26.11.2012

KONGOHass und Gier

Die Rebellengruppe M 23 will die Regierung in Kinshasa stürzen. Es geht auch um das Erz Coltan, das man für Handys braucht. Am Ende könnte das Land zerfallen.
Der Sieger trug eine frisch gebügelte Uniform und stand auf einer Tribüne über dem Strafraum des Fußballstadions von Goma, unten hörten Tausende ihm zu. Am Dienstag vergangener Woche hatte seine Rebellentruppe M 23 die letzten Regierungssoldaten mit Mörsern und Maschinengewehren aus Goma vertrieben, schließlich zogen seine Männer durch die Stadt, lässig die Patronengurte um den Oberkörper gewickelt, singend.
"Ihr habt nichts zu befürchten", rief Oberst Jean Marie Vianney Kazarama der Menge im Stadion dann am Mittwoch zu: "Arbeitet mit uns zusammen, helft uns, dann wird alles gut."
Seit anderthalb Jahrzehnten herrscht Dauerkrieg im Osten des Kongo, ziehen Rebellen und Regierungssoldaten raubend und mordend über die bewaldeten Hügel der Kivu-Provinzen. Es geht um Hass zwischen Volksgruppen, Hutu kämpfen gegen Tutsi. Es geht um Land, und es geht um Rohstoffe, Minen, viel Geld.
Doch diesmal scheint vieles anders: Die Rebellentruppe M 23 versucht, die Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen. Die neuen Herren geben sich als Ordnungsmacht, die endlich Frieden und Sicherheit bringt. Und Goma soll der Brückenkopf sein, von dem aus die M 23 das ganze Land erobern will. Nur: Wenn die Truppe das nicht schafft, droht dem Kongo die Spaltung.
"Die Reise zur Befreiung Kongos hat begonnen", rief Kazarama im Stadion: "Seid ihr bereit, uns zu folgen?" Bukavu will er einnehmen, dann Kisangani und schließlich die Hauptstadt Kinshasa. Präsident Joseph Kabila, seit fast zwölf Jahren an der Macht, soll besiegt werden.
Bis zur Hauptstadt müssten sich die Rebellen 1600 Kilometer durch den Dschungel kämpfen. Das kann Wochen dauern, Monate. Aber die Chancen auf Erfolg sind größer als je zuvor: Der Fall Gomas hat Kabila nicht nur militärisch schwer getroffen, seine Macht schrumpft auch im Rest des Landes.
Vielerorts gehen die Menschen gegen die Regierung auf die Straße. Sie machen Kabila verantwortlich für das Staatsversagen im Kongo. Das Land, fast so groß wie Westeuropa, ist reich an Rohstoffen - und trotzdem bitterarm: Straßen und Bahnlinien sind zerstört, Schulen und Universitäten in miserablem Zustand, die Armee ein verlotterter Haufen; die Truppe hat ebenso viele Verbrechen auf dem Gewissen wie ihre Gegner.
"Kommt zu uns", rief Kazarama am Mittwoch Soldaten der regulären Armee auf: "Die Regierung hat euch doch schon lange nicht einmal mehr Sold gezahlt." Neben der Rednertribüne konnten versprengte Regierungssoldaten und Polizisten ihre Waffen abgeben - ein beachtlicher Stapel wuchs heran, während Kazarama redete: Kalaschnikows, Pistolen, Granatwerfer, das ganze Arsenal billigen Schießgeräts, mit dem die schmutzigen Kriege Afrikas üblicherweise geführt werden.
Kazaramas Leute haben allen Überläufern versprochen, sie in Trainingscamps neu auszurüsten und aufzupäppeln. Bis Ende vergangener Woche sollen an die 3000 Deserteure zu ihnen gestoßen sein - das kann auf Dauer den Präsidenten um Amt und Leben bringen.
Jene Soldaten, die trotz der Niederlage noch loyal zum Präsidenten stehen, haben sich zurückgezogen. In ihren alten Lastwagen aus chinesischer Produktion rumpeln sie durch die Schlaglöcher der Pisten im Kivu. Sie kauern auf den Ladeflächen, ihre Uniformen sind zerrissen, ihre Panzerfäuste rostig, die Augen rötlich verschwollen vom Primus-Bier.
Sie ziehen durch Beni, eine Stadt nördlich von Goma, ab und zu fallen Schüsse. Die Menschen bleiben in ihren Lehmhütten, hier weiß jeder, wie gefährlich eine geschlagene, frustrierte und alkoholisierte Soldateska sein kann.
Für den Donnerstagmorgen hatten ein paar Mutige in Beni gleich zwei Demonstrationen angekündigt: Eine Gruppe wollte gegen die M-23-Offensive auf die Straße gehen, die andere gegen die unfähige Regierung in Kinshasa protestieren. Der Bürgermeister, noch auf der Seite der Regierung, untersagte vorsichtshalber beide Kundgebungen. Seine grau uniformierte Polizei patrouillierte schwerbewaffnet durch die staubigen Gassen.
Durch die vergitterten Fenster seines Büros in Beni starrt Nicaise Kibel Bel Oka auch auf abziehende Soldaten. Der Chefredakteur lebt dieser Tage besonders gefährlich. In seiner Zeitung "Les Coulisses" haben er und seine elf Kollegen die Regierung oft scharf kritisiert, aber auch die Rebellen. Der amerikanische Fernsehsender CNN hat ihm dafür 2009 den Free Press Africa Award überreicht.
Auch für die Bürger von Beni ist Kibel Bel Oka ein Held. "Kabila ist schwach und verhasst bei der Bevölkerung", sagt er: "Korrupt, inkompetent. Wie soll er dieses Land regieren, wenn sich jetzt sogar seine Armee von ihm abwendet?" Die schwerste Sünde Kabilas sei es gewesen, dem Einfluss Ruandas im Kongo nichts entgegengesetzt zu haben, meint Kibel Bel Oka.
In Ruanda, dem östlichen Nachbarland, bestens gerüstet und mit harter Hand regiert, begann die Tragödie des Kongo: 1994 fielen dort Hutu-Milizen über die Bevölkerungsgruppe der Tutsi her. Sie erschlugen in nur 100 Tagen rund 800 000 Menschen. Dieser Völkermord ist die Urkatastrophe Zentralafrikas.
Eine Tutsi-Armee unter Ruandas heutigem Präsidenten Paul Kagame vertrieb die Hutu-Killer nach Westen, in die Wälder des Kongo. Und Ruandas Armee setzte mit Unterstützung aus Uganda nach. Der Vorstoß galt - so die offizielle Begründung - dem Schutz der im Kongo lebenden Tutsi.
Doch weil man schon mal da war, rückten ruandische Truppen gemeinsam mit kongolesischen Rebellen bis nach Kinshasa vor. Dort stürzten sie 1997 den Diktator Mobutu Sese Seko. An seiner Stelle wurde Laurent Désiré Kabila zum Präsidenten ernannt, der Vater des heutigen Amtsinhabers.
Aber Frieden brachte das nicht. Im Ostkongo kämpften Milizen und Regierungsarmee weiter gegeneinander. Es war der Beginn jenes zermürbenden Bürgerkriegs, der keine Sieger kennt, befeuert von ethnischem Hass und vor allem von tödlicher Gier: Der Osten des Kongo ist reich an Erzen wie Coltan, das für Handys gebraucht wird.
Das Gros der weltweiten Coltan-Vorräte lagert hier. Milizen zwingen Dörfler in die Minen, mit Hacken und Spaten kratzen sie das Coltan aus der Erde. Über Uganda und Ruanda geht es dann nach China oder Südkorea.
Politische Ziele sind bei den Kämpfenden kaum mehr auszumachen, es geht um die Kontrolle der Bergwerke. Wer die hat, kann reich werden. Krieg ist so längst zum Lebensstil geworden, die Bevölkerung zahlt den Preis dafür. Auf 1000 Tote pro Tag schätzten Hilfsorganisation noch vor fünf Jahren den Blutzoll.
Ruanda mischte sich auch nach dem offiziellen Abzug seiner Truppen weiter ein, unterstützte wechselnde Rebellentruppen mit Waffen, Geld und Logistik. 2006 kooperierte Ruanda - das diese Unterstützung bis heute heftig leugnet - mit der Rebellengruppe des Generals Laurent Nkunda, der furchtbar wütete. Internationaler Druck zwang Ruanda schließlich, ihm die Unterstützung zu entziehen. Nkunda wurde festgenommen, seine Truppe nach einem Friedensvertrag 2009 in die kongolesische Armee eingegliedert.
Im vergangenen Frühjahr aber desertierten mehrere Hundertschaften der ehemaligen Nkunda-Männer, darunter solche, denen Kriegsverbrechen zur Last gelegt werden. Im Dschungel gründeten sie die M 23 - benannt nach dem Datum des Friedensvertrags vom 23. März 2009. Die Kerntruppe besteht aus maximal 1500 Mann, genau weiß das niemand, aber auf jeden Fall ist sie zu schwach, um Kinshasa zu erobern. Deshalb wirbt Kazarama um Deserteure der regulären Armee.
Die M 23 unterhält ein Lager an der Grenze zu Ruanda, viele ihrer Leute konnten wohl auch im Nachbarland trainieren. Ruanda unterstützt die Rebellen heimlich, liefert Waffen, Uniformen, Funk- und Navigationsgeräte.
Aber so klar sind die Beweise für Ruandas Kriegstreiberei, dass die USA, Großbritannien, die Niederlande und auch die Bundesrepublik Ruanda im Sommer die Entwicklungshilfe drastisch kürzten - ein Novum: Denn seit dem Völkermord 1994 hatten sich die Ruander auf das schlechte Gewissen der Welt verlassen können und wurden zuverlässig mit reichlich Aufbauhilfe versorgt.
Noch bezweifelt Chefredakteur Kibel Bel Oka, dass der Durchmarsch der M 23 auf Kinshasa gelingt: Das sei zu weit, zu gefährlich, logistisch schwer zu machen. Was seiner Meinung nach sehr wohl droht, ist eine Spaltung seines Landes. Während die geschwächte Zentralmacht den Westen hält, könnte sich die M 23 im rohstoffreichen Osten einrichten: "Ruanda hätte sein Ziel erreicht. Aber das wollen wir nicht."
Nur: Was die Kongolesen wollen, hat Rebellen und Regierungen noch nie gekümmert.
Von Jan Puhl und Thilo Thielke

DER SPIEGEL 48/2012
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