26.11.2012

Gruß aus der Küche

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Warum ein Japaner seinen Penis entfernen und verzehren ließ
Am 31. März 2012 ließ sich der Japaner Mao Sugiyama seinen Penis wie auch seine Hoden operativ entfernen. Dies geschah in der Kazuki-Klinik in Matsue, westlich von Tokio. Die Urethra, die Harnröhre, sowie der Harnausgang wurden kosmetisch angeglichen, alles andere weggeschnitten.
Medizinisch indiziert war die Operation nicht. Zwei Jahre lang aber hatte Sugiyama, unglücklich in seinem Körper, eine Hormontherapie gemacht, Ärzte so lange um eine Operation gebeten, bis einer einwilligte. Sugiyama bat ferner, dass man ihm die abgetrennten Organe aushändige, er wollte sie einfrieren.
Am Abend des 13. Mai 2012 servierte Sugiyama, als Koch gekleidet, in einem gemieteten Kellerraum im Tokioter Stadtteil Suginami seine Geschlechtsteile als Abendessen. Der Rahmen war der eines Kunst-Events, geschlossene Gesellschaft. Sugiyama hatte das Fleisch aufgetaut, briet es an, servierte fünf Portionen, mit Champignons, Petersilie, Majoran, Basilikum, Rosmarin.
Jeder der fünf Beköstigten hatte 20 000 Yen dafür gezahlt, knapp 200 Euro. Außer diesen Gästen, es waren zwei Frauen und drei Männer, waren noch rund 70 Begleiter gekommen, die von der Veranstaltung gehört hatten.
Das Ganze klingt absurd, widerwärtig, krank; doch es ist geschehen. Warum?
Der einzige Mensch, der diese Frage beantworten kann, ist Mao Sugiyama. Ihn zu treffen, zum Interview, ist nicht leicht - zuletzt hat er Anfragen abgelehnt, aus Furcht, als Monster dargestellt zu werden. Paparazzi hätten ihm aufgelauert, erzählt er, und in japanischen Chatrooms gab es eine hitzige Debatte. Schließlich sprach er doch.
Sugiyamas Körper ist zart wie der eines Mädchens, das zum Ballett will. Er trägt eine blonde Perücke, schulterlang. Die Fingernägel sind sorgfältig lackiert. Er hat helles Make-up aufgelegt. Er trägt, nach neuester Mode, ein kariertes Holzfällerhemd. Spricht mit sanfter Stimme, aber sehr bestimmt.
Bereuen Sie, was Sie getan haben, Herr Sugiyama?
Keine Sekunde, sagt er.
Aber auf Penis und Hoden zu verzichten - das ist schwer zu verstehen.
Für mich war es aber richtig, sagt er. Und ich bin nicht der einzige Mensch, der so was gemacht hat, es gibt etliche solcher Fälle, nur dass die Betroffenen nie den Mut fanden, darüber zu reden.
Er habe nie ein Mann sein wollen, erzählt er, aber auch keine Frau. Die Polarisierung zwischen Weiblichkeit und Männlichkeit, die Unberechenbarkeit und Heftigkeit, die mit Sex und Lust einhergingen, habe er immer als gefährlich empfunden, schon seit seiner Kindheit.
Die sexuelle Identität wird zwischen zweitem und viertem Lebensjahr gewonnen: Das Kind begreift, im Idealfall, dass es dem Vater ähnelt, der Mutter gleicht.
Sugiyamas Vater ist Schriftsteller, seine Mutter Kunsthändlerin. Er war als Kind oft allein, sagt er, er war einsam. Ein schwächlicher Junge, häufig krank, ohne viel Kontakt zu anderen Jungs. Von den Mädchen wurde er gehänselt.
Später studierte er Kunst an der Musashino-Akademie, brach das Studium aber ab. Seit einigen Jahren lebt er in einer kleinen Wohnung in Kanagawa, einer Vorstadt von Tokio, er zeichnet Mangas, japanische Comic-Strips, davon lebt er. Er backt gern Waffeln, seine bevorzugte Sorte sind Machas, mit pulverisiertem grünem Tee. Er hat eine kleine Sammlung von Kimonos. Er ist nicht autoaggressiv, er pflegt sich und betrachtet sich gern.
Schönheit interessiert mich, sagt er, aber nicht Sex.
Doch als schön gilt auch in Japan immer häufiger, was auch sexy ist. Sex ist die Alltagswährung. Sugiyama ist 23 Jahre alt, er wuchs auf in der schrillen Megalopolis Tokio, in einer Zeit, als Sexualität und Kapitalismus verschmolzen. Sugiyama erlebte, wie Sex verfügbar wurde, beschleunigt wurde durch die Virtualisierung. Wie sich mit Sex alles verkaufen lässt, Musik, Mode, Politik, Medien.
Ist das ein Grund, sich seinen Penis abschneiden zu lassen?
Ich fand das alles abstoßend, sagt er, jetzt bin ich froh, asexuell zu sein.
Eineinhalb Monate nach der Operation fand das Koch-Event statt. Sugiyama hatte ursprünglich geplant, den Abschied von seiner Männlichkeit allein zu zelebrieren. Er wollte seinen Penis und die Hoden nicht wegwerfen, sondern essen, er wollte sich sein Fleisch einverleiben, um dann nie wieder daran denken zu müssen. Aber er habe das Geld gebraucht, sagt er.
Am 8. April twitterte er: Biete meine männlichen Genitalien für ein Mahl für 100 000 Yen, werde sie nach Wunsch des Käufers zubereiten. Es war eine Geschäftsfrau aus Tokio, die sich rasch bei ihm meldete, einen Raum bestellte und den Abend organisierte. Sie hatte auch die Idee, dass Sugiyama im Koch-Kostüm auftreten sollte.
Sugiyama hat unlängst geheiratet. Seine Frau heißt Misa, sie findet es gut, dass ihr Mann ist, wie er ist, sie leben in geschwisterlicher Neutralität zusammen. Sie hätten viele Spiegel in der Wohnung, sagt Sugiyama, sie betrachteten sich oft und fänden sich schön.
Inzwischen hat sich auch die Polizei eingeschaltet. Die Beamten ermittelten wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses sowie der Verletzung lebensmittelrechtlicher Vorschriften.
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 48/2012
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