26.11.2012

RADIOBitte nicht bohren

Hat der Deutschlandfunk zugesagt, in einer Sendung über den Nürburgring keine kritischen Fragen zu stellen? E-Mails legen das nahe.
Quizfrage. Von welchem Sender mag wohl die Rede sein, wenn einer, der dort ein Interview geben soll, mit folgenden Worten auf seinen Auftritt eingestimmt wird: "Die Themen werden natürlich gemäß unserer Sprachregelung beantwortet. Mehr brauchen Sie auch vor dem Mikrofon nicht zu beantworten. Die Moderatoren werden nicht insistieren. Das habe ich mit denen vereinbart."
Antwort A): Verkaufskanal QVC. B): Happy Family Radio, Lüneburg. C): Bibel TV. Richtig ist allerdings Antwort D).
D wie Deutschlandfunk.
Die Sätze stammen aus einer E-Mail des Kölner PR-Beraters Pietro Nuvoloni, der von den Insolvenzverwaltern der Pleite-Rennstrecke Nürburgring dafür bezahlt wird, dass er sie ins öffentlich-richtige Bild setzt. Nuvoloni dürften solche Ansagen heute eher unangenehm sein, noch peinlicher lesen sie sich aber für den öffentlich-rechtlichen Deutschlandfunk. Immerhin ein Sender, der sich in der Pflicht sieht, "Qualitätsmaßstäbe in der Medienlandschaft zu setzen", mit einem "hohen journalistischen Anspruch".
Bei der Sendung "Länderzeit" am 10. Oktober gingen Absprachen offenbar über Ansprüche. Die Redaktion umgarnte Nuvoloni, um die Insolvenzverwalter auf jeden Fall in die Livesendung zu lotsen. Dagegen blieb ein kritischer Autor und ausgewiesener Nürburgring-Kenner, ursprünglich als Studiogast im Gespräch, am Ende draußen.
Rund 70 Minuten lang nahm sich der Deutschlandfunk das Finanzdesaster in der Eifel vor - Titel der Sendung: "Ein Mythos im Skandalstrudel - welche Zukunft hat der Nürburgring?" Dort sind die Verhältnisse zurzeit reichlich verworren: Beteiligt ist das Land Rheinland-Pfalz, das Hunderte Millionen Euro in den überdimensionierten Freizeitpark am Ring gesteckt hat. Beteiligt ist die EU-Kommission, die weitere Geldflüsse stoppte. Beteiligt sind die privaten Pächter von der Firma NAG, die eine entscheidende Rolle für die Zukunft des Rings spielen, aber mit den Insolvenzverwaltern im Streit lagen. Und ebendiese Insolvenzverwalter, Thomas Schmidt und Jens Lieser, die den Ring nach der Pleite im Sommer retten sollen - und Medienanfragen gern vom PR-Berater Nuvoloni beantworten lassen.
Bei ihm bedankte sich DLF-Journalistin Thekla Jahn am 19. September in einer Mail für einen Redaktionsbesuch und stellte klar: Es "ist uns sehr wichtig, dass Prof. Thomas Schmidt und gerne auch Jens Lieser an unserer Sendung teilnehmen". Es hätten auch schon andere Gäste zugesagt, schrieb Jahn. Dann folgt eine kurze Liste mit Namen, keiner von der NAG, wohl aber der von Wilhelm Hahne. Der Motorjournalist hat sich wie kaum ein anderer in das Gewirr von Verträgen rund um den Ring hineingefuchst.
Einen Tag später meldete sich Nuvoloni bei Schmidt und Lieser: "Ich habe gestern Abend nach dieser E-Mail noch mit Frau Jahn vom Deutschlandfunk telefoniert und mich bedankt, dass der DLF die NAG nicht einlädt und auch einen Vertreter der EU-Kommission erst gar nicht anfragt. Damit geht der DLF auf unsere Bedingungen ein, dass wir nicht in einer Livesendung auf Themen ,festgenagelt' werden wollen, die wir nicht beantworten können bzw. aufgrund der Gespräche mit Brüssel nicht in der Öffentlichkeit zerreden wollen."
Tatsächlich kam in der Sendung später kein Vertreter der Pächter zu Wort, auch keiner von der EU, der zum Beispiel etwas zu einem möglichen Stiftungsmodell hätte sagen können, um den Ring zu retten. Ganz so, wie Nuvoloni es in seiner E-Mail vorausgesagt hatte: "Der DLF wird aus Gründen der journalistischen Sorgfaltspflicht auch nach den Vorschlägen etwa des Stiftungsmodells fragen, aber es akzeptieren und nicht weiter nachbohren, wenn Sie sagen werden, dass es lediglich eine von vielen möglichen Lösungen (laut Sprachregelung) sei."
Auch im Fall Hahne entwickelten sich die Dinge ganz im Sinne Nuvolonis. Den Journalisten halte er zwar für "kundig, aber für befangen", schrieb er seinen Auftraggebern, genau das habe er auch der Frau vom Deutschlandfunk gesagt. Etwas später, am 4. Oktober, konnte der PR-Berater in einer weiteren E-Mail mitteilen: "Nicht mehr teilnehmen wird auch Herr Wilhelm Hahne (freier Journalist von der Eifelzeitung und m. E. zu sehr parteiisch und befangen)". Darin folgt dann auch jener Hinweis, die Moderatoren hätten zugesagt, sie würden im Gespräch mit Schmidt und Lieser "nicht insistieren".
Allerdings hat Hahne gute Kontakte und hörte bald, dass er, angeblich nach Nuvolonis Einspruch, von der Liste gestrichen worden sei. "Ich war richtig sauer", sagt er. Warum Nuvoloni ihn für "befangen" hält, kann sich Hahne erklären: Er habe Nuvoloni mal einen Katalog kritischer Fragen zum Insolvenzverfahren gestellt und in einem Blog vorgeführt, wie dürftig dessen Antworten gewesen seien.
Nuvoloni gibt durchaus zu, dass er mit dem Deutschlandfunk besprochen habe, keinen der Pächter in die Sendung einzuladen. Andernfalls wären die Insolvenzverwalter nicht gekommen. Dies sei allerdings die "einzige Bedingung für unsere Teilnahme" gewesen. Schließlich habe man sich mit der NAG in einem Rechtsstreit befunden, eine öffentliche Auseinandersetzung darüber wäre aus seiner Sicht "kontraproduktiv" gewesen. In die Gestaltung der Sendung habe er sich aber nicht eingemischt.
Beim Deutschlandfunk heißt es, die Formulierung in der Redaktions-E-Mail, Hahne habe schon zugesagt, müsse man als "nicht geglückt bezeichnen". Tatsächlich sei Hahne noch gar nicht eingeladen gewesen, die Redaktion habe nur "über Dritte" von seiner Bereitschaft zur Teilnahme erfahren. Hahne, die NAG und die EU seien aus rein "redaktionellen Gründen" nicht in die Sendung gebeten worden. Überhaupt nicht erklären kann sich die DLF-Redaktion angeblich, wie Nuvoloni zu der Einschätzung gekommen sein könnte, die Moderatoren würden bei bestimmten Themen nicht insistieren und nicht nachbohren. Solche Absprachen habe es "zu keinem Zeitpunkt gegeben", so der Sender: "Es wurde gegenüber Herrn Nuvoloni lediglich geäußert, dass die Problematik der Insolvenzverwalter, nicht alle Details offenlegen zu können, verständlich sei."
Wie auch immer, die Sendung jedenfalls verlief dank der verständnisvollen Moderation recht erfreulich für Schmidt und Lieser. Die Insolvenzverwalter konnten ungehindert über die Pächter von der NAG lamentieren, konnten unwidersprochen behaupten, dass ohne das Veto der EU der Ring gar nicht pleitegegangen wäre. Und mit warmen Worten Sympathien sammeln, so wie Lieser: "Man spürt allerorten den Mythos, und Thomas Schmidt und ich wollen natürlich diesen Mythos für die Zukunft erhalten."
Ein anderer Mythos, der von der journalistischen Unabhängigkeit des Deutschlandfunks, hat dabei allerdings gelitten.
Von Matthias Bartsch und Jürgen Dahlkamp

DER SPIEGEL 48/2012
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