieren, Aufsätzen, das waren Gewaltmärsche durch brutale "Bleiwüsten", aber sie schadeten der Bildung nicht. Ich verschlang die - werbefreie! - Wochenendbeilage "Zeit und Bild", die Analysen des Auslandschefs Karl Grobe, die Leitartikel der Chefredakteure Roderich Reifenrath und Werner Holzer, der über Helmut Kohl einmal den wunderbaren Satz geschrieben hat, dass der Kanzler "die Aussicht vom deutschen Kirchturm schon für ein weltweites Panorama hält".
In ihren geheiligten Statuten, die ich selbst später als Teil meines Redakteursvertrags unterschrieb, definierte sich die "Rundschau" als "links-liberal", und der Text las sich wie die Präambel einer Resolution der Vereinten Nationen. Ich mochte das sehr.
Thomas Schulz, von 1998 bis 2000 in der Ausbildungsredaktion der "FR", danach als freier Mitarbeiter für das Blatt tätig:
Ich war 1998 zur "Rundschau" gekommen, frisch aus den USA zurück, und arbeitete mit mehreren Dutzend Nachwuchsjournalisten in einem eigenen Ressort, der Stadtteil-Rundschau, einer Art Zeitung in der Zeitung. Wahrscheinlich hatte keine Zeitung eine umfangreichere Lokalberichterstattung als die "FR" damals, und deswegen haben sie auch viele Menschen im Rhein-Main-Gebiet gekauft.
In den USA hatte ich zuvor Journalismus studiert und für den "Miami Herald" geschrieben. Damals war der "Herald" noch eine der bestgemachten Zeitungen, und doch hatte ich vom ersten Tag an das Gefühl, dass die "FR" die bessere Zeitung war. Cleverer organisiert, klüger durchdacht, mit schärferen Leitartikeln und tieferen Geschichten. Einer langen Tradition von Qualitätsjournalismus verpflichtet. Darauf war ich damals sehr stolz.
Aber vielleicht habe ich auch nur Tradition mit Altertümlichkeit und Unbeweglichkeit verwechselt. Geschrieben wurde auf Computern aus den achtziger Jahren, mit monochromen Monitoren und grüner Schrift. Es gab keinen Internetzugang. Im Archiv saßen zwei ältere Herren in einem muffigen Raum voller Papier. Das war im Jahr 2000, als der Rest der Welt längst unterwegs war in eine ganz andere Zeit.
Markus Brauck, von 1999 bis 2006 bei der "Rundschau", zuletzt als Autor:
Als ich bei der "FR" anfing, haben die Redakteure noch nicht aus Frust gesoffen, sondern aus Überzeugung. Die wöchentlichen Konferenzen der Ausbildungsredaktion des legendären Adolf Karber endeten stets in Sektgelagen. Hierarchien galten beim Trinken und auch sonst wenig.
Die "FR" war schon damals nicht reich, hatte immer weniger Leute, weniger Geld als "FAZ" oder SPIEGEL. Doch mitspielen in der Liga der Besten wollten wir immer, und das ging nur, weil der Zusammenhalt größer war als anderswo.
Es ging immer um Ethik in der "FR", darum, das Richtige zu tun und nicht bloß das Clevere oder das Beliebte. Diese Haltung machte die "FR" groß, ließ sie irgendwann aber auch verkrampfen.
Im Jahr 2000 noch, als die New Economy Geld über alle Zeitungen regnen ließ, startete die "FR" ein Magazin, ein Projekt, über das der Theaterkritiker des Blatts, Peter Iden, sagte, dies sei eine Welle, die das ganze Boot "FR" zu heben vermöge. Zwei Jahre später wurde den ersten Redakteuren betriebsbedingt gekündigt. Als einen der jüngsten erwischte es auch mich, aber ich blieb als Autor.
Irgendwann hatten selbst die stolzesten Überzeugungstäter den Glauben daran verloren, dass die "FR" je wieder zu alter Größe zurückfinden würde. "Unsere Zukunft ist Vergangenheit", kalauerte Volontärausbilder Karber.
Matthias Bartsch, von 1999 bis 2005 Landtagskorrespondent der "FR":
Es war das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Die Chefredakteure sprachen von goldenen Zeiten, von steigenden Auflagenzahlen, von einer mutigen, wachsenden Redaktion. Anfang 1999 schickten sie mich als Parlamentskorrespondenten nach Wiesbaden, wo ein CDU-Politiker namens Roland Koch überraschend die Landtagswahl gewonnen hatte. Kaum im Amt, steckte Koch im Schwarzgeldsumpf seiner Landespartei. Die "Rundschau" deckte mit auf, kommentierte scharf und zeigte keinerlei Bereitschaft, in der Sache lockerzulassen.
Für Koch wurde die "FR" so etwas wie das Hassmedium Nummer eins. Aber alle Kampagnenvorwürfe waren leicht zu kontern mit dem Selbstbewusstsein unabhängiger Redakteure einer unabhängigen Zeitung. Das Blatt gehörte einer Stiftung, die dem kritischen Journalismus verpflichtet war, sonst nichts und niemandem.
Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es damit irgendwann zu Ende sein könnte. Auch nicht im Krisenjahr 2001, als die Frankfurter Zentrale über den schrumpfenden Anzeigenmarkt klagte und über weggebrochene Druckaufträge für die gerade erst angeschaffte, unglaublich teure neue Hightech-Druckmaschine.
Und dann die Nachricht, die alles ins Wanken brachte: 2003 bat die ums Überleben kämpfende "FR" beim Land Hessen um eine Bürgschaft. Und Roland Koch genehmigte sie. Konnte es schlimmer kommen? Ein Jahr später wurde die Zeitung verkauft, ausgerechnet an die Medienholding der SPD. Aber da überwog schon längst das Gefühl, zur falschen Zeit am falschen Platz gewesen zu sein.
Jörg Schindler, bei der "FR" von 1996 bis 2012, zuletzt als Reporter in der Redaktionsgemeinschaft:
Im alten Rundschauhaus am Eschenheimer Turm hatten wir einen Paternoster. In jedem Stockwerk hing ein Blechschild: "Weiterfahrt durch Boden oder Keller ist ungefährlich." Ganz unten war das Materiallager, ganz oben die Geschäftsführung. Der Paternoster verband alles mit allem. Das Ding fuhr einfach endlos auf und ab. So lange, bis es gar nicht mehr fuhr.
Die Anzeigen wurden weniger. Dann die Seiten. Dann die Leser. Das Geld sowieso. Dann halbierte sich die "Rundschau", wurde zum Tabloid. Schön, fanden die Kritiker. Und modern. Und guck mal da, stehen ja tolle Geschichten drin in der alten "FR". Fanden wir auch. Aber Anzeigen und Leser kamen nicht zurück.
Die Kollegen machten einfach weiter. Sie hielten, trotz neuer Herren, Kurs. Und selbst als der überregionale Teil im vergangenen Jahr nach Berlin transplantiert wurde, packten sie noch täglich so viel Rundschau in die "Rundschau", wie man es ohne Arme und Beine tun kann. Herz und Kopf waren noch da.
Jetzt liegt sie am Boden. Auf meinem Schild steht: "Weiterfahrt ist ungefährlich." Wollen wir's hoffen. ◆

DER SPIEGEL 47/2012
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